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Sonderheft 39 /1999 der KZfSS
Die Frage nach den Formen und Möglichkeiten der sozialen Integration gehört zu den zentralen Themen der Soziologie. In den letzten Jahren hat sich die Soziologie hiermit vor allem unter dem Aspekt beschäftigt, ob moderne Gesellschaften eine Desintegration aufweisen, also einen geringeren gesellschaftlichen Konsens über Werte und Normen. Diese Diskussion nehmen auch die Beiträge in diesem Band auf. Es werden die unterschiedlichen Theorien dargestellt, die soziale Integration bzw. Desintegration erklären; die Spanne reicht von Emile Durkheim über die Systemtheorie bis hin zur Rational Choice-Ansätzen.
In den Beiträgen werden sowohl die grundlegenden Probleme der sozialen Integration als auch der aktuelle Forschungsstand behandelt. Sie richten sich auf soziale Integration als soziales und theoretisches Problem, auf die Funktion von Institutionen und das Vertrauen in Institutionen, auf die Zusammenhänge von Legitimation, Moral und Religion, ferner die Bedeutung des Rechts für die soziale Integration einer Gesellschaft.
AUTOREN: Jürgen Friedrichs und Wolfgang Jagodzinski
TITEL: Theorien sozialer Integration
ENGL. TITEL: Theories of Social Integration
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 9-43
ZUSAMMENFASSUNG: Obwohl das Thema soziale Integration seit geraumer Zeit Konjunktur hat, fehlt bislang eine überzeugende Explikation des Integrationsbegriffs. Im zweiten Abschnitt werden verschiedene Bedeutungen oder Verwendungsweisen gegenübergestellt, wobei zwischen relationalen und absoluten Integrationsbegriffen unterschieden wird. Absolute Begriffe unterstellen eine positive Beziehung zwischen der Systemintegration einerseits und dem Bestand, der Stabilität oder dem Funktionieren eines Systems andererseits, wobei die Begriffe präzise bestimmt werden müssten. Geht man von einer empirischen Beziehung aus, so muss außerdem eine positive Wirkung der Systemintegration auf Bestand, Stabilität oder Funktionserfüllung nachgewiesen werden. Beide Aufgaben sind noch nicht befriedigend gelöst worden. Makrotheoretiker spezifizieren, wie am Beispiel Durkheims im dritten Abschnitt gezeigt wird, verschiedene Makrobedingungen, die für die Systemintegration hinreichend sein sollen, es aber schon deshalb nicht sind, weil die zugrunde liegenden Mikroprozesse weitgehend ausgeblendet werden. Umgekehrt definieren Mikrotheorien, wie an Rational Choice-Theorien (RC-Theorien) gezeigt wird, ein bestimmtes Verhalten als integrativ oder kooperativ, ohne es in seinen systemischen Konsequenzen zu analysieren. Erst neuerdings findet die integrative Funktion intermediärer Organisationen und Institutionen stärkere Beachtung. Die Diskussion um den gesellschaftlichen Grundkonsens wird meist unter der Voraussetzung geführt, dass ein solcher für den Fortbestand einer Gesellschaft unabdingbar ist. Die Frage ist aber, ob ein Grundkonsens, an dessen Herstellung alle gesellschaftlichen Ebenen beteiligt sein müssten, in differenzierten Gesellschaften möglich ist. Im fünften Abschnitt wird diskutiert, welche Rolle Religion und Recht dabei zufallen könnte. Einerseits scheint die Hoffnung, durch die für Hochreligionen typische Sakralisierung von Normen einen Konsens zu erreichen, unwiederbringlich dahin. Andererseits wird der Beitrag, den das Recht zur gesellschaftlichen Anerkennung moralischer Regeln leistet, unterschätzt. Dies ist vorerst nicht mehr als eine begründete Vermutung. Wir erörtern sie, zusammen mit anderen offenen Fragen, im abschließenden Teil des Beitrags.
ABSTRACT: Even though the literature on social integration is rapidly growing, a convincing explication of the concept of integration is still lacking. We distinguish between relational and absolute concepts and present several definitions in each category. Absolute concepts usually as-sume a positive relationship between integration on the one hand, and the existence, stabil-ity, or functioning of the system on the other hand. This relationship is regarded as either empirical or analytical. Accordingly, scientists have to specify the conditions for the stability or the functioning of the system in either case. If the relationship between system integration and stability is regarded as empirical, they have to demonstrate theoretically as well as em-pirically that integration contributes to the stability of the system. Both tasks have not been solved so far. Macro theoreticians like Durkheim try to specify sufficient conditions for system integration, thereby usually neglecting the relevant micro processes. Rational Choice Theories (RC theories) in turn define a particular class of behavior as cooperative or integra-tive but are less concerned with the stabilizing or de-stabilizing consequences of this behav-ior at the system level. Both theory traditions have largely ignored the role of organizations. The debate on the social consensus also rests on the assumption that a basic consensus is a prerequisite of every society. In modern, pluralistic societies it seems doubtful whether a basic consensus can be reached. Two aspects of this problem are discussed. First, we ar-gue that the sacralization of norms which is typical for monotheistic high religions is probably no suitable means for consensus formation in modern societies. Second, the positive impact of modern, rational law is underestimated by social scientists. We present this and several other open questions at the end of the article.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Jürgen Friedrichs, Forschungsinstitut für Soziologie, Universität zu Köln, Greinstr. 2, D-50939 Köln; E-Mail: friedrichs@wiso.uni-koeln.de
Prof. Dr. Wolfgang Jagodzinski, Universität zu Köln, Institut für angewandte Sozialforschung, Greinstr. 2, D-50939 Köln; E-Mail: jagodzinski@wiso.uni-koeln.de
AUTOR: Uwe Schimank:
TITEL: Funktionale Differenzierung und Systemintegration der modernen Gesellschaft
ENGL. TITEL: Functional Differentiation and System Integration in Modern Societies
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 47-65
ZUSAMMENFASSUNG: Systemtheoretisch-funktionalistische Perspektiven der gesellschaftlichen Differenzierung thematisieren insbesondere die Systemintegration der modernen Gesellschaft, d.h. die Integration der einzelnen Teilsysteme in den gesamtgesellschaftlichen Reproduktionszusammenhang. Dabei lassen sich zwei Vorstellungen gesellschaftlicher Differenzierung mit einem entsprechend unterschiedlichen Integrationsverständnis unterscheiden: Das vor allem von Talcott Parsons repräsentierte Dekompositions- und das vor allem von Niklas Luhmann repräsentierte Emergenzparadigma. Beide Vorstellungen rücken teilweise andere systemintegrative Mechanismen ins Blickfeld, gelangen aber zum gleichen Schluss, dass die Systemintegration der heutigen Gesellschaft insgesamt gesichert erscheint. Luhmann stellt hingegen Gefährdungen der Sozialintegration und der ökologischen Integration der modernen Gesellschaft als wichtigere Integrationsprobleme heraus.
