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Sonderheft 45/2005 der KZfSS
Seit mehr als zwei Jahrzehnten beobachten wir die wachsende Bedeutung globaler Finanzmärkte für die nationalen Volkswirtschaften. Investment-Fonds, Analysten und Rating-Agenturen sind zu zentralen Akteuren geworden, die häufig aus entlegenen Winkeln der Erde über das Schicksal großer Unternehmen entscheiden. Dieses neue Produktionsregime, das hier als Finanzmarkt-Kapitalismus bezeichnet wird, ist das zentrale Thema dieses Bandes. In verschiedenen Beiträgen wird gezeigt, dass eine Machtverschiebung zugunsten globaler Finanzmärkte stattgefunden hat und dass die Finanzmarktakteure erheblichen Einfluss auf die Struktur und Strategien der Unternehmen ausüben. Weiterhin wird gefragt, ob das „Modell Deutschland“, dessen zentrale Institutionen bereits vor dem Ersten Weltkrieg entstanden sind und das bis in die 1980er Jahre als Erfolgsmodell galt, angesichts dieses globalen Wandels noch überlebensfähig ist. In diesem Sammelband werden Forschungsergebnisse aus verschiedenen Disziplinen zusammengeführt. Soziologie, Politologie und Wirtschaftswissenschaften liefern Gegenwartsanalysen aus ihrer jeweiligen Fachperspektive. Vertreter des Fachs Geschichte thematisieren die historische Entstehung und die Transformation jener Institutionen, die das „Modell Deutschland“ geprägt und zu seinem Erfolg beigetragen haben.
AUTOR/AUTHOR: Paul Windolf
TITEL: Die neuen Eigentümer
ENGL. TITLE: The New Owners. Growing Influence of Investment Funds on German Corporations
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 8-19.
KURZREFERAT: Seit zwei Jahrzehnten beobachten wir den wachsenden Einfluss globaler Finanzmärkte auf die Strategie und Struktur der Unternehmen (Finanzmarkt-Kapitalismus). Am Beispiel der Deutschen Börse wird gezeigt, dass das frühere korporatistische Kontrollsystem der Banken aufgelöst und durch eine Kontrolle der Investment-Fonds (neue Eigentümer) ersetzt wurde. Weiterhin kann an diesem Beispiel die zunehmende Verrechtlichung der Finanzmärkte illustriert werden.
STICHWORTE: Finanzmarkt, Deutsche Börse, Korporatismus, Juridifizierung
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: Since the early 1980s we observe the growing influence of global financial markets on the strategy and structure of large corporations (financial market capitalism). The German Stock Exchange (Frankfurt) provides an excellent example to illustrate how the corporatist system of bank control was abolished and replaced by control devices of investment- and pension funds (the “new” owners). This example also illustrates the growing juridification of the German financial markets.
KEYWORDS: Financial markets, German Stock Exchange, corporatism, juridification
AUTOR/AUTHOR: Paul Windolf
TITEL: Was ist Finanzmarkt-Kapitalismus?
ENGL. TITLE: What is Financial Market Capitalism?
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 20-57.
KURZREFERAT: Der Finanzmarkt-Kapitalismus ist ein Produktionsregime, das durch eine spezifische Konfiguration von ökonomischen Institutionen geprägt ist. Zu diesen Institutionen zählen: die Aktienmärkte (Kapitalisierung); die Investment-Fonds (Eigentümer); Analysten und Rating-Agenturen (boundary roles); Transfermechanismen (z.B. feindliche Übernahmen). Das Steuerungszentrum des Finanzmarkt-Kapitalismus sind die Aktienmärkte, auf denen fiktives Kapital gehandelt wird (Kapitalisierung). Aktienmärkte können Unsicherheit immer nur fiktiv in Risiko transformieren. Daher bieten Aktienmärkte eine besondere Gelegenheitsstruktur für Opportunismus (moral hazard). Die Investment-Fonds sind die ‘neuen’ Eigentümer, die in den USA inzwischen die Mehrheit an den großen Aktiengesellschaften besitzen. Sie sind der operatorischen Logik der Finanzmärkte unterworfen und zwingen die Unternehmen zu einer kurzfristigen Strategie der Profitmaximierung. Analysten und Rating-Agenturen besetzen in diesem System wichtige ‘boundary roles’, die Unsicherheit in Risiko transformieren sollen. Feindliche Übernahmen, der Markt für Unternehmenskontrolle und Aktienoptionen sind spezifische Transfermechanismen, die die operatorische Logik der Finanzmärkte auf die Realökonomie übertragen. Am Beispiel der feindlichen Übernahme wird gezeigt, dass Kontrolle häufig virtuell ist und kein direktes Abhängigkeitsverhältnis zur Voraussetzung hat; sie wirkt durch eine diffuse und zeitlich nicht spezifizierte ‘glaubhafte Drohung’. Die Kontrolle, die durch Finanzmärkte ausgeübt wird, ist abstrakt, anonym und sachlich, d.h. sie erscheint nicht als persönliche Abhängigkeit, sondern durch anonyme und globale Marktkräfte vermittelt.
STICHWORTE: Finanzmarkt-Kapitalismus, Aktienmarkt, Kapitalisierung, Rating-Agenturen, feindliche Übernahme, Gewinnmaximierung, Risiko, Unsicherheit
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: Financial market capitalism is a regime of production and regulation which is shaped by a system of interdependent economic institutions. The stock market (capitalization), investment funds (owners), stock market analysts, rating agencies (boundary roles), and specific transfer institutions (hostile take-overs, market for corporate control) are the central institutions of this regime. The regulatory centre of this regime of production is the stock market. Capitalization is the most important function of the stock market. However, it is maintained that stock markets are not successful in transforming uncertainty into risk. What is really traded on the stock market is fictitious capital (Marx, Hilferding). Trading of fictitious capital provides a particular opportunity structure for opportunism and moral hazards. Investment funds own more than 50 percent of the stock of the US-public corporations. They are able to make use of a strategic choice between „exit“ (trading) and „voice“ (property rights). They impose upon the management of the large corporations their specific mode of operation: short-term profit maximization. Analysts and rating agencies fulfil important boundary roles in the system; they are expected to absorb the uncertainty of the environment. Hostile takeovers and the market for corporate control are transfer institutions. Hostile takeovers are a credible threat that forces the management of large corporations to follow the strategies of short-term profit maximization.
KEYWORDS: financial market capitalism, stock markets, capitalization, rating agencies, hostile takeovers, profit maximization, risk, uncertainty
AUTOR/AUTHOR: Christoph Deutschmann
TITEL: Finanzmarkt-Kapitalismus und Wachstumskrise
ENGL. TITLE: Financial Market Capitalism and Growth Crisis
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 58-84.
KURZREFERAT: Der Beitrag entwickelt ein idealtypisches Modell des Finanzmarkt-Kapitalismus und geht den Auswirkungen der Globalisierung der Finanzmärkte auf das Wirtschaftswachstum nach. Dabei wird eine Mehrebenen-Perspektive verfolgt, die das Handeln der Akteure in den Haushalten und Unternehmen ebenso einbezieht wie die Meso-Ebene der institutionellen Investoren und Unternehmen sowie die wirtschaftspolitische und gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Die zentrale These lautet, dass die durch die Schlüsselrolle der institutionellen Investoren geprägten Strukturen des Finanzmarkt-Kapitalismus einen depressiven Effekt auf das wirtschaftliche Wachstum haben, der insbesondere auf drei Faktoren zurückgeht: Zum einen wird eine übermäßige Akkumulation finanzieller Vermögen gefördert, zum zweiten wird ein eher ungünstiges Umfeld für reale wirtschaftliche Innovationen geschaffen, zum dritten werden die Regierungen und Zentralbanken zu einem restriktiven fiskal- und geldpolitischen Kurs genötigt.
