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Doing gender

Body, Body, Body ... tönt es überall, denn die so genannten Körperdebatten sind mittlerweile auch in der BRD zum regelrechten Boom avanciert. Auf akademischer Ebene kam hierzu Anfang der Neunzigerjahre ein wesentlicher Anstoß von der amerikanischen Rhetorikprofessorin Judith Butler. Butlers "Unbehagen der Geschlechter" und ihre darauffolgende Publikation "Körper von Gewicht" hat eine Vielzahl von Diskursen über Geschlechtsidentität und kulturelle Einschreibungen von Körpern ermöglicht.

Butler hat gezeigt, dass Geschlechtsidentitäten insgesamt Ausdruck einer bestimmten historischen Praxis sind, nämlich der Zweigeschlechtlichkeit, und diskursiv hergestellt werden; dass weiter nicht einmal ein "neutrales", biologisches Geschlecht existiert, weil bereits schon jeder Blick auf das biologische Geschlecht kulturell kodiert ist.

Butler begreift Geschlechtsidentität als Akt mit performativem Charakter. Sie spricht von Doing Gender: Wir "sind" kein Geschlecht und haben auch nicht einfach irgendeine Geschlechtsidentität, sondern wir "tun" es, und zwar in und durch die Wiederholung. Deshalb liegt Butler zufolge in der Variation, in der Vervielfältigung der Geschlechter eine Möglichkeit von Subversion hinsichtlich bestehender Geschlechternormen. Dabei dient ihr die "Geschlechterparodie" als Möglichkeit, mit Geschlechtsidentitäten zu spielen.

Die Problematik des Spielens mit Geschlechtsidentitäten zeigt sich besonders deutlich darin, wie dieses Konzept aufgegriffen wird. So heißt es in der Ankündigung zur aktuellen Frauenringvorlesung zum Thema "Körper und Geschlecht" unter anderem: "Neue Technologien wie das Internet tragen dazu bei, hierarchische Strukturen zu untergraben, indem jedeR sich aussuchen kann, welchen Körper, welche geschlechtliche Identität er/sie sich zulegt." Das mutet merkwürdig an, denn es suggeriert, dass das Internet ein herrschaftsfreier Raum sei, indem jedeR in lustigem Voluntarismus mit Geschlechtsidentitäten spielen kann.

Geschlechterverhältnisse wie Körperkonstruktionen sind von politischen Auseinandersetzungen aber nicht zu trennen. Doing Gender bleibt wirkungslos, wenn Gender nicht klar als herrschaftskritische Kategorie verstanden wird und, um aussagekräftig zu sein, auf ihre strukturelle Selbstauflösung zielt. Ohne den Einbezug anderer Unterdrückungsverhältnisse verfehlt Doing Gender jedes emanzipative Potential. Anders ausgedrückt: Verbleibt das Reden über Körper, und sei es auch aus angeblich feministischer Perspektive, auf der Ebene der reinen Spielerei, kann es konfliktlos in herrschende Diskurse eingebettet oder für bestimmte diskursive Praktiken funktionalisiert werden.

Doch wie läßt sich der strukturelle Rahmen, der herkömmliche Geschlechtsidentitäten hervorbringt und verdinglicht, ausreichend beschreiben? Klassische Patriarchatstheorien gehen von einem Herrschaftsverhältnis aus, in dem ein natürliches Subjekt "Mann" ein natürliches Subjekt "Frau" unterdrückt. Genau diese natürlichen Subjekte bezweifelt Butler aber. Sie nimmt wie Michel Foucault an, dass das "Subjekt" selbst wie auch seine Identität und sein "Körper" diskursiv produziert werden.

Butler begreift Geschlechtsidentitäten auch als Unterdrückungspraxis, die es als solche wahrzunehmen und zu bekämpfen gilt. Kann diese Unterdrückungspraxis, die nach Butler eine heterosexuelle Zweigeschlechtlichkeit ist, patriarchalisch genannt werden? Und inwiefern läßt sich nun Butlers Ansatz der Dekonstruktion von Geschlecht, dem das Ziel obliegt, die Zweigeschlechtlichkeit aufzulösen, überhaupt mit gängigen Patriarchatstheorien verbinden? Wenn wir Butlers Thesen zustimmen, müssen wir dann den Begriff Patriarchat neu definieren oder gar ganz über Bord werfen?

Eines kann als sicher gelten: Die Dekonstruktion von Herrschaft ist kein Spiel, sondern ein Kampf, der auch auf politischer und ökonomischer Ebene gewonnen werden muss.

Vera Kallenberg

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Netzseiten der Alternativen Liste, zuletzt aktualisiert am 18.03.2003. Kontakt: AL-Plenum@uni-koeln.de