ABSTRACT: Systems-theoretical functionalist perspectives on societal differentiation concentrate on the system integration of modern society. This means the integration of societal sub-systems into the overall reproduction of society. Two perspectives on societal differentiation, with two corresponding conceptualizations of integration, can be distinguished: the decomposition pa-radigm represented mainly by Parsons, and the emergence paradigm represented mainly by Luhmann. Both perspectives highlight partly different mechanisms of system integration, but come to the same conclusion that the system integration of contemporary society functions quite well. However, Luhmann points out that dangers for societal desintegration are much more present in two other dimensions, namely the social integration and the ecological inte-gration of modern society.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Uwe Schimank, Grünstr. 110, D-58259 Schwerte; E-Mail: uwe.schimank@fernuni-hagen.de
AUTOR: Volker H. Schmidt
TITEL: Integration durch Moral?
ENGL. TITEL: Integration through Morality?
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 66-84
ZUSAMMENFASSUNG: Der Aufsatz verfolgt ein doppeltes Argumentationsziel. Erstens soll gezeigt werden, dass und warum der Moral auch in den unter Sachgesichtspunkten ausdifferenzierten Teilsystemen der modernen Gesellschaft noch eine wichtige Rolle zukommt. Empirisch geschieht das an einem Beispiel aus der Medizin, analytisch unter Zuhilfenahme von insbesondere der Luhmannschen Theorie entlehnten Mitteln. Dass ausgerechnet Luhmann für solche Zwecke bemüht wird, mag vordergründig paradox erscheinen, erschließt sich aber stimmig aus der Offenlegung gewisser Paradoxien bzw. Widersprüche in dessen eigener Theorie. Zweitens wird argumentiert, dass der Integration von Teilsystemen manchmal besser gedient zu sein scheint, wenn das Wirken der Moral invisibilisiert und stattdessen auf Standards der Sachgerechtigkeit rekurriert wird, die zwar der Sache nach völlig uninstruktiv sind, aber vermeintlich klare Lösungen bieten, wo von der Moral nur Unbehagen ausgehen würde. Als Aufklärungswissenschaft kann die Soziologie sich an solcherart Realitätsverklärung nicht beteiligen. Aber indem sie die stabilitätsverbürgenden Alltagsmythen zerstört, wirkt sie selbst potentiell desintegrativ. Das ist das Paradox ihrer eigenen Operationsweise: Sie erkennt die Gefahr, kann diese aber, bleibt sie sich selbst treu, nicht entschärfen, sondern droht sie eher sogar noch zu verschärfen.
ABSTRACT: The aim of the article is twofold: first, to demonstrate that even the seemingly demoralized subsystems of mo-dern society cannot be fully dispensed from morality; second, to show how this is often made invisible by rationalizing decisions which are in fact the outcome of moral reasoning in technical terms. Paradoxically, social integration, which many sociologists say ultimately depends on some degree of moral guidance, may sometimes be better served by masking morality's operative force and promoting the impression that morally sensitive is-sues are smoothly and adequately resolved by applying the logic of amoral systems rationa-lities, because the acknow-ledgement of such issues' moral nature would likely generate di-strust and all kinds of (socially disruptive) un-certainties. Sociological enlightenment, which lays this bare, may through the very destruction of such myths become a source of disintegration. That seems to be the paradox of its own mode of operation.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Dr. Volker H. Schmidt, Universität zu Mannheim, Fakultät für Sozialwissenschaften, Seminargebäude 5, D-68131 Mannheim; E-Mail: vschmidt@sowi.uni-mannheim.de
AUTOR: Michael Baurmann
TITEL: Durkheims individualistische Theorie der sozialen Arbeitsteilung
ENGL. TITEL: Durkheims Individualistic Theory of the Division of Labor
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 85-114
ZUSAMMENFASSUNG: In Durkheims Frühwerk . Über soziale Arbeitsteilung. lässt sich der Ansatz zu einer individualistischen Theorie von Moral und sozialer Solidarität erkennen, die sich grundlegend von den Theorien unterscheidet, die Durkheim in seinen späteren Werken entwickeln sollte. In der "Arbeitsteilung" versucht Durkheim, die Entstehung von moralischen Normen und der Motivation zu einem solidarischen Handeln aus der Natur der sozialen Beziehungen zu erklären, die Individuen in arbeitsteiligen Gesellschaften eingehen. Dabei zeigt sich Durkheim nicht nur als "versteckter" methodologischer Individualist. Er erweist sich auch als ein Vertreter der optimistischen Sichtweise, die der modernen Gesellschaft zutraut, aus eigener Kraft die für ihren Bestand notwendige Moral und Solidarität sicherzustellen. Durkheims spätere anti-individualistische Wende hat so auch die Folge, dass er sich in die Reihe derjenigen eingliedert, die mit der modernen Gesellschaft eher eine moralische Krise als einen moralischen Aufbruch verbinden. In dem Aufsatz wird Durkheims individualistischer Ansatz in der "Arbeitsteilung" rekonstruiert und der Frage nachgegangen, ob dieser Ansatz vielleicht tragfähiger war, als Durkheim selber im Nachhinein glaubte.
