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Liste aller ausgezeichneten Aufsätze





Würdigungen der Preisträger und Preisträgerinnen
des Fritz Thyssen Preises


Fritz Thyssen Preis 2007

1.Preis
Preisträgerin: Jens Beckert und Martin Lutter

"Wer spielt, hat schon verloren? Zur Erklärung des Nachfrageverhaltens auf dem Lottomarkt"
K&öuml;lner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 59, Heft 2, S. 240-270

Auszug aus der Laudatio der Jury des Fritz Thyssen Preises 2007

Mit dem Aufsatz wirtschaftssoziologischen Aufsatz von Beckert und Lutter würdigt die Jury eine überzeugende Darstellung und systematische Analyse des Nachfrageverhaltens auf dem Lotteriemarkt. Ausgangspunkt der Autoren ist die Beobachtung einer Paradoxie: die stochastische Gewinnerwartung eines Lotterieloses liegt unter der Hälfte des Kaufpreises, im Zahlenlotto werden nur 48 Prozent des Einsatzes als Gewinn ausgeschüttet. Die Beteiligung am Lotto ist aus &öuml;konomischer Sicht also irrational. Warum spielen trotzdem jede Woche Millionen von Bürgern? Dies ist die zentrale Frage, der die Autoren in ihrer empirischen Analyse, aufbauend auf vier theoretischen Ansätzen und daraus abgeleiteten Hypothesen nachgehen.

Die erste Gruppe von Hypothesen hat direkt mit der Ausgangsannahme zu tun, dass Lottospielen &öuml;konomisch irrational ist und postuliert etwa, dass der Nutzen des Spiels falsch eingeschätzt wird. So werden die Gewinnwahrscheinlichkeiten aus verschiedenen Gründen (kognitive Voreingenommenheit, Aberglauben, etc.) überschätzt. Die zweite Gruppe von Hypothesen unterstellt dagegen rationales Verhalten in dem Sinne, dass Lotteriespiels als eine rationale Investition angesehen werden, etwa weil man in kurzer Zeit auf legale Weise mit Hilfe eines hohen Hauptgewinns seine Lebenssituation v&öuml;llig verändern kann. (...) Die dritte Gruppe befasst sich mit dem Lotteriespiel als Spannungsmanagement und die vierte mit der Bildung von Sozialkapital durch Spielbeteiligung. Beide Ansätze erklären individuelles Handeln aus den sozialen Kontexten, in die Personen eingebettet sind. Sie gehen u. a. davon aus, dass der Nutzen des Spiels nicht der Gewinn sondern das Spiel selbst ist. Mit ihm k&öuml;nnen entweder individuelle Spannungszustände (Frustration) abgebaut werden, die ihre Ursachen z. B. in unvorteilhaften Lebenslagen haben k&öuml;nnen. Oder es stehen mit der Beteiligung am Spiel der Aufbau und die Entwicklung sozialer Beziehungen (Netzwerke in Form von Spielgemeinschaften) im Vordergrund.

Alle theoretischen Ansätze werden von den Autoren einer systematischen Analyse mit Hilfe von Befragungsdaten unterzogen. Sie kommen, die Arbeit abschließend, zum Ergebnis, dass es keinen einzigen Erklärungspfad für die Nachfrage nach Lotterielosen gibt. Vielmehr trägt jeder Ansatz partiell etwas zur Erklärung bei, sodass die Bildung von Spielertypen entsprechend ihrer Motivation zur Spielbeteiligung nahe liegt. Aus ihren Analysen kristallisieren die Autoren folgende Typen: etwa 8 Prozent der Befragten spielen aufgrund irrationaler Entscheidungen; weitere 9 Prozent spielen nach rationalen Investitionsentscheidungen; bei etwa 40 Prozent der Befragten scheint der Umgang mit Spannungszuständen ein wichtiges Motiv zu sein und bei etwa einem Drittel der Probanden ist die Spielbeteiligung aus ihrer sozialstrukturellen Einbettung zu erklären. Diese begrenzte Erklärungskraft aller geprüften theoretischen Ansätze führt dann zur Forderung der Autoren nach Prüfung weiterer Erklärungsansätze, von denen sie abschließend einen als besonders vielversprechend vorstellen: die Evokation von Traumwelten beim Lotteriekauf und deren sozialintegrative Bedeutung.

