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Nachruf von Prof. Dr. Hartmut Esser
[KZfSS, 52, 2000: 395-397]
Alphons Silbermann ist tot. Nicht lange nach den Feiern zu seinem 90. Geburtstag, die er in der ihm eigenen Art die „Silbermann-Gedächtnis-Wochen“ genannt hat, ist er in Köln gestorben. Bei diesen Feiern war ihm schon anzumerken, dass es nicht mehr so war wie regelmäßig seit seinem 70. Geburtstag alle fünf Jahre und wie jeder gehofft hat, dass es noch lange so bleiben werde.
Mit ihm ist einer der letzten Vertreter jener Soziologengeneration gegangen, die die Soziologie nicht als ihren einzigen „Beruf“ betrieben haben, sondern zu ihr auf Nebenwegen gekommen sind und sie auch nicht als alleinige Beschäftigung ausgeübt haben. „Wirtschaft und Gesellschaft“ hat Alphons Silbermann, wie er in den „Verwandlungen“ schreibt, erst nach dem Krieg auf einer mehrwöchigen Überfahrt von Australien nach Europa gelesen - nicht zuletzt auf Grund dieses Umstandes dafür aber auch von vorne bis hinten. Er war auch der letzte Vertreter jener alten „Kölner Schule“, die die Soziologie als eine ganz besondere Mischung von empirischer und analytischer Orientierung und darauf aufbauender soziologischer und humanistischer Aufklärung begründete, wie sie wohl nur aus der oft bitteren und ironisierenden, dann aber milden Distanz des kosmopolitischen Fremden möglich war. Dass die vorurteils- und dünkelfreie empirische Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Realitäten auch eine zutiefst demokratische und humanistische Angelegenheit war, hat Alphons Silbermann bis zuletzt gezeigt. Das Badezimmer und das „wirkliche“, damit natürlich auch das „triviale“ Kunsterlebnis der breiten Bevölkerung waren ihm nicht zu schade für eine sorgfältige soziologische Analyse. Er nahm die Menschen wie sie waren und nahm sie auch ernst als die eigentlichen „Träger“ des gesellschaftlichen Geschehens. Das musste ihn natürlich auch in einen Gegensatz zur bildungsbürgerlichen Überheblichkeit der Frankfurter Schule bringen, die von den real existierenden Menschen nur hochmütig als noch aufzuklärende und zu belehrende „Massen“ zu reden vermochte. Und dass die Bildzeitung inzwischen dem Werk von Johann Sebastian Bach eine ganze halbe Seite widmet und damit offenbar ebenso Leser findet, wie in ihren Berichten über Zlatko, „The Brain“, würde ihn schon sehr beeindruckt haben.
Die wissenschaftlichen Verdienste und sein unglaubliches Leben sind bei den früheren Anlässen genügend gewürdigt worden, und bei den Empfängen zu seinen Geburtstagen wurde vieles wiederholt, ihm zum teilweise wohl gespielten Überdruss. Interessant war für den Beobachter bei diesen Begebenheiten mehr und mehr, wie groß das Interesse und auch die Bewunderung für die Soziologie im Grunde in der Öffentlichkeit immer noch ist - wenn es sich denn um einem „richtigen“ Soziologen handelt, der sie vertritt. Offenbar werden von Soziologen nicht bloß korrekte Analysen wichtiger gesellschaftlicher Vorgänge erwartet, sondern auch die griffige und provokante Formulierung zu einem unerwarteten Thema. Und solch ein „richtiger“ Soziologe war Alphons Silbermann ohne Zweifel: Er räumte mit manchen Selbstverständlichkeiten auf - stets vor dem Hintergrund eines nicht nur ausgedachten Urteils und oft auch ohne Rücksicht auf seine Umgebung. Er griff Themen auf, die die Öffentlichkeit wirklich interessierten - oder machte sie mindestens durch seine Art so interessant, dass sich die Öffentlichkeit dann dafür interessierte. Und er provozierte, auch mit den Titeln seiner Bücher - wenn er glaubte, dass das ein geeignetes Mittel zum Transport seiner soziologischen Botschaften sein könnte.
