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Jürgen Friedrichs, M. Rainer Lepsius, Karl Ulrich Mayer (Hg.)
Die Diagnosefähigkeit der Soziologie

Sonderheft 38/1998 der KZfSS

Klappentext:

Die ökonomischen, politischen und sozialen Umwälzungen der letzten Jahre stellen für die Soziologie eine Herausforderung dar. Wie die Transformation sozialistischer Gesellschaften und die Probleme der Globalisierung der Wirtschaft zeigen, scheint die Fähigkeit der Soziologie begrenzt, sozialen Wandel theoretisch zu fassen, empirisch zu beschreiben und kausal zu erklären. Es wird mithin die generelle Frage gestellt, in welchem Maße es der Soziologie gelingen kann, längerfristige Veränderungsprozesse für Gesellschaften und gesellschaftliche Teilbereiche zu diagnostizieren, ihre Richtung vorherzusagen oder für die Vergangenheit zu rekonstruieren.

Folgende Themen und Fragestellungen werden untersucht: Woher stammen die Begriffe und Theorien, mit denen Soziologen längerfristige Entwicklungen wahrgenommen haben? In welchem Sinne haben allgemeine Theorieentwicklungen die Diagnosefähigkeit der Soziologie entfaltet oder behindert? Wie erfolgreich waren Diagnosen längerfristiger Entwicklungen in der Vergangenheit? In welchem Verhältnis stehen die Entwicklung von empirischen Beschreibungs- und methodischen Analysepotentialen zur Diagnosefähigkeit? Welche methodischen Mittel fördern und welche methodischen Probleme behindern die Diagnosefähigkeit der Soziologie? Wie selektiv ist die Rezeption soziologischer Entwicklungsanalysen und ihrer Deutungen in der Öffentlichkeit?

Die behandelten Themenbereiche sind: Demokratieentwicklung der Bundesrepublik Deutschland, der strukturelle Wandel der Klassengesellschaft, Proletarisierung oder Aufwertung der Erwerbsarbeit, Wandel der Berufsstruktur, Wertewandel, Säkularisierung, Wandel der Familie, Folgen der Bildungsexpansion, Tendenzen der Informationsgesellschaft, Entwicklung der Frauenbewegung, Entstehung der Umweltbewegung, Integration ethnischer Minoritäten. Die Diagnosefähigkeit der Soziologie wird mithin an wichtigen sozialen Problembereichen im sozialen Wandel der Bundesrepublik Deutschland diskutiert.


Zusammenfassungen und English Summaries des Sonderhefts 38/1998

AUTOR: Jürgen Friedrichs, M. Rainer Lepsius and Karl Ulrich Mayer

TITEL: Diagnose und Prognose in der Soziologie

ENGL. TITEL: Diagnosis and Prediction in Sociology

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 9-31

ZUSAMMENFASSUNG: Im ersten Abschnitt werden drei Positionen zum Diagnoseproblem dargestellt, die von "Protagonisten", "konstruktiven Skeptikern" und "Puristen" vertreten werden. Im zweiten Abschnitt wird am Beispiel der Analyse des Zusammenbruchs der sozialistischen Länder erörtert, in welchem Ausmaß es der Soziologie gelungen ist, diesen Prozeß zu diagnostizieren und zu erklären. Im dritten Teil wird die Frage behandelt, ob die Soziologie der ihr angesonnenen Aufgabe gerecht werden kann und sollte, Zeitdiagnosen der Gesellschaft zu geben. Dabei werden sowohl die außer- als auch die innerwissenschaftlichen Folgen derartiger Diagnosen erörtert. Der vierte Abschnitt enthält eine methodologische Diskussion der Probleme der Diagnose und Prognose. Ferner wird erörtert, ob die Soziologie in der Lage ist, die von Comte geforderten Aufgaben "savoir pour prévoir" zu leisten. Im fünften Teil wird dargestellt, unter welchen Umständen die Soziologie theoretisch fundierte Diagnosen und Prognosen geben kann und welchen Nutzen aus einer sorgfältigeren Variation der Kontextbedingungen auch schwache Prognosen haben können. Im letzten Abschnitt wird die Zusammenstellung dieses Sonderhefts erläutert, das aus Anlaß des 50jährigen Bestehens der "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie" zusammengestellt wurde.

ABSTRACT: In their introductory chapter, the editors assess the problems of diagnosis in Sociology. The authors first state that sociology is confronted with the expectation to deliver diagnoses of the state of society. This is what Comte claimed the task of sociology to be: "savoir pour prévoir". The first example is the breakdown of socialist societies. The authors then turn to examples of diagnoses of the Federal Republic of Germany and the different expectations addressed to sociology as a discipline from the public to supply society with statements about their condition and course of change. The next section is devoted to a systematic analysis of the methodological problems of diagnosis and prediction. Using the epistemological model of medical science, it is argued that a diagnosis is a classification based upon an already existing knowledge of patterns into which a given set of phenomena are subsumed. It is further argued that sociology lacks such stock of knowledge and, hence, diagnoses are not based upon theory but on conjectures given to meet societal demand for understanding society. In the final section, the authors argue that even weak predictions have a methodological potential if the context conditions are specified.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Jürgen Friedrichs, Forschungsinstitut für Soziologie, Universität zu Köln, Greinstr. 2, D-50939 Köln; E-Mail: friedrichs@wiso.uni-koeln.de

AUTOR: Max Kaase

TITEL: Die Bundesrepublik: Prognosen und Diagnosen der Demokratieentwicklung in der rückblickenden Bewertung.

ENGL. TITEL: The Federal Republic of Germany. Prognosis and Diagnosis of Postwar Democratic Development in Retrospect

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 35-55.