Dieser Aufsatz überzeugt nach Meinung der Jury durch seinen formal guten Aufbau, seine stringente und kenntnisreiche Argumentation, seine systematische Ableitung von testbaren Hypothesen aus &öuml;konomischen und soziologischen Theoriestücken und die jeweils sich direkt anschließende statistisch-empirische Überprüfung.




Fritz Thyssen Preis 2006

1.Preis
Preisträgerin: Agathe Bienfait

"Zeichen und Wunder – Über die Funktion der Selig- und Heiligsprechungen in der katholischen Kirche"
K&öuml;lner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 58, Heft 1, S. 1-22


2.Preis
Preisträgerinnen: Bettina Heintz und Annette Schnabel

"Verfassungen als Spiegel globaler Normen – Eine quantitative Analyse der Gleichberechtigungsartikel in nationalen Verfassungen"
K&öuml;lner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 58, Heft 4, S. 685-716


Auszug aus der Laudatio der Jury des Fritz Thyssen Preises 2006

Mit dem Aufsatz von BIENFAIT würdigt die Jury eine überzeugende Analyse und systematische Darstellung der Praxis von Selig- und Heiligsprechungen in der katholischen Kirche. Ausgangspunkt der Arbeit ist dabei die Tatsache, dass unter dem Pontifikat des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. die Zahl der Selig- und Heiligsprechungen f&öuml;rmlich explodiert ist: 482 Heilig- und 1.338 Seligsprechungen. Beide Zahlen liegen damit deutlich über der Summe der bis zu diesem Pontifikat selig bzw. heilig gesprochenen Personen: es gab seit dem Jahr 1592, in dem die entsprechenden Verfahren erstmals formalisiert wurden, 302 Heiligsprechungen und 980 Seligsprechungen. Weiterhin hat kein Papst vor Johannes Paul so viele Laien und Personen aus der Dritten Welt kanonisiert.

Ausgehend von einer Darstellung des Kanonisierungsprozesses und seiner Veränderungen im Sinne einer Verfahrenserleichterung, besonders durch die letzte Reform im Jahr 1983, greift die Autorin in fruchtbarer Weise auf das Charismakonzept von Max Weber zurück, um diese ungew&öuml;hnliche Steigerung der Fallzahlen zu erklären. Schon Weber hatte aufgezeigt, dass mit der Einführung des Begriffs des „Amtscharismas“, das sich durch Umbildung (Veralltäglichung und Versachlichung) aus dem personalen Charisma entwickelt, in der katholischen Kirche den Anforderungen an Legitimation und Gnadengewissheit entsprochen werden kann. Im Zuge eines Modellwechsels von einem eher juristisch-disputativen hin zu einem theologisch-hermeneutischen Prüfverfahren wird das traditionelle Amtscharisma durch das pers&öuml;nliche Charisma der verstorbenen Heiligen und Seligen quasi „repersonalisiert“. Durch stärkere Einbeziehung der Ortskirchen in den Prozess wird nicht nur ein Demokratisierungselement entwickelt und die Volksfr&öuml;mmigkeit eingebunden, es wird das Verfahren auch für kirchenpolitische Erfordernisse ge&öuml;ffnet. Dies führt dann fast zwangsläufig, worauf die Autorin hinweist, auch zu einer stärkeren Berücksichtigung von Laien und von Personen aus der Dritten Welt.

Dieser Aufsatz überzeugt nach Meinung der Jury durch seinen formal guten Aufbau, seine stringente Argumentation und seine systematische und plausible Erweiterung des Weberschen Charismakonzepts. Er ist ein im besten Sinne klassischer sozialwissenschaftlicher Zeitschriftenaufsatz, der auf beeindruckende Weise deutlich macht, dass exzellente und preiswürdige Arbeiten nicht notwendig auf Massendaten und auf differenzierten statistischen Analyseverfahren beruhen müssen. Der Aufsatz erhielt daher den 1. Preis für den Zeitschriftenjahrgang 2006.




Ein (...) weiterer zweiter Preis wird an die Autorinnen HEINTZ und SCHNABEL für ihre inhaltsanalytische Untersuchung von Familien- und Gleichberechtigungsartikel in 164 nationalen Verfassungen vergeben.

