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AL-Wahlzeitung 2003/2004 |
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"... die Zahl der Straftaten nochmals erhöht" Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft
Nicht erst durch die Hetzrede des ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann wird deutlich, dass Antisemitismus auch über fünfzig Jahre nach dem Ende der Shoah in den Köpfen präsent ist. Es ist unerträglich, dass im Bundestag Menschen stimmberechtigt sind, die faschistoides Gedankengut verbreiten. Gern werden nazistische Gewalttaten mit psychologischen Untersuchungen gerechtfertigt, die Rechtsextremismus bzw. Antisemitismus mit der Herkunft und sozialen Gegebenheiten der TäterInnen erklären und sie damit indirekt entschuldigen. Die Alternative Liste verurteilt jede Form antisemitisch motivierter Aussagen und Handlungen. Wir dokumentieren hier Auszüge der Rede des Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel, anlässlich der Grundsteinlegung für das Jüdische Zentrum Jakobsplatz in München am 9. November 2003. Kurz zuvor war ein von Neonazis auf diese Veranstaltung geplantes Attentat aufgedeckt und vereitelt worden. "Der Brandgeruch von in Flammen stehenden Häusern, das Geräusch klirrender Fensterscheiben, hasserfüllte Pöbeleien, verzweifelte Schreie misshandelter Juden - diese Sinneseindrücke sind all jenen Deutschen ins Gedächtnis eingemeißelt, die am 9. November 1938 auf brutale Weise und vom Staat gesteuert damit konfrontiert wurden, wegen ihrer Religionszugehörigkeit in ihrer Heimat nicht mehr erwünscht zu sein. Nach Jahren der Demütigung und Diskriminierung folgte auf das Pogrom die offene Verfolgung, die überging in das systematische, besinnungslose Morden von sechs Millionen jüdischer Männer, Frauen und Kinder. Die Mehrheit der Nachbarn und Bürger, die durch den Zufall der Geburt damals nicht betroffen waren, versuchte nach Kriegsende den Geruch der Pogromnacht so gut es ging zu verdrängen. Das geplante Attentat in München wird von Teilen der Sicherheitsbehörden als singuläres Ereignis bewertet. Ein braunes Terrornetzwerk scheint nicht oder noch nicht zu existieren, so der Bundesminister des Innern. Eine Einschätzung, der wir alle gerne Glauben schenken möchten. Aus meiner Sicht stellt der Attentatsplan zwar zweifellos eine neue Qualität rechtsextremer Gewalt dar, doch darf dieses Ereignis nicht den Blick verstellen auf die sich fast täglich ereignenden rechtsextremen Straftaten. Ob die Schändung jüdischer Friedhöfe, tätliche Angriffe auf Ausländer, Diskriminierung von Homosexuellen oder die Verbreitung rechtsradikaler Schriften und Symbole auf deutschen Schulhöfen - Vorfälle dieser Art sind so alltäglich geworden, dass sie häufig nicht einmal mehr von den Zeitungen vermeldet werden. Diese Gleichgültigkeit erleichtert es rechtsextremen, antisemitischen Brandstiftern wie dem Bundestagsabgeordneten Hohmann, ihre Überzeugungen zu verbreiten. (…) Die eigene Unzufriedenheit über die schwierige wirtschaftliche Situation macht sich Luft, indem rassistisch oder antisemitisch motivierte Verbrechen zu Verzweiflungstaten umgedeutet werden. Rechte Gewalt gilt in solchen Kreisen fast schon als Kavaliersdelikt: Vielleicht etwas zu brutal, aber doch irgendwie nachvollziehbar und ein Stück weit berechtigt. Völlig übersehen und verdrängt wird, dass die Täterinnen und Täter keinerlei solidarisches oder gar soziales Empfinden antreibt. Im Gegenteil: Behinderte, Obdachlose und Benachteiligte werden ebenso angegriffen wie Ausländer oder Juden. Wir alle müssen uns fragen lassen: In welchem Zustand befindet sich unsere Gesellschaft, wenn soziale Not und vermeintliche Perspektivlosigkeit fast unwidersprochen als Rechtfertigung für Rassismus und Gewalt gegen Minderheiten akzeptiert wird? (…) In vielen deutschen Städten sind jüdische Gemeinden dank der Zuwanderung aus Osteuropa zu neuem Leben erblüht. Ob in Dresden, Rostock, Chemnitz, Krefeld, Düsseldorf oder Wuppertal, um nur einige Beispiele zu nennen, überall konnten Synagogen oder neue Gemeindezentren eingeweiht werden. In München wird heute der Grundstein gelegt. Diese Neubauten wären an sich nicht nötig gewesen. Eine Restaurierung der wunderbaren alten Bauten hätte genügt. Sie hätten die Städte mit ihrer Schönheit bereichert - wären sie nicht vor 65 Jahren von brutalen, ideologisch verblendeten Horden in Brand gesetzt worden. 65 Jahre - aus der Sicht der Jugend eine Ewigkeit, für uns Ältere lediglich eine große Zeitspanne. Sätze wie ›Ich könnte die Situation noch malen‹ oder ›Mir ist, als wäre es gestern gewesen‹ kommen auch über Achtzigjährigen noch leicht über die Lippen. Für andere bedeutet diese großartige Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses eine Qual. Für die Überlebenden des Holocaust wird die leidvolle Vergangenheit bis an ihr Lebensende präsent sein. Wer also über die angeblich so langsamen Fortschritte im deutsch-jüdischen Verhältnis lamentiert, der sollte sich dieses so unterschiedliche Zeitempfinden bewusst machen." mmmmmmmmm mmmmmmm mmmmmm mmm mmm mmm mmm mmm mmmm mmm mm mmm mmm mmmm mm mm mmmm mm mm |