ZUSAMMENFASSUNG: Die Thematik "Prognosen und Diagnosen der Demokratieentwicklung in der rückblickenden Bewertung" wird zunächst in einem allgemeinen demokratietheoretischen Zusammenhang verortet; dabei wird zwischen der Frage der Bedingungen von Wandel und Persistenz politischer Ordnungen unterschieden. Nach einem Exkurs zur Methodologie der Behandlung von Mehrebenenproblemen, wie sie die Demokratieforschung eines darstellt, und einigen Überlegungen zur Abgrenzung von Prognose und Diagnose in den Sozialwissenschaften, wird im Hauptteil des Beitrages zunächst die sehr stark durch die amerikanische Besatzungsmacht geprägte Genese der allerdings nicht in der universitären Soziologie angesiedelten Mikrodemokratieforschung dargestellt. Es folgt eine in fünf Teilbereiche gegliederte Analyse des Beitrags der westdeutschen (politischen) Soziologie zur Demokratieproblematik allgemein sowie zu den Detailthemen Legitimationskrise, politischer Extremismus mit dem Spezialfall der NPD, Eliteforschung und partizipatorische Revolution. Abgeschlossen wird der Beitrag mit einem kurzen Resümee des Standes der internationalen Demokratieforschung und einer zusammenfassenden Bewertung der Prognose- und Diagnosefähigkeit der deutschen Soziologie im Feld der Demokratieforschung.

ABSTRACT: The paper begins with an effort to briefly anchor the topic in the context of Robert Dahl's conceptualization of democracy as polyarchy. It is also pointed out that, in general, it is useful to distinguish between the analysis of change in and persistence of systems of political order. This introduction is followed by some methodological reflections on the multi-level properties of democratic development and the challenges originating from this complexity in the study of democratic development. The core part of the paper starts with a look at the important role the American Military Government has played in studying the way the German people's orientations towards the political system evolved between 1945 and 1955. This is followed by the analysis of the contribution German sociology has made to the study of German democracy in general and in the four special subfields of the legitimacy crisis debate, political extremism, elite studies and the socalled participatory revolution. The paper ends with a look at the international state of studies of democracy and a short summary of what the author thinks the contribution of German postwar sociology for the prognosis and diagnosis of democratic development in postwar Germany was.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Max Kaase, Wissenschaftszentrum Berlin, Forschungsschwerpunkt III, Reichpietschufer 50, D-10785 Berlin; E-Mail: maka@medea.wz-berlin.de

AUTOR: Erwin K. Scheuch

TITEL: Das politische System der Bundesrepublik. Der Wandel des Gegenstandes und seiner Erforschung

ENGL. TITEL: The Political System of the Federal Republic of Germany. Changes in Research Topics and Methods

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 56-77.

ZUSAMMENFASSUNG: Die Diagnosefähigkeit der politischen Soziologie wird an fünf Forschungsfeldern untersucht: In der unmittelbaren Nachkriegszeit gab es eine große Dichte von Umfragen, deren Thema die Einstellung zum früheren NS-Regime und die Umorientierung hin zu einem Nachkriegsdeutschland waren. Hiernach war die Ideologie für das Durchsetzen und den Bestand des Regimes nur für eine Minderheit wichtig. Die größte Kontinuität empirischer Forschung läßt sich bei der Analyse von Wahlen beobachten. Die Fülle dieser Untersuchungen hat zwar theoretisch weniger erbracht als erhofft wurde, erlaubt jedoch eine Fülle von beschreibenden Aussagen über den sozialen Wandelt. Ein Schwerpunkt ist die "Demokratieforschung", die zahlreiche Befunde über die Bedeutsamkeit der "Zivilgesellschaft" für das Funktionieren formaler Ordnung einer Demokratie erbrachte. Die Extremismusforschung begann als Erforschung des Rechtsextremismus, wurde dann ergänzt durch die Erforschung sozialer Bewegungen mit vorwiegend "linker" Thematik. Entscheidend für Entstehen und die Stabilisierung solcher Minoritäten sind die Netzwerke des unmittelbaren Nahbereichs. Die Untersuchung der Einflußeliten in der Bundesrepublik umfaßt retrospektive Untersuchungen über Eliten im NS-Staat, vergleichende Untersuchungen über Eliten im östlichen und westlichen Teil Deutschlands, ferner Studien zu gemeindlichen Machtstrukturen. Die deutsche Elite erweist sich hiernach als ziemlich zerklüftet. Insgesamt zeigt sich in der Rückschau, wie blutleer in den meisten Veröffentlichungen die Politik als Prozeß wiedergegeben wird und wie sehr normative Demokratiemodelle die Deutung der Befunde bestimmen.

ABSTRACT: The diagnostic competence of political sociology is examined for five areas of research. In the immediate post-war area there were continuous surveys on the attitudes towards the former NS-Regime and on the re-orientation towards a new Germany. Parallelly a large number of investigations portraying the attitudes of the population vis-à-vis the NS-Regime were published; according to these ideological convictions they were important for the period of takeover and then for the stability of the regime only for minorities. Continuity of empirical research was greatest for the analysis of elections. Most of these investigations contributed less to theory than was expected, but were most useful for a description of social change. A number of very sophisticated and voluminous studies were guided by a model of a liberal democracy. These empirical studies show the importance of "civil society" for the functioning of the mechanics of a democracy. Research on extremism began with a focus on right wing movements. Later, this was complemented by research on social movements with "left" topics. Decisive for the rise and possible stabilization of such movements are the networks of immediate relations. Research on elites in the Federal Republic pertain to elites during the NS-Regime, studies comparing elites in the Eastern and the Western parts of Germany, and studies of community power structure. Overall, they present the German elite as highly segmented. In retrospect, most publications on political processes portray it in a sterile way and are largely guided in their interpretation by normative models of democracy.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Erwin K. Scheuch, Hauptstr. 39c, D-51143 Köln/Zündorf

AUTOR: Walter Müller

TITEL: Erwartete und unerwartete Folgen der Bildungsexpansion

ENGL. TITEL: Expected and Unexpected Consequences of Educational Expansion

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. . 81-112.