Ausgehend von einem 1979 von der UN-Generalversammlung verabschiedeten Übereinkommen zur Beseitigung jeglicher Form von Diskriminierung der Frau, wurde das in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formulierte Prinzip der Gleichberechtigung präzisiert und v&öuml;lkerrechtlich kodifiziert. Damit konnte sich die Gleichberechtigung zu einer weltpolitischen Norm entwickeln, an der Staaten und zunehmend auch Organisationen gemessen werden. Diese Entwicklung wird von den Autorinnen kenntnisreich und in der gebotenen Kürze der Arbeit einleitend dargestellt. Den Sachverhalt an sich nehmen sie anschließend zum Anlass, die Durchsetzung dieser Norm in nationalen Verfassungen zu untersuchen und sich zu fragen, von welchen Faktoren die gleichstellungspolitische Orientierung abhängt.

Theoretischer Ausgangspunkt ist die neo-institutionalistische Weltgesellschaftstheorie, nach der gerade auch die Durchsetzung des Gleichberechtigungsprinzips als Beispiel für die Entstehung globaler Ordnungsstrukturen gelten kann, die durch internationale Vereinbarungen kodifiziert, in Aktionsprogrammen umgesetzt und über internationale Regierungs- und Nicht-Regierungsorganisationen in die einzelnen Länder diffundieren. Aus der systematischen und interessanten Diskussion und Konfrontation dieses theoretischen Ansatzes mit modernisierungstheoretischen Überlegungen, die den Fokus stärker auf endogene Konstellationen und historische Pfadabhängigkeiten in den Entwicklungen legen, werden fünf Hypothesen herausgearbeitet, von denen drei dem Neo-Institutionalismus und zwei den Modernisierungstheorien entsprechen.

Die anschließende Prüfung dieser Hypothesen mit Hilfe einer differenzierten und subtilen quantitativen Inhaltsanalyse der Gleichberechtigungsartikel von 164 nationalen Verfassungen ergibt entgegen der neo-institutionalistischen Konvergenzthese drei deutlich unterschiedliche gleichstellungspolitische Modelle, von den Autorinnen als „Indifferenzmodell“ (Verfassungen ohne explizite Thematisierung von Frauenrechten), als „traditionelles Modell“ (teilweiser Widerspruch zu den globalen Gleichberechtigungsforderungen) und als „egalitäres Modell“ (stärkste Widerspiegelung der globalen Norm) bezeichnet. Die weiteren Analysen zeigen dann, dass die Verfassungsgarantien aber auch weitgehend unabhängig vom Entwicklungs- und Modernisierungsgrad eines Landes sind. Entscheidend sind vielmehr Faktoren wie etwa die kulturell-religi&öuml;se Tradition eines Landes, seine Integration im UN-System und die Stärke der jeweiligen Zivilgesellschaft.

Nach Meinung der Jury behandelt dieser Aufsatz ein interessantes Thema in systematischer und origineller Art und Weise. Sie hebt den methodisch innovativen Charakter dieses Aufsatzes hervor und verweist auf die differenzierte Interpretation der Ergebnisse, die letztlich nicht in allen Aspekten den gängigen theoretischen Auffassungen entsprechen, wobei in weiteren Untersuchungen sicherlich stärker zu berücksichtigen wäre, inwieweit Verfassungstexte und Verfassungswirklichkeiten korrespondieren.

Fritz Thyssen Preis 2003

1.Preis
Preisträger: Martin Heidenreich

"Territoriale Ungleichheiten in der erweiterten EU"
K&öuml;lner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 55, Heft 1, S. 1-28

Auszug aus der Laudatio der Jury des Fritz Thyssen Preises 2003

Auch in diesem Jahr erhält mit der Arbeit von HEIDENREICH ein Beitrag den ersten Preis zugesprochen, der sich mit einem Problem der Erweiterung der Europäischen Union befasst. Ging es beim ersten Preisträger des Vorjahres um einen Vergleich der Entwicklung und Wahrnehmung von Korruption zwischen den alten und neuen EU-Staaten, untersucht der Aufsatz des ersten Preisträgers dieses Jahres die Bedeutung territorialer Ungleichheiten, im Sinne von Wohlstandsgefälle, für die zukünftige Entwicklung des erweiterten Europas. Die zentrale Frage der Arbeit lautet, ob wirtschaftliche Unterschiede den vor uns stehenden politischen Vereinigungsprozess behindern und blockieren werden oder ohne wesentlichen Einfluss auf diesen Prozess bleiben. Oder auf der subjektiven Ebene von Wahrnehmung und Einstellung: Wird die zum Zeitpunkt der Erweiterung vorherrschende Beitrittseuphorie in einen Beitrittspessimismus umschlagen?

