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Zusammenfassungen und English Summaries
Heft 1, Jg. 56, 2004

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Zu den Kurzbiographien


AUTOR/AUTHOR: Heintz, Bettina

TITEL: Emergenz und Reduktion. Das Mikro-Makro-Problem in der Soziologie und der Philosophie des Geistes

ENGL. TITLE: Emergence and Reduction. New Perspectives on the Micro-Macro-Link

QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56, 2004, S. 1-31.

KURZREFERAT: Das Mikro-Makro-Problem ist ein Problem, das sich in praktisch jeder Disziplin stellt. In der Philosophie des Geistes wurden in jüngster Zeit Konzepte entwickelt, die zwischen reduktionistischen und dualistischen Positionen vermitteln und insofern auch für die Soziologie ein interessantes Angebot darstellen. Der Schlüsselbegriff ist der Begriff der Emergenz. Nach einem Überblick über die Diskussion in der Philosophie des Geistes werden drei Antworten auf das Mikro-Makro-Problem unterschieden und auf die Soziologie übertragen: eine eliminative (z.B. R. Collins), eine reduktionistische (z.B. RC-Theorien) und eine emergenztheoretische Antwort (z.B. E. Durkheim und partiell N. Luhmann). Ausgehend vom Argument der "multiplen Realisierung" wird abschließend für einen "Dualismus der Beschreibungen" plädiert.

STICHWORTE: Mikro-Makro-Problem, Theorienvergleich, Emergenz, Reduktion, methodologischer Individualismus, methodologischer Kollektivismus, Philosophie des Geistes

ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: The micro-macro-link is a common problem in nearly every scientific field. In contemporary philosophy of mind a new concept of emergence has been developed which could also be useful for sociology. After a brief overview of the debate in the field of philosophy of mind, three different answers to the micro-macro-problem are being distinguished and then transferred to sociology: an eliminative (e.g. R. Collins), a reductionist (e.g. rational choice theories) and a non-reductive answer based on the concept of emergence (e.g. Emile Durkheim, and, partly, N. Luhmann). Using the argument of "multiple realization" the article argues for a "conceptual dualism".

KEYWORDS: micro-macro problem, emergence, reduction, methodological individualism, methodological collectivism, philosophy of mind

KORRESPONDENZANSCHRIFT/ADDRESS: Prof. Dr. Bettina Heintz, Johannes Gutenberg-Universität, FB 12/Institut für Soziologie, Colonel-Kleinmann-Weg 2, D-55099 Mainz

E-Mail: bheintz@mail.uni-mainz.de

AUTOR/AUTHOR: Beckert, Jens; Rössel, Jörg

TITEL: Kunst und Preise. Reputation als Mechanismus der Reduktion von Ungewissheit am Kunstmarkt

ENGL. TITLE: Art and Prices. Reputation as a Mechanism for Reducing Uncertainty in the Art Market

QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56, 2004, S. 32-50.

KURZREFERAT: Wie kommen die Preise für zeitgenössische Kunst zustande? Die Käufer dieser Kunst stehen vor einem Problem fundamentaler Ungewissheit, da "Qualität" nur schwer zu bestimmen und die Wertentwicklung als Investitionsobjekt kaum abzuschätzen ist. Da ein Markt für zeitgenössische Kunst die Möglichkeit zumindest begrenzt rationaler Kaufentscheidungen voraussetzt, muss diese Ungewissheit abgebaut werden. Unsere These lautet, dass der Wert eines Kunstwerks oder Künstlers in einem intersubjektiven Prozess der Bewertung und Reputationsverleihung durch Experten und Institutionen im Feld der Kunst entsteht. Dies geschieht vornehmlich durch die Institutionen des Kunstmarktes und der Künstlerausbildung, also durch Galeristen, Kuratoren, Kritiker, Kunsthändler, Journalisten, Sammler und Kunsthochschulen, die gemeinsam an der Herstellung der künstlerischen Reputation eines Werks oder eines Künstlers beteiligt sind, die dann wiederum die Grundlage für die Bestimmung des ökonomischen Wertes ist. Zur Überprüfung dieser Ausgangshypothese wurden zwei Datensätze mit Daten zu den Biografien von Künstlern erstellt und ausgewertet.

