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Zusammenfassungen und English Summaries
Heft 4, Jg. 46, 1994

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Zu den Kurzbiographien


AUTOR: Westle, Bettina

TITEL: Demokratie und Sozialismus. Politische Ordnungsvorstellungen im vereinten Deutschland zwischen Ideologie, Protest und Nostalgie

ENGL. TITEL: Democracy and Socialism. Political Orientations in Germany between Ideology, Protest and Nostalgia

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 46, 1994, S. 571-596

ZUSAMMENFASSUNG: Die Orientierungen der ostdeutschen Bürger gegenüber der Demokratie und ihre Auffassungen zu zentralen Elementen demokratischer politischer Systeme sind denen der westdeutschen Bürger sehr ähnlich. Dies mußte angesichts der Sozialisation der beiden Bevölkerungsteile des vereinten Deutschlands in konträren politischen Systemen erstaunen. Nach anfänglicher Skepsis wurden Erklärungen für diese Ähnlichkeit primär in indirekten und kurzfristigen Faktoren gesucht, nämlich einer virtuellen demokratischen Sozialisation der Ostdeutschen durch die Rezeption westlicher Massenmedien seit den 80er Jahren und der Erfahrung der friedlichen Wende in der DDR. Diese Arbeit versucht dagegen zu zeigen, daß auch Effekte einer langfristigen Sozialisation der Ostdeutschen im System des Sozialismus auf ihre gegenwärtigen politischen Systemorientierungen nicht unplausibel sind. Insbesondere das Ideal eines demokratischen Sozialismus lebt in den Köpfen weiter, wird auf die Idealvorstellung einer Demokratie übertragen und als Meßlatte ihrer Realisierung angelegt.

ABSTRACT: Democratic orientations of the East Germans are quite similar to those of the West Germans. This was astonishing because of their socialisation in contrary political systems before the unification of Germany. Explanations for this similarity tapped at indirect and short-term effects on learning democracy, that is a "platonic" democratic socialisation of the East Germans because of their broadly reception of West German mass media since the eighties and their experience of the "Wende" in the GDR. This paper tries to show that long-term effects of the socialist socialisation on the democratic orientations of East Germans probably are at work as well. The idea of a democratic socialism still lives, determines preferences of an ideal democracy and is held against the democratic reality.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Dr. Bettina Westle, ZUMA, Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen e.V., Postfach 122155, B2,2, 68072 Mannheim

AUTOR: Becker, Rolf

TITEL: Intergenerationale Mobilität im Lebenslauf oder: Ist der öffentliche Dienst ein Mobilitätskanal zwischen Generationen?

ENGL. TITEL: Intergenerational Mobility in the Life Course and the Role of the Public Sector as Mobility Channel

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 46, 1994, S. 597- 618

ZUSAMMENFASSUNG: Aus der Lebensverlaufsperspektive wird die intergenerationale Mobilität von Männern und Frauen in den Kohorten 1929-31, 1939-41 und 1949-51 untersucht. In welchem Umfang hat die Expansion des öffentlichen Dienstes Mobilitätschancen eröffnet? Inwieweit hat der öffentliche Dienst als Sonderstruktur im Gegensatz zur Privatwirtschaft seine Funktion als "Mobilitätskanal" ausgeweitet? Modifizieren für den öffentlichen Dienst charakteristische institutionelle Regelungen der Rekrutierung und Allokation von Arbeitskräften diese Funktion? Für empirische Analysen wurden Längsschnittdaten des Lebensverlaufsprojekts am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung herangezogen. Zunehmende herkunftsbedingte und bildungsmäßige Ungleichheit bestimmen einen Großteil der Chancen intergenerationaler Mobilität. Die Ausdehnung der Staatsbeschäftigung hat dazu geführt, daß in der Kohortenabfolge vor allem die Berufsanfänger aufstiegen, die in der Lage waren, in den öffentlichen Dienst einzutreten. Das Nachholen beim Berufseinstieg verpaßter Aufstiege ist kaum möglich, und dies gelingt auch nicht durch die Beschäftigung im öffentlichen Dienst. Für die Wahrscheinlichkeit intergenerationaler Aufstiege im Berufsverlauf gibt es keine sektorspezifischen Unterschiede. Staatsbeschäftigte unterliegen aufgrund der Besitzstandswahrung einem deutlich geringeren Abstiegsrisiko als privatwirtschaftlich Beschäftigte. Der Staatssektor hat seine Funktion als Aufstiegskanal für Berufsanfänger ausgeweitet und garantiert seinen langfristig Beschäftigten die erreichte Statuslage. Damit ist der öffentliche Dienst ein weiteres Strukturprinzip sozialer Ungleichheit.