Ausgehend von einer Herausarbeitung der politischen Bedeutung regionaler Ungleichheiten stellt der Autor im ersten Teil seines Aufsatzes ein Trilemma europäischer Einigungs- und Vereinheitlichungsbestrebungen dar, wenn die sozio&öuml;konomischen Unterschiede zwischen West- und Osteuropa in der Zukunft als territoriale Ungleichheiten politisch geltend gemacht werden: Es k&öuml;nnen nur zwei der drei mehrheitlich im vereinten Europa verfolgten politischen Ziele (Budgetneutralität, engere politische Kooperation und weitere Erweiterungsschritte) gleichzeitig erreicht werden.

Zur Beurteilung dieser Situation werden in den beiden folgenden Abschnitten die Strukturen regionaler Ungleichheiten und deren Entwicklung sowie die historische Dimension dieser Ungleichheiten analysiert. Vor dem Hintergrund dieser Analysen wird abschließend die Zukunftsperspektive der EU skizziert. Die Trilemmasituation kann nach Ansicht des Autors nur vermieden werden, wenn sich einige der mittel- und osteuropäischen Regionen so dynamisch entwickeln werden, dass eine Polarisierung zwischen West- und Osteuropa vermieden werden kann. Das führt einerseits zu einer starken Angleichung an das Westniveau besonders in den jeweiligen Hauptstadtregionen, andererseits aber auch zu stärkeren Differenzierungen auf individueller, interregionaler und zwischenstaatlicher Ebene. Es wird vorerst noch bei einem Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Entwicklung bleiben. Erst wenn die bestehenden und im Augenblick noch deutlich die politischen Entscheidungen prägenden, regionalen Ungleichheiten abgebaut sein werden, ergibt sich die Chance, diese Ungleichheiten in nichtterritorial definierte soziale Ungleichheiten zu tranformieren. Damit wäre dann ein Schritt in Richtung auf eine stärker integrierte und integrierbare politische Union getan, die jenseits einer nur wirtschaftlich integrierten Freihandelszone angesiedelt wäre.

Der Aufsatz hat nach Ansicht der Jury seine deutlichen Stärken in der Beschreibung der Entwicklungsprozesse in Europa, er besticht durch die gute Darstellung entlang eines Argumentationsstranges, der jederzeit nachvollziehbar ist und durch empirische Daten abgesichert wird. Aufgrund der Aktualität der Thematik im Grenzbereich zwischen Soziologie, Ökonomie und Politikwissenschaft und der insgesamt überzeugenden Durchführung und Behandlung der mit der Osterweiterung verbundenen Probleme, wird die Arbeit von HEIDENREICH mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

Fritz Thyssen Preis 2001

1.Preis
Preisträger: Michael Hartmann und Johannes Kopp

"Elitenselektion durch Bildung oder durch Herkunft? Promotion, soziale Herkunft und der Zugang zu Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft"
K&öuml;lner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 53, Heft 3, S. 436-466


3.Preis
Preisträger: Thomas Schwinn

"Staatliche Ordnung und moderne Sozialintegration"
K&öuml;lner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 53, Heft 2, S. 211-232


Auszug aus der Laudatio der Jury des Fritz Thyssen Preises 2000

Die vollständige Laudatio wurde abgedruckt in: KS, Jg. 53, Heft4, S. 812-814.