STICHWORTE: Finanzmarkt, institutionelle Investoren, Unternehmensverfassung, Innovation, Wirtschaftswachstum, Finanzpolitik, Geldpolitik
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: The paper develops a model of financial market capitalism and explores the impact of global financial markets on economic growth. The analysis focuses on the interrelations between actors on micro-, meso- and macro-levels. It is shown that the structures of financial market capitalism, by virtue of the key role of institutional investors, have an aggregate depressive effect on economic growth which is due mainly to three factors: Firstly, an excess accumulation of financial capital is stimulated, secondly, the control strategies of institutional investors tend to create an adverse environment for innovative processes at firm level, thirdly, governments and central banks are pressed to restrictive fiscal and monetary policies.
KEYWORDS: financial markets, institutional investors, corporate governance, innovation, economic growth, fiscal policy, monetary policy
AUTOR/AUTHOR: Klaus Dörre and Ulrich Brinkmann
TITEL: Finanzmarkt-Kapitalismus: Triebkraft eines flexiblen Produktionsmodells?
ENGL. TITLE: The Impact of Global Financial Markets on Co-operative Capitalism
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 85-116.
KURZREFERAT: Der Beitrag greift in die Debatte über die strukturierende Wirkung globalisierter Finanzmärkte auf kooperative Kapitalismen ein. Seine These lautet, dass sich im Zuge einer langen Phase der Marktöffnung Elemente eines flexiblen Produktionsmodells herausgebildet haben, in dessen Folge immer größere gesellschaftliche Bereiche marktförmigen Steuerungslogiken und Finanzkalkülen überlassen werden. Aus einer regulations- und feldtheoretischen Perspektive zeichnen die Autoren die allmähliche Herausbildung eines Finanzmarkt-Kapitalismus (als makroökonomische Konfiguration), marktzentrierter Kontrollmechanismen in den Unternehmen sowie einer marktförmigen Restrukturierung der Arbeitsgesellschaft nach. In einer synthetisierenden Bewertung empirischer Forschungen kommen sie zu dem Schluss, dass sich die Spielregeln in den sozialen Arenen des ökonomischen Feldes grundlegend verändert haben: Leitbilder, Managementprinzipien, Rationalisierungsstrategien und betriebliche Regulationsformen sind von einem ständigen Wandel erfasst, das flexibel-marktgetriebene Produktionsmodell zeichnet sich durch hochgradige Instabilität und Krisenanfälligkeit aus.
STICHWORTE: Produktionsregime, Finanzialisierung, Regulationstheorie, Bourdieu, marktzentrierte Unternehmensreorganisation
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: This article refers to the ongoing debate about the impacts of global financial markets on co-operative capitalism based upon strong welfare state regulations. The authors maintain that the evolution of elements of a post-fordist production model in the wake of continuous marketization-processes and the economic comeback of the US are likely to leave growing parts of society to market-like coordination logics and financial calculation. Relying on regulations theory and genetic structuralism (Bourdieu) this article points out the emergence of a financial market capitalism (as a macroeconomic configuration), the increasing importance of marketized control mechanisms in firms and of a market-like restructuring of labour society. On the basis of theoretical considerations and empirical research the authors conclude that the rules in the social arenas of the economic field have fundamentally been reformulated. Management principles, efficiency strategies and intra-organizational regulations are subject to fundamental change. The financialized market economy is characterized by an extreme instability and disposition to crises.
KEYWORDS: accumulation regime, financialization, regulation theory, Bourdieu, profit centre
AUTOR/AUTHOR: Stefan Kühl
TITEL: Profit als Mythos. Über den Erfolg und Misserfolg im Exit-Kapitalismus
ENGL. TITLE: Profit as Myth. Success and Failure in Exit Capitalism
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 117-144.
KURZREFERAT: In der modernen Organisationssoziologie wird Gewinn bzw. Profit nicht wie in großen Teilen der Betriebswirtschaftslehre oder auch der klassischen marxistischen Industriesoziologie als Ausgangspunkt von Organisationsanalysen genommen, sondern lediglich als ein Mittel zur Sicherung der Zahlungsfähigkeit von Unternehmen betrachtet. Dies ermöglicht, das Gewinnmotiv als Variable in Unternehmen näher in Augenschein zu nehmen und zu analysieren, wie sich dieses in verschiedenen Phasen verändert. Dieser Artikel untersucht das Gewinnmotiv in risikokapitalfinanzierten Unternehmen, die – so der konzeptionelle Rahmen - durch die Logik eines „Exit-Kapitalismus“ bestimmt sind. Der Begriff des Exit-Kapitalismus verweist darauf, dass in risikokapitalfinanzierten Unternehmen die Investoren, Gründer, Führungskräfte und Mitarbeiter ihr Engagement aus der übergreifenden Perspektive auf einen möglichst profitablen Ausstieg planen. Es wird gezeigt, dass sowohl in Boomphasen an der Börse als auch beim Einbruch der Börsenkurse Profit als Mythos genutzt wird, um weitere Finanzierungen am Kapitalmarkt zu erhalten.
STICHWORTE: Finanzmarkt, Wagniskapital, Kapitalmarkt, Gewinn
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: In opposition to classical economic theory as well as to Marxist industrial sociology modern organizational sociology considers profit as just one possible mean to assure the survival of an enterprise. Thus, the motive of profit making is dependent upon the type of organization and the strength of this motive changes with organizational structures. This article examines the motive of profit making in enterprises financed with venture capital. The central hypothesis put forward is that these enterprises are influenced by the logic of “exit capitalism”. The term “exit capitalism” refers to the fact that in enterprises financed by venture capital the investors, founders, managers and employees are planning their engagement from a profitable exit perspective. It can be shown that in boom as well as in bust cycles profit is used as myth to gain further financing from the capital market.
KEYWORDS: financial markets, venture capital, capital markets, profits
AUTOR/AUTHOR: Karin Knorr Cetina and Urs Bruegger
TITEL: Globale Mikrostrukturen der Weltgesellschaft. Die virtuellen Gesellschaften von Finanzmärkten
ENGL. TITLE: The Global Microstructures of a World Society. The Virtual Societies of Financial Markets
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 145-171.
KURZREFERAT: Der Artikel untersucht Integrationsmuster globaler Finanzmärkte auf der Basis von Daten, die auf den Handelsetagen des Interbank-Währungshandels globaler Banken erhoben wurden. Für diese Muster wird der Begriff Globale Mikrostrukturen eingeführt. Wir argumentieren, dass Mechanismen der Interaktionsordnung solche Märkte aufspannen und konstitutiv für globale soziale Formen werden. Die Untersuchung nutzt Schütz’ Konzept zeitlicher Koordination als Basis für das Argument, dass für die entsprechenden Märkte eine Ebene von Intersubjektivität behauptet werden kann. Ebenso sind diese Märkte durch eine Ebene globaler Konversationen gekennzeichnet, die sie sozial liquide halten und durch die Marktzusammenbrüche und Lücken überbrückt werden. Der Artikel zeigt auf, welche Formen der Sozialität Märkten inhärent sein können, und stellt gleichzeitig dar, wie globale soziale Formen auf der Basis von Mikrostrukturen funktionieren können.
