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AL-Wahlzeitung 2002/2003 |
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Deine Kinder sind nicht deine Kinder Bioethik - Lizenz zum Töten?
Das genormte Kind wird nicht länger negative Utopie bleiben. Schon heute betreiben MedizinerInnen selektive Auswahl hinsichtlich der Geburt von Menschen. Dies wird insbesondere bei der Auseinandersetzung mit Pränataldiagnostik (PD) und Präimplantationsdiagnostik (PID) deutlich. PID ist nur möglich im Zusammenhang mit künstlicher Befruchtung. Dazu entnehmen ReproduktionsmedizinerInnen aus den Eierstöcken einer Frau reife Eizellen und führen diese im Reagenzglas mit Samenzellen zusammen. Bei gelungener Befruchtung beginnen sich die Eizellen zu teilen und bestehen nach 48 bis 72 Stunden aus acht Zellen. In diesem "Achtzell-Stadium" wird die PID angewandt: Um einen so genannten Gencheck vorzunehmen, wird dem Embryo eine Zelle entnommen. Diese wird im weiteren Verlauf analysiert, und gesuchte "Störungen" der Chromosomen oder Anlagen für eine erblich bedingte Krankheit werden nach Möglichkeit ermittelt. Falls keine "Abweichung" von der "Norm" gefunden wird, folgt nun die Implantation in den Frauenkörper. Wird jedoch bei der Analyse eine unerwünschte Anlage oder Chromosomen"störung" gefunden, wird der Embryo aussortiert und vernichtet beziehungsweise als "Material" für weitere Forschungszwecke verwendet. Als Hauptargument zur Verteidigung dieses Vorgehens wird oft hervorgebracht, dass es den Eltern freigestellt sein müsse, ob sie ein möglicherweise behindertes Kind aufziehen wollen. Dies ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass sich behindertenfeindliche Tendenzen, die oftmals in aggressiven Ausgrenzungen deutlich werden, in den letzten Jahren wieder verstärkt ausbreiten, sondern zeigt noch dazu deutlich das Versagen des Staates hinsichtlich mangelnder sozialer Unterstützung behinderter Menschen und deren Angehörigen. Des Weiteren wird meist eine Senkung der Raten selektiver Abtreibung als ein Kriterium zur Förderung von PID angeführt. Dass bei pränataler, also vorgeburtlicher Diagnostik (PD) oftmals Fehldiagnosen durch zuvor angewendete PID nachgewiesen werden konnten und die Kinder daraufhin selektiver - also gezielt gegen Behinderte ausgerichteter - Abtreibung unterzogen wurden, zeigt eine Studie des Consortium Steering Committee vom Mai 2000: "Invasive pränatale Diagnostik wurde in 132 Fällen durchgeführt, um die Präimplantationsdiagnostik zu überprüfen. Dabei wurden vier Falschdiagnosen entdeckt. Zwei der betreffenden Kinder wurden abgetrieben, während weitere zwei falsch diagnostizierte Kinder ausgetragen und mit ihren Krankheiten geboren wurden. Damit wird das Argument der Befürworter, PID verhindere Abtreibungen nach PD, entkräftet oder zumindest stark relativiert." Abgesehen davon gründen sowohl PID als auch PD auf dem Gedanken, Lebensrecht könne vom Gesundheitszustand des Ungeborenen abhängig gemacht werden. Diese These wurde von Peter Singer, dem Leiter des Centre for Human Bioethics in Melbourne, in dem humangenetische Forschung und Reagenzglas-Befruchtungen durchgeführt werden, in seinem Buch "Praktische Ethik" auf die Spitze getrieben. Dieser wendet sich mit seinem "Personenbegriff", unter den seiner Ansicht nach nur jene Menschen fallen, die "Glücks- und Leidensfähigkeit" besitzen - eine von außen vorgenommene Einschätzung, die behinderte Menschen nach Singer teilweise nicht erfüllen -, eindeutig gegen die direkte Existenz eines Lebensrechts für alle Menschen. Für ihn sind, da er aus utilitaristischer, also auf "das größte Glück der größten Masse" gerichteten, Sicht zu argumentieren versucht, in letzter Konsequenz auch aktive Tötungen erlaubt: "Sofern der Tod eines behinderten Säuglings zur Geburt eines anderen Säuglings mit besseren Aussichten auf ein glückliches Leben führt, dann ist die Gesamtsumme des Glücks größer, wenn der behinderte Säugling getötet wird." Dass diese Ausführungen längst Realität geworden sind, zeigt die Bioethikkonvention der Europäischen Union. Diese befürwortet die Forschung an nicht einwilligungsfähigen Menschen. Gerichte definieren behinderte Kinder als Schaden, für die ÄrztInnen Schmerzensgeld zahlen müssen, wenn sie eine Schwangere nicht nachdrücklich genug zur Abtreibung gedrängt haben. Das individuelle Recht auf Leben wird dadurch in einen direkten Bezug zur Gesundheit und Leistungsfähigkeit der einzelnen Menschen gesetzt. Als im November 1996 der Uni-AStA wieder von linken Gruppen gebildet wurde, entstand aus dem Umfeld der Kölner Anti-Euthanasiegruppe das Biopolitikreferat, das unter anderem die Veranstaltungsreihe "Bioethik - Lizenz zum Töten?" organisierte und zahlreiche Broschüren herausgebracht hat. Gemeinsam unter anderem mit Behinderteninitiativen leistete die Alternative Liste einen Beitrag dazu, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen gegen Interessenverbände wie die Bundesärztekammer (BÄK) oder die Kölner Justiz, die Behinderten im so genannten Düren-Urteil als "Lästigkeitsfaktoren" den Aufenthalt im Freien verbieten ließ. Das Plenum des Referates beschäftigte sich mit den Vorstößen zur Entwertung des menschlichen Lebens, die seit einiger Zeit auf vielen Ebenen gemacht werden. Die Auseinandersetzungen reichten von der Euthanasiephilosophie Peter Singers und Norbert Hoersters (Universität Mainz) über die Umdefinition von Koma-PatientInnen zu "Hirntoten" bis zu eugenischen Maßnahmen der vorgeburtlichen Diagnostik. Die so genannte Bioethik soll das, was durch High-Tech-Medizin und Humangenetik technisch möglich geworden ist, ideologisch legitimieren. Die Menschen sollen sich als ausschlachtbare biologische Apparate sehen und nicht mehr als erkenntnisfähige Subjekte mit Rechten und Bedürfnissen. Damit würde sich nebenbei auch das Selbstverständnis einer universitären Wissenschaft erledigen, die an den Grundwerten der bürgerlichen Aufklärung festhält. Dass ein Biopolitikreferat unbedingt in jede Hochschule gehört, scheint der jetzige AStA leider nicht begriffen zu haben. Besonders die Entwicklungen hinsichtlich Stammzellenforschung und die Erneuerungen der Euthanasiegesetze in den Niederlanden lassen immer neue Beschäftigungshorizonte entstehen: Die AL setzt sich aktiv dafür ein, dass biopolitische Themen auch an der Universität Köln weiterhin einer kritischen Betrachtung ausgesetzt bleiben! Julia Trompeter mmmmmmmmm mmmmmmm mmmmmm mmm mmm mmm mmm mmm mmmm mmm mm mmm mmm mmmm mm mm mmmm mm mm |