ZUSAMMENFASSUNG: Die Bildungsexpansion wird in der Literatur mit einer Vielzahl von Folgen in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen verbunden. Der Beitrag untersucht diese Zusammenhänge vor allem für zwei ausgewählte Bereiche: die Entwicklung der sozialen Ungleichheit der Bildungsbeteiligung im Zuge der Bildungsexpansion und die Entwicklung der Folgen von erworbenen Bildungsqualifikationen für die Erwerbschancen und die berufliche Plazierung von Bildungsabsolventen im Beschäftigungssystem. Für diese Bereiche werden die vorweggenommenen oder nachträglich gemachten weitreichenden Aussagen einzelner Soziologen, die als diagnostische Zeitdeutungen verstanden werden können, den vorhandenen, jedoch begrenzten Erkenntnissen empirischer soziologischer Forschung gegenübergestellt. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, daß sich die "Diagnosefähigkeit der Soziologie" in den untersuchten Bereichen kaum als tragfähig erwiesen hat. Dies liegt zum Teil an der kaum überwindbaren Schwierigkeit, den Beitrag einer Einzelentwicklung in vielfach interdependenten sozialen Veränderungsprozessen präzise zu bestimmen, zum Teil aber auch an den inhärenten argumentativen Schwächen von Diagnosen.

ABSTRACT: In the literature, educational expansion is assumed to be associated with a number of consequences in the most diverse societal domains. This essay examines this issue for two domains in particular: the development of social inequality in educational participation in the course of educational expansion, and the development of the consequences of educational qualifications for occupational placement and career prospects. For these areas, the essay contrasts general diagnostic statements and interpretations of consequences of educational expansion with existing, though limited, findings of empirical sociological research. It concludes that in the areas examined, sociology's 'diagnostic ability' has hardly proved reliable. This is partly due to the hardly surmountable difficulty of precisely determining the contribution of a specific factor within multiple-interdependent processes of social change, and partly to the inherent argumentative weaknesses of the diagnoses.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Walter Müller, Universität Mannheim, Lehrstuhl für Methoden der empir. Sozialforschung u. angew. Soziologie, A 5, D-68131 Mannheim; E-Mail: wmueller@sowi.uni-mannheim.de

AUTOR: Horst Kern

TITEL: Proletarisierung, Polarisierung oder Aufwertung der Erwerbsarbeit? Der Blick der deutschen Industriesoziologie seit 1970 auf den Wandel der Arbeitsstrukturen

ENGL. TITEL: Proletarisation, Polarization or Upgrading of Industrial Work? German Industrial Sociology after 1970 and the Polarization Thesis of Occupational Structures

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 113-129.

ZUSAMMENFASSUNG: Den Ausgangspunkt der industriesoziologischen Forschung zum Wandel der Arbeitsstrukturen bildeten Studien über die "Verbürgerlichungs"- oder "Nivellierungsthese", die auch und gerade auf die qualifikatorische Anhebung und Aufwertung der Industriearbeit abstellte. Die Resultate dieser Empirie fanden ihren Ausdruck in einer neuen Interpretationsformel: der "Polarisierungsthese". Diese avancierte schnell zum industriesoziologischen Gemeingut, büßte dann aber abrupt und in einer das Fach überraschenden Weise ihre Orientierungsfunktion ein. Neue Entwicklungen (die "Neuen Produktionskonzepte") ließen die Polarisierungsthese obsolet werden. Erörtert wird die Frage, unter welchen Voraussetzungen die Industriesoziologie diesen Bruch hätte antizipieren können. Raffiniertere empirische Absätze und vor allem stärkere Theoriearbeit wären hilfreich gewesen. Doch auch eine in diesen Punkten verbesserte Industriesoziologie hätte nicht genug Antizipationskraft besessen, um den Bruch vorherzusehen.

ABSTRACT: Studies on the embourgeoisement or levelling thesis which especially built on skill upgrading of industrial work, have traditionally provided the departure point for research in industrial sociology which addressed itself to the change of work. The empirical findings have found their expression in an new thesis: the thesis of polarization. This rapidly became a common theory within industrial sociology, but than suddenly faded loosing its interpretive power. New developments (the "new concepts of production") rendered the polarization thesis obsolete. The article discusses the conditions under which industrial sociology would have been able to anticipate this change. Smarter empirical approaches and particularily stronger theory building would have helped. But even such an improved industrial sociology would have had insufficient predictive ressources to anticipate the change.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Horst Kern, Universität Göttingen, Zentrum für Europa- und Nordamerikaforschung, Humboldtallee 3, D-37073 Göttingen; E-Mail: hkern@gwdg.de

AUTOR: Hanns-Georg Brose

TITEL: Proletarisierung, Polarisierung oder Upgrading der Erwerbsarbeit? Über die Spätfolgen 'erfolgreicher Fehldiagnosen' in der Industriesoziologie

ENGL. TITEL: Proletarisation, Polarization or Upgrading of the Occupational Structures? The Late and Unintended Consequences of Successful but False Diagnoses

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 130-163.

ZUSAMMENFASSUNG: In dem Beitrag wird die These vertreten, daß die Diagnosen über die Polarisierung und schließlich die Re-professionalisierung der Erwerbsarbeit die Fachdiskussion in der Industriesoziologie in "zu erfolgreicher" Weise auf die Frage nach der Verbreitung bzw. Rücknahme tayloristischer Arbeitsteilung und -organisation focussierten. Formen der Arbeitsteilung, die sich jenseits des tayloristischen Modells der Arbeitszergliederung erhalten oder neu entwickelt haben, wurden deshalb auch jenseits der Grenzen der main-stream Industriesoziologie untersucht. Das führte schließlich zu Differenzierungs- und Fragmentierungstendenzen innerhalb des Faches, in deren Folge im Umfeld der Industriesoziologie eine Vielzahl heterogen erscheinender Themen aufgegriffen, aber nicht in einer kohärenten Perspektive bearbeitet wurden. Die Gemeinsamkeit dieser Themen wird darin gesehen, daß sie auf die Bedeutsamkeit endogenen und exogenen Wandels in Organisationen und die Bemühungen von Betrieben/Unternehmen im Umgang mit Unsicherheiten und Risiken in ihren Umwelten verweisen. Aus dieser Perspektive ergibt sich ein tiefenschärferes Verständnis neuer Formen der Arbeitsteilung, die sich zwischen Dienstleistungs- und Herstellungsfunktionen, zwischen Wissensgenerierung und Wissensanwendung und infolge organisatorischer Dezentralisierung ergeben und die Entwicklung der Berufsstruktur beeinflussen. Die "klassische" Industriesoziologie hat gerade erst begonnen, diese Entwicklungen in einer kohärenten Weise zu beobachten und zu erforschen. Diese Verzögerung in der Wahrnehmung kann als Spätfolge zu erfolgreicher Fehldiagnosen interpretiert werden.