STICHWORTE: Globale Mikrostrukturen, globale Finanzmärkte, Händlermärkte, globale Handelskonversationen, zeitliche Ordnungsstrukturen
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: Using participant-observation data, interviews, and trading transcripts drawn from interbank currency trading in global investment banks, this article examines regular patterns of integration that characterize the global social system embedded in economic transactions. To interpret these patterns, which are global in scope but microsocial in character, this article uses the term “global microstructures”. Features of the interaction order, loosely defined, have become constitutive of and implanted in processes that have global breadth. This study draws on Alfred Schuetz in the development of the concept of temporal coordination as the basis for the level of intersubjectivity discerned in global markets. This article contributes to economic sociology through the analysis of cambist (i.e. trading) markets, which are distinguished from producer markets, and by positing a form of market coordination that supplements relational or network forms of coordination.
KEYWORDS: global microstructures, global financial markets, trading markets, global trading conversations, temporal order
AUTOR/AUTHOR: Werner Abelshauser
TITEL: Die Wirtschaft des deutschen Kaiserreichs. Ein Treibhaus nachindustrieller Institutionen
ENGL. TITLE: The Economic Structures of the German Empire Before World War I: Pioneering the New Economy?
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 172-195.
KURZREFERAT: Der radikale Umbruch im sozialen Systems der Produktion im deutschen Kaiserreich wird als Gelegenheit genutzt, aktuelle Fragestellungen am historischen Fall zu erörtern. Zum einen geht es darum, eine Angebotsfunktion für institutionelle Neuerungen zu skizzieren und empirisch auszufüllen, um einen Beitrag zur Theorie der institutionellen Innovation zu leisten. Unter welchen wirtschaftlichen Anreizen, Zielsetzungen und Rahmenbedingungen neue Institutionen und Organisationen entstehen, ist gleichzeitig konstitutiv für die Entwicklung neuer Spielarten von Marktwirtschaft („varieties of capitalism“). Im Mittelpunkt dieses ersten Themenbereichs steht deshalb – auch aus heutiger Perspektive - die Frage nach den komparativen institutionellen Vorteilen und den Märkten, denen die deutsche Variante („korporative Marktwirtschaft“) Stabilität und Erfolg verdankt. Zum anderen will der Aufsatz der gegenwärtigen Debatte über die ‚Neue Wirtschaft’ historische Tiefenschärfe verleihen. Er geht von der Voraussetzung aus, dass globale Verflechtung von Märkten und Verwissenschaftlichung der Produktion zu den wichtigsten Herausforderungen und Kennzeichen der gegenwärtigen Wirtschaft zählen, und versteht daher das deutsche Kaiserreich wie auch die USA als Pionier der „Neuen Wirtschaft“, dessen soziales System der Produktion sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg an diesen Aufgabenstellungen orientiert hat. Die These vom Kaiserreich als Treibhaus nachindustrieller Institutionen verbindet sich mit beiden Fragestellungen. Tatsächlich sind nahezu alle Komponenten des institutionellen Rahmens der deutschen Wirtschaft im Kaiserreich entstanden. Sowohl die Gründe für den Untergang des alten als auch für den Aufstieg des neuen Produktionsregimes treten vor dem Hintergrund der ersten Phase der Globalisierung deutlich hervor. Ebenso seine Orientierung an den Bedürfnissen der immateriellen Produktion, die sich in den neuen, wissenschaftsbasierten Industrien manifestieren.
STICHWORTE: soziales System der Produktion, Kaiserreich, Theorie der institutionellen Innovation, Varianten des Kapitalismus, korporative Marktwirtschaft, Globalisierung, Verwissenschaftlichung der Produktion, immaterielle Produktion, Neue Wirtschaft
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: The radical change in the social system of production in the German Empire serves as the platform for discussing current issues from a historical perspective. As a theoretical contribution, one purpose of this essay is to outline a supply function for institutional innovation. Also central to the development of new varieties of capitalism is the question of which economic incentives, objectives, and conditions govern the emergence of new institutions and organizations. The first topic, therefore, inquires about the comparative institutional advantages to which the German variety (the coordinated market economy) owes its stability and success. The second purpose of this essay is to give a historical perspective to the current debate about the „New Economy”. The essay’s premise is that the global interdependence of markets and the primacy of science-based and theory-driven production are among the most important challenges and characteristics of the economy today. The German Empire, like the United States, is understood as a pioneer of the New Economy, whose social system of production had been attuned to those realities even before World War I. The thesis that the German empire was a hothouse of postindustrial institutions addresses both purposes. Nearly all components of the German economy’s institutional framework have been developed under the empire. The reasons for both the demise of the old production regime and the rise of the new one stand out against the first phase of globalization, as does the new regime’s orientation to the needs of nonmaterial production that become evident in the new, science-based industries.
KEYWORDS: social system of production, German empire, theory of institutional innovation, varieties of capitalism, coordinated market economy, globalization, primacy of science and theory in production, nonmaterial production, New Economy
AUTOR/AUTHOR: Martin Höpner
TITEL: Sozialdemokratie, Gewerkschaften und organisierter Kapitalismus, 1880-2002
ENGL. TITLE: Social Democrats, Trade Unions, and Organized Capitalism in Germany 1880-2002
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 196-221.
KURZREFERAT: In diesem Beitrag werden Ursprünge und Entwicklung der sozialdemokratischen Präferenz für die Liberalisierung der Unternehmenskontrolle diskutiert. Es wird gezeigt, dass die Vorliebe für Wettbewerbspolitik in den Bereich der vorstrategischen, fundamentalen Präferenzen fällt. Der organisierte Kapitalismus, hier verstanden als Begrenzung des Wettbewerbs durch Unternehmenskooperation und –koordination, Delegation von Entscheidungsbefugnissen an Kartelle oder Unternehmensnetzwerke und damit verbundene Durchdringung der Unternehmen mit über die Einzelwirtschaft hinausweisenden Perspektiven, hat sich in Deutschland etwa ab den 1880er Jahren herausgebildet. Organisation durch Kartelle galt bereits in der Arbeiterbewegung des Kaiserreichs als reifste Form des Kapitalismus. Während der zweiten Hälfte der Weimarer Republik wurde kapitalistische Organisation durchweg als dem Konkurrenzkapitalismus überlegene, kapitalistische Anarchie durch sozialistische Prinzipien ergänzende, das Kapital zivilisierende Wirtschaftsform interpretiert. Der Nationalsozialismus löste einen eruptiven Präferenzwechsel in der Arbeiterbewegung aus. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, vollendet durch die Godesberger und Düsseldorfer Programme, bildete sich die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Präferenz für Wettbewerbspolitik heraus, in deren Tradition die liberale Haltung von SPD und Gewerkschaften während der Reformen der Unternehmenskontrolle der späten neunziger und frühen 2000er Jahre stand.