ABSTRACT: Intergenerational mobility of men and women in the cohorts 1929-31, 1939-41 and 1949-51 are analyzed from the life course perspective. How did the expansion of the public sector influence mobility chances? Has the public sector expanded its function as mobility channel? Do the specific institutional arrangements for recruitment and allocation of manpower in the public sector modify this function? For the empirical analysis, the data set of the German Life History Study (Max Planck Institute for Human Development, Berlin) is used. This data set includes longitudinal information about the life course of 2,171 German men and women in three birth cohorts. The effects of social origin and education have increased across cohorts and determine outcomes of social mobility. The expansion of the public sector has led to an increase of upward mobility of occupational beginners having access to the state sector. However, there are no sector specific differences in the likelihood of upward mobility in the career. Individuals working in the public sector have a low risk of downward mobility. The state sector has become more important as a mobility channel for occupational beginners and guarantees the status of their employees. Therefore, the public sector is also responsible for social inequality.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Dr. Rolf Becker, Technische Universität Dresden, Institut für Soziologie, Helmholtzstraße 8, D-01062 Dresden

AUTOR: Hendrickx, John; Schreuder, Osmund; Ultee, Wouter

TITEL: Die konfessionelle Mischehe in Deutschland (1901-1986) und den Niederlanden (1914-1986)

ENGL. TITEL: Religious Assortive Marriages in Germany (1901-1986) and the Netherlands (1914-1986)

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 46, 1994, S. 619-645

ZUSAMMENFASSUNG: Die konfessionelle Homo- und Heterogamie werden als Indikatoren für soziale Distanz und gesellschaftliche Offenheit im Bereich der primären Beziehungen interpretiert. Anhand der offiziellen nationalen Statistik werden Trends der Partnerwahl für die Niederlande und Deutschland beschrieben. Loglineare Modelle werden verwendet, um demographische Faktoren auszuschalten und den Einfluß von Angebot und Nachfrage auf dem Heiratsmarkt zu ermitteln. Früher gingen Deutsche bzw. Protestanten eine konfessionelle Mischehe häufiger ein als Niederländer bzw. Katholiken. Im Laufe der Zeit aber wurde Religionszugehörigkeit als relevantes Merkmal für die Partnerwahl weniger bedeutsam; nur einige soziale Gruppierungen wie orthodoxe Kalvinisten oder Juden überschreiten bei der Partnerwahl relativ selten Grenzen der Konfessionszugehörigkeit. Allgemeine Theorien wie durch Modernisierung und Industrialisierung wachsende Mobilität und zunehmende mentale Offenheit erklären die beobachteten Trends nur in beschränktem Maße. Adäquatere Interpretationen bieten die folgenden Merkmale der jeweiligen Sozialgeschichte: spezifische konfessionelle Traditionen, der Bruch deutscher Katholiken mit der Vergangenheit nach dem Zweiten Weltkrieg und die Revolte der holländischen Katholiken in den 60er Jahren.

ABSTRACT: This paper describes and compares trends of religious homogamy and heterogamy in Germany (1901-1986) and the Netherlands (1914-1986), using four (and sometimes six) categories of religious denomination. Attention is paid mainly to the relative frequencies of religious assortive marriage, using loglinear models to control for the impact of demographic factors. Moreover, attention is drawn to the patterns of acceptance and rejection between members of different denominations on the marriage market. Special attention has been given to Jewish marriage behavior in Germany in the period 1927-1936 and in the Netherlands in the period 1935-1943, in order to reveal the effects of the rise of National-Socialism. With the exception of certain well-defined groups, crossing denominational borders on the marriage market has become a normal pattern in both countries. This is taken as an indication of growing social integration and societal openness. General theories such as modernization or industrialization can account for the trends only to a very limited degree. National history and denominational characteristics seem to provide more adequate interpretations.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Osmund Schreuder, Soziologisches Institut der Universität Nimwegen, Postfach 9108, NL-6500 HK Nimwegen