Auf der Todesanzeige von Alphons Silbermann stand sein Lebensmotto „Bedeutend und glücklich sein“. Bedeutend ist er ohne Zweifel in vielerlei Hinsicht nur in der Soziologie gewesen. Anders als andere, die sich auch für bedeutend hielten und es wohl auch waren, hat er in seinem Alter jedoch nicht darauf gewartet, dass er jetzt so ohne weiteres mit Ehrungen überhäuft und mit Freundschaften bedacht würde. Er hat sich selbst darum bemüht, und darin war er, wie wir wissen, nicht ohne Erfolg. Das hat ihn schließlich insgesamt wohl auch glücklich gemacht und ihn in seinen letzten Jahren nicht in jene bittere Altersresignation getrieben, in die so mancher hineingeraten ist, der nur noch leidend darauf gewartet hat, wegen seiner einstigen Bedeutsamkeit aufgesucht und verehrt zu werden. Wer seine Biographie liest, findet den Schlüssel für seine Glückstechnologie: Er hatte, so wie die Dinge geschehen sind, nie eine andere Wahl, als selbst die Initiative zu ergreifen, immer wieder etwas Neues anzufangen und nicht zu verzweifeln, wenn er wieder einmal enttäuscht wurde, was oft genug geschehen ist. Dazu gehörte auch, dass er bis zuletzt die Vorgänge in seiner Kölner Umgebung aufmerksam verfolgte und ein waches Auge darauf hatte, wohin sie sich entwickelte und wer sich durch seine Nähe aufwerten wollte.
Von der heute - vor allem wohl als Folge ihrer Professionalisierung, Etablierung und technischen Routinisierung - ohne Zweifel deutlich langweiliger und unauffälliger gewordenen Soziologie hat er, bis auf einige Ausnahmen, nicht mehr viel gehalten. Manche modischen theoretischen Akrobatenstücke hat er gar nicht zur Soziologie zählen wollen und die bloß noch technische Datenhuberei stets verachtet. In seiner letzten Nachbetrachtung zu seinem Leben „Flaneur des Jahrhunderts“ hat er das in einem, wie ich meine, etwas allzu bitteren und auch nicht ganz gerechten Kapitel zusammengefasst. Es war sein Recht, nicht nur seines Alters wegen. Die heutige Soziologie hat ihn schließlich meist auch nur noch als „Nestor“ betrachtet - eine Bezeichnung, die Alphons Silbermann als eine Beleidigung ansah. Diese Distanz war freilich auch nicht unverständlich: Seine „Studien“ konnten die jetzt geltenden Maßstäbe kaum noch erreichen - und waren wohl gerade wegen ihrer methodischen und theoretischen Schlichtheit für die Öffentlichkeit so mundgerecht. Und seine Sprache war, bei allen ihren Vorzügen der Offenheit und der Klarheit, teilweise sehr gestelzt und mitunter frei assoziativ, wie das durchaus auch ein Kennzeichen des alten „Kölner“ Diskurses im Umkreis von René König gewesen ist. Sie war aber immer auch durchdrungen von bewusst gesetzten Überraschungen und gezielten Provokationen, und dies ist es offenbar, was einen Soziologen erst talkshow-fähig macht.
Das alles kam in den Würdigungen zu seinen Geburtstagen natürlich so nicht vor, und das war auch gut so: Wenn er, was nicht nur gelegentlich geschah, des Sonntagsmorgens am Telefon ein neues Kapitel seines jeweils neuesten Buches vorlas, hat er eine eventuelle Kritik mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit stets überhört. Und geschrieben hat er dann schließlich sowieso immer das, was er wollte. Es war seine Art zu zeigen, dass er noch viel vor hatte.
Hartmut Esser
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