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AL-Wahlzeitung 2003/2004 |
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Mutter sein, Glück daheim! Staatliche Bevölkerungspolitik setzt auf Almosen für Gebärende und Bestrafung der Kinderlosen
Steffi Graf und Madonna haben es vorgemacht - blondes (oder blond gefärbtes) Mutterglück ist wieder in, der gebärfreudige Bauch darf in die Kamera gehalten werden und für Umstandsmode, Creme gegen Schwangerschaftsstreifen und den "neuen Mutterstolz" werben. Was Claudia Schiffer hat, muss ich auch haben! Frauenzeitschriften füllen unter der peinlichen Überschrift "Man trägt wieder Bauch" ganze Seiten mit Fotostrecken freudestrahlender Promimütter, und der Spiegel feiert den "Triumph der althergebrachten Mütterlichkeit". Dieser könnte aber auch als "Versagen der Familien- und Arbeitsmarktpolitik" betitelt werden. Dass viele Frauen ihre Erfüllung nicht mehr im Beruf, sondern im Zusammenleben mit Kindern suchten und von der Rolle des Karriere und Familie verbindenden Superweibs überfordert seien, ist längst nicht so überraschend wie es der Spiegel gerne hätte. Vielmehr handelt es sich um die Folgen einer jahrzehntelang in Gesellschaft und Politik zementierten Geschlechterordnung. Eine Geschlechterordnung, die maßgeblich mitbestimmt, welche von im Wesentlichen drei möglichen Lebensplanungen eine Frau wählt, die sich dafür entscheidet ein Kind zu bekommen. Da wäre zunächst die urzeitliche Variante der hausbackenen Mutter als mystifizierte Hüterin von Heim, Herd und Hinterwäldlertümelei, deren Vorteil unter anderem darin liegt, dass sie zwar erwerbslos ist, aber in keiner Arbeitslosenstatistik auftaucht. In der zweiten Version übernimmt sie nicht nur die Familienarbeit, sie darf (oder muss aus finanziellen Gründen) auch etwas dazuverdienen - in schlecht bezahlten, meist prekären Halbtagsjobs, deren Arbeitszeit auf den Schulschluss der Kinder und die Mittagspause des Mannes abgestimmt ist. Die Einführung der Minijobs auf 400-Euro-Basis, so liest man in einer Presseerklärung von Laurenz Meyer (CDU), hat zahlreiche neue Arbeitsplätze geschaffen, davon 30000 im Privathaushalt. Die Hausfrau, Putzfrau und Mutter lässt grüßen. Der letzte mögliche Lebensplan ist der, aus dem sich die Frauen laut Spiegel mehr und mehr zurückziehen: Das so titulierte Superweib, das Karriere und Familie unter einen Hut bringt. Die Doppelbelastung resultiert hier aber im Wesentlichen daraus, dass die gleiche Lastenverteilung innerhalb von Haushalt und Erziehung noch nicht annähernd erreicht ist. Anders ausgedrückt: Die "Rabenmama" will sich lieber selbst verwirklichen und misst der Kinderbetreuung zu wenig Wichtigkeit zu. Dass es hauptsächlich an Betreuungsplätzen in Kindergärten und -krippen mangelt, wird gerne unter den Teppich gekehrt. Die CDU möchte der Hausfrau und Mutter ein Erziehungsgehalt zahlen, Profi-Mama auf Vollzeit wird zur Ich-AG Kindergarten und braucht keine Fremdbetreuung. Per Ehegattensplitting wird zusätzlich dem Herrn im Haus - ob mit oder ohne Nachwuchs - die Hausfrau finanziert, gefördert wird aber eben nur die Ehe und nicht die Familie. Eklatant benachteiligt werden dabei allerdings allein erziehende Elternteile, die eine fehlende Kinderbetreuung in die Erwerbslosigkeit treibt. Wie war das noch gleich in Frankreich? Während der seit 1996 auch in Deutschland gesetzliche Anspruch auf Kinderbetreuung tatsächlich nur auf dem Papier existiert, sind dort die Plätze in der kostenlosen École maternelle fast bedarfsdeckend. Damit wird nämlich dem Umstand Rechnung getragen, dass die Betreuung in Gruppen mehr soziale Kompetenz vermittelt als die Betreuung durch den Fernseher. Zum sozialen Druck kommt bei der staatlichen Familienplanung noch das finanzielle Gießkannenprinzip hinzu: Es soll ein finanzieller Anreiz geschaffen werden, "Gebärunwillige" sollen bestraft werden: Die SPD träumt von einem Kinderzuschlag für gering verdienende Familien bis zu 140 Euro. Einziger Schönheitsfehler: Der Zuschlag soll höchstens drei Jahre lang gezahlt werden. Angela Merkel (CDU) forderte gar im Sommer 2003 die halbe Rente für Kinderlose. Für diese Idee verlieh ihr die Emma im Juni verdientermaßen den Titel "Pascha des Monats". Die CDU möchte für die Kindererziehung großzügigerweise sogar 50 Euro pro Monat und Kind vom Staat in die Rentenkasse zuschießen, also den Betrag, der sonst für einen 250-Euro-Job in die Altersversicherung fließt. Ein Kopfgeld pro Wurf sozusagen. Und übrigens, ein weiterer Pluspunkt: Beim siebten Kind (mit deutscher Staatsangehörigkeit!) übernimmt der Bundespräsident die Ehrenpatenschaft. Wer wollte nicht schon immer mal einen senilen Protestanten als Paten haben? Wir schenken dem Bundespräsidenten ein Patenkind. Mehr Kinder braucht das "Vaterland", schließlich muss ja irgendwer die halben Renten finanzieren. Die Situation berufstätiger Mütter lässt sich jedoch sicher nicht mit partiellen Reförmchenkuren zur Überwindung des "Betreuungsdefizits" und der "Verbesserung der Familienförderung" in den Griff bekommen. Stattdessen müssen veraltete Konzepte wie das Ernährermodell und die hiesige Halbtagskultur endgültig über Bord geworfen werden und es muss ein radikales Umdenken in der Gesellschaftspolitik erfolgen. Doch da ist es natürlich deutlich einfacher, Mutterglück mit Teilzeitjobs zu propagieren und darauf zu hoffen, dass sich die weiblichen Hormone bei einem Stück Mutterkuchen und einem Tässchen Fruchtwasser im Kreis der Unterwassergeburtsgruppe wieder beruhigen werden. Raphaela Häuser, Bea Schulz mmmmmmmmm mmmmmmm mmmmmm mmm mmm mmm mmm mmm mmmm mmm mm mmm mmm mmmm mm mm mmmm mm mm |