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Trutz von Trotha (Hg.):
Soziologie der Gewalt

Sonderheft 37/1997 der KZfSS

Umschlagtext:

Gewalt ist soziales Handeln. Sie wird in den unterschiedlichsten Formen ausgeübt, wahrgenommen und erlitten. Der Vielgestaltigkeit der Gewalt entspricht die Vielfalt von Zugangsweisen, Fragestellungen und Untersuchungsansätzen, mit denen verschiedene sozialwissenschaftliche Disziplinen Gewalt zu ihrem Thema machen.

Die bisherige soziologische Forschung über Gewalt ist eine Soziologie der Ursachen, aber keine Soziologie der Gewalt. Ihre Themen sind ökonomische Unterprivilegierung, Arbeitslosigkeit, Erziehungsdefizite oder soziale Pathologien. Die Soziologie der Ursachen der Gewalt ist ein Diskurs über die Unordentlichkeit von Gesellschaften und Kulturen. Die Gewalt selbst bleibt eine weitgehend unbekannte und unerforschte Wirklichkeit. Auf diese Wirklichkeit der Gewalt konzentrieren sich die Beiträge des Bandes. Es werden Grundbegriffe und Grundprobleme einer genuinen Soziologie der Gewalt vorgestellt. Gleichzeitig wird die Verbindung zu den neuesten Forschungen über die Ursachen der Gewalt hergestellt. Es werden Dimensionen der Gewaltanalyse, zeitgenössische Erscheinungsformen der Gewalt, Prozesse des Wandels legitimer Gewalt und die kulturelle Konstitution von Gewalt behandelt. Im besonderen werden u. a. untersucht: Geschlecht und Gewalt, ethnische und mafiose Gewalt, die Gewalt von Jugendlichen in französischen Vorstädten und in "Hardcore"-Konzerten der deutschen Musikszene, die Gewalt in den Medien, Formen der Erinnerung an die Gewalt des Nationalsozialismus.


Zusammenfassungen und English Summaries des Sonderhefts 37, 1997

AUTOR: Trotha, Trutz von

TITEL: Zur Soziologie der Gewalt

ENGL. TITEL: Towards a Sociology of Violence

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 9-56.

ZUSAMMENFASSUNG: Obwohl das Thema Gewalt eine Fülle sozialwissenschaftlicher Literatur hervorgerufen hat, ist der Stand der Gewaltforschung ungenügend. Im ersten Schritt dieser Einleitung wird dieser Sachverhalt erläutert, indem auf die untergeordnete Rolle der Gewalt in der allgemeinen soziologischen Theorie eingegangen und die Beobachtung dargestellt wird, daß die Soziologie der Gewalt eine Soziologie der Ursachen, aber keine Soziologie der Gewalt ist. Im zweiten Schritt werden einige Fragen, Themen und die Art und Weise der methodologischen Bearbeitung skizziert, von denen der Autor sich verspricht, daß sie Wege zu einer genuinen Soziologie der Gewalt sind. Im Mittelpunkt stehen methodologisch das Konzept der "dichten Beschreibung" der Gewalt und inhaltlich-theoretisch die Modalitäten der Gewalt, allen voran ihre Körperlichkeit. Im dritten und letzten Schritt der Einleitung wird die Konzeption des Sonderheftes erläutert und werden die einzelnen Beiträge, die in diesem Sonderheft veröffentlicht werden, vorgestellt.

ABSTRACT: The current state of research and theory about violence is rather deficient. In the first part, the introduction highlights the minor role of violence in general sociological theory and argues that the current sociology of violence is not a sociology of violence after all but rather a sociology of the causes of violence. In the second part, the paper discusses some of the major questions, themes and methods to develop a genuine sociology of violence. It stresses the concept of "thick description" and outlines some of the major dimensions of violence, particularly focusing on the body. In the last part, the conception of this special issue of the KZfSS on violence is outlined and a short introduction to the articles presented in this volume is given.

KORRESPONDENZANSCHRIFT:

Prof. Dr. Trutz von Trotha, Universität Gesamthochschule Siegen, Fachbereich 1, Postfach 10 12 40, Adolf-Reichwein-Str. 9, 57076 Siegen.

AUTOR: Nedelmann, Birgitta

TITEL: Gewaltsoziologie am Scheideweg. Die Auseinandersetzungen in der gegenwärtigen und Wege der künftigen Gewaltforschung

ENGL. TITEL: Sociology of Violence at the Crossroads. Controversial Positions in the Ongoing and Ways Towards a Future Sociology of Violence

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 59-85 .