STICHWORTE:

ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: How are prices established in the market for contemporary art? Buyers in this market are confronted with fundamental uncertainty since "quality" is only difficult to determine and the development of prices is non-predictable. Since the emergence of a market for contemporary art presupposes at least the possibility for intentional rational decision-making, this uncertainty must be reduced. We argue that the value of a piece of art or an artist is established in an intersubjective process of granting reputation by experts and institutions in the field of art. This is achieved primarily through the institutions of the art market and the training of artists, i.e. through galleries, curators, critics, art dealers, journalists, collectors, and art schools. They participate jointly in the making of artistic reputation of the artist's work that provides, in turn, the basis for the determination of its economic value. For testing this hypothesis we assembled and analyzed two datasets with data on the biographies of artists and prices for their works.

KEYWORDS: contemporary art, art market, economic value, price, incertainty, reputation, auction

KORRESPONDENZANSCHRIFT/ADDRESS: Prof. Dr. Jens Beckert, Georg-August-Universität Göttingen, Soziologisches Seminar, Platz der Göttinger Sieben 3, D-37073 Göttingen; Dr. Jörg Rössel, Universität Leipzig, Institut für Kulturwissenschaften, Beethovenstr. 15, D-04107 Leipzig

E-Mail: jbeckert@uni-goettingen.de, Roessel@rz.uni-leipzig.de

AUTOR/AUTHOR: Pappi, Franz Urban; Shikano, Susumu; Bytzek, Evelyn

TITEL: Der Einfluss politischer Ereignisse auf die Popularität von Parteien und Politikern und auf das Parteiensystem

ENGL. TITLE: The Impact of Political Events on the Popularity of Parties and Politicians and on the Ideological Structure of the Party System

QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56, 2004, S. 51-70.

KURZREFERAT: Am Beispiel der CDU-Spendenaffäre 1999/2000 und der Flutkatastrophe 2002 wird untersucht, wie sich politische Ereignisse, die ungeplant als externe Schocks auftreten, auf die Popularität von Parteien und Politikern in einer gegebenen ideologischen Grundstruktur des Parteiensystems auswirken. Hierfür wird eine Verbindung zwischen den räumlichen Modellen des Wählerverhaltens, die diese Grundstruktur abbilden, und der Berücksichtigung von Popularitätsschwankungen in Folge von Valenzissues hergestellt. Anhand von Skalometerdaten wird ein Politikraum mit ideologischer und Popularitätsdimension durch eine Hauptkomponentenanalyse geschätzt, der sowohl die Positionen der Parteien und Politiker als auch die Idealpunkte der Befragten enthält. Es kann gezeigt werden, dass das Grundgefüge, also die ideologische Anordnung der Parteien, selbst bei so herausragenden Ereignissen wie der CDU-Spendenaffäre bestehen bleibt und die wesentlichen Veränderungen auf der Popularitätsdimension stattfinden. Des Weiteren ändert sich die Bewertung der Parteien und Politiker vor allem bei der Gruppe der Unabhängigen, während die verschiedenen Parteianhängergruppen in ihrem Urteil recht stabil bleiben.

STICHWORTE:

ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: Political events, entering the political system as external shocks, can have a sizable impact on the popularity of political parties and politicians. We investigate this impact using as examples the unregistered campaign donations to chancellor Kohl (CDU-Spendenaffäre) and the political handling of the flash flood in the Elbe region shortly before the last federal election. Our special contribution to the literature is the combined analysis of event impacts on the valence dimension of the German party system and the inertia of the ideological dimension. By using a principal component analysis we extract a two-dimensional political configuration containing the position of parties and politicians and voters' ideal points. We show that the basic ideological structure of the party system remains nearly unaltered even by such prominent events as the Spendenaffäre (donations scandal). The main changes affect the valence dimension. Focusing on voters we show that the greatest change of evaluation of parties takes place within the group of independents while the partisans remain rather stable in their assessments.

KEYWORDS: political event, party system, ideological structure, voting, valence issue

KORRESPONDENZANSCHRIFT/ADDRESS: Prof. Dr. Franz Urban Pappi, Universität Mannheim, Lehrstuhl für politische Wissenschaft I, A 5, D-68159 Mannheim 1

E-Mail: fupappi@rumms.uni-mannheim.de

AUTOR/AUTHOR: Klein, Thomas; Eckhard, Jan

TITEL: Fertilität in Stieffamilien

ENGL. TITLE: Fertility in Stepfamilies

QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56, 2004, S. 71-94.

