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In memoriam Aage B. Sørensen
(13. Mai 1941 - 18. April 2001)

Nachruf von Prof. Dr. Karl Ulrich Mayer
[KZfSS, 53, 2001: 612-613]

Der dänisch-amerikanische Soziologe Aage B. Sørensen starb im April dieses Jahres in Cambridge, Mass. an den zunächst überwindbar scheinenden Folgen einer Gehirnblutung, die er sich über ein Jahr zuvor bei einem Sturz auf eisigem Terrain zugezogen hatte. Aage Sørensen hat mit seinen formalen, empirischen und theoretischen Beiträgen die mathematische Soziologie, die Bildungssoziologie und die Soziologie sozialer Ungleichheit sowie mit seinem vielfältigen institutionellem Engagement die amerikanische und europäische Soziologie der letzten 30 Jahre maßgeblich beeinflusst. Aage B. Sørensen wurde am 13. Mai 1941 in Silkeborg, Dänemark, als der älteste von drei Söhnen einer Lehrerfamilie geboren. Er studierte Soziologie an der Universität Kopenhagen u.a. bei Kaare Svalastoga, dem er wohl seine frühen Interessen an Problemen der Formalisierung sozialer Prozesse, an der sozialen Ungleichheit und an der empirischen Analyse von Prozessen sozialer Mobilität verdankt. Er erhielt 1967 das erste Magister- Diplom des neueingerichteten Faches Soziologie an der Kopenhagener Universität mit einer Arbeit über die soziale und geographische Herkunft der dänischen Universitätsstudenten. Neben dem Studium engagierte er sich in der Studentenpolitik.

1968 verließ Aage, wie ihn seine Freunde in freien Variationen der dänischen Aussprache nannten, zusammen mit seiner Frau Annemette Dänemark, um an der Johns Hopkins University in Baltimore u.a. bei James Coleman und Peter Rossi als graduate student und anschliessend als research associate des Johns Hopkins Social Accounts Project, eine der ersten großen quantitativen Lebensverlaufstudien, zu arbeiten. 1971 reichte er seine Dissertation über Modelle von Prozessen der Karrieremobilität ein. Von 1971 bis 1984 - mit einer kurzen Unterbrechung als Soziologieprofessor an der Universität Oslo - lehrte und forschte Aage B. Sørensen an der University of Wisconsin at Madison, zuletzt als chairman des department of sociology und prägte - zusammen mit David Featherman und Robert Hauser - das, was später als Wisconsin Schule der Ungleichheitsforschung weltweite Verbreitung und Anerkennung finden sollte. 1984 wurde er an die Harvard University berufen, wo er das Soziologie department neu aufbaute und wo er bis zu seinem Tode lehrte.

In seinen Beiträgen zur Bildungssoziologie befasste sich Sørensen u.a. mit den spezifischen Auswirkungen von Schulen auf Schulleistungen, mit dem Verhältnis der relativen Offenheit im Zugang zu Bildung zum Grad interner Differenzierung, mit Leistungsgruppierungen in der Schule, mit den Mechanismen der Verknüpfung von Bildungsabschlüssen und Arbeitsmarktchancen sowie mit formalen Modellen zur Analyse des Wandels individueller Bildungsressourcen und Ausbildungsneigungen im Vergleich zu Auswirkungen des Wandels von exogenen Gelegenheitsstrukturen.

Aage Sørensen forderte und realisierte in seinen Arbeiten konsequent eine explizite, gleichermaßen handlungs- und strukturtheoretisch fundierte Modellierung sozialer Prozesse. Er war damit nicht nur in den siebziger und achtziger Jahren, sondern ist auch heute noch dem Stand der soziologischen Empirie und Theoriebildung weit voraus, neigen diese doch dazu, sich entweder einseitig auf Handlungstheorien wie rational choice zu konzentrieren und Strukturen in Residualkategorien wie Habits, Frames oder Randbedingungen zu verbannen oder aber rein strukturalistisch oder empirisch induktiv zu verfahren. In einer Serie von Aufsätzen kommt Sørensen immer von Neuem zu diesem Thema zurück, wie nämlich individuelle Handlungsprozesse unter expliziten Annahmen über Positionsstrukturen, deren Verteilungen und Dynamik modelliert werden können. Grundlegend ist dafür z.B der Aufsatz “Processes of Allocation to Open and Closed Positions in Social Structure (ZfS 1983). In Anknüpfung an Webers Kategorien der offenen und geschlossenen sozialen Beziehungen und Simmels Idee der Objektivierung des Handelns und der sozialen Beziehungen in “Stellungen” entfaltet er dort systematisch theoretische Grundlagen für die Analyse von Bildungssystemen, Arbeitsmärkten und beruflichen Karrieren. Dabei modelliert er auch schon früh die von Fred Hirsch entwickelte Idee von Positionsgütern (deren Wert durch die Anzahl ihrer Nutzer verändert wird). Die in diesem Zusammenhang entwickelten Verteilungsannahmen bildeten neben Magnitudemesssungen eine der Grundlagen der Berufsprestigeskala von Bernd Wegener, die seitdem zu der am meisten verwandten deutschen Statusskala avancierte.

