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AL-Info Nr. 62 Juni/Juli 2001 |
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"Wunschkind" nach Maß? Präimplantationsdiagnostik von Diabetes bis Down-Syndrom
Über die Vor- und Nachteile von Gen- und Reproduktionstechnologien wird derzeit quer durch die politische Landschaft sehr kontrovers diskutiert. Während die einen vor allem die durch die neuen Technologien ermöglichten Chancen für die Menschheit in den Mittelpunkt der Debatte zu rücken versuchen, warnen KritikerInnen nicht nur vor deren Missbrauch, sondern vor allem vor der ethischen Umwertung. Die Diskussion um Präimplantationsdiagnostik und die damit verbundene Kontroverse über "Kinder nach Maß", deren körperliche Eigenschaften bereits vor Beginn der Schwangerschaft im Labor festgestellt werden können, zeigt sehr deutlich, wie fundamental diese Umwertung ist und wie schwerwiegend daher die Einwände der KritikerInnen sind. Präimplantationsdiagnostik (PID) ist nur möglich im Zusammenhang mit künstlicher Befruchtung: Der/die ReproduktionsmedizinerIn entnimmt aus den Eierstöcken einer Frau reife Eizellen und führt diese im Reagenzglas mit Samenzellen zusammen. Bei gelungener Befruchtung beginnen sich die Eizellen zu teilen und bestehen nach 48 bis 72 Stunden aus acht Zellen. In diesem "Achtzell-Stadium" wird die PID angewandt: Um einen so genannten Gencheck vorzunehmen, wird dem Embryo eine Zelle entnommen. Diese wird im weiteren Verlauf analysiert, und gesuchte Chromosomen"störungen" oder Anlagen für eine erblich bedingte Krankheit werden nach Möglichkeit ermittelt. Falls keine "Abweichung" von der "Norm" gefunden wird, folgt nun die Implantation in den Frauenleib. Wird jedoch bei der Analyse eine unerwünschte Anlage oder Chromosomen"störung" gefunden, wird der Embryo aussortiert und vernichtet beziehungsweise als "Material" für weitere Forschungszwecke verwendet. Die Präimplantationsdiagnostik bedient also in erster Linie den Wunsch nach einem gesunden Kind und damit einen gesellschaftlichen Trend, der Krankheit und Behinderung nach Möglichkeit verhindern will. Die PID soll sicherstellen, dass nur gesunde Föten, denen ein "lebenswertes" Leben in Aussicht gestellt werden kann, ausgetragen werden. Damit setzt sie auf die bereits alltäglichen Praxis der Pränataldiagnostik auf. Die Auswahl des Kindes erfolgt nur wesentlich früher, sodass einem Abbruch einer bestehenden Schwangerschaft vorgegriffen werden kann. Das mag auf den ersten Blick humanistisch und fortschrittlich wirken; schließlich würde durch die Möglichkeiten der PID Frauen vieles erspart. Tatsächlich aber verbirgt sich dahinter ein eklatanter ethischer Umbruch, der sich seit Jahren in der Medizin vollzieht: Behinderung wird als etwas zu Vermeidendes bewertet, behinderte Kinder sollen nach Möglichkeit gar nicht erst geboren werden und werden deshalb - am besten schon vor Beginn der Schwangerschaft - ausgesondert. Frauen werden von GynäkologInnen und Familie, ihren Krankenkassen und durch Sensationsberichte in der Presse massiv unter Druck gesetzt, pränatale Untersuchungen vornehmen zu lassen, um "sicher zu sein". ÄrztInnen sind mittlerweile sogar angewiesen, drastisch auf die Folgen und Kosten einer Behinderung hinzuweisen und "nichts zu beschönigen". Statt also für mehr gesellschaftliche Akzeptanz behinderter Menschen wird für deren Selektion geworben und Ängste und Unsicherheiten bei Menschen mit Kinderwunsch geschürt. Ganz ungeniert wird dabei auch oft der Kostenfaktor ins Rennen geworfen: Ein behinderter Mensch kostet in aller Regel mehr, als er erwirtschaftet, und das will sich die Gesellschaft nicht mehr leisten müssen. Angeblich gibt es bereits Überlegungen, die Krankenkassen von der Erstattungspflicht