ABSTRACT: In Durkheim's early work "On the Social Division of Labour" one can recognize an individua-listic theoretical approach in explaining morality and social solidarity. This approach differs fundamentally from the theories Durkheim was to develop in his later work. In the Social Division of Labour Durkheim tries to explain the emergence of moral norms and the motivation for solidarity on the basis of the individual social relations which are associated with the division of labour. In this, Durkheim not only reveals himself as a disguised individualist. He hereby also shows himself as a representative of the optimistic view which sees modern society as capable of producing by itself the amount of morality and solidarity necessary for the proper functioning of social order. Durkheim's later anti-individualistic attitude thus also has the consequence that he now can be seen in the ranks of those who connect modern society with moral crisis rather than with moral rise. The article reconstructs Durkheim's individuali-stic approach in the Social Division of Labour and deals with the question whether this ap-proach was maybe more solid and promising than Durkheim himself was later inclined to believe.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Michael Baurmann, Universität Düsseldorf, Sozialwissenschaftliches Institut, Universitätsstr. 1, D-40225 Düsseldorf
AUTOR: Gebhard Kirchgässner
TITEL: Soziale Integration rationaler Egoisten? Zur Erklärung sozialer Integration auf der Basis des ökonomischen Handlungsmodells
ENGL. TITEL: Social Integration of Rational, Self-interested Individuals? Explaining Social Integration Using the Economic Model of Behavior
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 115-131
ZUSAMMENFASSUNG: In dieser Arbeit werden zunächst drei
Möglichkeiten aufgezeigt, wie eigeninteressierte Individuen zur sozialen
Integration und damit zur
Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft beitragen. Zunächst können über den
politischen Prozess Institutionen errichtet werden, die eine solche Integration
fördern. Zweitens gibt es private Güter wie z.B. persönliches Prestige, die man
nur im Austausch für gesellschaftlich nützliche Aktivitäten erhalten kann.
Drittens kann soziale Integration auch über Kooperation rationaler Egoisten
erfolgen. Allerdings sind für die Funktionsfähigkeit einer modernen
(demokratischen) Gesellschaft weitere Aktivitäten erforderlich, die nicht allein
aus Eigeninteresse erklärbar sind, sondern moralisches Handeln der Bürger
erfordern. Dennoch können alle diese Handlungen, unabhängig davon, ob sie aus
Eigennutz oder aus moralischen Beweggründen resultieren, mit Hilfe des
ökonomischen Verhaltensmodells erklärt werden, und dieses Modell kann auch dazu
verwendet werden, Möglichkeiten zur Verbesserung der sozialen Integration zu
erkunden.
ABSTRACT: It is shown in three different ways how rational, self-interested individuals may contribute to social integration and, therefore, for the good functioning of a society. First, the political process may be used to build up social institutions which further such an integration. Second, there exist private goods like personal prestige which can only be received in ex-change for social activities. Third, social integration can be reached by co-operation of individuals. However, there are other activities necessary for the good functioning of a society which cannot be explained by purely self-interested behavior but demand a moral motivation. Nevertheless, all these activities, be they self-interested or morally motivated, can be analysed using the economic model of behavior, and this model can also be used for the search for possibilities to improve social integration.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Gebhard Kirchgässner, Hochschule St. Gallen, SIASR, Institutsgebäude, Dufourstr. 48, CH-9000, St. Gallen
AUTOR:Helmut Dubiel
TITEL: Integration durch Konflikt?
ENGL. TITEL: Integration through Conflict?
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 132-144
ZUSAMMENFASSUNG: In dem Aufsatz wird die These diskutiert, dass Konflikte Gesellschaften nicht nur belasten, sondern auch integrieren können. Zunächst wird der Ursprung dieser These bei Georg Simmel dargestellt, zweitens dann ihre Adaption und Zuspitzung durch Lewis Coser und drittens ihre Systematisierung durch Ralf Dahrendorf. Im vierten Abschnitt werden die eigenen konflikttheoretischen Überlegungen vorgestellt, die sich an der zuvor skizzierten Traditionslinie orientieren. Im fünften Abschnitt soll die Kritik zur Sprache kommen, die Albert Hirschman an dieser Position geübt hat. Abschließend wird versucht, seine Gegenargumente zu entkräften.