KURZREFERAT: Der Aufsatz bietet deskriptive Ergebnisse und theoriegeleitete Analysen zur Fertilität in Stieffamilien auf der Grundlage der Daten des Familiensurvey 2000. Partnerschaften mit Stiefkindern weisen gegenüber Partnerschaften ohne Stiefkinder eine geringere Neigung zur Geburt eines ersten gemeinsamen leiblichen Kindes auf. Die Untersuchungen zeigen, dass lediglich das höhere Alter der Frauen in Partnerschaften mit Stiefkindern, nicht jedoch das Vorhandensein von Stiefkindern hierfür ausschlaggebend ist. Für die bei Kontrolle des Alters unterschiedslosen paarbezogenen Erstgeburtenraten werden verschiedene Erklärungsmöglichkeiten diskutiert. Im Unterschied zum ersten gemeinsamen Kind besteht jedoch ein negativer Einfluss der Stiefkinder auf die Familienerweiterung, welcher auf die mit einem weiteren gemeinsamen leiblichen Kind der Partner erreichten höheren Gesamtkinderzahl in Stieffamilien zurückzuführen ist. Unter der Bedingung gleicher Gesamtkinderzahlen neigen hingegen Stieffamilien stärker als "Normalfamilien" zu einer weiteren Familienexpansion.

STICHWORTE:

ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: The article presents descriptive results and theory-orientated analysis about fertility in stepfamilies, based on the data of the German Family Survey 2000. Compared with other couples, those with stepchildren reveal a lower probability to become a first common child. The investigations show that this is due solely to the higher age of women in stepfamilies and not to the existence of stepchildren. Different possibilities to explain the indiscrimination between rates of first birth when age is controlled are discussed. Additional research shows a negative impact of stepchildren on the process of family-expansion, which is traced back to the higher total number of children reached with a further birth in stepfamilies. However, under the condition of equal total number of children stepchildren show a positive effect on couples' fertility.

KEYWORDS: fertility, family, demography, stepfamiliy, stepchild

KORRESPONDENZANSCHRIFT/ADDRESS: Thomas Klein und Jan Eckhard, Institut für Soziologie, Universität Heidelberg, Sandgasse 9, D-69117 Heidelberg

E-Mail: thomas.klein@urz.uni-heidelberg.de

AUTOR/AUTHOR: Mehlkop, Guido; Becker, Rolf

TITEL: Soziale Schichtung und Delinquenz. Eine empirische Anwendung eines Rational Choice-Ansatzes mit Hilfe von Querschnittsdaten des ALLBUS 1990 und 2000

ENGL. TITLE: Social Class and Delinquency. An Empirical Application of Rational Choice Theory with Cross-sectional Data of the 1990 and 2000 German General Social Surveys (ALLBUS)

QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56, 2004, S. 95-126.

KURZREFERAT: Der oft postulierte Zusammenhang zwischen sozialer Schichtung und Kriminalität ist weder theoretisch abgesichert noch empirisch eindeutig belegt. Ausgehend von der ökonomischen Theorie Gary S. Beckers wird ein erweitertes Modell kriminellen Handelns entwickelt, welches den Einfluss der Schichtzugehörigkeit auf die subjektive Wahrnehmung von Kosten, Nutzen und Entdeckungs- bzw. Erfolgswahrscheinlichkeit krimineller Handlungsalternativen einbezieht. Ferner werden die ebenfalls über die Klassenlage determinierten Anreize (Gelegenheitsstrukturen) und die Internalisierung von Normen ("framing") in das ökonomische Modell integriert. Das Modell wird anhand von Daten aus dem ALLBUS 1990 und 2000 für die Delikte Ladendiebstahl und Steuerbetrug überprüft. Entsprechend den theoretischen Erwartungen kann kein genereller negativer Zusammenhang zwischen Schichtzugehörigkeit und kriminellem Handeln festgestellt werden, wohl aber ein Zusammenhang zwischen Klassenlage und Delikttyp. Sozialstrukturell divergierende Erwartungen hinsichtlich Erfolg einer kriminellen Handlung und Gelegenheitsstrukturen sind bedeutsamer für die Wahl illegaler Handlungsalternativen als Abschreckung durch Strafe oder erwarteter Nutzen aus der Tat. Internalisierte Normvorstellungen machen kriminelle Handlungsalternativen unwahrscheinlich.

