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Thema

KulTouren durch Köln

Das Forschungskolleg "Medien und kulturelle Kommunikation" bringt die Geisteswissenschaften in die Stadt

Von Kai Marcel Sicks

Geisteswissenschaften sind keine Elfenbeinturm- Disziplinen - diese Behauptung zu belegen, treten die Kul- Touren an. Sie gehen den Weg zu Veranstaltungsorten, an denen man geisteswissenschaftliche Forschung auf den ersten Blick nicht vermutet.

Die Reihe führt in die Redaktionsräume des Express, präsentiert im Filmclub 813 die Avantgardefilm- Legende Peter Kubelka und stellt im EL-DE-Haus die Medienpolitik des Nationalsozialismus zur Debatte. Mit vielen weiteren Workshops, Vorträgen und Ausstellungen in Köln und Aachen bietet das Kolleg ein Programm, das immer den Dialog zwischen Forschung, Kulturpraxis und öffentlichkeit sucht. Die Kultouren werden am 12. Mai im KunstWerk Köln eröffnet. Ein Fest mit dem Titel "Geist hilft!" ruft Studierende der Universitäten Aachen, Bonn, Bochum und Köln dazu auf, sich in einem Poetry Slam (dichterische Schlammschlacht) miteinander zu messen. Der Sieger wird mit einem Preisgeld von fünfhundert Euro ausgezeichnet und darf bei der Abschlussveranstaltung der KulTouren im Dezember auftreten. Bevor der Poetry Slam startet, gibt Jochen Hörischs Eröffnungsvortrag einen Einblick in die aktuelle Position der Geisteswissenschaften in der deutschen Gesellschaft. Das musikalische Programm gestalten die Kölner Band "BALLHAUS nuevo" und die Jazzcombo der RWTH Aachen.

Die Medien-Perspektive

Im Mittelpunkt der KulTouren stehen - wie es das Forschungsprogramm des Kollegs nahe legt - stets 'Medien und kulturelle Kommunikation': die Sprache insbesondere, aber nicht minder die Musik, der Film, das Radio und neue Medien. Gesellschaften nutzen Medien nicht nur zur Speicherung oder übertragung von Information. Die Medien sind vielmehr der Ort, an dem kultureller Sinn hervorgebracht wird. So wird etwa Mikhail Ryklin, jüngst ausgezeichnet mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2007, am 15. Mai im Museum Ludwig einen Einblick in den aktuellen Umgang mit der Meinungs- und Kunstfreiheit in Russland geben. Unter dem Titel "Wem gehört die Sprache der Kunst? Bilder des Glaubens im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit" untersucht Ryklin die näheren Umstände einer Ausstellungsverwüstung: Im Januar 2003 wurde im Moskauer Sacharow-Zentrum die Kunstschau "Achtung, Religion!" zerstört. Dass sich nicht die Täter öffentlicher ächtung ausgesetzt sahen, sondern Ausstellungsmacher und Künstler, ist für Ryklin Anlass zu einer Analyse der derzeitigen russischen Verstrickungen von Medien und Politik.

Lautsprecher im Nationalsozialismus

Auch Cornelia Epping-Jäger setzt sich mit dem Zusammenhang von Medien und Politik auseinander: Im EL-DE-Haus, dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, stellt die Medienwissenschaftlerin am 13. Juni die These zur Diskussion, dass die Erfindung des Lautsprechers die Geschichte des Nationalsozialismus nachhaltig beeinflusst habe. Ohne das technische Medium Lautsprecher, so die zentrale überlegung, wäre der Aufstieg der NSDAP anders verlaufen. Nur aufgrund der Lautsprecherübertragungen können wir heute von der typischen Hitlerstimme sprechen und uns darüber wundern, dass so viele Menschen diese Stimme faszinierend gefunden haben. Ohne Lautsprecher kein Gemeinschaftsempfang, keine schunkelnde Volksgemeinschaft und kein 'Chor der Geister', der noch einmal die Stimmen jener todgeweihten Soldaten überträgt, die an den Fronten noch auf Rettung hoffen.

Schlagzeilen im "Express"

Schließlich werden auch die aktuellen deutschen Medien im Zusammenhang der KulTouren genauer unter die Lupe genommen. In Kooperation mit der Kölner Boulevard-Zeitung EXPRESS untersucht das Forschungskolleg am 22. Juni den Prozess der Nachrichtenproduktion. Dabei wird zunächst im Rahmen einer Verlagsführung die Frage verfolgt, wie ein Ereignis zur Nachricht wird und welche Rolle dabei dem Verlag als Ort der Nachrichtenproduktion zukommt. In einem anschließenden Interview mit Redakteuren der Zeitung werden EXPRESS-Schlagzeilen zum Amoklauf aus kulturwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet. Eine ausführlichere Beschreibung der hier vorgestellten Veranstaltungen sowie das vollständige Programm der KulTouren, die sich stets an alle Interessierten - und insbesondere auch Nicht-Geisteswissenschaftler - richten, findet sich unter www. kultouren2007.de.

Dr. Kai Marcel Sicks arbeitet für das Kulturwissenschaftliche Forschungskolleg "Medien und kulturelle Kommunikation

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