ABSTRACT: In this article it is reflected upon the thesis, that conflicts may have integrative effects in mo-dern socie-ties. In the first part the origin of this thesis in Simmels oeuvre is reconstructed, in the second its adaption by Lewis Coser, in the third its systematization by Ralf Dahrendorf. In the fourth part the author's reflections are presented which are oriented towards the classical theories discussed before. In the fifth part Albert Hirschman's critique of this position is presented. In the final part the attempt is made to counter Hirschman's arguments.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Helmut Dubiel, Institut für Soziologie, Universität Gießen, Karl-Glöckner-Str. 21 E, D-35394 Gießen
AUTOR:Dieter Fuchs
TITEL: Soziale Integration und politische Institutionen in modernen Gesellschaften
ENGL. TITEL: Social Integration and Political Institutions in Modern Societies
ZUSAMMENFASSUNG: Im Unterschied zu zeitgenössischen Diagnosen über den
Zustand moderner Gesellschaften geht die Analyse davon aus, dass die These
der Desintegration dieser Gesellschaften empirisch völlig ungeklärt ist.
Zur Durchführung von systematischen und empirischen Studien sind
allererst begrifflich-theoretische Vorarbeiten nötig, zu denen die Analyse beitragen
will. Es werden drei Ziele verfolgt: Erstens eine genaue Bestimmung des Begriffs
der sozialen Integration. Dazu werden sechs operationale Definitionen
vorgeschlagen, die sich unter anderem im Grad ihres normativen Anspruchs
unterscheiden. Zweitens eine genaue Bestimmung des Begriffs der politischen Institutionen
und drittens die Spezifikation eines empirisch testbaren liberalen Modells
der sozialen Integration. In diesem Modell spielt die Unterstützung des
politischen Institutionengefüges eines Landes eine zentrale Rolle. Die Konstruktion
des Modells orientiert sich an der grundlegenden Unterscheidung eines
politischen Systems in drei hierarchisch angeordnete Ebenen - der Kultur-, Struktur-
und Prozessebene - und konkretisiert diese Ebenen in Anlehnung an die liberale
Demokratietheorie durch die Spezifikation von empirisch messbaren Konstrukten
und Zusammenhängen zwischen diesen Konstrukten.
ABSTRACT: In contrast to contemporary diagnoses of the state of modern societies, this analysis assu-mes that the thesis of the disintegration of these societies is not empirically established at all. Systematic empirical studies require preliminary conceptual work to which this analysis contributes. The analysis has three goals: first, it proposes a precise definition of the concept of social integration in terms of six operational definitions with different normative standards. Secondly, it suggests an accurate definition of the concept of political institutions and, thirdly, it specifies an empirically testable liberal model of social integration. In this model, support of the institutional structure of a country plays a central role. The model differentiates three levels - cultural, structural, and procedural - operationalizing them in a concrete form following liberal democratic theory. Empirically testable interrelations between the constructs are specified.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: PD Dr. Dieter Fuchs, Wissenschaftszentrum Berlin, Fachbereich für Sozialforschung, Forschungsschwerpunkt III, Rechpietschufer 50, D-10785 Berlin
AUTOR: Reinhard Zintl
TITEL: Institutionen und gesellschaftliche Integration
ENGL. TITEL: Institutions and the Integration of Societies
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 179-198
ZUSAMMENFASSUNG: Institutionen sind Umgebungen menschlichen Verhaltens, die Verhaltensregelmäßigkeiten zur Folge haben: Sie sind bestimmte Erwartungen, die wir aneinander richten und von denen wir wissen, dass sie an uns gerichtet werden, und von denen wir wissen, dass die anderen Beteiligten wissen, dass wir das wissen. Wenn wir eine Institution verstanden haben, können wir die Reaktionen anderer Subjekte auf unser Verhalten antizipieren, und zwar nicht, weil wir die besonderen Motive anderer Personen kennen, sondern vielmehr, weil wir bestimmte Ausschnitte der Situationsdefinitionen anderer Personen kennen, und weil wir wissen, welche Situationsdefinitionen sie uns selbst unterstellen. Über Institutionen und über den Zusammenhang von Institutionen und Integration können wir nur theoretisieren, wenn wir ein Hintergrundsmodell verwenden, in dem sowohl die Figur des homo oeconomicus als auch die Figur des homo sociologicus tragend sind. Einerseits kann die kausale Wirkung von Institutionen auf Handlungssysteme nur erfasst werden, wenn die Akteure als intentional kalkulierend (Grenzfiktion: homo oeconomicus) gedacht werden. Das betrifft die Integration von Handlungen, die 'Systemintegration', die- da der tragende Ausschnitt des Hintergrundsmodells gut durchgeformt ist - insgesamt theoretisch recht gut zugänglich ist. Andererseits können Institutionen als externe Restriktionen nicht ohne Internalisierungen gedacht werden (tragende Fiktion: homo sociologicus). Das betrifft die Integration von Haltungen, die 'Sozialintegration', die von Institutionen einerseits vorausgesetzt wird, andererseits beeinflusst wird. Die theoretischen Probleme sind hier größer, da der tragende Ausschnitt des Hintergrundsmodells weniger weitgehend durchgeformt ist.