STICHWORTE: Rational-Choice-Theorie, Kriminalität, Delinquenz, Sozialstruktur, soziale Schichtung, ALLBUS

ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: The frequently posited relationship between social class and criminal behaviour is dubious in theory and lacking empirical evidence. Based upon the economic theory of crime by Gary S. Becker we present an extended model which integrates the effects of the individuals' class position on their subjective evaluations of costs, utility, and the probability of being caught. Additionally, we take into account selective incentives (social opportunities) and the internalization of social norms concerning conformity (framing of the social situation) depending on social class. We test the model for two offences: shoplifting and tax-evasion. The source of data is the German General Social Survey (ALLBUS) for the years 1990 and 2000. The empirical results support the theoretical model. There is no general relationship between the individuals' social status and their incentives for criminal behaviour. However, the types of offences committed are affected by the social status. Subjective expected probability of failure or success is more important than fear of punishment or the expected utility. Internalized norms decrease the probability of committing a crime.

KEYWORDS: rational choice theory, crime, deviance, social structure, social class, social status, norms, ALLBUS

KORRESPONDENZANSCHRIFT/ADDRESS: Dr. Guido Mehlkop und Prof. Dr. Rolf Becker; Technische Universität Dresden, Institut für Soziologie, Mommsenstrasse 13, D-01069 Dresden

E-Mail: Guido.Mehlkop@mailbox.tu-dresden.de; becker-r@rcs.urz.tu-dresden.de

AUTOR/AUTHOR: Fahrenberg, Jochen; Steiner, John M.

TITEL: Adorno und die autoritäre Persönlichkeit

ENGL. TITLE: Adorno and the Authoritarian Personality

QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56, 2004, S. 127-152.

KURZREFERAT: Die Authoritarian Personality ist eine der Milestone Studies der empirischen Sozialforschung. Die 1945/46 durchgeführten Untersuchungen hatten eine komplizierte Vorgeschichte, die sich bis in die jahrelang verzögerte Publikation im Jahr 1950 auswirkte. Der Anteil Theodor W. Adornos an dieser Forschung ist aus heutiger Sicht zu relativieren. Die maßgebliche Bedeutung Erich Fromms für die theoretische und ebenso für die empirische Seite wurde erst allmählich erkannt. Dennoch neigen auch neuere Autoren dazu, ihn und Adornos Ko-Autoren, d.h. Else Frenkl-Brunswik, Daniel J. Levinson und R. Nevitt Sanford, zu übergehen. Das Frankfurter Institut für Sozialforschung IfS hat in den 1950er Jahren nur zwei größere Interview- und Fragebogen-Studien unternommen. Innovative Forschungsansätze wurden nicht entwickelt. Die naheliegende Untersuchung von Tätern und von Mitläufern des Nationalsozialismus blieb aus. All dies lag in der erklärten Perspektive des amerikanischen Vorbildes. Als das wahrscheinlichste Motiv für dieses Defizit ergibt sich Adornos Geringschätzung der empirischen Sozialpsychologie und der differentiellen Psychologie. Beide Kompetenzen sind jedoch für diese Forschung unverzichtbar. Dieser wissenschaftsgeschichtliche Rückblick kann zum Verständnis beitragen, weshalb es im Nachkriegs-Deutschland nicht zu innovativen und breiten Untersuchungen der Authoritarian Personality kam.

STICHWORTE: T.W. Adorno, Autoritäre Persönlichkeit; Autoritarismus-Forschung, Erich Fromm, Frankfurter Institut für Sozialforschung

ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: "The Authoritarian Personality" is a milestone study in social science research. Based on a series of research and investigations, the study, conducted in 1945/46, had to pass controversies and delays until its publication in 1950. Theodor W. Adorno's involvement in this research appears to be less central than has frequently been assumed. Gradually, the importance of Erich Fromm's contribution to the theoretical foundation and methodology of the study was recognized. Nevertheless, in many publications it is still acceptable to neglect the major contribution of Erich Fromm and Adorno's further co-authors, Else Frenkel-Brunswik, Daniel J. Levinson and R. Nevitt Sanford. During the fifties, the Frankfurt Institut für Sozialforschung (IfS) conducted only two large-scale interview- and questionnaire-based studies pertaining to authoritarian personality issues. However, in further studies innovative research perspectives were not evident, and the most obvious task, to investigate former perpetrators and supporters of National Socialism, was not realized. The most probable of these deficit motives were based on Adorno's dismissive view of empirical social psychology and differential psychology. However, the expertise of both are indispensable for such research programs. This historical review of "The Authoritarian Personality" demonstrates why there has been so little innovative and comprehensive research on the subject in postwar Germany.