ZUSAMMENFASSUNG: Zwei verschiedene Richtungen zeichnen sich in der gegenwärtigen Gewaltforschung ab, die Mainstreamgewaltforschung und die neuere Gewaltforschung. Ihre Unterschiede werden in Hinblick auf acht Dimensionen charakterisiert. Die künftige Gewaltsoziologie soll einen dritten Weg einschlagen, der durch fünf Merkmale abgesteckt ist: 1. Ein begrifflicher Bezugsrahmen, in dem die soziologischen Ansätze von Georg Simmel, Max Weber und Heinrich Popitz integriert sind. 2. Eine Gewaltforschung, die das Merkmal der Körperverletzung und des körperlichen Schmerzes soziologisch weiterentwickelt. 3. Die Analyse des mit Gewalttätigkeiten verbundenen subjektiven Sinns, um die Extreme "sinnloser" bzw. "sinnerfüllter" Gewalt unterscheiden zu können. 4. Die Anwendung unterschiedlicher Methoden und Methodenkombinationen zur empirischen Untersuchung von Gewalt. 5. Die Entwicklung einer Theorie der körperlichen Konstitution sozialer Subjektivität.

ABSTRACT: Two main positions in the present research on violence in the Federal Republic of Germany are characterized with reference to eight dimensions. In future, the sociology of violence should follow a third road taking into consideration at least five points: 1. The development of a conceptual frame of reference uniting the theoretical positions of Georg Simmel, Max Weber and Heinrich Popitz. 2. The elaboration of a sociology of the violated body. 3. The integration of the (cultural, political, ideological etc.) meaning given by persons involved in violent interactions. 4. The use of a plurality of methods for the empirical research on violence. 5. The development of a theory of the bodily constitution of social subjectivity.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Birgitta Nedelmann, Institut für Soziologie, Johannes-Gutenberg Universität, Colonel-Kleinmann-Weg 2,  55128 Mainz.

AUTOR: Elwert, Georg

TITEL: Gewaltmärkte. Beobachtungen zur Zweckrationalität der Gewalt

ENGL. TITEL: Markets of Violence. Observations on the Calculated Use of Violence

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 86-101.

ZUSAMMENFASSUNG: Gewalt wird mit Irrationalität und Emotionen assoziiert. Um die Bedeutung von Zweckrationalität beim Einsatz von Gewalt aufzuzeigen, untersucht der Autor extreme Beispiele scheinbar irrationaler Gewalt, insbesondere Bürgerkriege. Hierbei zeigt sich, daß hinter vielen Bürgerkriegen des zwanzigsten Jahrhunderts, die den "Reichtum der Nationen" zerstören, Kriegsherren stehen, die gewaltoffene Räume (Räume ohne Gewaltmonopol) nutzen, um in hochprofitablen Gewaltmärkten zu wirtschaften. Der Aufsatz untersucht wesentliche Strukturelemente, die Stabilisierung und die Gewinne dieser "Gewaltmärkte". Ob es ein evolutionäres Schema der größeren oder geringeren Zweckrationalität des Umgangs mit Gewalt gibt, wird daran anschließend anhand von drei afrikanischen Gesellschaften an der Peripherie des Weltmarktes untersucht. Gemessen an den jeweiligen Zielen von Macht-, Prestige- und Güterakkumulation erscheinen auch dort sehr unterschiedliche Formen des Umgangs mit Gewalt als zweckrational. Dabei wird deutlich, daß Gewaltmuster besonders durch die Schaffung einer zweiten Motivationsebene, die über die Lebenszeit hinausreicht, stabilisiert werden.

ABSTRACT: In everyday life as well as in the social, psychological and educational sciences it is common to associate violence with irrational emotions. The author challenges this view. Analyzing types of violence like civil wars in Europe and Africa which seem to be rather irrational, the rationality of violence is highlighted. It is shown that many civil wars of the 20th century are structured by "markets of violence". Spaces used and created by war-lords, where the state monopoly of violence is absent, become the framework of extremely profitable markets. Furthermore, the structural elements as well as the stabilization and the major gains of markets of violence are studied. Normally, the markets are directed towards material goods, but can also include power or prestige. In the last part of the essay the article deals with the question if modern society is characterized by an evolution from an irrational to a rational use of violence. In particular, the African societies and their evolution with respect to the use and institutionalization of different types of violence are analyzed.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Georg Elwert, Freie Universität Berlin, FB II, Institut für Ethnologie und Sozialanthropologie, Boltzmannstr. 18/20, 14195 Berlin.

AUTOR: Sofsky, Wolfgang

TITEL: Gewaltzeit

ENGL. TITEL: The Time of Violence

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 102-121.

ZUSAMMENFASSUNG:  Zeit ist ein konstitutives Merkmal aller individuellen und kollektiven Gewalt. Der Essay untersucht, in welchen zeitlichen Strukturen Gewalt abläuft, ausgeübt und erlitten wird. Im einzelnen werden folgende Zeitformen der Gewalt beschrieben: die Plötzlichkeit des Anschlags, der Tempowechsel bei Razzien, die Beschleunigung der Hetzjagd und Flucht sowie die ziellose Dauer der Grausamkeit bei Deportationen und Todesmärschen. Konzeptionell plädiert der Essay für eine Anthropologie der Gewalt, welche nicht nur die Aktionsdynamik betrachtet, sondern auch die Auswirkungen auf die leib-seelische Existenz der Opfer.