für spezielle Hilfsmittel zu entbinden, wenn Eltern sich trotz Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe gegen pränatale Diagnoseverfahren sperren oder ein Kind trotz negativer Diagnose bekommen wollen. Durch die Möglichkeit, technisch in den Prozess der Reproduktion einzuwirken, eröffnen sich kapitalistischer Ökonomie und Wissenschaft zahlreiche Möglichkeiten zur Selektion beziehungsweise zur selektiven Herstellung von Leben - oder sogar der Produktion von Menschen zu Verwertungszwecken. In den USA ist ein Fall bekannt geworden, in welchem Eltern ein "genetisch auf geeignete Spenderzellen getestetes Wunschkind" bekamen. Dieses Kind namens Adam wurde per PID aus einem Dutzend anderer Embryos ausgewählt, da er allein nicht die gleiche Erbkrankheitsanlage besaß, wie seine sieben Jahre alte Schwester. Diese mittels aus seiner Nabelschnur entnommenen Zellen zu "heilen", war der Zweck seiner Zeugung. Im herrschenden Diskurs wird oft angeführt, dass das Selbstbestimmungsrecht der Frau dahingehend erweitert werden müsse, dass sie nicht nur entscheiden darf, ob, sondern auch was für ein Kind sie bekommen möchte. Innerhalb dieser Argumentation wäre es also ein Credo für die weibliche Selbstbestimmung, den Frauen die Möglichkeit zu eröffnen, sich speziell gegen ein bestimmtes (nämlich behindertes) Kind zu entscheiden. Diese Ausweitung des Selbstbestimmungsbegriffs hätte weitreichende Konsequenzen: Warum die Selektion eines Fötus, der Anlagen einer Behinderung aufweist, unter das weibliche Selbstbestimmungsrecht fassen, die Selektion eines Fötus aufgrund seines Geschlechts, wie sie beispielsweise in diversen Ländern bereits praktiziert wird, aber nicht? Und wo grenzt sich Behinderung, die vermieden werden soll, von einer solchen ab, die das Lebensrecht nicht in Frage stellt? Wo zwischen Diabetes und einem Down-Syndrom liegt der Punkt, ab dem eine Schwangerschaft nicht mehr zugemutet werden kann? Viele Frauen argumentieren in diesem Zusammenhang, ein Leben mit einem behinderten Kind sei für sie unvorstellbar. Unter den herrschenden Bedingungen, unter denen das Leben mit einem behinderten Kind in aller Regel eine starke finanzielle Belastung darstellt und immer noch zu sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung führt, hat diese Angst durchaus ihre Berechtigung. Die Hoffnung, über die diversen Diagnoseverfahren aber eine "Garantie" auf ein gesundes Kind zu erlangen, ist ein Trugschluss: Nicht einmal fünf Prozent der existierenden Behinderungen sind derzeit pränatal erkennbar, die meisten entstehen während der Geburt oder in der frühen Kindheit. Davon wissen die meisten nichts, auch die ärztliche Aufklärung reicht in aller Regel soweit nicht. Aber die Angst vor Behinderungen und der Wunsch "etwas dagegen zu tun" wächst. Einer staatlich und gesellschaftlich geförderten Integration behinderter Menschen steht diese Tendenz entgegen. Schon heute hören Eltern behinderter Kinder nur zu oft Sätze wie "Das muss doch heute nicht mehr sein" - gemeint ist in aller Regel: "Dieses Kind hätte nicht geboren werden dürfen". Bei der Diskussion um PID darf es letztlich nicht darum gehen, welches Verfahren das sicherste, exakteste und am wenigsten belastende sei - die dahinterstehenden Denkstrukturen sind es, die im Zentrum der Debatte stehen müssen. Denn die PID ist ein weiterer Schritt in die Richtung der umfassenden Kontrolle und Verwertung menschlichen Lebens. Die Qualität des Lebens an sich wird hier in Frage gestellt, in den Mittelpunkt geraten vor allem Nützlichkeit für andere Menschen, für den kapitalistisch bestimmten Arbeitmarkt oder die Forschung. Dagmar Abresch/Julia Trompeter mmmmmmmmm mmmmmmm mmmmmm mmm mmm mmm mmm mmm mmmm mmm mm mmm mmm mmmm mm mm mmmm mm mm |