KEYWORDS: T. W. Adorno, Erich Fromm, authoritarian personality, authoritarianism, Frankfurt Institut für Sozialforschung, IfS

KORRESPONDENZANSCHRIFT/ADDRESS: Prof. Dr. Jochen Fahrenberg, Waldhofstrasse 42, D-79117 Freiburg i.Br.

E-Mail: fahrenbe@psychologie.uni-freiburg.de

AUTOR/AUTHOR: Hermann, Dieter

TITEL: Bilanz der empirischen Lebensstilforschung

ENGL. TITLE: An Assessment of Empirical Lifestyle Research

QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 56, 2004, S. 153-179.

KURZREFERAT: Der Lebensstilansatz wird in einer Vielzahl soziologischer Arbeitsfelder mit unterschiedlichen Ansprüchen eingesetzt: Lebensstile sollen Personengruppen beschreiben sowie Einstellungen, Handlungen, Interaktionsverläufe und Erkrankung erklären. Zudem soll der Ansatz die klassische Sozialstrukturanalyse ergänzen oder gar ersetzen. In der deskriptiven empirischen Lebensstilforschung belegen mehrere Untersuchungen, dass Gruppen durch ihre Lebensstile unterscheidbar sind, und in vielen mikrosoziologischen Studien wird eine enge Beziehung zwischen sozialer Ungleichheit und Lebensstilen nachgewiesen. Des Weiteren bestätigen empirische Untersuchungen einen Einfluss von Lebensstilen auf Erkrankungen und Interaktionen. In diesen Bereichen wird der Anspruch des Ansatzes durch empirische Studien abgedeckt, in anderen Bereichen hingegen sind Defizite erkennbar. Zum Teil wird der Anspruch vertreten, der Lebensstilansatz könne das vertikale Paradigma ablösen, weil in individualisierten Gesellschaften Handlungen besser durch Lebensstile als durch Merkmale der sozialen Ungleichheit erklärt würden. Allerdings zeigen die Ergebnisse einer Untersuchung in zwei bundesdeutschen Städten beispielhaft, dass die Beziehung zwischen Lebensstilen und Handlungen eine Scheinkorrelation ist, die durch Wertorientierungen als gemeinsame Ursache von Lebensstilen und Handlungen entsteht. Dies legt die Vermutung nahe, dass nicht Lebensstile handlungsrelevant sind, sondern Wertorientierungen, und der Lebensstilansatz nicht in der Lage ist, das vertikale Paradigma zu ersetzen. Insgesamt gesehen kann für die empirische Lebensstilforschung zumindest partiell eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit konstatiert werden.

STICHWORTE: Lebensstile, Wertorientierungen, Sozialstrukturanalyse, vertikales Paradigma, gesellschaftlicher Wandel

ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: The lifestyle approach raises various claims: lifestyles are capable of describing groups of persons, as well as explaining attitudes, actions, interactions and diseases. In addition, the approach claims to complete or even replace the classical analysis of class structure. In the descriptive empirical lifestyle research several investigations show evidence that groups can be distinguished by their lifestyles. In many microsociological studies, too, a close relation between social inequality and lifestyles is shown. In addition, empirical studies confirm the influence of lifestyles on diseases and interactions. In these areas, the claim of the approach is covered by empirical studies. In other areas, however, deficits of the lifestyle approach can be seen. A central claim of the lifestyle approach is to supersede the vertical paradigm since in individualized societies actions may be better explained by lifestyles than by characteristics of social inequality. However, results of investigations in two German cities show that the relation between lifestyles and social action is a spurious correlation resulting from value orientations being common cause of lifestyles and actions. It can thus be supposed that not the lifestyles are action-relevant but only the value orientations, and that the lifestyle approach is not in a position to replace the vertical paradigm. In sum, for the empirical lifestyle research a discrepancy can be noticed between claim and reality.

KEYWORDS: lifestyle, value orientation, social structure, vertical paradigm, social change

KORRESPONDENZANSCHRIFT/ADDRESS: PD Dr. Dieter Hermann, Universität Heidelberg, Institut für Kriminologie, Friedrich-Ebert-Anlage 6-10, D-69117 Heidelberg

E-Mail: Hermann@krimi.uni-heidelberg.de

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Datei aktualisiert am 31.03.2004 in der Redaktion der KZfSS