ABSTRACT: Time is a constitutive feature of individual and collective violence. The essay describes in some detail the time structures in which violence is occurring, its use and the especially those who are suffering from violence as victims. It describes particularly the following manifestations of violent actions: the suddenness of assassinations, the speed changes in the process of raids, the acceleration of hunts and flights, the aimless duration of cruelty in deportations and death marches. Conceptionally, the essay pleads for an anthropology of violence which not only studies the dynamics of action but also the effects on the bodies and souls of the victims.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Dr. Wolfgang Sofsky, Universität Göttingen, Soziologisches Seminar, Platz der Göttinger Sieben 3, 37073 Göttingen.

AUTOR: Harvey, Penelope

TITEL: Die geschlechtliche Konstitution von Gewalt. Eine vergleichende Studie über Geschlecht und Gewalt

ENGL. TITEL: Gendering Violence. The Comparative Study of Sex and Violence

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 122-138.

ZUSAMMENFASSUNG: Die westlichen Kulturen neigen dazu, Gewalt mit Männlichkeit und einer sexualisierten Erotik von Herrschaft zu verbinden. Wenn man Gewalt kulturvergleichend untersucht, ist es deshalb besonders wichtig, über Vorgänge der Vergeschlechtlichung nachzudenken. Wir müssen aber über die Kategorie des sozialen Geschlechts hinausgehen. Wenn wir die Identitäten verstehen wollen, die durch gewalttätige Interaktionen hervorgebracht werden - es mögen sozial vergeschlechtliche oder andere Formen der Identität sein -, dann müssen wir zuerst beobachten lernen, was es bedeutet, daß Personen bestimmte Merkmale mit anderen teilen. Sobald wir Gewalt als transformative Kraft, als konstitutiv für bestimmte Formen der Vergesellschaftung verstehen, wird es leichter, die Art und Weise zu begreifen, mit der Gewalt eingesetzt wird, um Unterschiede zwischen Personen, zum Beispiel zwischen Männern und Frauen, zu markieren. Der Beitrag versucht, diese theoretischen Gesichtspunkte durch eine vergleichende Analyse von Fällen "häuslicher Gewalt" und auf dem Weg einer Untersuchung der Formen zu verdeutlichen, in denen gewalttätige Praktiken innerhalb des Bereichs der Verwandtschaft durch den Staat definiert oder reformuliert werden.

ABSTRACT: Precisely because western cultures tend to associate interpersonal violence with maleness and the sexualized erotics of domination, it is important to think about processes of gendering when considering this phenomenon crossculturally. And ultimately we must look beyond gender to how it is that persons are regarded as sharing characteristics with other persons if we are to understand the kinds of identities, gendered or otherwise, that violent interactions produce. Once violence is understood as a transformative force, actively constitutive of particular forms of sociality, the ways in which violence is used to mark difference become easier to understand. This position is presented through a focus on comparative instances of "domestic violence", and on the ways in which violent practice within domains of kinship are often reformulated by the state.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Dr. Penelope Harvey, Department of Social Anthropology, Roscoe Building, University of Manchester, Oxford Road , GB - Manchester M13 9PL.

AUTOR: Waldmann, Peter

TITEL: Veralltäglichung von Gewalt: Das Beispiel Kolumbien

ENGL. TITEL: The Normalization of Violence: The Case of Colombia

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 141-161.

ZUSAMMENFASSUNG: Kolumbien weist weltweit die höchsten Mordraten auf. Gewalt ist dort sowohl auf dem Lande als auch in jüngerer Zeit in den Städten zu einem Alltagsphänomen geworden. Der Aufsatz zeigt zunächst typische Handlungs- und Anschlußmuster der Gewalt auf, wobei organisierte Verbände als wichtigste Gewaltakteure hervortreten. In einem zweiten Abschnitt wird der Frage nach den Auswirkungen des Gewaltgeschehens auf die Strukturen von Staat, Wirtschaft, Recht und Gesellschaft nachgegangen. Ein dritter Teil schließlich befaßt sich mit den Versuchen, die ausufernde Gewalt zu erklären. Er unterstreicht die fehlende moralische Ächtung sowie politische bzw. rechtliche Sanktionierung von Mord und Totschlag, die wie ein roter Faden durch die kolumbianische Geschichte läuft, seit dieses Land 1830 die staatliche Unabhängigkeit erlangt hat.

ABSTRACT: Colombia has the highest toll of assassinations in the world, violence in all imaginable forms has become an every-day event in this country. In its first section, the article elaborates typical patterns and sequences of violence, giving special attention to the numerous organized groups which kill people. Another section examines the impact, which violence has on the economic, judicial and political structures of state and society. Finally, in the last section, the question as to the causes of the omnipresence of violence is raised. The thesis is proposed that there is a continuous strain of lacking moral, political and judicial sanctions of acts of violence since Colombia was founded as an independent state in 1830.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Peter Waldmann, Universität Augsburg, Lehrstuhl für Soziologie, Universitätsstraße 10, 86519 Augsburg.

