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Nachruf von Prof. Dr. Alois Hahn, Trier
[KZfSS, 54, 2002: 403-405]
Am 23. Januar 2002 ist Pierre Bourdieu in Paris gestorben. Mit ihm verliert die Soziologie einen der sehr seltenen lebenden Klassiker. Wer ihm - wie ich - auch persönlich viel zu verdanken hat, für den mischen sich die Bewunderung für eine der großen Gestalten der Disziplin mit zahlreichen Erinnerungen an die faszinierende Persönlichkeit des Verstorbenen.
Es gibt nicht viele Soziologen, bei denen – eingestandenermaßen, ja geradezu emphatisch – die Biographie und das Werk wechselseitig aufeinander verweisen. In einem Gespräch mit Loïc Wacquant (Réponses. Pour une anthropologie réflexive, Paris 1992) hat er vor zehn Jahren davon gesprochen, dass seine „Konversion“ zur Soziologie nicht ohne seine „trajectoire sociale“ zu verstehen sei: „Ich habe den größten Teil meiner Jugend in einem kleinen entlegenen Dorf im Südwesten Frankreichs verbracht. Den schulischen Anforderungen konnte ich nur dadurch gerecht werden, daß ich auf viele meiner primären Erfahrungen und Bildungseinflüsse verzichten lernte.“ Er erwähnt in diesem Zusammenhang u.a. seinen südfranzösischen Akzent und vergleicht seine Situation mit jemandem, der aus einer Kolonie stammt. Er scheut sich nicht davor, eine Art von mehr oder minder subtilem „sozialem Rassismus“ anzunehmen, als deren Opfer er sich gefühlt habe. Aber gerade dieser Ostrazismus, dem er auf seinem Marsch durch die französischen Institutionen der höheren Bildung ausgesetzt gewesen sei, habe in ihm die Luzidität erweckt, die zur Soziologie gehört. Die innere Fremdheit, die ihn auch bei seinem beispiellosen Aufstieg nie verlassen habe, habe dazu geführt, Dinge wahrzunehmen, die andere eben nicht sehen oder fühlen könnten.
Die Karriere Bourdieus ist in der Tat ebenso bewundernswert wie erstaunlich. Vor allem, wenn man sie im Lichte seiner eigenen Theorien sieht. Er war Sohn eines kleinen Postbeamten in Denguin im Département Hautes-Pyrénées. Der Vater versah lange Zeit das Amt eines Landbriefträgers, zu dessen Ressourcen die vierteljährliche Ausstattung mit neuen Dienstschuhen gehörte. Bourdieu hat mir das einmal erzählt, nachdem er – ohne dass ich ihm das gesagt hatte - aus meinem Verhalten schloss, ich müsse in einer Arbeiterfamilie im Ruhrgebiet aufgewachsen sein (er wertete dieses spontane „Erraten“ als Zeichen für seine auch im kleinen biographischen Detail wirkmächtige luzide soziologische Diagnostik, die für ihn unverzichtbares Moment der Kompetenz des soziologischen Metiers war).
Eigentlich könnte man sein Reüssieren in den elitären Einrichtungen der französischen Bildungswelt doch als einen krassen performativen Widerspruch zu seiner Habitustheorie sehen und auch zu seinen frühen großen empirischen Untersuchungen über die „Héritiers“, mit denen er Anfang der 1960er Jahre erste Berühmtheit erlangte. Er hatte dort, zusammen mit Jean Claude Passeron, gezeigt, dass die Schule im wesentlichen der Selbstreproduktion der Oberschichten zum Siege verhelfe. Bourdieu selbst hatte immer als Primus alle Bildungsstationen absolviert: das Lycée in Pau, das traditionsreiche Gymnasium Louis-le-Grand in Paris und die schlechthin elitäre École Normale Supérieure auf der Rue d’Ulm. Er lehrte nach einer Zwischenstation in Algier, wo seine ersten großen Studien über die Kabylen entstanden, 1961 an der Sorbonne, danach in Lille und war seit 1964 Directeur d’études an der École pratique des hautes études, die später zur École des hautes études en sciences sociales wurde (der berühmten EHESS), um schließlich 1981 mit dem Lehrstuhl für Soziologie am Collège de France das Höchste zu erreichen, was man in der akademischen Welt in Frankreich erringen kann, sieht man von der Goldmedaille des CNRS ab, die das Lebenswerk der berühmtesten französischen Forscher krönt und die Bourdieu 1993 erhielt.
Bourdieu sah diesen Widerspruch zwischen seiner Theorie und seiner persönlichen Karriere sehr wohl auch. Aber erstens fand er, dass Erfolg in einem System noch nicht bedeute, dass man sich in ihm innerlich zu Hause fühle (er zitierte mir gegenüber einmal sogar in diesem Kontext auf deutsch Goethes Iphigenie: „Doch es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher“) und zum anderen hatte er nie behauptet, dass Habitus und Herkunft zu 100 Prozent miteinander korrelierten. Immerhin war er der Meinung, dass die frühe Kindheit prägende Spuren hinterlasse, die man nie wieder loswerde. Man könne vieles lernen, aber gerade ganz spontane Geschmacksempfindungen und Vorlieben, bestimmte Formen des „je ne sais quoi“ widerstünden allen Versuchen, sich auch innerlich dem erworbenen Status anzupassen. Auf der anderen Seite war ihm schmerzlich bewusst, dass Aufstieg auch die naive Identifikation mit dem Herkunftsmilieu verbaut. In seinen jüngst – offenbar in nicht autorisierter Form – im Nouvel Observateur veröffentlichten Fragmenten einer Autobiographie wird diese Zwickmühle auf bewegende Weise bei den Erinnerungen an die Internatsexistenz in Pau beschworen. Dort erscheint der Aufsteiger aus den „milieux populaires“ dann als doppelt entfremdet: vom Elternhaus, weil sich die neue Welt der Bildung dort nicht mehr kommunizieren lässt, in der neuen Welt der Héritiers, weil man mit ihnen das Lebensgefühl nicht teilt. Immerhin wird doch auch deutlich, dass ein Teil dieser Doppelentfremdung damit verknüpft ist, dass es oft gerade die Aufsteiger sind, welche der Welt der Bildung und des Geistes eine Liebe und Begeisterung, ja geradezu eine Sehnsucht entgegenbringen, die sich bei den blasierten Erben nicht findet. Der Parvenu ist oft deshalb verhasst, weil er die Werte der Oberschicht in reinerer Form verkörpert als diese selbst.
