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Start / Presse / Kölner Universitätszeitung 3 - 4 2007
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Fortsetzung

Ja zu den Geisteswissenschaften

Wenn man in den Geisteswissenschaften von einer Krise redet, dann betrifft das höchstens die ständige Bereitschaft, Theorien und Modelle in Frage zu stellen und die Grundlage wissenschaftlicher wie alltäglicher Kommunikation, die Sprache( n), auf ihre Leistungsfähigkeit zu überprüfen. Sprache ist, so hat es der schwedische Philosoph Lars Gustafsson provokativ auf den Punkt gebracht, ein "systematisch irreführendes System": Denn nicht allem, was man sprachlich ausdrücken kann, entspricht etwas Wirkliches: sprachlich vermittelt ist nicht nur die Lüge, sondern auch das Reich der Fiktionen. Sprache ist in der Wissenschaft aber nur dann irreführend, wenn die Regeln rationaler Sprache mißachtet werden. Der Hirnforscher William H. Calvin z. B. betitelt eines seiner vielgelesenen Bücher: "How brains think" (deutsch: "Wie das Gehirn denkt"), und das ist bereits sprachlich eine Irreführung: Denken heißt in der Philosophie und in der Alltagssprache: 'Vorstellungen mit Bewußtsein haben'. Es ist also nichts als ein sprachlich unsauberer Trick, unbewußte neuronale Selektionsprozesse mit 'Denken' gleichzusetzen. Eine der großen Leistungen der Geisteswissenschaften seit ihrer Formierung im 19. Jahrhundert ist es, nicht nur positives Wissen zu erarbeiten, sondern vor allem die Bedingungen von Wissen und Erkenntnis zu reflektieren.

So steht die kritische Erforschung der Sprache und der Kulturen als Ordnungs- und Deutungsformen unserer Welt im Mittelpunkt der Geisteswissenschaften und somit der Philosophischen Fakultät - sei es aus der Perspektive historischer Großepochen (Antike, Mittelalter, Frühe Neuzeit, Moderne und Gegenwart), unter dem Gesichtspunkt der Weltregionen oder hinsichtlich ihrer Medien. Diese Kulturen mit ihren Wertvorstellungen, Traditionen und eingeübten Praktiken formen auch die menschlichen Wahrnehmungen und Verhaltensweisen. Selbst der eigentlich so unverdächtige 'Augenschein', die visuelle Wahrnehmung ist den Geistes- und Kulturwissenschaften 'verdächtig': Für den Philosophen und Soziologen Pierre Bourdieu ist das "'Auge' ein durch Erziehung reproduziertes Produkt der Geschichte".

Die Geisteswissenschaften, so unterschiedlich sie im einzelnen in ihren Methoden und Gegenständen sind, verstehen sich also nicht als Kompensations-, Bildungsoder Orientierungswissenschaften, deren vorrangige Aufgabe es ist, den Menschen in der unüberschaubar gewordenen modernen Welt den Weg zu weisen (Odo Marquard), ihnen Geschichte, Kunst und Literatur im Archiv und Museum zu bewahren und ihnen näher zu bringen. Der "Wissenschaftsrat", der die Bundesregierung und die Regierungen der Länder berät, hat in seinen "Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland" (2006) nachdrücklich festgestellt, daß "die Wahrung komplexer Deutungsansprüche gegenüber allen Formen reduktionistischer Globalerklärungen eine systematische Qualität der Geisteswissenschaften [ist], die ihre gesellschaftliche Bedeutung prägt." Die Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer erwerben neben positivem Fachwissen eine hohe Transferkompetenz, d. h. sie sind in der Lage Kritikfähigkeit und Urteilsbildung kompetent auch in anderen Bereichen zu entwickeln.

Die Geisteswissenschaften kennen nur eine einzige Krise, und die hat der Wissenschaftsrat auch ausdrücklich benannt: "Da der Ausweg in die kompensatorische Einwerbung von Drittmitteln weder für jedes Forschungsvorhaben angemessen noch z. B. im Hinblick auf die Perspektiven des wissenschaftlichen Nachwuchses sinnvoll ist, stellt die vergleichsweise geringe Grundfinanzierung der Universitäten eine unmittelbare Bedrohung für die Qualität der geisteswissenschaftlichen Forschung in Deutschland dar." Dieses Problem darf nicht in Vergessenheit geraten - besonders nicht in dem Jahr, das die Politik zum "Jahr der Geisteswissenschaften" auslobt. Denn die Geisteswissenschaften stehen in Köln wie an jeder Universität, so der internationale Konsens, "at the heart and centre of any university's intellectual pursuits". In Köln jedoch ist bereits Wirklichkeit, was andernorts als "Zukunft der universitären Organisation" (Jürgen Mittelstraß) gesehen wird: die Zentrenstruktur. Die acht Lehr- und Forschungszentren führen aus der mancherorts beklagten disziplinären Isolation heraus, stärken die interdisziplinären Strukturen und schaffen neue Forschungsprofile. In der Lehre wird durch die Koordination und durch die Entwicklung innovativer transdisziplinärer Studienmodule und Bachelor- und Master-Studiengänge den Erfordernissen einer modernen und der Tradition verpflichteten Universität Rechnung getragen. Martin Andree, der an der Philosphischen Fakultät der Universität zu Köln promoviert hat und jetzt International Brand Manager bei der Henkel KGaA in Düsseldorf ist, sagt zu Recht über die Berufschancen von Geisteswissenschaftlern: "Geisteswissenschaftler haben Fähigkeiten, von denen Studierende anderer Fakultäten nur träumen können, die auf dem Arbeitsmarkt ihr Geld wert sind und auf die sie stolz sein können."

Prof. Dr. Walter Pape leitet das Zentrum für Internationale Beziehungen und Öffentlichkeitsarbeit der Philosophischen Fakultät

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