ABSTRACT: Institutions are features of the environment of actors which induce behavioral regularities. They can be seen as expectations that are common knowledge: If we understand an institu-tion we can anticipate the reactions of other people to our behavior in the context of this in-stitution. This is the case, not because we know their specific motives, but because we know the relevant aspects of their definition of the situation (including their ideas about our definiti-on of the situation). It is argued here that theories about institutions and about the relation-ships between institutions and societal integration are necessarily founded on a background model of human behavior which incorporates the figure of homo oeconomicus as well as the figure of homo sociologicus. On the one hand, the consequences of institutions on systems of action can be grasped only if there are goal oriented and calculating actors (where the limiting fiction is the homo oeconomicus). This concerns the integration of actions (or, the integration of the 'system') which is theoretically comparatively well tractable since the relevant part of the background model is comparatively well elaborated. On the other hand, institutions as external restraints nevertheless in most cases presuppose the internalization of some norms somewhere (where the relevant fiction is the homo sociologicus). This concerns the integration of dispositions and habits in a society, which is at the same time the basis of the institutions and (at least partly) their product. The theoretical difficulties are relatively great in this context, since the relevant part of the background model is not very well elaborated.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Reinhard Zintl, Lehrstuhl für Politikwissenschaft I, Universität Bamberg, Feldkirchenstr. 21, D-96045 Bamberg; E-Mail: reinhard.zintl@sowi.uni-bamberg.de
AUTOR: Oscar W. Gabriel
TITEL: Integration durch Institutionenvertrauen? Struktur und Entwicklung des Verhältnisses der Bevölkerung zum Parteienstaat und zum Rechtsstaat im vereinigten Deutschland
ENGL. TITEL: Integration through Trust in Institutions? Structure and Development of the Population's Relation towards the Party State and the Constitutional State in Unified Germany
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 199-235
ZUSAMMENFASSUNG:Nach dem Beitritt der neuen Bundesländer zur Bundesrepublik wurden die westdeutschen Institutionen der Parteiendemokratie und des Rechtsstaats in den östlichen Landesteilen übernommen. Der damit in Gang gesetzte Integrationsprozess bleibt allerdings unvollendet, wenn der institutionelle Rahmen in den neuen Bundesländern keine Akzeptanz findet oder diese bei den Bürgern der alten Bundesrepublik verliert. Der vorliegende Beitrag behandelt mit dem Institutionenvertrauen einen wichtigen Teilaspekt der kulturellen Integration des wiedervereinigten Deutschland. Es lässt sich zeigen, dass dem Vertrauen zu den parteienstaatlichen und den rechtsstaatlichen Institutionen in vielerlei Hinsicht eine eigenständige Bedeutung als Dimensionen politischer Unterstützung zukommt. Das Vertrauen zum Parlament und zur Regierung als den zentralen Einrichtungen des Parteienstaats verändert sich im Laufe der Wahlperioden des Bundestages in Form einer U-Kurve, im Vergleich damit ist das Vertrauen zum Rechtsstaat stabiler und größer. In den alten Bundesländern weist es auf einem hohen Niveau unsystematische Schwankungen auf, in den neuen Ländern ist es seit 1991 deutlich gestiegen. Nicht allein die Struktur und die Entwicklung, sondern auch die Determinanten des Vertrauens zu den parteien- und rechtsstaatlichen Institutionen unterscheiden sich in den beiden Teilen des vereinigten Deutschland eher graduell als prinzipiell voneinander. Zwar lässt sich aus einer Reihe von Gründen keine eindeutige Aussage zu der Frage machen, ob das Institutionenvertrauen das Zusammenwachsen der beiden ehemals getrennten Teile Deutschlands fördert. Die ausgewerteten Daten liefern aber keine Hinweise darauf, dass nach der Vereinigung verstärkt Desintegrationstendenzen aufgetreten wären.
ABSTRACT: When the political authorities of the former GDR decided to accept the institutional structures of the "old" Federal Republic of Germany, only a first stage in the process of establishing a well integrated political community was executed. Institutional integration needs to be followed by a process of acculturation in which the existing institutional framework will be sup-ported by the new members of the political community without suffering a decline of support by the parts of the public having already belonged to the political community before the on-set of the process of institutional as well as cultural integration. By analyzing the structure, development and determinants of trust in political institution this article refers to an important aspect of the process of cultural integration in unified Germany. As demonstrated by empiri-cal analyses, trust policy-making institutions (parliament, government) and regulation institu-tions (police, courts) play an important role as subdimensions of political support in unified Germany. However, the level, development and background of trust in these institutions do not only vary between East and West Germany, moreover, attitudes towards partisan and regulative institutions are clearly different in either part of unified Germany. While the former shows a curvilinear trend, the latter shows trendless fluctuation on a high level in the West, but has markedly increased over the years in the East. Finally, the determinants of trust in institutions differ rather gradually in East and West Germany thereby manifesting different structural properties. One conclusion is clearly validated by the available data: A process of increasing political desintegration cannot be observed in Germany since the fall of the Berlin Wall.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Oscar W. Gabriel, Universität Stuttgart, Fakultät 08, Institut für Politikwissenschaft, Keplerstr. 17, D-70174 Stuttgart
AUTOR: Werner Raub
TITEL: Vertrauen in dauerhaften Zweierbeziehungen: Soziale Integration durch aufgeklärtes Eigeninteresse
ENGL. TITEL: Trust in Durable Relations Between Two Parties: Social Integration via Enlightened Self-Interest
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 239-268
ZUSAMMENFASSUNG: In diesem Beitrag wird soziale Integration im Sinn sozialer Ordnung, Solidarität und Kooperation untersucht. Am Beispiel eines speziellen Typs sozialer Beziehungen, nämlich dauerhaften Zweierbeziehungen wie etwa Haushalten, aber auch langfristigen Beziehungen zwischen Firmen, wird ein typisches Kooperationsproblem in solchen Beziehungen untersucht, das Problem des Vertrauens. Es geht um die Frage, wie Vertrauen durch aufgeklärtes Eigeninteresse rationaler Akteure zustande kommen und stabilisiert werden kann, also etwa dadurch, dass Akteure die langfristigen Folgen ihrer Handlungen in Rechnung stellen. Empirisch konzentriert sich der Beitrag auf Vertrauensprobleme bei wirtschaftlichen Transaktionen; es werden Bedingungen herausgearbeitet, unter denen die soziale Einbettung solcher Transaktionen Vertrauen fördert. Diese Bedingungen betreffen die zeitliche Einbettung einer Transaktion in eine Sequenz früherer und erwarteter künftiger Transaktionen zwischen Tauschpartnern. Als konkreten Anwendungsfall werden Transaktionen zwischen Abnehmern und Lieferanten untersucht. Es wird theoretisch und empirisch gezeigt, wie zeitliche Einbettung die Investitionen des Abnehmers in das ex ante Management der Transaktion als Mechanismus der Kooperation beeinflusst, also Investitionen in die Suche und Auswahl von Produkt und Lieferant und in die vertragliche Planung der Transaktion.