ABSTRACT: It is argued that in German industrial sociology first the ‚diagnosis' of the polarization of oc-cupational structures in industry and later on the professionalisation thesis focused the scientific discourse too successfully on the question whether the tayloristic division of labour is progressing or loosing importance. Thus types of work-organization that survived or emerged beyond the tayloristic model could not be grasped by its dominant analytical framework. Hence they have not been given enough attention within the boundaries of main-stream industrial sociology. This finally led to thematic differentiation and dispersion within this discipline, since the heterogeneous research topics that were raised consequently, were not approached in a coherent perspective. However, these different topics have a common feature in the way they point to the endogenous and exogenous factors of organizational change and to the different ways of organization's coping with uncertainty and risk in their environment. This perspective offers a deeper understanding of the emerging patterns of the division of labour in and between manufacturing and the services industries, in and between the decentralised organizational units of the firm and between the creation of knowledge and its application. Mainstream industrial sociology is just beginning to approach these changes in a coherent way. This delay can be seen as a late and unintended consequence of a succesful but false diagnosis.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Hanns-Georg Brose, Gerhard Mercator Universität Gesamthochschule Duisburg, FB 1/Soziologie, Lotharstr. 65, D-47057 Duisburg; E-Mail: brose@uni-duisburg.de

AUTOR: Michael Vester

TITEL: Was wurde aus dem Proletariat? Das mehrfache Ende des Klassenkonflikts: Prognosen des sozialstrukturellen Wandels

ENGL. TITEL: What Happened to the Working Class? The End of Class Conflict. Problems of an Often-repeated Sociological Prediction

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 164-206.

ZUSAMMENFASSUNG: Der Autor diskutiert die Schwierigkeiten der postmarxistischen Klassenanalyse. Ausgangspunkt ist Theodor Geigers Diagnose der graduellen Verschiebung der Klassenstrukturierungen von der ständischen Hierarchiebildung und der industriekapitalistischen Klassenpolarisierung zu modernen Strukturierungen durch das kulturelle Kapital, den institutionalisierten Klassenkonflikt und die wohlfahrtsstaatliche Regulierung. Diese "Entproletarisierung" löste in der Nachkriegszeit eine lange Reihe von Kontroversen aus. Der Autor untersucht insbesondere die Theorien der Nivellierung (Schelsky), der Resignation (Bahrdt), der Verbürgerlichung, Fragmentierung und Manipulation (u.a. Marcuse) und auch einer neuen Arbeiterklasse der gering qualifizierten Arbeiter mit instrumentellem Bewußtsein (Goldthorpe, bzw. Lockwood) oder der hochqualifizierten Arbeiter mit neuer Militanz (u.a. Mallet). Die meisten dieser Theorien blieben in den naiven Masse-Elite-Schemata marxistischer und nichtmarxistischer Intellektueller befangen. Dagegen ermöglichten es neue Untersuchungen der Geschichte der Arbeiterschaft (Niethammer, Mooser) und neue Theorien der Klassenkultur (Thompson, Hall) und des sozialen Raums (Bourdieu), das Ende der proletarischen Lebensweise nicht als Ende, sondern als Metamorphose und Modernisierung der kulturellen Stammbäume der Arbeitermilieus (Vester) zu verstehen. Abschließend präsentiert der Autor neue eigene Forschungen zu den drei modernisierten Traditionslinien der Arbeiter- und Arbeitnehmermilieus in Deutschland.

ABSTRACT: The author discusses the difficulties of post-marxist class analysis. In 1949, Theodor Geiger analyzed the graduate shift of class cleavages from industrial class polarization and pre-industrial hierarchies towards modern structurations by cultural capital, institutionalized class conflict and welfare state regulations. This "deproletarisation" gave rise to a long series of controversies between theories of nivellation (Schelsky) and resignation (Bahrdt), of embourgeoisement, fragmentation and manipulation (Marcuse) and also of a new class of low-skill workers with an instrumental consciousness (Goldthorpe/Lockwood) or of high-skill workers with a new militancy (Mallet) etc. While most of these theories were caught in the naive mass-élite schematisms inherent in marxist and non-marxist intellectual perspectives, new studies of class history (Niethammer, Mooser) and new theories of historical class culture (Thompson, Hall) and of diffentiated class configurations (Bourdieu) allow to understand that the end of the proletarian way of life did not mean the end of the working class but a metamorphosis and modernization of class culture (Vester). As a conclusion, the author presents recent research on the three modernized cultural family trees of the labouring classes in Germany.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Heinz-Günter Vester, Feldafingerstr. 43d, D-82343 Pöcking

AUTOR: Rainer Geißler

TITEL: Das mehrfache Ende der Klassengesellschaft. Diagnosen sozialstrukturellen Wandels

ENGL. TITEL: The Repeated End of Class Society. Diagnoses of the Change of Social Structure

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 207-233.