In der Arbeitsmarktforschung verfolgte Sørensen konsequent ein Programm, eine Soziologie von Arbeitsmärkten zu entwickeln, die mit der Mikroökonomie konkurrenzfähig und an diese anschlussfähig wäre. Dies gilt insbesondere für seine Theorie von Karriereprozessen und die zusammen mit Arne Kalleberg entwickelte Theorie firmeninterner Arbeitsmärkte. Mit beiden dieser Theorieelementen setzte sich Sørensen in offenen Widerspruch zu den dominanten Strömungen der empirischen Ungleichheitsforschung – der strukturalistischen,log-linearen Analyse intergenerationaler Mobilität und der Statuszuweisungsforschung auf der Grundlage von Strukturgleichungsmodellen. Denn er vertrat vehement die Auffassung, dass soziale Ungleichheiten nicht nur in der Familie und in der Schule, sondern vor allem auch auf Arbeitsmärkten entstehen und daher durch deren institutionelle Form entscheidend mitbedingt werden. Er verknüpfte auf diese Weise die makrosoziologischen Anliegen einer Theorie sozialer Ungleichheit mit einer Mikroökonomie und Mikrosoziologie von Arbeitsplatzwechseln auf der Basis empirischer Anwendungen der Ereignisanalyse.

In den letzten Jahren widmete sich Sørensen neben weiteren bildungssoziologischen Arbeiten vor allem der Ausarbeitung einer originellen Theorie sozialer Ungleichheit (The Structural Basis of Social Inequality, AJS 1996; Toward a Sounder Basis for Class Analysis, AJS 2000). Diese Theorie erklärt die vielfältigen Ausprägungen und Erscheinungsformen von Ungleichheiten durch einen allgemeinen Mechanismus, nämlich die Monopolisierung von Renten. Die brillante historisch-soziologische Studie “On Kings, Pietism and Rent-Seking in Scandinavian Welfare States” (Acta Sociologica 1998) belegt nicht nur die Tragweite dieser Theorie, sondern auch die breit gefächerte historische Bildung und soziologische Fantasie von Aage Sorensen.

Aage Sørensen hat nicht nur die skandinavischen Sozialwissenschaften in einer Vielzahl von Funktionen gefördert, er war über 25 Jahre auch eng mit der deutschen Soziologie verbunden, als Mitglied der MASO-Arbeitsgruppe (mathematische Formalisierung in den Sozialwissenschaften) in den siebziger Jahren, als langjähriges Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von ZUMA in Mannheim und des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin sowie - nicht zuletzt – als Freund, Förderer, häufiger Gastwissenschaftler und unbestechlicher Kritiker der deutschen Lebensverlaufsstudie. Für eine ganze Reihe deutsche Soziologinnen und Soziologen eröffnete er Gastaufenthalte an der University of Wisconsion in Madison und an der Harvard University.

Aage Sørensens Werk setzt hohe Maßstäbe für eine Soziologie, die nicht nur Theoriebildung, mathematische Formalisierung, empirische Analyse und historische Makroanalyse gleichermaßen zur Geltung zu bringen in der Lage ist, sondern darüberhinaus aktuelle gesellschaftspolitische und intellektuelle Debatten aufgreift, in seinem Fall die Spannungen zwischen europäischen Modellen des Wohlfahrtsstaates und US-amerikanischem Liberalismus.

Karl Ulrich Mayer

 

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