Mit dem Aufsatz von HARTMANN und KOPP zeichnet die Jury eine Arbeit mit dem ersten Preis aus, die sowohl ein immer wieder neues Thema der soziologischen Sozialstrukturanalyse als auch ein bildungspolitisches Tagesthema aufgreift: Entscheiden sich die beruflichen Karrieren im Bildungssystem oder in der Herkunftsfamilie bzw. über welche Mechanismen rekrutiert unsere Gesellschaft ihre Eliten?
Der hier betrachtete Zusammenhang zwischen Bildung, sozialer Herkunft und Berufsverlauf kann in vielen Untersuchungen der Nachkriegszeit insgesamt keine eindeutigen Erklärungsmuster bereitstellen; besonders das Bildungssystem gerät - nicht erst seit PISA 1 und PISA 2 und trotz tiefgreifender Reformen - in den Ruf, bestehende soziale Ungleichheiten nachwievor eher zu reproduzieren, als sie abzubauen. Darüber hinaus wird durchweg nicht von einem direkten Einfluss der sozialen Herkunft auf den Berufserfolg ausgegangen, sondern von einem über die Bildung vermittelten Einfluss. Demgegenüber gelingt den beiden Autoren in einer klaren und durchdachten Argumentation und auf der Basis der Vernetzung verschiedener Datenquellen (Inhaltsanalyse von Lebensläufen in Dissertationen, Analyse der Berufsverläufe aus den Hoppenstedt Handbüchern "Leitende Männer und Frauen der Wirtschaft") und mit Hilfe einer systematischen statistischen Analyse der Nachweis, dass zwischen der sozialen Herkunft und der Besetzung von Führungspositionen ein sehr enger Zusammenhang besteht, der nicht nur vermittels der ungleichen Bildungsbeteiligung der verschiedenen Klassen und Schichten der Gesellschaft wirkt, sondern in großem Umfang auch ganz direkt. Dabei ist dieser direkte Effekt nicht nur bei allen deskriptiven Analysen nachweisbar, sondern in besonderer Weise auch bei den durchgeführten multivariaten Analysen auf der Basis der erhobenen Ereignisdaten. Gleichzeitig hat die Bildungsexpansion in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zwar zu einer Öffnung der Hochschulen und mit einem Jahrzehnt Verspätung auch der Promotion als h&öuml;chstem Bildungsabschluss geführt, diese Verbreiterung der Basis hatte jedoch keine Auswirkungen auf die Besetzung von Führungspositionen in der deutschen Wirtschaft.

Es sind nicht allein die überraschend eindeutigen Ergebnisse, die Bildungssoziologen und Sozialhistoriker zum Überdenken überkommener Vorstellungen bringen und zusammen mit den Ergebnissen der PISA-Studien die bildungspolitischen Diskussionen fundieren sollten, sondern der Duktus der Argumentation in dieser Arbeit insgesamt, der die Jury zu der einmütigen Entscheidung brachte, ihr den diesjährigen ersten Preis zuzuerkennen.

Mit einem (von zwei dritten Preisen) wird der Aufsatz von SCHWINN ausgezeichnet, in dem ein zentrales soziologisches Thema, das der sozialen Integration, in theoretisch anspruchsvoller Weise aufgegriffen und bearbeitet wird. Ausgangspunkt der Argumentation ist eine Auseinandersetzung mit der neueren Systemtheorie und der Individualisierungsthese, denen der Autor vorwirft, das Problem der Integration weitgehend ausgeblendet zu haben bzw. es nur noch als Problem des einzelnen Individuums zu betrachten. Soziale Integration stelle in beiden, heute stark vertretenen Ansätzen keine eigenständige Ordnungsdimension mehr dar. Gegenüber dieser Sichtweise hebt der Autor dann in einer sehr differenzierten, gut geschriebenen Argumentation die sozialintegrative Bedeutung der staatlichen Ordnung hervor.

Dabei setzt er seine Überlegungen auf mehreren Ebenen an, in denen eine staatliche Ordnung sozialintegrativ wirken kann: "kulturell, indem mit der Fusion von Politik und Kultur Fragen der Inklusion in die einzelnen Ordnungen nicht kulturneutral geregelt werden; rechtlich, indem mit dem Staatsbürgerstatus eine Hauptschwelle überschritten sein muss, um vollen Zugang zu den anderen Institutionen zu haben; intermediär, indem sie einen notwendigen Rahmen für die Konfliktinstitutionalisierung zwischen den Interessengruppen bildet; legitimatorisch, indem die Akzeptanz eines gesamten Arrangements von differenzierten Ordnungen über die Legitimation der politischen Ordnung abgerechnet wird; und schließlich hat sie eine integrierende Funktion auf der Ebene des Lebenslaufs, wo sie die Einzelinklusionen untereinander anschlussfähig hält und zur biographischen Kontinuität und Planbarkeit beiträgt" (S.228).