ZUSAMMENFASSUNG: Der Beitrag vergleicht fünf wichtige nicht-marxistische Konzepte bzw. Paradigmen der deutschen Sozialstrukturanalyse im Hinblick auf ihre Diagnosefähigkeit für den sozialstrukturellen Wandel. Die Diagnosefähigkeit der Sozialstrukturanalytiker läßt eine Art wellenförmigen Verlauf erkennen: Der relativ treffsicheren Marx-Kritik von Theodor Geiger folgt die ideologische Fehleinschätzung Helmut Schelskys, der in den 50er Jahren erstmals das Ende der Klassen- und Schichtengesellschaft verkündete. Auf die wiederum realitätsnahen Analysen Dahrendorfs und die sinnvolle Perspektivenerweiterung durch die vieldimensionale Ungleichheitsforschung (70er Jahre) folgen die ideologieträchtige Blickverengung und partiellen Fehleinschätzungen der neueren Nachklassentheoretiker (z. B. Beck, Hradil). Offensichtlich tendieren Neuansätze mit einer Erhöhung des Diagnosepotentials (Geiger, Dahrendorf, vieldimensionale Ungleichheitsforschung) zu einer radikalisierenden Zuspitzung, unter der die Diagnosefähigkeit leidet (Schelsky, neuere Nachklassentheorie). Es wird darüber hinaus gezeigt, daß soziologische Theorien unabhängig von ihrem "Wahrheitsgehalt" in der sozialen Wirklichkeit diffundieren. Schelskys Konzept der nivellierten Mittelstandsgesellschaft sowie die neueren Theorien der Klassenlosigkeit haben weite Verbreitung gefunden, weil sie den sozialen Wahrnehmungs- und Deutungsbedürfnissen der tragenden Schichten der Dienstleistungsgesellschaft entgegenkommen.

ABSTRACT: The article compares five important non-marxist concepts resp. paradigms of the German social structure analysis with regard to their potential for social change. The development of the diagnostic potential reveals a kind of insinuating course. The relatively sound critique of Marx by Theodor Geiger was followed by Helmut Schelsky's ideological misjudgement; in the fifties Schelsky proclaimed, for the first time, the end of class society. Dahrendorf's analyses, which are realistic again, and the useful enlargement of perspective by the multidimensional approach of inequality research (in the seventies) is followed by the narrowing of perspective and the partial errors of recent post class theories (e.g. Beck, Hradil). Obviously, new approaches which increase diagnostic potential (Geiger, Dahrendorf, multidimensional inequality analysis) tend towards radicalizing exaggeration which weakens their diagnostic potential (Schelsky, recent post class theories). In addition, the article shows that the diffusion of sociological theories in social reality does not depend on their "veracity" or "truthfulness". Schelsky's concept of a "levelled middle class society" and the recent theories of classlessness have widely spread because they fit in very well with the needs of social perception and interpretation existing among important classes of the tertiary service class society.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Rainer Geißler, Universität Gesamthochschule FB 1/Sozialwissenschaften Adolf-Reichwein-Str. 9, D-57076 Siegen; E-Mail: geissler@soziologie.uni-siegen.de

AUTOR: Wolfgang Jagodzinski

TITEL: Das diagnostische Potential von Analysen zum religiösen Wandel

ENGL. TITEL: The Diagnostic Potential of Scientific Studies of Religious Change

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 237-255.

ZUSAMMENFASSUNG: Der erste Teil der Arbeit verfolgt das Ziel, einen für die empirischen Sozialwissenschaften angemessenen Diagnosebegriff zu explizieren. Dabei werden drei Möglichkeiten in Betracht gezogen, nämlich die deterministische Ursachendiagnose, die statistische Ursachendiagnose und die Diagnose als Subsumtion eines beobachteten Sachverhalts unter ein komplexes Prädikat. Der erste Diagnosebegriff dürfte für die Sozialwissenschaften allgemein zu restriktiv sein, der zweite ist zumindest für die Religionssoziologie zu voraussetzungsreich, weil es hier universelle statistische Kausalgesetze nicht gibt. Als Diagnosen im dritten Sinne kann man - wie im dritten Abschnitt der Arbeit gezeigt wird - viele religionssoziologische Arbeiten qualifizieren, weil sie zeigen, daß Begriffe wie funktionale Differenzierung, Rationalisierung oder Individualisierung auf moderne Gesellschaften anwendbar sind, und daß die so bezeichneten Prozesse Folgen für die Religion in diesen Gesellschaften haben. Wenn man allerdings verlangt, daß die Rekonstruktion der Prozesse auf der Basis empirisch gestützter Annahmen erfolgen muß, dann sinkt die Zahl der Diagnosen beträchtlich. Insbesondere Autoren wie Luhmann, Luckmann oder Dobbelaere gehen von strittigen, wenn nicht sogar empirisch falschen Annahmen aus und würden nach diesem engeren Begriffsverständnis keine Diagnosen liefern.

ABSTRACT: The first part of this paper attempts to explicate a concept of diagnosis which is adequate for the social sciences. Three concepts are discussed more closely: diagnosis on the basis of deterministic causal laws, diagnosis on the basis of statistical causal laws, and a third concept according to which diagnosing is nothing but subsuming an observed event or state to a complex predicate. The first concept is too restrictive for the social sciences. The second is too restrictive at least for the sociology of religion because we do not find universal statistical causal laws in this discipline. Many contributions in the sociology of religion, however, can be called diagnoses in the third sense because they apply concepts like functional differentiation, rationalization, or individualization to modern societies. They also discuss the consequences of these processes for the social structure and the individual behavior. The crucial question, however, is whether the whole reconstruction is based on empirically confirmed regularities or not. Particularly, authors like Luhmann, Luckmann, or Dobbelaere base their conceptions on empirical assumptions which are heavily disputed in the sociology of religion. Thus, if we require confirmed empirical regularities for the third concept of diagnosis these important contributions do not have the quality of diagnoses, too.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Wolfgang Jagodzinski, Universität zu Köln, Institut für Angewandte Sozialforschung, Greinstr. 2 D-50939 Köln; E-Mail: Jogodzinski@wiso.uni-koeln.de

AUTOR: Heiner Meulemann

TITEL: Wertwandel als Diagnose sozialer Integration: Unscharfe Thematik, unbestimmte Methodik, problematische Folgerungen. Warum die wachsende Bedeutung der Selbstbestimmung kein Wertverfall ist

ENGL. TITEL: Value Change as a Diagnosis of Social Integration: Imprecise Topics, Insecure Methods, Doubtful Conclusions. Why the Increasing Importance of Self-Determination is not a Decay of Values

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 256-285.