STICHWORTE: Sozialdemokratie, Gewerkschaft, organisierter Kapitalismus, Varianten des Kapitalismus, politische Ökonomie
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: This article discusses the roots and the development of the Social Democratic preference for the liberalization of corporate governance rules in Germany. It is shown that the preference for competition is a pre-strategic, fundamental preference. German organized capitalism, in the sense of competition-limiting company cooperation and coordination, cartels and interlocking ownership, and companies’ penetration with meso and macro perspectives, rooted in the 1880s. Already in the Kaiserreich, the labour movement interpreted the cartelized economy as the ripest form of capitalism. During the second half of the Weimar Republic, organized capitalism was seen as being superior to competition, as adding socialist principles to a capitalist economy, and as civilizing capitalism. National Socialism caused an eruptive preference change. After World War II, completed by the Godesberg and Düsseldorf manifestos, a preference for competition policy emerged. The relatively liberal SPD and trade union attitudes towards corporate governance reforms in the late 1990s and the early 2000s may be traced back to this tradition.
KEYWORDS: Social democracy, trade union, organized capitalism, varieties of capitalism, political economy
AUTOR/AUTHOR: Susanne Hilger
TITEL: Zur Genese des „German model“. Die Bedeutung des Ordoliberalismus für die Ausgestaltung der bundesdeutschen Wettbewerbsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg
ENGL. TITLE: The Emergence of the „German model“. The Impact of „Ordo Liberalism“ on the Constitution of German Capitalism
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 222-241.
KURZREFERAT: Im Hinblick auf die deutsche Wirtschaftsverfassung des 20. Jahrhunderts bildete der Zweite Weltkrieg eine nachhaltige Zäsur, galt es doch, dem „vormodernen“ deutschen Kapitalismus eine neue Prägung zu geben. Seither gilt Deutschland im internationalen Vergleich als klassisches Beispiel einer Ökonomie, die stärker als andere ein langfristiges, auf Konsens gerichtetes Modell verfolgt, das vielfältige gesellschaftliche und wirtschaftliche Interessenlagen („Stakeholder Value“) integrieren will. Dies lässt sich nicht zuletzt auf die prägenden ordnungspolitischen Leitvorstellungen des Ordoliberalismus in der Konstituierungsphase der Bundesrepublik zurückführen. Im Hinblick auf eine historische Genese des „German model“ wird die reale Umsetzung ordoliberaler Ideen am Beispiel der Entstehung des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkung (1957) untersucht.
STICHWORTE: Modell Deutschland, Ordoliberalismus, Wettbewerbspolitik, Wirtschaftspolitik, Kartellgesetzgebung, Wettbewerbsbeschränkung
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: The period after World War II was a formative period during which a new economic order came forward in Germany. It is argued that the regulatory ideas of Ordoliberalism had a strong impact on the ‘new’ economic order that emerged during the early period of the Federal Republic. The historical analysis particularly focuses on the political debates that surrounded the enactment of the German Anti-Trust Law (1957). The traditional ‘German model’ was transformed according to the ideas of Ordoliberalism, but it kept its traditional orientation toward consensus and cooperation.
KEYWORDS: German model, Ordo liberalism, economic policy, anti trust legislation
AUTOR/AUTHOR: Philip Manow
TITEL: Globalisierung, „Corporate Finance“ und koordinierter Kapitalismus. Die Alterssicherungssysteme als (versiegende) Quelle geduldigen Kapitals in Deutschland und Japan
ENGL. TITLE: Globalization, „Corporate Finance“ and Cooperative Capitalism: The Development of Pension Systems in Germany and Japan, and the „Taming“ of Investment Capital
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 242-275.
KURZREFERAT: Der außerordentliche Nachkriegserfolg des deutschen und japanischen Wirtschaftsmodells basierte auf der Verbindung zwischen einem international liberalen Handelsregime und national nicht-liberalen Finanzmärkten. Die national erfolgreiche ‚Zähmung’ des Finanzkapitals ermöglichte in beiden Ländern ein kooperatives Gleichgewicht in dem Kapital/Arbeit-Spiel, in dem Arbeiter Lohnzurückhaltung für das Versprechen der Unternehmer tauschten, die Unternehmensgewinne im Betrieb zu reinvestieren. Dies führte zu dem unwahrscheinlichen Mix aus geringer Inflation, hoher Produktivität, beständigem Exporterfolg, Vollbeschäftigung und hohem Wachstum. Die Alterssicherungssysteme beider Länder waren Teil dieses kooperativen Gleichgewichts, weil sie die Unternehmen mit geduldigem Kapital versorgten und durch die Überwindung von Verteilungskonflikten zwischen verschiedenen Kohorten von Arbeitern kollektive Lohnzurückhaltung stabilisierten. Die Liberalisierung der Finanzmärkte und die zeitgleiche fiskalische Krise des deutschen und japanischen Wohlfahrtstaates gefährden die Praktiken langfristiger Koordination, auf denen der wirtschaftliche Erfolg dieser zwei klassischen nicht-liberalen Marktwirtschaften basierte.
STICHWORTE: Finanzmarkt, Alterssicherung, Deutschland, Japan, Wohlfahrtsstaat, Unternehmensfinanzierung, Wohlfahrtstaat, koordinierte Marktwirtschaft
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: The success of the German and Japanese economic models seems to have depended on a combination of an international liberal trade regime with national non-liberal financial markets. In both countries the „taming“ of investment capital allowed for a cooperative solution of the capital/ labour game in which labour engaged in wage restraint and capital re-invested profits in the firm. The upshot of this cooperative equilibrium was the unlikely mix of low inflation, high productivity, export success, full employment and high growth. The pension systems in both countries were part of this equilibrium in that they provided firms with patient capital and stabilized wage restraint by helping to overcome problems of distributive fairness between different cohorts of workers. The liberalization of financial markets combined with the current fiscal crisis of the German and the Japanese welfare states threaten the practices of long-term economic coordination on which these two prime examples of non-liberal economies were based.
KEYWORDS: financial market, pension system, Germany, Japan, welfare state, coordinated market economy
AUTOR/AUTHOR: Dieter Ziegler
TITEL: Das deutsche Modell bankorientierter Finanzsysteme (1848–1957)
ENGL. TITLE: Comparing the German Model of Bank-oriented Financial Systems with the British Model of Market-oriented Financial Systems (1848-1957)
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 276-293.
KURZREFERAT: Der Text behandelt das deutsche Modell bankorientierter Finanzsysteme anhand seiner besonderen Entstehungsbedingungen und im Vergleich zum britischen Modell marktorientierter Finanzsysteme. Der britische Industrialisierungsweg, der das dortige Finanzsystem maßgeblich geprägt hatte, zeichnete sich durch einen relativ wenig kapitalintensiven Führungssektor (Textilindustrie) aus. Gleichzeitig war genügend Kapital im Land, um kapitalintensivere Infrastrukturprojekte (Kanalbau) ohne ein Dazwischentreten von besonderen Kreditinstituten zu finanzieren. Dieses Modell erwies sich auch im (kapitalintensiveren) Zeitalter des Eisenbahnbaus als ausreichend leistungsfähig, so dass ein neues institutionelles Arrangement nicht entstand. Im Vergleich dazu war der deutsche Industrialisierungsweg von Anfang an wesentlich kapitalintensiver, und obwohl auch in Deutschland kein Kapitalmangel herrschte, waren die Kapitalbesitzer es nicht gewohnt, in vergleichsweise riskante Projekte zu investieren. In dieser Situation entwickelte sich in Deutschland der Prototyp der Universalbank (teilweise auf belgischen und französischen Vorbildern beruhend), der auch für andere industriell gemäßigt rückständige Länder zum Vorbild wurde. Nachdem sich die grundlegenden Strukturen der Finanzsysteme gegen Ende des 19. Jahrhunderts einmal ausgebildet und etabliert hatten, hatten sich „Systemwechsel“ während des gesamten 20. Jahrhunderts als nicht durchsetzbar erwiesen, obwohl es aus der Sicht der Zeitgenossen zu verschiedenen Zeiten dafür durchaus gute Gründe gegeben hatte. Im britischen Fall galt das für die Diskussion um die „Macmillan Gap“, eine Finanzierungslücke der mittleren Industrie, die im bankorientierten System angeblich nicht auftrat, und die besonders heftig in den zwanziger Jahren geführt wurde. Im deutschen Fall galt das für die Krisenanfälligkeit des Universalbanksystems (in der Bankenkrise von 1931) und die angeblich für eine Demokratie unverträglich große politische und wirtschaftlichen Macht der Großbanken, die zwar zu einer Zerschlagung der deutschen Großbanken durch die alliierten Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg geführt hatte, aber eine Restitution des bankorientierten Finanzsystems mit einer überschaubaren Zahl von Universalbanken in ihrem Kern nicht verhinderte.