Dem Autor ist in seiner abschließenden Frage sicher zuzustimmen, wenn er die sozialintegrative Bedeutung des Staates angesichts von Globalisierungsprozessen neu zu überdenken empfiehlt. Seine Argumente hierzu scheinen jedoch im Grundsatz die in diesem Aufsatz dargelegten Überlegungen zu bekräftigen: Soziale Integration ist offensichtlich auch unter Berücksichtigung transnationaler Entwicklungen eine eigengesetzliche Analysedimension, die nicht nur die Entwicklungswege von Differenzierungsprozessen beeinflusst, sondern jenseits dieser Prozesse immer auf politische Regelungen angewiesen bleibt. Mit dieser Arbeit zeichnet die Jury einen theoretisch substanziellen Aufsatz aus, in dem abseits des theoretischen "main-stream" wesentliche Aspekte einer zentralen soziologischen Kategorie neu durchdacht werden.

Fritz Thyssen Preis 2000

2.Preis
Preisträger: Bernhard Schimpl-Neimanns

"Soziale Herkunft und Bildungsbeteiligung. Empirische Analysen zu herkunftsspezifischen Bildungsungleichheiten zwischen 1950 und 1989"
K&öuml;lner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 52, Heft 4, S. 636-669

Auszug aus der Laudatio der Jury des Fritz Thyssen Preises 2000

Die vollständige Laudatio wurde abgedruckt in: KS, Jg. 53, Heft4, S. 812-814.

Die [...] mit einem zweiten Preis ausgezeichnete Arbeit von SCHIMPL-NEIMANNS ist bezüglich ihrer Fragestellung, ihrer theoretischen Fundierung und der Art der sich darauf beziehenden Datenanalyse der Prototyp eines gelungenen soziologischen Zeitschriftenaufsatzes. Die Arbeit besticht nach Meinung der Jury durch ihre differenzierte Sichtweise und eine klare und ausgewogene Argumentation. Die Methodik der Datenanalyse ist auf dem Stand der Forschung, ohne den Leser mit Statistik zu überfordern. Die einzelnen Schritte im Ablauf der Argumentation sind begründet und jederzeit nachvollziehbar. Dies trifft auch für den kurzen Exkurs zur Verwendung multinomialer Logit-Modelle statt der in der anglo-amerikanischen Forschung üblichen sequentiellen Modelle zu.
Die vom Autor aufgeworfene Frage, ob die Bildungsexpansion in Westdeutschland seit den 60er Jahren den von ihren Promotoren erwarteten Abbau herkunftsspezifischer Ungleichheiten in Gang setzen konnte wird in der Literatur bislang uneinheitlich beantwortet. Keine Zweifel bestehen dabei jedoch an den seit dieser Zeit sich entwickelnden strukturellen Veränderungen der Bildungsbeteiligung, die auch hier in den deskriptiven Befunden kurz herausgestellt werden. Aufgrund der nachfolgenden, systematisch durchgeführten multivariaten Analysen mit sog. multinomialen Logit-Modellen wird die These einer unverändert fortbestehenden sozialen Ungleichheit in der Bildungsbeteiligung letztlich verworfen. Allerdings ist sie zeitlich und je nach Herkunftsindikator unterschiedlich zu beurteilen: Einmal ist der gr&öuml;ßte Teil des Abbaus von Ungleichheit bereits bis Ende der 70er Jahre eingetreten, danach ist eher eine Stagnation zu beobachten. Zum anderen hängt die Bildungsbeteiligung und damit der Ungleichheitsabbau im Zeitverlauf offensichtlich stärker mit der beruflichen Stellung des Vaters als mit dem Bildungsniveau des Elternhauses zusammen. Die materielle Lage einer Familie einerseits und deren kulturelle Ressource andererseits stehen demzufolge in einem Spannungsverhältnis zum Abbau von Ungleichheit durch Bildungsbeteiligung: erstere f&öuml;rdert ihn, während letztere eher ungleichheitskonservierend wirkt.

Fritz Thyssen Preis 1999

1. Preis
Preisträger: Volker Müller-Benedict

"Strukturelle Grenzen sozialer Mobilität. Ein Modell des Mikro-Makro-Übergangs nach Boudon"
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 51, Heft 2, S. 313-338.