ABSTRACT: This chapter focuses on social integration in the sense of social order, solidarity, and coope-ration. We highlight a specific type of social relations, namely, durable relations between two parties such as households but likewise long-term relations between firms and address a pa-radigmatic problem with cooperation in such relations, namely the problem of trust. Trust in durable two-party relations can be based on enlightened self-interest of the partners. For example, actors place and honor trust because they anticipate the long-term consequences of behavior. Empirically, we focus on trust problems in economic transactions. Conditions for trust based on the social embeddedness of these transactions are derived. These conditions refer to the temporal embeddedness of a transaction in a sequence of previous and expected future transactions between the business partners. An example are transactions between buyers and suppliers. We show theoretically and empirically how temporal embeddedness affects investments of the buyer in ex ante management of the transaction, that is, investments in search and selection of the product and the supplier as well as investments in contractual planning.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Werner Raub, Sociologie/ETS-ICS, Rijksuniversteit Utrecht, Heidelberglaan 1, NL-3584 CS Utrecht, Niederlande; E-Mail: w.raub@fss.uu.nl
AUTOR: Jürgen Friedrichs
TITEL: Die Deligitimierung sozialer Normen
ENGL. TITEL: The Process of Delegitimization of Social Norms
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 269-292
ZUSAMMENFASSUNG: Der Aufsatz behandelt das Problem, wie es zu einem Wandel von sozialen Normen kommt. Im ersten Teil werden Thesen über die . Normenpluralität. erörtert und empirische Beispiele gegeben. Der Normenwandel wird als veränderte Akzeptanz von Normen spezifiziert. Besonders wichtig ist hierfür eine Unterscheidung zwischen Legalität und Legitimität von Normen. Im dritten Teil wird ein Phasenmodell des Prozesses der Delegitimierung von Normen entwickelt, wobei die Akzeptanz, die Verfolgung, die Sanktionshöhe und die gesetzliche Grundlage von Normen im Zeitablauf spezifiziert werden. In einem Exkurs wird der entgegengesetzte Prozess, die Legitimierung von Normen, behandelt.
ABSTRACT: The article addresses the problem how social norms change. It is argued, that both processes of delegitimization and legitimization of norms occur, both are defined as chan-ges in the acceptance of a norm. In the first part some empirical evidence for the assumption of "norm plurality" is provided. The second section pertains to a theoretical formulation of change of social norms; this change is explained by the proposition, that a dissociation bet-ween holding a norm for legitimate and whether a norm is legal or not occurs. In the third section a model of the process of delegitimization is developed. A brief additional section refers to the opposite process, the legitimization of a norm.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Jürgen Friedrichs, Forschungsinstitut für Soziologie, Universität zu Köln, Greinstr. 2, D-50939 Köln; E-Mail: friedrichs@wiso.uni-koeln.de
AUTOR: Gertrud Nunner-Winkler
TITEL: Moralische Integration
ENGL. TITEL: Moral Integration
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 293-319
ZUSAMMENFASSUNG: Argumentationsziel ist der Nachweis, dass moralische Integration in modernen Gesellschaften nicht nur notwendig und möglich, sondern auch wirklich ist. Untersuchungen des Moralverständnisses von Kindern und Daten aus der Umfrageforschung belegen einen weit geteilten Konsens über die Gültigkeit basaler moralischer Regeln und Prinzipien. Dies steht in scharfem Kontrast zur öffentlichen Wahrnehmung und zu wissenschaftlichen Diagnosen eines moralischen Verfalls. Mehrere Erklärungen für diesen Widerspruch werden diskutiert: unterschiedliche Konzeptualisierungen von Moral; der soziohistorische Wandel im Moralverständnis; die Aufmerksamkeitsfokussierung auf moralische Dilemmata und die Fehldeutung der Grauzone eines legitimen moralischen Dissenses als Anzeichen eines totalen Relativismus; mögliche Diskrepanzen zwischen Urteil und Handeln. Sodann werden einige innerweltliche Mechanismen der sozialen Reproduktion von moralischem Wissen und moralischer Motivation dargestellt. Abschließend wird die mikrosoziologische Analyse mit der makrosoziologischen Fragestellung verknüpft und die These begründet, dass Moral eine notwendige Ressource für die Funktionsfähigkeit demokratischer Gesellschaften ist.