AUTOR: Ohr, Dieter

TITEL: War die NSDAP-Propaganda nur bei "nationalsozialistischen" Wählern erfolgreich? Eine Aggregatdatenanalyse zur Wirkung der nationalsozialistischen Versammlungspropaganda

ENGL. TITEL: Could NSDAP-Propaganda Convert only "Nationalistic" Voters? An Aggregate Data Analysis to the Effect of National Socialist Election Meetings

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 46, 1994, S. 646-667

ZUSAMMENFASSUNG: Der NSDAP gelang es, innerhalb von nur vier Jahren bis zu 14 Millionen der Deutschen für sich zu mobilisieren, obwohl sie noch 1928 eine völlig bedeutungslose Splitterpartei war. Welchen Anteil hatte die nationalsozialistische Propaganda an dieser Entwicklung? Zur Klärung dieser Frage wird am Beispiel der hessischen Landtagswahl 1931 für eine Stichprobe von 226 Gemeinden untersucht, inwieweit die nationalsozialistische Versammlungspropaganda den Stimmenzuwachs der NSDAP beeinflussen konnte. Die Analyse ergibt, daß die Wirkung der Propaganda an eine zentrale Bedingung geknüpft war: Zwischen der NSDAP-Versammlungshäufigkeit und der Stärke des rechts-nationalistischen Wählerlagers besteht ein starker, signifikanter Interaktionseffekt auf den NSDAP-Zuwachs. Zudem erklärt dieses Modell, verglichen mit konkurrierenden Modellen, die Wahlerfolge der NSDAP am besten (adjustiertes R2: 83 Prozent). Die empirischen Befunde stützen damit die These, daß nationalsozialistische Propaganda konditional wirkte und vor allem rechte, nationalistische Wähler mobilisieren konnte. Die Intensität der nationalsozialistischen Versammlungspropaganda bewirkte in der Wahrnehmung rechter, nationalistischer Wähler einen Kompetenzzuwachs der NSDAP und beförderte so die Wahlentscheidung zugunsten der Nationalsozialisten.

ABSTRACT: The NSDAP mobilized up to 14 millions of the German electorate within only four years, whereas in 1928 the party still had been a completely irrelevant splinter group. Which role did national socialist propaganda play in this development? Addressing this question the article attempts to find out to what extent National Socialist election rallies could influence NSDAP vote increases. Based on a sample of 226 communities the 1931 election to the parliament of Hessen is analysed. The analysis reveals the effect of propaganda to be crucially dependent on one condition: A strong, significant interaction effect between the frequency of NSDAP election meetings and the percentage of right-wing and nationalistic voters on the NSDAP increase can be demonstrated. Additionally, this model is superior to alternative models in explaining the election success of the NSDAP (adjusted R2: 83 %). Therefore the empirical results support the hypothesis that National Socialist propaganda had a conditional effect, i.e. it could mobilize mainly right-wing and nationalistic voters. The intensity of the National Socialist election campaign increased the perceived competence of the NSDAP in the group of right-wing and nationalistic voters thus encouraging the decision to vote for the National Socialists.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Dieter Ohr, Institut für Angewandte Sozialforschung der Universität zu Köln, Greinstraße 2, 50939 Köln

AUTOR: Hirschauer, Stefan

TITEL: Die soziale Fortpflanzung der Zweigeschlechtlichkeit

ENGL. TITEL: The Social Reproduction of the Sexual Distinction

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 46, 1994, S. 668-692

ZUSAMMENFASSUNG: Welchen Beitrag kann die Soziologie zum Phänomen der Geschlechterdifferenz leisten, der nicht in Anlehnung an, sondern selbständig neben biologischen oder psychoanalytischen Konzeptionen bestehen kann? Dieser Aufsatz bietet eine wissenssoziologische Konzeption der Geschlechterdifferenz als Phänomen innerhalb der Visualität und Körperlichkeit des Sozialen. Seine Problemstellung ist: Wie läßt sich sowohl die soziale Kontingenz als auch die erlebte Faktizität und Beständigkeit der Zweigeschlechtlichkeit soziologisch rekonstruieren? Der Beitrag skizziert hierfür einen soziologischen Begriff von 'Geschlecht' als interaktiver Episode, deren Vollzug durch institutionelle Sozialarrangements ständig 'hervorgekitzelt' wird.