AUTOR: Rösel, Jakob

TITEL: Vom ethnischen Antagonismus zum ethnischen Bürgerkrieg. Antagonismus, Erinnerung und Gewalt in ethnischen Konflikten

ENGL. TITEL: From Ethnic Antagonism to Civil War. Antagonism, Memory and Violence in Ethnic Conflict

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 162-182.

ZUSAMMENFASSUNG: Ethnische Gewaltakte, Gewaltkreisläufe und schließlich Bürgerkriege gefährden in wachsendem Maße die Stabilität und Legitimität multiethnischer Staaten. Diese militanten ethnischen Konflikte entstehen aber keineswegs zwangsläufig. Sie haben zumindest die "Politisierung", also die politische Artikulation und Verschärfung ökonomischer und sozialer Forderungen ethnischer Gruppen und die Entstehung ethnischer Ideologen, "Unternehmer" und Parteien zur Voraussetzung. Entscheidend für den Ausbruch und die wechselseitige Steigerung ethnischer Gewaltkreisläufe ist aber die Entstehung einer über lange Zeit unbewußten Gewaltbereitschaft, die die einzelnen Mitglieder der ethnischen Gruppe zu einer in ihren Augen zu Unrecht attackierten und beständig bedrohten Schicksals- und Opfergemeinschaft zusammenschließt und ihnen am Ende kompensatorische Vergeltungsschläge gegen lokale aber friedliche Mitglieder der Gegengruppe nahelegt.

ABSTRACT: Militant ethnic conflicts have become a major threat to the legitimacy and functioning of multiethnic states. Yet, before such conflicts become irreversible and self-sustaining, several well demarcated thresholds must be crossed: the on-going competition of ethnic groups for scarce resources and cultural tolerance must be transformed into demands for respect and power and parallel to this politicisation of ethnic conflicts, ethnic ideologues, entrepreneurs and parties have to emerge. Yet it is the first act of violence, which is of utmost importance and carries far-reaching consequences. As the paper argues, three psychological predispositions must be in place to persuade ordinary folks and peaceful neighbours that they can and must indulge in defensive and compensatory acts of violence: an inclination to denude individual attacks and unfortunate incidents from their specific contexts and perceive them as acts of ethnic aggression; a tendency to reinterpret this aggression in the light of the group's dignity, rightful demands and mission and, finally, an urge to avenge attacks on distant members of one's own "imagined community" through compensatory attacks on local yet innocent members of the hostile ethnic group. It is through this threefold predisposition that individual acts of aggression turn into mutually self-enforcing spirals of ethnic violence, which finally spin out of control and turn into civil war.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: PD Dr. Jakob Rösel, Arnold-Bergsträsser-Institut für kulturwissenschaftliche Forschung, Windausstr. 16, 79110 Freiburg.

AUTOR: Scheffler, Thomas

TITEL: Vom Königsmord zum Attentat. Zur Kulturmorphologie des politischen Mordes

ENGL. TITEL: From Regicide to Assassination. Towards a Cultural Morphology of Political Murder

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 183-199.

ZUSAMMENFASSUNG: Ausgehend vom Problem der mythischen Tötung von "Gottkönigen" in James G. Frazers "Der Goldene Zweig" wird der idealtypische Wandel kultureller Bedeutungsmuster des politischen Mordes erörtert. In schwach integrierten Gesellschaften, in denen die Einheit des sozialen Ganzen in der Person des Königs verkörpert wird, kann die gewaltsame Ablösung von Herrschern als normaler und heroischer Teil eines zwar tragischen, aber vitalen und positiven kosmologischen Dramas verstanden werden, das die gesellschaftliche Integration stärkt. Je mehr jedoch das "Recht des Stärkeren" von Prinzipien höheren göttlichen Rechts domestiziert wird, desto mehr kann die Tötung politischer Führer als "Bestrafung" ungerechter, "schuldiger" Herrscher verstanden (und exekutiert) werden. In stark integrierten Gesellschaften, in denen die persönliche "Schuld" des Regierungschefs hinter der anonymen Macht von Systemstrukturen verblaßt, wird die Ermordung von Herrschern zunehmend ein bloßes Element symbolischer Politik. Im Zeitalter der "Globalisierung" und des "internationalen Terrorismus" löst die typologische Figur des "unschuldigen Zivilisten" als Opfer politischen Mordes mehr und mehr die typologischen Figuren getöteter Herrscher als symbolisches Zentrum makrogesellschaftlicher Integration ab.