ABSTRACT: The paper argues that moral integration is not only necessary and possible in modern socie-ties but also real. Research on children's moral knowledge and data from public opinion re-search show that there exists a widely shared consensus on the validity of basic moral rules and principles. This contrasts sharply with everyday perceptions and scientific diagnoses of moral decay. Several explanations for this divergency are discussed: differences in the theoretical conceptualization of morality; sociohistorical changes in moral understanding; a tendency of selectively focussing on moral dilemmata and systematically misreading legitimate disagreements as signs of total relativism; the judgment-action gap. Some innerwordly me-chanisms for the social reproduction of moral knowledge and moral motivation are then pre-sented. In the last section the microlevel analyses of individual moral understanding are tied back to the macrosociological issue of societal integration: It is claimed that shared moral understandings are a necessary prerequisite for the adequate functioning of democratic societies.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: PD Dr. Gertrud Nunner-Winkler, Max-Planck-Institut für psychologische Forschung, Amalienstr. 33, D-80799 München; E-Mail:nunner@mpipf-muenchen.mpg.de
AUTOR: Christof Wolf
TITEL: Religiöse Pluralisierung in der Bundesrepublik Deutschland
ENGL. TITEL: Religious Pluralization in the Federal Republic of Germany
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 320-349
ZUSAMMENFASSUNG: Gegenstand dieses Beitrags ist, ob und in welcher Form sich in Deutschland Prozesse religiöser Pluralisierung nachweisen lassen. Nach einer Explikation des Begriffs der religiösen Pluralisierung und den Möglichkeiten seiner empirischen Erfassung werden empirische Analysen auf der Ebene von Kirchen/Religionsgemeinschaften und auf der Ebene von Personen präsentiert. Diese Analysen zeigen eindeutige Pluralisierungstendenzen sowohl zwischen als auch innerhalb der Kirchen, dabei ist der innerkirchliche Pluralisierungstrend jedoch nicht in allen Bereichen zu beobachten. Auf der Individualebene lässt sich eine deutliche Zunahme des interkonfessionellen Kontakts und, bei den kirchlich Gebundenen, eine Pluralisierung innerhalb der Überzeugungssysteme beobachten. Abschließend wird an drei möglichen religiösen Konfliktlinien untersucht, mit welchem Einfluss der aktuellen religiösen Situation auf die soziale Integration in Deutschland zu rechnen ist.
ABSTRACT: This article investigates if there is evidence for processes of religious pluralization in Ger-many. After a discussion of the concept of religious pluralization and its measurement, empirical analyses are presented, both on the level of religious organizations and the level of individuals. These analyses show clearly that the heterogeneity between and within churches has grown, although this is not the case for all indicators of within-church pluralism. On the individual level their is unequivocal evidence for a growing diversity of interdenominational contacts and, at least with respect to church members, a growing heterogeneity of belief systems. Regarding three potential religious conflicts the article ends with a discussion of the possible effects of the religious situation on the social integration of Germany.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Dr. Christof Wolf, Universität zu Köln, Forschungsinstitut für Soziologie, Greinstr. 2, D-50939 Köln; E-Mail: wolf@wiso.uni-koeln.de
AUTOR: JoachimBurmeister
TITEL: Das Dilemma des freiheitlich verfassten Staates. Die Abhängigkeit der Integrationskraft des Rechts von einem vorrechtlich-ethischen Grundkonsens
ENGL. TITEL: The Dilemma of an Open Society under a Constitution of Law. How Integration through Law Depends on a Pre-Legal Consensus
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 353-379
ZUSAMMENFASSUNG: Gegenstand dieses Beitrags sind die Bedingungen des Zusammenhalts von Menschen in einer staatlichen Friedensordnung. Symptome des Schwundes der realen Integrationskraft des Rechts sind die sog. Alltagskriminalität und eine ausgreifende Selbstentlastungsmentalität. Ein Dilemma tut sich auf zwischen Verwiesenheit der realen Geltungskraft des Rechts auf einen ethischen Grundkonsens und der Unfähigkeit von Staat und Recht zur Bildung und Erhaltung eines Wertekonsenses. Zugleich ist ein ethischer Gesinnungsschwund infolge des Autoritätsverlustes der Kirchen zu beobachten und eine Diskreditierung von Bürgertugenden durch die Emanzipationsbewegung. Auch Teile der empirischen Sozialwissenschaften leisten einen Beitrag zur Verflachung der Rechtsmoral. Es ergibt sich ein verfassungstheoretischer Dissens über die Verantwortung des Staates zur Pflege des sozial-ethischen Grundkonsenses. Einige Aspekte über Möglichkeiten und Grenzen der Pflege des ethischen Grundkonsenses durch die Rechtswissenschaft und -praxis werden aufgewiesen. Es gibt eine ganz praktische Bedeutung des Amts- und Berufsethos der Juristen als uneigennütziger Dienst am Recht. Es wird für die Notwendigkeit der Wiederbelebung naturrechtlichen Gedankenguts plädiert, dabei ergibt sich die Problematik des Rekurses auf eine im Grundrechtskatalog angelegte . objektive Wertordnung. . Notwendig erscheint eine interpretatorische Schärfung sittlicher Handlungsschranken bei der Teilhabe am Prozess der öffentlichen Meinungs- und Bewusstseinsbildung. Die Mobilisierung ethischer Potenzen als vordringliche Gegenwartsaufgabe von Rechtstheorie und -praxis rscheint als wichtig.