ZUSAMMENFASSUNG: Der Aufsatz erklärt die Popularität des Themas Wertwandel aus dem Bedarf der Öffentlichkeit an Diagnosen der sozialen Wandlungen der alten Bundesrepublik. Der Wertwandel ist hier ein Übergang von Akzeptanz zu Selbstbestimmung. Die Soziologie hat ihn nicht mit Bezug auf Merkmale von Individuen durch Theorien, etwa der Kohortensukzession, erklärt, sondern nur mit allgemeinen Tendenzaussagen charakterisiert; sie hat nicht mit Erklärungen, sondern mit Diagnosen des Wertwandels in der Öffentlichkeit Erfolg errungen. Deshalb fragt sich, was soziologische Diagnosen sind und was spezifisch soziologische Diagnosen des Wertwandels für die Öffentlichkeit leisten können. Anders als die Medizin oder die Psychologie diagnostiziert die Soziologie ohne Diagnostik; soziologische Diagnosen werten allgemeine Entwicklungstendenzen der Gesellschaft. Die Diagnosen des Wertwandels sind nun überwiegend negativ: Der Übergang von Akzeptanz zu Selbstbestimmung wird als Verfall, als Verdrängung gemeinschaftlicher durch individualistische Werte gedeutet. Gemeinschaftliche und individualistische Werte schließen sich jedoch weder konzeptuell noch empirisch aus. Die Diagnose ist nicht nur nicht hilfreich, sondern desorientierend: Die Therapie kann nicht eine Einschränkung des Individualismus sein, sondern das Verständnis von Gemeinsinn als Medium der Selbstbestimmung.

ABSTRACT: The fact that "value change" is such a popular topic in Germany is explained by a public demand for diagnosis of social change. The value change in Germany since the 50ies is best described as a transition from acceptancy to self-determination. Sociology did not explain this development through individual behavior, i.e. through cohort succession, theoretically; rather, it has coined slogans of developmental tendencies. Sociology has been successful with diagnoses rather than with explanations. Therefore, one may ask what constitutes a sociological diagnosis in general and what a sociological diagnosis can achieve in particular. In contrast to medicine and psychology, sociology gives diagnoses without specific methods of diagnostics. A sociological diagnosis evaluates developmental tendencies of societies at large, and these diagnoses are mostly negative. The transition from acceptancy to self-determination is interpreted as a decay, as a suppression of communal by individualistic values. Yet communal and individualistic value orientation exclude each other neither conceptuallly nor empirically. Therefore, this diagnosis not only is not helpful, but desorienting. A therapy cannot be to restrict individualism but to understand communal orientations as a means of self-determination.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Heiner Meulemann, Universität zu Köln, Institut für Angewandte Sozialforschung, Greinstraße 2, D-50939 Köln; E-Mail: Meulemann@wiso.uni-koeln.de

AUTOR: Rosemarie Nave-Herz

TITEL: Die These über den "Zerfall der Familie"

ENGL. TITEL: The Thesis on the "Disintegration of the Family"

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 286-315.

ZUSAMMENFASSUNG: Den Diskurs über die Familie kann man mit einem Diskurs über die Krise oder den Zerfall der Familie gleichsetzen. Er reicht zurück bis zu den Anfängen der Soziologie und somit auch bis zu den Anfängen der Familiensoziologie und verläuft in drei Richtungen: Die ältere Argumentation besagt, daß der Ehe und Familie durch Eingriffe des Staates, durch Funktionsverluste, durch die Veränderung gesamtgesellschaftlicher Bedingungen (wie z.B durch Armut, durch die Produktionsverhältnisse) die Existenzgrundlagen entzogen würden. In der neueren Diskussion wurde die Repression des Individuums durch die Familie beklagt und es galt, die Familie selbst abzuschaffen, da sie Ort aller Entfremdungen bis hin zur Ursache von neurotischen Störungen sei. In den neuesten Abhandlungen wird die gesunkene Gravitation der Ehe und Familie durch den ablaufenden Modernisierungsprozeß betont. Durch das wohlfahrtsstaatliche Absicherungssystem, den allgemeinen Wertewandel, durch die ökonomische Wohlstandssteigerung, durch die veränderte Rolle der Frau u.a.m. hätten Ehe und Familie an Bedeutung verloren und seien in Konkurrenz zu anderen - "anpassungsfähigeren" - Lebensformen geraten. Diese drei "Argumentationsmuster" werden in ihrem jeweiligen historischen Kontext beschrieben und kritisch beleuchtet. Methodische Probleme der Erfassung familialen Wandels werden erörtert. Schließlich wird die These begründet, daß von ihrer strukturellen Verfestigung statt von einem "Zerfall" der Familie ausgegangen werden muß. Der Beitrag konzentriert sich nicht nur auf die Zeitspanne der letzten 50 Jahre, sondern es wird auch ein Rückblick auf die Lebensformen und Familienbeziehungen früherer historischer Epochen eingefügt.

ABSTRACT: The discourse on 'The family' can be equated with the discourse on 'The family in crisis' or 'The disintegration of the family'. It dates back to the origins of sociology and thus also to the origins of family sociology. The discourse on the family may be divided into three different lines: While in the past it was argued that marriage and family were deprived of their livelihood by state intervention, by the loss of functions and by changes affecting the community as a whole (e.g. poverty, changes in the the conditions of production), other arguments were raised in more recent discussions: It was deplored that the family represses the individual and suggestions were made to abolish family itself because it was considered a source of alienation and a cause for neurotic disorders. In most recent papers the fact that the low gravitation of marriage and the family as a result of ongoing processes of modernization is emphasized. It is pointed out that owing to the security provided by the welfare state, a general change of values, greater prosperity, the changed role of women in society and other developments, marriage and family have lost in importance and have to "compete" with other more "adaptable" lifestyles. In this paper these three lines of 'argumentation' are covered one after the other by considering their respective historical context and by analysing them critically. For reasons of space it is not possible to present the various "diagnoses on the disintegration of marriage and family" in chronological order; instead selected concepts and their main statements are dealt with. Additionally, problems arising from a methodical coverage of changes related to the family are treated and finally reasons are given supporting the thesis that a structural consolidation and not a 'disintegration' of the family must be regarded as the cause of current developments. Therefore this paper not only covers the past 50 years but also illuminates lifestyles and family relationships typical of even more historical epochs.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Rosemarie Nave-Herz, Universität Oldenburg, FB III, Institut für Soziologie, Ammerländer Heerstr. 114-118, D-26129 Oldenburg; E-Mail: NaveHerz@hrz.uni-oldenburg.de

AUTOR: Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny

TITEL: Die Integration ethnischer Minoritäten

ENGL. TITEL: The Integration of Ethnic Minorities

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 316-339.