ABSTRACT: Starting from the problem of the mythical killing of "divine kings" in James G. Frazer's "The Golden Bough", basic typological changes in the cultural patterning of political murder are discussed. In weakly integrated societies where the unity of the political whole is embodied in the body of the "king", the killing of rulers may be perceived as normal part of a tragic and heroic, yet vital and positive cosmological drama, leading to stronger societal integration. However, the more the "law of the jungle" is domesticated by principles of higher divine law, the more the killing of political leaders may be perceived (and executed) as a "punishment" of unjust and "guilty" rulers. In strongly integrated societies, where the head of government's personal "guilt" is fading in importance behind the anonymous power of systemic structures, the assassination of rulers is increasingly becoming a mere element of symbolic politics. In the age of "globalisation" and "international terrorism" the typological figure of the "innocent civilian victim" of political murder is more and more replacing the typological figures of the "killed ruler" as a symbolic focus of macrosocietal integration.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Dr. Thomas Scheffler, Orient-Institut der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft c/o Deutsche Botschaft Beirut, Postfach 1500,  53105 Bonn.

AUTOR: Krasmann, Susanne

TITEL: Mafiose Gewalt. Mafioses Verhalten, unternehmerische Mafia und organisierte Kriminalität

ENGL. TITEL: Mafia Violence

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 200-219.

ZUSAMMENFASSUNG: Mit dem Schlagwort Mafia wird gemeinhin eine Form organisierten Verbrechens assoziiert, das ökonomisch orientiert ist und sich nötigenfalls mit Gewalt durchsetzt, eine Form der Gewalt, die also gezielt eingesetzt wird und kalkuliert zu sein scheint. So wie aber die klassische Mafia auf Sizilien sich nur als komplexes soziales Phänomen begreifen läßt, das aus bestimmten historischen, politischen und kulturellen Verhältnissen hervorgegangen ist, so lassen sich auch die mit ihr verbundenen Formen der Gewaltausübung nur vor diesem Hintergrund begreifen. Die Analyse orientiert sich an soziologischen Kategorien der Beschreibung von Gewalt, die auf ihre Brauchbarkeit hin überprüft werden, und an der Frage, wie sich veränderte Formen der Gewalt vor dem Hintergrund sozialer Umstrukturierungsprozesse verstehen lassen.

ABSTRACT: Mafia as a catchword is associated with a form of organized crime which employs calculated violence for the ends of economic profit. In contrast, the classical mafia of Sicily is only comprehensible as a complex social phenomenon that developed under specific historical, political and cultural conditions. Therefore, mafia violence should also be analysed in this context. The author scrutinizes sociological categories of description of violence, and tries to shed some light on the relationship between different forms of violence and processes of social restructuration.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Dr. Susanne Krasmann, Universität Hamburg, Aufbau- und Kontaktstudium Kriminologie, Troplowitzstr. 7, 22529 Hamburg.

AUTOR: Dubet, François

TITEL: Die Logik der Jugendgewalt. Das Beispiel der französischen Vorstädte

ENGL. TITEL: The Logic of Youth Violence. The Case of the French Suburbs

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 220-234.

ZUSAMMENFASSUNG: Der Gewaltbegriff ist analytisch nicht sehr brauchbar, insofern die soziale Definition von Gewalt entsprechend der Kontexte und Akteure variiert und die Bedeutungen und die Mechanismen der Herausbildung von Gewalttätigkeiten verschieden sind. Der Artikel bemüht sich, mehrere Logiken der Gewalt zu unterscheiden. Die erste bezieht sich auf die Einschränkung der Räume geduldeter Gewalt von Jugendlichen. Die jugendliche Gewalt in den Vorstädten kann ebenfalls eine Ausdrucksform der sozialen Wut sein, die ihre Wurzeln im Ausschluß der Jugendlichen von der Teilhabe am sozialen, politischen, kulturellen und ökonomischen Leben hat. Neben dieser expressiven und als Revolte zu verstehenden Gewalt besteht eine mehr instrumentelle Gewalt, die die Form einer delinquenten Strategie hat. Schließlich muß man zwischen sozialer und politischer Gewalt unterscheiden. Der Beitrag stellt unter anderem die Frage, welche Zusammenhänge den Wechsel von der einen zur anderen Gewaltform unterstützen oder begrenzen. Die Jugendlichen der französischen Vorstädte wechseln oft zwischen den verschiedenen Logiken der Gewalt, weil sie gewiß nicht alle dieselben politischen und sozialen Antworten hervorrufen. Eine knappe Analyse der Gewalt in der Schule deutet an, wie sich diese verschiedenen Logiken ausdrücken und auf welche Weise es möglich ist, auf sie eine Antwort zu finden.

ABSTRACT: Violence is not a relevant category of analysis because the social definition of violent behavior varies according to the contexts and actors, and also because these behaviors have different meanings and processes of formation. This paper tries to distinguish between several logics of violence. The first one resides in the diminution of the space of tolerated violence left to youths. Suburban youth's violence can also be the expression of a social rage generated by exclusion. Beside expressive violence and revolt, a more instrumental violence exists, which becomes a delinquent strategy. Finally, we must distinguish between social violence and political violence. What are the elements slowing down or, on the contrary, encouraging the move from one type of violence to another? French suburban youth moves between all these logics that it is important to distinguish, which certainly do not all require the same political and social responses. A short analysis of school violence shows how these various logics are linked together and how it is possible to respond to them.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Francois Dubet, Centre d'analyse et d'intervention sociologiques (CADIS), Université de Bordeaux II/CNRS, 3 Place de la Victoire, F-33076 Bordeaux Cedex.