STICHWORTE: Aktiengesellschaft, Aufsichtsrat, Bank of England, britisches Bankensystem, Bankenkrise, Depotstimmrecht, marktorientiertes Finanzsystem, bankorientiertes Finanzsystem, Deutsche Reichsbank, Sparkasse, Universalbank, Währungsordnung
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: This paper compares the German model - a bank-oriented financial system - with the British model - a market-oriented financial system. It focuses both on the path of industrialisation and its impact on the framing of the respective system and on the resistance of the respective system towards a system change. In contrast to the British path of industrialisation which was characterised by the comparatively less capital intensive textile industry in the eighteenth century, the German path of industrialisation in the mid-nineteenth century was characterised by the more capital intensive heavy industry, including the railways. In order to prevent major problems in financing indispensable investments a financial system was needed, that was different from the English one - even though the English banking system had been regarded as a model for industrialization. Instead, while learning from Belgian and French examples, German bankers developed the mixed banking practices which later became a model for other countries with moderately backward economies. In the twentieth century the British and the German model had become prototypes of the respective financial systems, and during this century both models proved to be highly resistant towards any system change. Although the Allies had dismantled the German universal banking system after the Second World War, it experienced its revival as soon as the German had regained its sovereignty in the 1950s.
KEYWORDS: Public corporation, supervisory board, Bank of England, British banking system, banking crisis, proxy votes, financial system, lokal banks, German Reichsbank, savings banks, universal banking, monetary system
AUTOR/AUTHOR: Susanne Lütz
TITEL: Von der Infrastruktur zum Markt? Der deutsche Finanzsektor zwischen Deregulierung und Reregulierung
ENGL. TITLE: From Infrastructure to a Market? German Finance between Deregulation and Reregulation
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 294-315.
KURZREFERAT: Der Finanzsektor war lange Zeit ein Eckpfeiler des koordinierten deutschen Kapitalismusmodells. Beschränkter Wettbewerb innerhalb des Bankensektors und stabile Verflechtungen zwischen Industrie, Banken und auf regionaler und kommunaler Ebene auch dem Staat galten als Voraussetzung längerfristiger Investitionsstrategien und einer regionalen Industriepolitik. Seit den frühen 1990er Jahren hat ein grundlegender Restrukturierungsprozess stattgefunden, der zur Kommodifizierung und Reregulierung von Finanzbeziehungen geführt hat. Trotz dieses übergreifenden Trends wurden zentrale Elemente des deutschen stakeholder-Modells erhalten oder reorganisiert, sodass insgesamt die Vielfalt an Organisationsmodellen innerhalb des nationalen Kapitalismustyps eher zugenommen hat. Es wird argumentiert, dass die Transformation wesentlich auf exogene Faktoren zurückgeht, wie Europäische Wettbewerbspolitik, die Globalisierung von Finanzmärkten und die Reregu-lierung von Finanzbeziehungen auf verschiedenen politischen Ebenen. Exogene Kräfte engen nicht notwendigerweise die Handlungsspielräume für nationale Akteure ein, sondern fungieren als „Gelegenheitsstrukturen“ für diejenigen, die Reformen durchsetzen wollen.
STICHWORTE: Finanzmarkt, Banken, Unternehmensverflechtungen, organisierter Kapitalismus, Modell Deutschland, Deregulierung, Globalisierung
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: Finance used to be the cornerstone of the coordinated model of German capitalism. Restricted competition within the banking sector and stable network relations between industry, banks and also regional governments were seen as precondition for longer term investment strategies and regional industrial policy. Since the early 1990s, a substantial restructuring has been taken place leading to the commodification and reregulation of financial relations. Despite this overall trend, elements of the stakeholder model are either being sustained or remodelled thus leading to a greater variety of organizational models within the national system of capitalism. It is argued that domestic change is mostly a response to exogenous forces, such as European competition policy, financial globalization and the reregulation of finance on different political levels. Exogenous forces are not necessarily constraining domestic actors, but turn into „opportunity structures“ for those willing to push reforms through.
KEYWORDS: finance, banks, interlocking directorates, coordinated capitalism, German model, deregulation, globalization
AUTOR/AUTHOR: Gerald D. Feldman
TITEL: Banken, Bankenmacht und Finanzinstitutionen von 1900 bis 1933
ENGL. TITLE: Banks, Bankenmacht, and Financial Institutions from 1900 to 1933
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 316-330.
KURZREFERAT: Inspiriert durch Rudolf Hilferding, Alexander Gerschenkron und Alfred Chandler haben viele historische Untersuchungen über die Industrialisierung in Deutschland die Bedeutung der Universalbanken für den Prozess der Industrialisierung hervorgehoben. Dabei wurde insbesondere die Macht der Banken betont, die sie aufgrund ihrer Vertretung in den Aufsichtsräten der Industrieunternehmen ausübten. Neuere Forschungen haben jedoch viele Voraussetzungen, auf denen diese Interpretation beruhte, in Frage gestellt. Caroline Fohlin, Volker Wellhöner, Harald Wixforth und andere haben gezeigt, dass die Anzahl von Unternehmen mit einem Bankvertreter im Aufsichtsrat kleiner war als angenommen; dass die Banken ihren Einfluss vor allem während der Endphase der Industrialisierung ausgeübt haben; dass Familienunternehmen ihre Bedeutung beibehalten haben; und dass der Einfluss der Banken begrenzt wurde durch die Konsortien der Banken und die Möglichkeit der Industrie-Manager, die Konkurrenz der Banken untereinander auszunutzen. Es wird häufig übersehen, dass dieses System von der Reichsbank abhängig war, die durch eine großzügige Praxis der Wechseldiskontierung für die Universalbanken ein ‚lender of last resort“ war und ihnen erlaubte, mit geringen Geldreserven zu operieren. Während des 1. Weltkrieges waren die Unternehmen weitgehend in der Lage, sich selbst zu finanzieren, während der Inflation (1922/23) wurde das System durch den Missbrauch der ‚real bills doctrine“ korrumpiert. Es folgten Deckungs-Restriktionen für die Reichsbank, die dazu führten, dass die Kreditvergabe der Reichsbank sehr begrenzt wurde und die Universalbanken auf eine kurzfristige Finanzierung des Auslands angewiesen waren; schließlich folgte der Kollaps des Bankensystems im Jahre 1931. Das System war abhängig von Praktiken und Netzwerken, die durch die Bankenkrise unterminiert oder zerstört wurden. Die Rolle der Universalbanken in der deutschen Ökonomie muss daher kritischer beurteilt werden als dies bisher geschehen ist. Es war ein verwundbares System, und - wie dies auch für andere Systeme gilt - es wurde auch durch pfadabhängige Veränderungen und durch Netzwerke geprägt.