ZUSAMMENFASSUNG: Die soziologische Frage nach der Integration ethnischer Minderheiten steht für eine Reihe gesellschaftlich brisanter Probleme, mit denen sich westliche Einwanderungsgesellschaften gegenwärtig konfrontiert sehen. Entsprechende Probleme traten allerdings in unterschiedlichen Kontexten auch bereits in der Vergangenheit auf, doch wurden sie von einer Soziologie, welche sich im klassisch modernisierungstheoretischen ‚main stream' bewegte, über weite Strecken ignoriert. Nicht zuletzt unter dem Druck gravierender Integrations- und Assimilationsprobleme, wie sie sich zuerst in amerikanischen Großstädten und schließlich auch in Europa stellten, entwickelte sich eine auf allgemeinen soziologischen Theorien fußende Migrationssoziologie, die das geschichts-philosophische Modernisierungstheorem mit seinen ‚Prophezeiungen' durch bedingte, auf zunehmend gesicherten Diagnosen beruhende Prognosen ersetzte. Diese Entwicklung soziologischer Analyse wird in diesem Beitrag nachgezeichnet.

ABSTRACT:


The sociological issue regarding the integration of ethnic minorities stands for a number of explosive societal problems with which western immigration societies currently see themselves confronted. Though corresponding problems also occurred in different contexts in the past, they were ignored for long stretches by sociology which concerned itself with the mainstream of classical modernization theory. Not least under the pressure of grave problems of integration and assimilation, such as those first appearing in American cities and finally in Europe, too, did a sociology of migration develop which is based on general sociological theories. Sociology of migration replaced the historico-philosophical modernization theory and its prophecies with limited prognoses, based increasingly on secure diagnoses. This development of sociological analysis is traced in this contribution.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, Universität Zürich, Soziologisches Institut, Rämistraße 69, CH-8001 Zürich; E-Mail: hono@soziologie.unizh.ch

AUTOR: Ute Gerhard

TITEL: "Illegitime Töchter". Das komplizierte Verhältnis zwischen Feminismus und Soziologie

ENGL. TITEL: "Illegitimate Daughters". The Distance and Affinity between Feminism and Sociology

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 343-382.

ZUSAMMENFASSUNG: Das Verhältnis von Frauenbewegung bzw. Feminismus und Soziologie ist durch interessante Parallelen und Wechselwirkungen, aber auch Distanzierungen und Mißverständnisse gekennzeichnet. Die Gegenüberstellung zeigt, daß die beiden Hochphasen der Frauenbewegung in Deutschland, die historische Frauenbewegung um die Jahrhundertwende sowie der neue Feminismus seit dem Ende der 1960er Jahre, nicht zufällig mit Entwicklungsschritten im Modernisierungsprozeß korrespondieren, die die soziologische Theorie als erste und zweite Krise der Moderne bzw. einfache und reflexive Moderne diagnostiziert hat. Doch während das von der Frauenbewegung problematisierte Geschlechterverhältnis - so die hier untersuchte Hypothese - in den Gesellschaftstheorien der soziologischen Klassiker (z.B. bei Tönnies, Durkheim und Simmel) zumindest einen zentralen Stellenwert einnahm, hat die feministische Gesellschaftskritik in der gegenwärtigen soziologischen Theorie bisher keinen systematischen Niederschlag gefunden, ist die Geschlechtsdifferenz als eine die Gesellschaftsanalyse strukturierende Perspektive angesichts der Gleichberechtigung der Geschlechter anscheinend verschwunden.

ABSTRACT: The relationship between feminism and sociology is characterized by interesting parallels and interactions, but also by differences and misunderstandings. The comparison shows that both waves of feminism in Germany, the first at the turn of the century as well as the second or new women's movement, not by chance coincide with developments in the modernization process. In social theory these stages are labelled as first and second crises of modern society or as simple and reflexive modernity. While the problems of gender relations played a crucial role for societal analysis in the so-called sociological classics, feminist critique has had until now almost no impact on mainstream thinking in the discipline. Gender difference - not only as a variable but as a structural perspective - seems to have vanished from current sociology and has been replaced by the rhetoric of equality.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Ute Gerhard, Johann-Wolfgang-v. Goethe-Universität, FB Gesellschaftswissenschaften, Robert-Mayer-Str. 5, D-60054 Frankfurt a.M.; E-Mail: gerhard@soz.uni-frankfurt.d400.de

AUTOR: Ilona Ostner

TITEL: Soziale Ungleichheit, Ressentiment und Frauenbewegung. Eine unendliche Geschichte?

ENGL. TITEL: Inequality, Resentment, and the Women's Movement. An Endless Story?

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 383-404.

ZUSAMMENFASSUNG: In diesem Beitrag werden die Frauenbewegung und ihre Strategien mit Hilfe der soziologischen Konzepte von Gleichheit und sozialer Ungleichheit, Vergleich und Ressentiment analysiert. Diese Konzepte sind geeignet, die Wechselwirkung zwischen sozialstrukturellen Veränderungen und den Versuchen gekränkter Gruppen, z.B. der Frauen, ihre Würde wiederherzustellen, in einer modernen, differenzierten Gesellschaft vorauszusagen. Dem jeweiligen Zustand eines Mehr oder Weniger an Gleichheit bzw. Ungleichheit können verschiedene ressentimentgeladene Bewältigungsstrategien entsprechen: Separation und Umwertung der Werte, Beschönigen, Verschweigen oder Wegdrängen im Sprachspiel. Jede dieser auch im Feminismus zu findenden Strategien verändert den Status des Subjekts. Der im Angleichungsprozeß immer wieder neu entstehenden Ungleichheit können jedoch weder Frau noch Mann entkommen.