AUTOR: Inhetveen, Katharina

TITEL: Gesellige Gewalt. Ritual, Spiel und Vergemeinschaftung bei Hardcorekonzerten

ENGL. TITEL: Sociable Violence. Ritual, Play and Community-Building at Hard-Core Concerts

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 235-260.

ZUSAMMENFASSUNG: Der soziologische Blick auf Gewalt ist in vielen Fällen durch Alltagsmoral eingeschränkt. Dies führt auch in der Wissenschaft zur Vorverurteilung von Gewalthandeln als schlechthin negativ. Eine auf qualitativen Daten beruhende Interaktionsanalyse von Hardcorekonzerten zeigt jedoch, daß Gewalt unter bestimmten Rahmenbedingungen als normierte, rituelle Inszenierung sozial produktiv sein kann. Als efferveszentes Gemeinschaftshandeln kann Gewalt die subkulturelle Zusammengehörigkeit stärken. Dieser Typus der geselligen Gewalt, der theoretisch mit Bezug auf Durkheim und Simmel erfaßt werden kann, steht der Gewalt als Machtaktion und Sanktion gemäß Popitz gegenüber. Derartige verschiedene Typen von Gewalt können sich in der Außenansicht gleichen, sich jedoch im subjektiv gemeinten Sinn unterscheiden. Diese Gewalttypen und ihre Bezüge zueinander zu erfassen, bedarf einer detaillierten und unvoreingenommenen Forschung.

ABSTRACT: The sociological view of violence is, quite often, hindered and obscured by everyday morality, lead- ing to negative "scientific" preconceptions and outright condemnation of violent action. An interaction analysis of Hard-core concerts based on qualitative data shows that violence can also be socially productive when some limiting standard conditions are applied to it, making it into a ritual mis-en-scène phenomenon. As a form of effervescent collective action, violence can also strengthen the subcultural feelings of solidarity and belongingness. This type of violence is here referred to as sociable violence in contrast to Popitz's concept of violence as power-action and sanction and in consonance with Durkheim's and Simmel's social theories. Such different types of violence may superficially appear identical, but are distinguishable according to the meaning social actors are giving to violent activities. The purpose of this paper is to provide an analysis of the mutual relationships between these different types of violence, which will be both sufficiently detailed and unbiased with comparison to previous discussions.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Katharina Inheetveen, M.A., Institut für Soziologie, Johannes-Gutenberg Universität, Colonel-Kleinmann-Weg 2, 55128 Mainz.

AUTOR: Shearing, Clifford

TITEL: Gewalt und die neue Kunst des Herrschens und Regierens. Privatisierung und ihre Implikationen

ENGL. TITEL: Violence and the Changing Face of Governance. Privatisation and its Implications

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 263-278.

ZUSAMMENFASSUNG: Der Autor untersucht, wie sich der Wandel in der Art und Weise, wie Sicherheit und Recht gedacht und organisiert werden, auf den Ort und die Rolle staatlicher Gewalt bei der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung auswirkt. Seine These ist, daß das Aufkommen einer Logik des Risikos und die Kritik an dem etablierten Vergeltungs- und Sühnerecht auf der Grundlage eines "aufarbeitenden Rechts" dazu führen wird, daß Gewalt weniger unter dem Gesichtspunkt betrachtet wird, Schmerz zuzufügen; sie ist eher eine unter vielen Ressourcen, Gefahren zu mindern.

ABSTRACT: The paper explores the implication of shifts in the way security and justice are being promoted for the place and role of governmental violence in the maintenance of order. It argues that the emergence of a logic of risk as well as challenges to the established denunciatory and expediatory conception of justice, which are based on the ideas of "restorative justice" is refiguring the way in which violence is being used as a tactic of governance. Violence loses its privileged status. It is considered as one means among others to be used in the governance of security.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Clifford Shearing, Center of Criminology, University of Toronto, 130 George Street, CND-Toronto M5S 3H1.

AUTOR: Simon, Jonathan

TITEL: Gewalt, Rache und Risiko. Die Todesstrafe im neoliberalen Staat

ENGL. TITEL: Violence, Vengeance, and Risk: Capital Punishment in the Neo-liberal State

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 279-301.

ZUSAMMENFASSUNG: Der langfristige Niedergang der Todesstrafe in modernisierenden Gesellschaften spiegelte teilweise die wachsende Fähigkeit des Staates wider, für Sicherheit und Legitimität mittels staatlicher Regelungen und Wohlfahrt zu sorgen. Die neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik in den Vereinigten Staaten hat in den vergangenen Jahren große Unsicherheiten, Ängste, Frustrationen und Ressentiments erzeugt. Im Rahmen des Konzepts "Regieren mittels Verbrechen" zeigt der Autor, daß das Strafrecht und insbesondere die Todesstrafe zu wesentlichen Instrumenten geworden sind, um politische Zustimmung von Bevölkerungsteilen zu erreichen, die von der neoliberalen "Risikogesellschaft" bedroht und verunsichert sind. Die Todesstrafe spielt eine symbolische Schlüsselrolle, um eine politische Kultur durchzusetzen und zu festigen, in der Gewalt und Rache die Losungen der politischen Mobilisierung sind.