STICHWORTE: Universalbanken, Industrialisierung, Deutschland, Deutsche Reichsbank
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: Following the lead of Rudolf Hilferding, Alexander Gerschenkron, and Alfred Chandler, the scholarship on German industrialization has tended to stress the importance of universal banks in German industrialization and the power exercised by the bankers who sat on the supervisory boards of industrial enterprises. Recent research, however, has called many of the assumptions upon which this interpretation has been based in question. Caroline Fohlin, Volker Wellhöner, Harald Wixforth and others have shown that the number of German enterprises having bankers on their supervisory boards was smaller than thought, the banks were most important in the period of high industrialization, family firms maintained considerable importance, and the influence of banks was limited because of consortial financing and the ability of industrialists to play banks off against one another. What is often overlooked is that the system depended on Reichsbank ability to act as a lender of last resort through the discounting of bills of exchange, thus permitting the banks to maintain low balances. Industrial self-financing during the war and the corruption of the „real bills doctrine“ during the inflation was followed by restrictions on the Reichsbank so that the banks were dependent on the short-term financing from abroad that culminated in the banking collapse of 1931. Ultimately, the system depended on a series of practices and networks that were torn asunder by the crisis. The role of universal banks in the German economic system, therefore, needs to be viewed more critically than it has been. It was a vulnerable system and, as was and is the case with other financial systems, reflected the power of path dependency and the importance of networks.
KEYWORDS: universal banks, industrialization, Germany, Reichsbank
AUTOR/AUTHOR: Volker Bornschier
TITEL: Varianten des Kapitalismus in reichen Demokratien beim Übergang in das neue Gesellschaftsmodell
ENGL. TITLE: Varieties of Capitalism in Rich Democracies in Transition. Toward the New Societal Model
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 331-371.
KURZREFERAT: Bei der Abgrenzung der Varianten des Kapitalismus steht eine Variable im Vordergrund: der Grad an ausgehandeltem Kapitalismus. Diese Hauptdimension wird ergänzt durch: 1. das angelsächsische liberale Kulturerbe und 2. den proaktiven unternehmerischen Staat. Ausgehandelter Kapitalismus (oder demokratischer Korporatismus) wird über den Zeitraum 1960-1995 untersucht; die Leitfrage ist: Konvergenz oder fortbestehende Unterschiede in reichen Demokratien in der Ära der globalisierten Wirtschaft? Ich schlussfolgere, dass die Unterschiede nicht nur bestehen blieben, sondern sich über die letzten Dekaden stärker polarisiert haben. Kapitalismusvarianten mit ihren je eigenen politischen Stilen reagieren unterschiedlich auf Herausforderungen. Wie haben sie den epochalen Wechsel, den Übergang in ein neues Gesellschaftsmodell als Grundlage für einen langen wirtschaftlichen Aufschwung, bewerkstelligt? Politische Stile begünstigen – im Falle des angelsächsischen Erbes – oder erschweren – bei ausgeprägt ausgehandeltem Kapitalismus – den Übergang. Dennoch befinden sich sowohl die angelsächsischen Gesellschaften wie auch die Europäische Union seit den 1990er Jahren am Beginn eines langen Aufschwungs. Die Erklärung lautet: Was immer die Verdienste und Leistungen des ausgehandelten Kapitalismus sein mögen, diese Systeme hätten diesen Übergang nicht so schnell ohne die Neukonfiguration der Europäischen Union vollziehen können.
STICHWORTE: Varianten des Kapitalismus, politische Ökonomie, Globalisierung, Konvergenz, ausgehandelter Kapitalismus, kulturelles Erbe, unternehmerischer Staat, Gesellschaftsmodell, politischer Wandel, technologischer Wandel
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: In delineating varieties of capitalism one dimension is most important: the degree of negotiated capitalism. This is supplemented by (1) liberal Anglo-Saxon cultural heritage and (2) the proactive entrepreneurial state. The degree of negotiated capitalism (or democratic corporatism) is analyzed over the period from 1960 to 1995 to settle the question: Convergence or persisting differences in rich democracies in the era of economic globalization? It is concluded that differences between varieties of capitalism not only persist but that there tends to have emerged an even stronger polarization in the developed world during the last decades. Since varieties of capitalism with their distinct political styles respond in different ways, it is analyzed how they have managed one of the epochal changes in recent decades, the move toward the new societal model as the prerequisite for a long economic boom. Political styles should favour, in the case of the Anglo-Saxon cultural pattern, or rather inhibit, in the case of pronounced negotiated capitalism, that transition. Nevertheless, both Anglo-Saxon cases as well as the European Union initiated a long economic boom in the 1990s. The interpretation is that, whatever the accomplishments of negotiated capitalism, these systems would not have made the transition so fast if the new political configuration of the European Union had not been brought into existence.
KEYWORDS: varieties of capitalism, political economy, globalization, convergence, negotiated capitalism, cultural heritage, political change, technological change
AUTOR/AUTHOR: Franz Traxler
TITEL: Geldpolitik, Tarifsystem und Korporatismus
ENGL. TITLE: Monetary Policy, Collective Bargaining, and Corporatism
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 372-393.
KURZREFERAT: Dieser Aufsatz untersucht die Auswirkungen des wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsels, namentlich der Geldpolitik, auf das Tarifverhandlungssystem. Auf der Grundlage eines internationalen Vergleichs werden die Besonderheiten der deutschen Entwicklung herausgearbeitet. Dabei zeigt sich, dass sich für die Bundesrepublik durch den sehr frühen Übergang zu einer konservativen Geldpolitik im Zusammenwirken mit einem Tarifssystem, dessen Struktur diesen Übergang begünstigte, komparative Vorteile ergaben. Entgegen gängigen Theoremen entstand daher durch diesen Wandel auch kein Druck zur „Disorganisierung“ des korporatistischen Tarifsystems der Bundesrepublik. Diese Vorteile verflüchtigten sich allerdings in dem Maß, in dem die Tarifsysteme anderer Länder sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen lernten. Die komparativen Vorteile verkehrten sich vollends in makroökonomische Nachteile durch die Europäisierung der Geldpolitik, die dadurch zu den gegenwärtigen Erosionstendenzen des deutschen Tarifsystems beiträgt.
STICHWORTE: Korporatismus, Tarifverhandlungen, Tarifpolitik, Geldpolitik, Arbeitsbeziehungen, Industrielle Beziehungen, Wirtschaftsordnung, makroökonomische Regulierung, international vergleichende Forschung
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: This paper discusses the impact on collective bargaining of the change in macroeconomic policies, in particular the change in monetary policy. Based on a cross-national comparison, this analysis points out the properties of the German adjustment process. In the case of Germany the early shift to a conservative monetary policy in combination with a collective bargaining system, which proved highly responsive to such policy, created comparative advantages. Hence, these changes did not unleash a “disorganization” of the corporatist German bargaining system, in stark contrast to what some stream of the literature assumed. However, these advantages have faded away, since the bargaining systems learnt to accommodate to these changes in many other countries. Moreover, the establishment of European Monetary Union has turned the former advantages into economic disadvantages, something which contributes to the current erosion of the German bargaining system.