ABSTRACT: This article examines the factors that integrate society in a constitutional system. The law has been losing its power to hold society together. Symptoms of this loss are the increasing number of petty crimes and a general unwillingness to stand up for the needs of others. The legal system's need for an ethical consensus cannot be reconciled with the inability of the political and legal system to produce and maintain a set of common values. Additionally, due to the declining authority of the church and the increasing success of the emancipatory movement common values and traditional virtues have been discredited. Empirical studies in social science have contributed to the deterioration of morals in law. This situation has led to a controversy in constitutional theory about the responsibility of the state to establish an ethical consensus in society. This article shows the possibilities and limits for sustaining such a consensus with the help of legal scholarship and practice. Professional responsibility in the legal field includes the unselfish duty to help enhance the authority of the law. Therefore, this article highlights the necessity for a renaissance of the ideas behind natural law theories. This, however, may pose a problem considering the "objective values" in the catalogue of constitutional rights in the German "Grundgesetz" (basic law). In conclusion, a more precise interpretation of the ethical limitations on individual actions is necessary to successfully par-ticipate in the public discussion. To place more emphasis on ethics and common values behind the law is one of the most important challenges legal scholars and practitioners are facing today.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Joachim Burmeister , Institut für Staats- u. Verwaltungsrecht, Universität zu Köln, Albertus-Magnus-Platz, D-50931 Köln
AUTOR: Thomas Würtenberger
TITEL: Die Akzeptanz von Gesetzen
ENGL. TITEL: The Acceptance of Law
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 380-397
ZUSAMMENFASSUNG: Die Frage nach der Akzeptanz von Gesetz und Recht erübrigt sich auf den ersten Blick im demokratischen Staat, da die Legitimationsmechanismen wie Wahlen und parlamentarische Mehrheitsentscheidungen die normative Verbindlichkeit der Rechtsordnung begründen. Dennoch bedürfen Gesetze breiter Akzeptanz in der Bevölkerung. Denn nur jenes Recht, das akzeptiert wird, braucht nicht durch Zwangsmechanismen durchgesetzt zu werden. Die Entwicklung der politisch-rechtlichen Kultur und die Rechtsüberzeugungen in der Bevölkerung, die allerdings in einem steten Wandel begriffen sind, bilden den Rahmen für die Akzeptanz von Gesetzen. Die individual- und sozialpsychologischen Gründe für die Akzeptanz von Gesetzen, also die psychologischen Grundlagen der Rechtsordnung, sind äußerst vielschichtig. Akzeptanz auf Grund autonomer Entscheidung, durch konsensbildende Verfahren, auf Grund von Egalität u.a.m. sind wesentliche Aspekte. Bei abnehmendem staatlichem Ressourcenrahmen ist die Akzeptanz von Rechtsreformen, die an Sparprogrammen ausgerichtet sind, besonders wichtig. In einem pluralistischen Staat gehört es zu den staatlichen Aufgaben, auch für die Akzeptanz der Rechtsordnung zu werben.
ABSTRACT: At a first glance, it seems redundant to inquire about the acceptance of laws in a democracy, because mechanisms like elections and majority-decisions of the parliament make the laws of the country legitimate. However, laws need a wide acceptance from the population. Only those laws that experience acceptance do not need to be executed by force. The development of the political and legal culture in addition to the everchanging beliefs within the po-pulation of what the law should be constitute the acceptance of laws. The reasons why indi-viduals as well as society as a whole accept laws, one could also speak of the psychological foundation of the legal system, are extremely complex. Acceptance due to autonomous decisions, procedures that help conflicting parties reach an agreement, or equality and fairness undoubtedly plays an important role. Especially laws that cut the budget to help the government save its resources need acceptance. In a pluralistic democracy one of the main re-sponsibilities of the government is to win support for the acceptance of the legal system.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Thomas Würtenberger, Institut für öffentliches Recht, Universität Freiburg, Platz der Alten Synagoge 1, D-79085 Freiburg
AUTOR: Hubert Rottleuthner
TITEL: Recht und soziale Integration
ENGL. TITEL: Law and Social Integration
QUELLE: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 39, Jg. 51, 1999, S. 398-415
ZUSAMMENFASSUNG: Zur Klärung des Integrations-Begriffs wird zunächst unterschieden zwischen der Integration von etwas in etwas (auch: Inklusion) und der Integration als eines Zustandes von etwas, eines Zustandes, der mehr oder weniger realisiert sein kann - ohne dass hier klare Kriterien etwa einer . gelungenen. Integration formuliert würden. Integration im zweiten Sinne wird auch durch rechtliche Regeln der Exklusion oder Inklusion erstrebt (Staatsbürgerschaftsrecht, Strafrecht etc.). In seiner regulativen Funktion ist Recht bei der sozialen Integration auf andere Regeln und Systeme angewiesen. Dabei kommt aber neben seiner regulativen Bedeutung seiner konstitutiven Funktion eine fundamentale Rolle zu. Schließlich führen Überlegungen zum Rechtsfrieden zu einer Betonung der prozeduralen Vorkehrungen im Recht.
ABSTRACT: In order to clarify the concept of integration, a distinction is introduced between integration of something into something ("inclusion") and integration as a more or less attained state of a system (though there are no clear criteria of something like a "successful" integration given). Integration, in this sense, is e.g. sought by means of legal rules of exclusion or inclusion (law of citizenship, criminal law etc.). As far as the regulative function of law is concerned, the in-tegrative force of legal norms depends on other rules and systems. Still more fundamental to social integration is the constitutive function of law. Finally, the topic of peace through law offers an opportunity to put more emphasis on the procedural arrangements in law.
KORRESPONDENZANSCHRIFT: Prof. Dr. Hubert Rottleuthner, Freie Universität Berlin, FB 9, WE 4, Boltzmannstr. 3, D-14195 Berlin
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