ABSTRACT: This paper aims at a contribution of sociological theory to the phenomenon of the distinction between two sexes which is independent from biological or psychoanalytical assumptions. It offers a Sociology of Knowledge conception of the sexual distinction, which is regarded as a phenomenon hinting at the visuality and corporality of the social. The main question of the article is: how to reconstruct sociologically both the social contingency and the enormous stability of the distinction between two sexes? The article sketches a sociological notion of sex/gender as an interactive episode which is permanently induced by institutional arrangements.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Dr. Stefan Hirschauer, Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld, Postfach 100331, 33501 Bielefeld

AUTOR: Günthner, Susanne; Knoblauch, Hubert

TITEL: "Forms are the Food of  Faith". Gattungen als Muster kommunikativen Handelns

ENGL. TITEL: "Forms are the Food of Faith". Genres as Patterns of Communicative Action

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 46, 1994, S. 693-723

ZUSAMMENFASSUNG: Vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung der Kommunikation in der modernen Gesellschaft wird die Auffassung vertreten, daß Kommunikation weniger zum 'rationalen Diskurs' beiträgt; vielmehr nimmt sie die Gestalt konventioneller kommunikativer Muster an, d.h. kommunikativer Gattungen. Auf den Forschungsbericht der sozialwissenschaftlichen Gattungsanalyse folgt die Vorstellung des vor allem von Thomas Luckmann vertretenen Ansatzes zur Erforschung kommunikativer Gattungen, der hier erläutert und ausgebaut wird. Dieser Ansatz geht von einer grundlegenden Funktion kommunikativer Gattungen zur Entlastung von Routineproblemen kommunikativen Handelns aus. Der Aufsatz erläutert dann, aufbauend auf entsprechenden empirischen Untersuchungen, die verschiedenen Analyseebenen kommunikativer Gattungen: Die Binnenstruktur prosodischer, lexikalischer, syntaktischer, rhetorischer u.a. Elemente; eine situative Realisierungsebene (interaktive, situative, konversationelle Elemente) und die Außenstruktur kommunikativer Gattungen (soziale Veranstaltungen, soziale Milieus und Institutionen). Der Aufsatz schließt mit einem Entwurf des kommunikativen Haushalts der Gesellschaft, der als Kern der Kultur angesehen werden kann. Auf der Grundlage der wachsenden Bedeutung der Kommunikation in der modernen Gesellschaft geht dieser Ansatz davon aus, daß kommunikative Handlungen nicht nur von sozialstrukturellen Faktoren determiniert werden; vielmehr bilden die vorgestellten Muster der Kommunikation ihrerseits wesentliche Mittel zur Konstruktion sozialer Wirklichkeiten.

ABSTRACT: On the background of the growing significance of communication in modern society, this article claims that communication, rather than contributing to "rational discourse", is routinely moulded in conventional communicative patterns, i.e. communicative genres. After portraying the social scientific tradition of genre analysis, the action theoretical approach of communicative genres by Thomas Luckmann is presented and elaborated. It argues that the fundamental function of communicative genres is to relieve the interactants from routine problems of communicative action. The article then focuses on the different levels which constitute communicative genres, distinguishing between an "internal structure" (i.e. prosodic, lexical, syntactic, rhetoric features), an "intermediate structure" (i.e. interactive, situational, conversational) and an "outer structure" (i.e. social occasions, milieus and institutions) of genres. After discussing research on each of these levels we wind up by analyzing communicative budgets (which can be considered the kernels of culture) of whole societies. On the basis of the growing significance of communication, this approach shows how communication - apart from only being determined by social structure - is an essential means for the construction of social reality itself.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Dr. Susanne Günthner, Dr. Hubert Knoblauch, Universität Konstanz, Sozialwissenschaftliche Fakultät, Fachgruppe Soziologie, Universitätsstr. 10, 78434 Konstanz

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Datei aktualisiert am 17.03.2004 in der Redaktion der KZfSS