ABSTRACT: The long term decline of the death penalty in modernizing societies reflected in part the growing capacity of the state to provide security and legitimacy through welfare and regulation. The more recent implementation of a neo-liberal model of governance in the United States has generated powerful forces of insecurity and resentment. By using the concept of "governing through crime" the author suggests that the penal system, and especially the death penalty, have become central elements in forging political consent among populations destabilized by these transformations. Capital punishment plays a crucial symbolic role in anchoring an emerging political culture in which violence and vengeance form key terms of political mobilization.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Jonathan Simon, University of Miami, Law School, Miami/Florida, USA

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AUTOR: Schwab-Trapp, Michael

TITEL: Legitimatorische Diskurse. Der Diskurs über den Krieg in Jugoslawien und der Wandel der politischen Kultur

ENGL. TITEL: The Discourse on the Yugoslav War and the Change of Political Culture

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 302-326.

ZUSAMMENFASSUNG: Der Beitrag untersucht die Beziehungen, die zwischen dem Diskurs über den Krieg in Jugoslawien und dem Wandel der deutschen politischen Kultur des Krieges bestehen. Hierzu werden im ersten Teil ein Modell kulturellen Wandels entworfen und Instrumente einer Analyse politischer Kultur entwickelt, die dem diskursiven, konfliktuellen und historischen Charakter politischer Kultur Rechnung tragen. Im Mittelpunkt dieses Modells stehen ebenso Überlegungen zu dem Verhältnis, in dem eine kulturelle Ordnung und politische Ereignisse zueinander stehen, wie zu den Strategien der Legitimierung und Delegitimierung politischer Handlungszusammenhänge. Der zweite Teil überträgt dieses Modell auf die Diskussion um militärische Interventionen innerhalb der Bündnisgrünen, die durch Joschka Fischer angestoßen wurde. In ihm werden die Bedeutung dieser Diskussion für den Wandel der politischen Kultur des Krieges analysiert und die diskursiven Strategien der politischen Akteure typologisch bestimmt.

ABSTRACT: The article inquires the relations of the discourse on the Yugoslav war to the transformations of German political culture. In the first part, a model of cultural transformations is outlined and instruments for the analysis of political cultures are developed which take into account its discursive, conflictual and historical character. The model emphasizes the relations between the cultural order and political events as well as the strategies of legitimation and delegitimation of political actions. In the second part, this model is applied to the discussion on military interventions led by the political party "The Greens" ("Bündnis '90/Die Grünen") and initiated by one of its party leaders, Joschka Fischer. The significance of the discussion for the transformation of the German political culture of war is analyzed, and the discursive strategies are specified typologically.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Dr. Michael Schwab-Trapp, Universität GSH Gießen, FB 1 - Sozialwissenschaften, Adolf-Reichwein-Str. 9, 57076 Siegen.

AUTOR: Friedrichs, Jürgen

TITEL: Die gewaltsame Legitimierung sozialer Normen. Das Beispiel der Tierrechtler/Veganer

ENGL. TITEL: The Promotion of New Social Norms by Violent Means. The Case of the Vegan/Animal Liberation Movement

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 327-355.

ZUSAMMENFASSUNG: Zahlreiche soziale Bewegungen richten sich darauf, spezifische Werte und auf ihnen beruhende gesetzliche Normen durchzusetzen. Dabei ist Gewalt ein mögliches Mittel, diese Ziele zu erreichen. Die Wirkungen gewaltsamer Aktionen werden hier am Beispiel der Veganer/Tierbefreier untersucht. Die theoretische Basis bilden Hypothesen der Theorien zur Erstellung von Kollektivgütern und zu sozialen Bewegungen. Der Aufsatz richtet sich zunächst auf die theoretischen Grundlagen der Bewegung, sodann auf ihre Strategien und die Aktionen der radikalen Aktivisten. Ein Ergebnis ist, daß den Massenmedien eine entscheidende Bedeutung dafür zukommt, ob und in welcher Form die Ziele der Bewegung einzelne Bevölkerungsteile erreichen. Die wichtigste Folgerung ist, daß gewaltsame Aktionen nicht helfen, die zentralen Ziele, hier: die Gleichstellung von Tier und Mensch, zu erreichen, sondern nur die abgeleiteten Ziele, hier: Proteste gegen Tierversuche und Massentierhaltung. Die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung sozialer Normen ist daher für eine soziale Bewegung kontraproduktiv.