KEYWORDS: corporatism, collective bargaining, bargaining policy, monetary policy, labour relations, industrial relations, macroeconomic governance, cross-national comparison
AUTOR/AUTHOR: Richard Münch and Tina Guenther
TITEL: Der Markt in der Organisation. Von der Hegemonie der Fachspezialisten zur Hegemonie des Finanzmanagements
ENGL. TITLE: Markets within Organisations. The New Hegemony of Financial Management Replacing the Dominance of Technical Experts in Germany
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 394-417.
KURZREFERAT: Gegenstand des Artikels ist die Frage, ob deutsche Unternehmen einen Paradigmenwechsel von der fachlich gesteuerten Organisation der technischen Experten zur marktgesteuerten Organisation des Finanzmanagements vollziehen. Ausgangspunkt ist ein theoretisches Modell des Paradigmenwechsels von Organisationen. Das Paradigma der fachlich gesteuerten Expertenorganisation wurde durch das organisationale Feld von schützendem Staat, kontrollierenden Banken und Versicherungen, Professionen und Verbänden und risikoarm ihre Marktposition sichernden Unternehmen innerhalb der „Deutschland AG“ getragen (das Regime der Fachspezialisten). Die Destabilisierung dieses Feldes im Zuge der Globalisierung von Finanz- und Produktmärkten und die Herausbildung eines von institutionellen Anlegern, Wirtschaftsprüfern, Unternehmensberatungen, Rating-Agenturen und Shareholder-Value steigernden Unternehmen geprägten Feldes hebt den Schutz der Expertenorganisation vor dem direkten Eindringen der Marktkräfte auf (das Regime des Finanzmanagements). Sie wird von dem neuen Paradigma der Organisation des Finanzmanagements überlagert. Je mehr organisationales Feld und Organisationen von der Logik des Finanzmanagements durchdrungen werden, um so mehr wird die traditionelle Hegemonie der Fachspezialisten von der neuen Hegemonie des Finanzmanagements verdrängt. Wie weit ein solcher Paradigmenwechsel der Organisation zu beobachten ist, wird anhand einer Fallstudie zur Bayer AG auf Konzernebene in den vier Dimensionen von Leistungsorganisation, Unternehmenssteuerung und Führungsstruktur, Sozialintegration sowie Unternehmenskommunikation und -kultur exemplarisch ermittelt.
STICHWORTE: Markt, Organisation, organisationales Feld, Deutschland AG, fachgesteuerte Organisation, finanzgesteuerte Organisation
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: The article deals with the paradigmatic change of the German corporation from the technically ruled organization of technical experts to the market-driven organization of financial management. In the first step, this change is being discussed with regard to the question of increasing convergence or continued divergence of market regimes and innovation systems. The second step develops a theoretical model of paradigmatic change of organizations. The paradigm of the technically ruled enterprise of technical experts was supported by the organizational field of a protective state, controlling banks and insurance companies and risk minimizing enterprises securing their market position within the ‘German Inc.’ (the regime of technical specialists). The destabilization of financial and product markets and the emergence of a field dominated by institutional investors, accounting agencies, consultancies, rating agencies and corporations aiming at increasing their shareholder value dissolve the protection of the organization of technical experts from direct invasion of the market (the regime of financial management). The organization of technical experts is increasingly being subjected to the rule of financial management. The more the organizational field and the firms within this field are penetrated by the logic of shareholder value, the more the traditional hegemony of technical experts is being replaced by the new hegemony of financial management. The third step describes this paradigmatic change through a case study of Bayer AG in the four dimensions of functional organization; governance and leadership; social integration; as well as culture and communication. The concluding fourth step discusses the perspectives of development of the organization of technical experts in its globalized organizational field.
KEYWORDS: market, organization, organizational field, Germany Inc., professional organization, shareholder-value
AUTOR/AUTHOR: Bernd Frick
TITEL: Kontrolle und Performance der mitbestimmten Unternehmung. Rechtsökonomische Überlegungen und empirische Befunde
ENGL. TITLE: Performance and Control. The German System of Codetermination in Industry
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 418-440.
KURZREFERAT: In der politischen Diskussion sind seit einiger Zeit vermehrt Stimmen laut geworden, die das bundesdeutsche System der Mitbestimmung heftig kritisieren und als „Standortnachteil“ bezeichnen. Dem steht die gleichermaßen plausible Vermutung gegenüber, dass Mitbestimmung durch eine Verbesserung des Informationsflusses die Kooperations- und Kompromissbereitschaft der Beschäftigten erhöht, die Kanalisierung innerbetrieblicher Konflikte erleichtert und damit die Qualität der Arbeitsbeziehungen verbessert. Ungeachtet ihrer Defizite ist die verfügbare empirische Evidenz sehr viel eher mit der letztgenannten Hypothese kompatibel: So zeigt die empirische Analyse, dass 1. Mitbestimmung der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat keinen den Marktwert der Unternehmen reduzierenden Einfluss hat und 2. die Existenz eines Betriebsrates einen positiven Einfluss auf betriebliche Investitionen in „intangible assets“ (wie z.B. die Stabilisierung individueller Beschäftigungsverhältnisse) und die Bruttowertschöpfung je Arbeitnehmer hat.
STICHWORTE: Mitbestimmung, Betriebsrat, Arbeitsproduktivität, Personalfluktuation, Kapitalmarkt
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: Recently, the German system of codetermination has been criticized as being detrimental to the competitiveness of the German economy. Not surprisingly, this view has been challenged immediately: Mandated codetermination may be a particularly useful institution to overcome the problems inherent in a “prisoner’s dilemma” situation, where credible commitments are impossible to be made without the support of an exogenously implemented institution. This latter view is supported by the evidence presented in the empirical part of the paper: First, worker representation on corporate boards has no negative impact on the market value of the firm. Second, the existence of a works council has a positive influence on investments in “intangible assets” (such as the stabilization of individual employment relationships). Finally, the presence of a works council also has a positive and statistically significant influence on labour productivity.
KEYWORDS: codetermination, works council, labour productivity, turn over rate, capital market
AUTOR/AUTHOR: Klaus Armingeon
TITEL: Die Ausbreitung der Aktiengesellschaft und der Wandel des Wohlfahrtsstaates und der Arbeitsbeziehungen. Ein internationaler Vergleich
ENGL. TITLE: Public Corporations, Collective Labour Relations, and the Welfare State. An International Comparison of the OECD Country Group, 1970-2000
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 441-459.