Auszug aus der Laudatio der Jury des Fritz Thyssen Preises 1999

Mit dem ersten Preis wird eine Arbeit ausgezeichnet, die durch einen klaren Aufbau, einen gut fundierten theoretischen Teil, eine sich daran anschließende blendend geschriebene Modellanalyse und eine darauf aufbauende empirische Analyse besticht. Der Aufsatz von MÜLLER-BENEDICT ist deshalb nach Ansicht der Jury ein beispielhafter sozialwissenschaftlicher Aufsatz, der auf souveräne Art und Weise theoretische Argumente mit Modellberechnungen und empirischen Analysen verbindet und zu einem neuen Erklärungsansatz führt.

Ausgangspunkt der Überlegungen des Verfassers ist die Frage, warum trotz Expansion der Bildungschancen die Mobilitätsquoten in allen westlichen Industriestaaten relativ konstant geblieben sind. In Auseinandersetzung mit einem von Raymond Boudon vorgeschlagenem Erklärungsmodell, das allerdings noch weitgehend einer makrosoziologischen Perspektive verhaftet blieb und in dem das traditionelle Interesse der Soziologie an Schichten und deren Schicksal deutlich wurde, wird dieses nun erweitert durch eine individualistische Perspektive, die die individuellen Mobilitätschancen stärker betont und gleichzeitig auch eine dynamische Analyse erlaubt.

Die durchgeführten Modellrechnungen, die zur weiteren theoretischen Klärung dienen, ergeben dann komplexere Zusammenhänge zwischen Bildungsabschluss, sozialer Herkunft und sozialer Mobilität, als sie von Boudon beschrieben wurden. Diese verschiedenen m&öuml;glichen Zusammenhänge scheinen jeweils Gültigkeit zu besitzen für je verschiedene historische soziale Bedingungen. Für den Autor ist die wichtigste Feststellung in diesem Zusammenhang, "dass die soziale Herkunft an Bedeutung gerade dann wieder besonders zunimmt, wenn ihr Einfluss im Bildungssystem über das Erreichen hoher Chancengleichheit (für Bildung) zurückgedrängt erschien" (S. 328). Die Erh&öuml;hung von Bildungschancen von Seiten des Staates muss also nicht notwendig zu einer Verbesserung sozialer Gerechtigkeit führen, es sei denn, der Staat würde mit Zwangsmaßnahmen, wie etwa einer Quotenregelung eingreifen. Änderungen individueller Entscheidungen (Mikroebene) bleiben in diesem Prozeß aufgrund der notwendigen Berücksichtigung struktureller Verteilungsgrenzen in ihrem Einfluss auf strukturelle Variablen (Makroebene) eingeschränkt. Diese Änderungen müssten durch Zusatzannahmen im Modell berücksichtigt werden. Diese Überlegungen werden anschließend in einem Modell dynamisierter Verläufe der Mobilitätsquote weiter verfeinert, wobei gezeigt wird, dass die Mobilitätsquote zeitlich um einen Punkt maximal m&öuml;glicher Mobilität oszilliert. "Kernpunkt ist dabei, dass die aus verschiedenen Schichten stammenden Individuen ihre Entscheidung für einen weiteren Verbleib im Bildungssystem von der Wahrnehmung des bisherigen Ertrags, den zusätzlicher Verbleib für ihren sozialen Aufstieg eingebracht hat, anhängig machen" (S. 332).

Anhand von Daten des kumulierten ALLBUS (1980-1992) wird zum Abschluss der Arbeit versucht, die Modellresultate mit der tatsächlichen Entwicklung in Westdeutschland zu vergleichen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass im Modell ein Strukturwandel ausgeschlossen wurde, der zwangsläufig in den Daten vorkommen muss. Die als unabhängig vom Strukturwandel anzusehenden Maßzahlen des Chancenverhältnisses zweier sozialer Schichten (odds), in die jeweils andere Schicht auf- bzw. abzusteigen, entsprechen dann für die Kerngruppe der soziologischen Mobilitätsforschung (Männer) den im Modell gefundenen Ergebnissen. Sie verweisen damit in der Richtung, nicht in der Gr&öuml;ßenordnung auf ein mit den Ergebnissen der empirischen Bildungsforschung konsistenten Erklärungsansatz, der die widersprüchlichen Folgen der Bildungsreform in Westdeutschland einfangen kann.

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Datei aktualisiert am 20.01.2005 in der Redaktion der KZfSS