ABSTRACT: This essay analyzes the women's movement and its strategies through the sociological concepts of equality and social inequality, comparison and resentment. Taken together, these concepts offer the opportunity to predict the interaction between social structural changes and the attempts by aggrieved groups, e.g. women, to reestablish their dignity in a modern differentiated society. Women's prevailing state of more or less equality may correspond to various resentment-driven feminist coping strategies: separation and reevaluing of values, glossing over, silence or casting aside in the game of language. Each strategy changes the fate of the female subject. However, neither women nor men can escape the new inequality which emerges in the process of equalization.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Ilona Ostner, Institut für Sozialpolitik, Georg-August-Universität, Platz der Göttinger Sieben 3, 37073 Göttingen; E-Mail: iostner@gwdg.de

AUTOR: Dieter Rucht

TITEL: Ökologische Frage und Umweltbewegung im Spiegel der Soziologie

ENGL. TITEL: Environmental Problems and Environmental Movements in a Sociological Perspective

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 405-430.

ZUSAMMENFASSUNG: Obgleich die gesellschaftliche Bedeutung der Umweltproblematik bereits in den siebziger Jahren erkennbar wurde, hat die Soziologie in Deutschland darauf erst mit großer Verzögerung und bis heute eher eklektisch und beiläufig reagiert. Es überwiegen einerseits essayistische Abhandlungen zur ökologischen Frage und zu Risikoaspekten, andererseits eng geschnittene Bereichsanalysen etwa zur Wahrnehmung bestimmter Umweltprobleme sowie zu einzelnen umweltpolitischen Kommunikationen und Konflikten. Dagegen fehlt es an Arbeiten "mittlerer Reichweite", in denen theoriegeleitet, auf einer systematischen Datenbasis und in kumulativer Anstrengung gesellschaftliche Dimension und Implikationen der Umweltproblematik erkennbar würden. Angesichts dieser Forschungslage, aber auch aufgrund prinzipieller Schwierigkeiten bei der Vorhersage von Entwicklungen in einem so dynamischen Bereich ist es jedoch kein Manko, daß Soziologen bei prognostischen Aussagen zur Zukunft der Umweltfrage und Umweltbewegung zurückhaltend geblieben sind.

ABSTRACT: Despite the fact that environmental problems became a relevant question during the 1970s, sociology in Germany reacted to this challenge only after a considerable delay, and for the most part in an eclectic and casual manner. Predominantly, we find very general essays that deal with the environmental question and aspects of risk in modern societies, or alternatively, we are presented with very limited analyses on distinct environmental issues and communications. However, we lack "middle range" studies that are able to reveal the societal dimensions and implications of environmental problems in a manner that is theory-guided, but which at the same time rely on a systematic data base, and build cumulatively upon already existing research. Because of this unfavorable situation, but also due to the fundamental difficulties in predicting trends in such a dynamic area, we should not blame sociologists in being reluctant in forecasting the role of environmental questions and movements in the future.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Dieter Rucht, Department of Sociology, Darwin College, University of Kent at Canterbury GB- Canterbury, Kent CT2 7NY, Great Britain; E-Mail: D.Rucht@ukc.ac.uk

AUTOR: Rudolf Stichweh

TITEL: Die Soziologie und die Informationsgesellschaft

ENGL. TITEL: Sociology and the Discourse on Information Society

QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 38, Jg. 50, 1998, S. 433-443.

ZUSAMMENFASSUNG: Der Aufsatz rekonstruiert die These der Informationsgesellschaft, die vor allem von amerikanischen Ökonomen und japanischen Autoren, die der Politikberatung nahestehen, zwischen dem Anfang der sechziger Jahre und der Mitte der siebziger Jahre formuliert wurde. Der Anteil der Soziologie konzentriert sich auf wenige Namen - Robert E. Lane, Daniel Bell, Talcott Parsons -, von denen nur Bell in die internationale Diskussion hineingewirkt hat. Für die Diagnose Informationsgesellschaft wurde eine heterogene Klasse von Umbrüchen geltend gemacht: Dienstleistung und Wissensproduktion als dominant werdende Beschäftigungsmuster; die zentrale Stellung des Computers und informationshaltiger Güter; die Kontrollchancen, die bei denen liegen, die massenmediale Symbole zu handhaben verstehen. Der Aufsatz versucht, die Gründe für die Zurückhaltung der Soziologie zu klären: die geringe Politiknähe des Faches, die Präokkupation mit Schicht, Machtdifferenzen und vergleichbaren Ungleichheiten im Zugang zu Ressourcen; die unzureichende konzeptuelle Klärung der Leitbegriffe Wissen, Information und Kommunikation, wobei die Soziologie diese letztere Schwäche mit den anderen beteiligten Wissenschaften teilt.

ABSTRACT: The essay reconstructs the discourse on information society which is mainly due to American economists and Japanese authors involved with advisory councils close to the Japanese administrative apparatus. The decisive formulations were published between the early sixties and around 1975. There are only few sociologists among the relevant contributors - Robert E. Lane, Talcott Parsons, Daniel Bell - of whom only Bell had a significant influence on the international and interdisciplinary discussion. Heterogeneous transformations are postulated in these writings: Services and knowledge production as the dominant occupational pattern; the centrality of information technology and of information-rich goods; the position of societal control accruing to those who are able to manipulate symbols via mass media. The essay tries to find out the reasons for the reserve of the discipline of sociology: the distance of sociology from politics and its advisory apparatus; the obsession of sociology with strata, classes and differences of power; the lack of conceptual work regarding the core concepts information, knowledge and communication, an intellectual insufficiency sociology shares with the other disciplines involved.

KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Rudolf Stichweh, Universität Bielefeld, Fakultät für Soziologie, Postfach 100131, D-33501 Bielefeld; E-Mail: rudolf.stichweh@post.uni-bielefeld.de

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