KURZREFERAT: Im Beitrag werden zwei Institutionen behandelt, die für Unternehmen von herausragender Bedeutung sind: die kollektiven Arbeitsbeziehungen und der Wohlfahrtsstaat. Im Anschluss an die neuere Literatur über Varianten des Kapitalismus ist ein Mindestmaß an institutioneller Komplementarität zwischen den in einer Volkwirtschaft vorherrschenden Unternehmensformen und den Ausprägungen der Arbeitsbeziehungen und des Systems der sozialen Sicherheit anzunehmen. Die Ausbreitung der Aktiengesellschaft in westlichen Volkswirtschaften und das Zurückdrängen des traditionellen Familienbetriebs sollte deshalb zu institutionellen Veränderungen des Sozialstaates und der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen führen. In einem internationalen Vergleich wird gezeigt, dass diese Institutionen in der Regel jedoch nicht grundlegend verändert werden. Sie wandeln sich vielmehr pfadabhängig. In einem Prozess der Hybridisierung werden neue institutionelle Elemente den bisherigen Bestandteilen angelagert. Daraus folgen eigentümliche Entwicklungen, die nur vielfach gebrochen die Funktionslogik eines durch das Vorherrschen von Aktiengesellschaften geprägten Kapitalismus widerspiegeln. Verschiedene Indikatoren deuten darauf hin, dass die Veränderungen von Firmenstrukturen erheblich schneller und umfangreicher sind als die Veränderungen des Wohlfahrtsstaates und der Arbeitsbeziehungen. Untersucht werden die etablierten Demokratien der OECD-Ländergruppe im Zeitraum von 1970 bis 2000.
STICHWORTE: Aktiengesellschaft, Unternehmensverfassung, Arbeitsbeziehungen, Wohlfahrtsstaat, institutioneller Wandel
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: This article deals with two institutions being of outstanding importance to employers: collective labour relations and the welfare state. According to the varieties of capitalism-approach we expect institutional complementarities between types of enterprises, labour relations, and social security schemes. The expansion of public corporations and the decrease of the proportion of traditional family owned enterprises are expected to lead to institutional changes in the welfare state and in labour relations. In an international comparison it is shown that these institutions hardly change in a dramatic manner. This change is path dependent. In a process of hybridization new institutional elements are layered onto existing structures. This leads to specific developments reflecting only indirectly the functional requirements of an economy based on the ideal type of the public corporation. Several indicators suggest that the change of corporate governance is much more swift, profound and encompassing than the changes of the welfare state and labour relations. I analyze the established democracies of the OECD country group, 1970-2000.
KEYWORDS: public corporation, corporate government, labour relations, welfare state, institutional change.
AUTOR/AUTHOR: Stefan Hradil
TITEL: Warum werden die meisten entwickelten Gesellschaften wieder ungleicher?
ENGL. TITLE: Are Developed Societies Becoming More Unequal?
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 460-483.
KURZREFERAT: In der Öffentlichkeit besteht der Eindruck, dass entwickelte Gesellschaften in letzter Zeit ungleicher werden. Im Beitrag wird anhand empirischer Daten gezeigt, dass nach jahrzehntelanger Angleichung seit etwa den 1970er Jahren die Haushaltseinkommen vieler Gesellschaften in der Tat wieder ungleicher werden. Im Beitrag werden die Gründe dieser Verschärfung auf der Basis von Modernisierungs- und Globalisierungstheorien analysiert. Deren empirische Prüfung ergibt, dass die scheinbar gegensätzlichen Theorien nur im Zusammenwirken in der Lage sind, die ungleicher gewordenen nationalen Einkommensverteilungen zu erklären. Heute bewirken die Modernisierungsfaktoren Rationalisierung und technischer Wandel angesichts gegebener Randbedingungen von Bildung und Bevölkerung und beeinflusst durch die Globalisierungsprozesse Migration, Handel und Finanzströme eine wachsende Ungleichheit. Möglicherweise werden in Zukunft Modernisierung und Globalisierung zusammen wieder mehr Gleichheit hervorbringen, freilich nur bei veränderten Bildungs- und Bevölkerungsstrukturen.
STICHWORTE: Sozialstruktur, Einkommensverteilung, internationaler Vergleich, Modernisierung, Globalisierung
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: Public opinion has got the impression that developed societies are becoming more unequal. Empirical data from various sources show, that after becoming more equal for decades, in many societies the inequality of household incomes actually is on the rise since the 1970s. The contribution examines the reasons for this increase on the basis of theories of modernization and globalization. It can be shown by empirical data that the seemingly opposing theories of modernization and globalization only taken together can explain the more and more unequal national income distributions. The modernizing factors of rationalization and technological change cause increasing inequality – under given circumstances of educational and population structures and influenced by globalisation factors such as migration, trade and financial flows. May be the contemporary increase of social inequality will not continue forever. Modernization and globalization together once again can produce more equality, provided there will be different educational and demographic structures.
KEYWORDS: Social structure, income distribution, international comparison, modernization, globalization
AUTOR/AUTHOR: Cornelia Weins
TITEL: Die Entwicklung der Lohnungleichheit in Deutschland und den USA zwischen 1980 und 2000
ENGL. TITLE: Wage Inequality in the US and Germany from 1980 to 2000
QUELLE/SOURCE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 45, 2005, S. 484-503.
KURZREFERAT: Ausgehend von der These eines allgemeinen Trends zu größerer Ungleichheit auf Arbeitsmärkten in entwickelten Industriegesellschaften durch eine Verschiebung der Nachfrage zugunsten besser ausgebildeter Beschäftigter werden die Ergebnisse von Studien zur Lohnungleichheit in Deutschland und den USA zwischen 1980 und 2000 präsentiert. Diese zeigen einen starken Anstieg der Lohnungleichheit in den USA bis 1995, verbunden mit Lohneinbußen für die männlichen Beschäftigten am unteren Ende der Lohnverteilung. Die Entwicklung in den USA lässt sich nicht allein als Folge einer veränderten Arbeitsnachfrage deuten, Veränderungen des Arbeitsangebotes und die Veränderung von Arbeitsmarktinstitutionen haben den Anstieg der Lohnungleichheit begünstigt. Die westdeutsche Lohnstruktur erwies sich im Großen und Ganzen als stabil, während in Ostdeutschland die Spreizung der Löhne nach der Vereinigung zunahm. Die empirischen Evidenzen dafür, dass die Stabilität der Lohnungleichheit in Westdeutschland mit dem massiven Beschäftigungsproblem erkauft wurde, sind nicht eindeutig. Die Stabilität am oberen Ende der Lohnverteilung (wo Lohninflexibilitäten ohne Bedeutung sein sollten) ist nicht ohne weiteres mit einer allgemeinen Veränderung der Arbeitsnachfrage in entwickelten Industriegesellschaften vereinbar. Soziale Normen über akzeptable „Spitzenlöhne“ mögen hier eine Rolle spielen.
STICHWORTE: soziale Ungleichheit, Lohnungleichheit, Arbeitsmarkt, Bildungsrendite, Deutschland, USA
ENGL. KURZREFERAT/ABSTRACT: This article reviews studies on wage inequality in the US and Germany from 1980 to 2000. Wage dispersion is supposed to increase in Western industrial countries because of a shift in the demand for more skilled workers. In fact, overall wage inequality increased in the US substantially up to 1995, with real wage loss for male workers at the bottom of the wage distribution. To understand the recent growth of wage inequality it is necessary to take into account both shifts in the demand for and in the supply of skilled workers as well as changes in wage setting institutions. During the time period the West German wage structure remained remarkably stable, while after unification wage dispersion increased in East Germany. There is no clear evidence that the high and increasing unemployment in West Germany is reciprocal to a stable wage dispersion. The stability at the top (where wage rigidities should be insignificant) is hardly to reconcile with a general shift in demand in industrialized countries. Perhaps social norms about acceptable wages for “those at the top” play a significant role here.
KEYWORDS: social inequality, wage inequality, labour market, return on human capital, Germany, United States
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