ABSTRACT: Several social movements aim at the acceptance of a specific set of values and new legal norms based on these values. Violence can be a means to gain such acceptance as in the case of the vegan/animal liberation movement. The article documents the frame, the strategies and the actions of these groups, using hypotheses from theories of collective goods and social movements. The effects of the radical activist group on different target groups are evaluated. Mass media are found to play a crucial role in the transmission of movement aims. The major conclusion is that violent actions focus attention and promote more public support for their derivate and empirical credible goals, such as protests against animal experimentation, but not for the specific and central goal: the equality of man and animals. Violence seems to be a contraproductive means for the achievement of the central goals of a social movement.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Jürgen Friedrichs, Forschungsinstitut für Soziologie, Universität zu Köln, Greinstr. 2, 50939 Köln.

AUTOR: Bodemann, Michal Y.

TITEL: Gedächtnisnegativ. Genealogie und Strategien deutscher Erinnerung an Auschwitz

ENGL. TITEL: Memory Negative. Genealogies and Strategies of German Remembrances of Auschwitz

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 359-381.

ZUSAMMENFASSUNG: Literarische und soziologische Quellen aus den ersten fünfzehn Jahren nach der Schoah belegen, daß es in Deutschland nicht zu einem vollständigen Schweigen über Auschwitz, sondern vielmehr zu "negativem Erinnern" gekommen war. Analog einem Fotonegativ oder den Gußformen einer Plastik wurden nur die äußeren Konturen dieser Katastrophe sichtbar gemacht. Täter- und Opferrollen wurden vertauscht, die Verbrechen wie auch das Leiden selbst universalisiert und die deutschen Verbrechen den "Verbrechen" der Alliierten oder der Juden gleichgesetzt. Insbesondere auch die deutsche Soziologie hat es nicht vermocht, sich mit Auschwitz auseinanderzusetzen und hat bestenfalls die Erinnerung negativ reflektiert, hat sie ausgelöscht und trivialisiert durch theoretische und klassifikatorische Manöver. Zur selben Zeit formulierte Carl Schmitt einen untergründigen, wütend antisemitischen Diskurs aus Leugnung, Selbstmitleid und Ressentiment, der später im Historikerstreit wieder sichtbar wurde.

ABSTRACT: Literary and sociological sources suggest that in Germany in the post-war period, the Holocaust was not entirely silenced but rather negatively remembered. In the first fifteen years after the Shoah, only the contours, the peripheries of the events became visible. The catastrophe itself is eclipsed. The roles of victims and perpetrators become interchanged, crimes and victims universalized, or the issue of the crimes is denigrated, equated with other - purportedly Jewish or Allied - crimes. German sociology in particular, it is argued, glaringly failed in dealing with Auschwitz and attempted to erase this history through classificatory exercises. Concurrently, as apparent in his "Glossarium", Carl Schmitt established a vitriolically anti-semitic subterranean discourse of denial, self-pity and resentment which resurfaced later in the so called "Historians' Dispute".

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Michal Bodemann, Pfalzburger Str. 80, 10719 Berlin.

AUTOR: Keppler, Angela

TITEL: Über einige Formen der medialen Wahrnehmung von Gewalt

ENGL. TITEL: The Media Perception of Violence

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 37, Jg. 49, 1997, S. 382-402.

ZUSAMMENFASSUNG: Der Beitrag behandelt Aspekte der Beziehung zwischen Gewalt und ihrer Wahrnehmung. Gewalt ist mindestens ein zweistelliges Verhältnis (zwischen Täter und Opfer), nicht selten aber ein dreistelliges Verhältnis (zwischen Täter, Opfer und Zuschauer), das einen jeweils anderen Charakter gewinnt, je nachdem, ob es sich um "reale" oder "fiktive", "spontane" oder "inszenierte" Gewalt handelt. Gegen die pauschale These, es bestehe heute eine weitgehende Kontinuität zwischen der Wahrnehmung realer und fiktiver Gewaltszenen im Fernsehen, wird in exemplarischen Produktanalysen nachgewiesen, daß für die unterschiedlichen Gattungen der Gewaltdarstellung in Fernsehen und Film ein hohes Maß an Diskontinuität kennzeichnend ist. Dies läßt erste Rückschlüsse auf die Unterschiedlichkeit auch des Zuschauerinteresses an der Wahrnehmung medialer Gewalt zu.

ABSTRACT: The article deals with aspects of the relation between violence and its perception. Violence is at least a twofold relation (between offender and victim), but quite often a threefold relationship (between offender, victim and spectator), which changes its character with respect to the kind of violence involved: whether it is "real" or "fictional", "spontaneous" or "arranged". Against the assumption of a widespread continuity between the reception of real and fictional scenes of violence, it is argued that discontinuity is the hallmark of the presentation of violence in the different genres of television and film. This argument is based on an analysis of products of these genres. It allows first conclusions concerning the viewer's interest in the performance of violence in the media.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: PD Dr. Angela Keppler-Seel, Haffkruger Weg 16, 22134 Hamburg.

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Datei aktualisiert am 08.12.2003 in der Redaktion der KZfSS