Ein Nachruf kann nicht der Ort sein, eine Kurzfassung des Werks eines Klassikers zu präsentieren. Das gilt bei Bourdieu noch mehr als bei anderen. In zahlreichen Sekundärtexten finden sich schon Darstellungen seines Oeuvre. Seine Zentralbegriffe sind bereits zur Doxa von Lexika, Lehrbüchern, Einführungskursen und beflissenen Journalisten geworden (letztere eine Kategorie von Funktionsträgern, denen er mit bisweilen hasserfüllter Sympathie zugeneigt war). Ich erinnere nur an Konzepte wie Habitus, Feld, kulturelles Kapital, symbolische Gewalt, Hysteresiseffekte, Distinktion, Konsekration, Illusio, Enjeu und eben Doxa. Sie sind inzwischen fast schon zu Grundbestandteilen soziologischen Smalltalks geworden.
Das war nicht unbedingt vorhersehbar. Im Original sind sie gleichsam eingemauert in ein Gebirge mit oft seitenlangen Satzkaskaden, die selbst französische Leser nicht immer bei erster Lektüre verstehen, Sätze, die ihm gerade in Frankreich bisweilen das Naserümpfen der an Stilidealen klassischer Eleganz orientierten Kollegen eingetragen haben. Die Sätze wirken in der Tat manchmal wie Waffenrüstungen, hinter denen sich ein schüchterner und sensibler, aber immer kampfentschlossener Theoretiker verbirgt. Er habe mehr als zwanzig Jahre gebraucht, sagte er mir einmal, bis er es gewagt habe, in einer wissenschaftlichen Publikation den Ausdruck „ich“ zu benutzen.
Glaubt man Bourdieu selbst, so sind seine Theorien nicht bloße Theorie, sondern Resultate harter empirischer Arbeit. Tatsächlich sollte man den empirischen Forscher, der sich zahlreicher „Felder“ mit überwältigender Liebe zu quantitativen und qualitativen Datenmengen angenommen hat, nicht hinter seinen Theorien vergessen. Das Gleiche lässt sich für Bourdieus Methoden sagen. Wer würde sich in Deutschland ernsthaft um Korrespondenzanalyse kümmern, wenn sie nicht durch die Arbeiten von Bourdieu konsekriert worden wäre (ohnehin ist die Zahl der Arbeiten, die sich ihrer bedienen, eher beschämend bescheiden)?
Nicht einmal Bourdieus eigene Arbeiten, erst recht lassen sich die z.T. sehr kritischen Diskussionen seiner Thesen hier nicht referieren. Nicht nur wegen des Prinzips „de mortuis nil nisi bene“, sondern eben auch wegen des inzwischen Bibliotheken füllenden Umfangs der Debatten. Diese finden nicht nur im Feld der Theorien statt. Da Bourdieu sich der Analyse vieler Felder gewidmet hat, von der Wirtschaft bis zur Religion, von der bildenden Kunst und Literatur bis zur Pragmalinguistik, von der Politik bis zur Pädagogik hat er zwar als großer Anreger gewirkt, immer aber auch leidenschaftliche Gegnerschaft auf sich gezogen. Fast hatte man manchmal den Eindruck, er verfahre nach der Maxime „viel Feind, viel Ehr“. Dabei sind es nicht nur Kontrahenten mit völlig anderen Orientierungen, die zu seinen Opponenten geworden sind. Auch mehrere seiner ursprünglichen Weggenossen und Lieblingsschüler haben sich nach oft spektakulären Brüchen von ihm getrennt (oder umgekehrt).
Es mag nach alledem rätselhaft erscheinen, dass er in so kurzer Zeit bei uns derart bekannt wurde, vergleicht man seine Wirkung etwa mit der Durkheims, dessen Werke erst mehrere Generationen nach seinem Tod ins Deutsche übersetzt wurden, oder mit anderen zeitgenössischen französischen Soziologen. Denn ohne Übersetzung wäre Bourdieu den meisten deutschen Kennern seiner Werke vermutlich schlicht unzugänglich. Hängt das, um zumindest für die Rezeption in Deutschland eine Hypothese zu wagen, damit zusammen, dass zwischen Bourdieus Theorie und den deutschen Traditionen der Sozialwissenschaft eine mehr als nur latente Wahlverwandtschaft besteht? Erlaubte nicht sein Habituskonzept von etwas zu sprechen, was man zuvor an Ideen von Arnold Gehlen hätte anschließen müssen? „Salvation from abroad“, hat Lewis Coser das einmal genannt. Dietrich Schwanitz gar sprach von „Theoriewaschanlagen“. Lässt sich nicht von Bourdieus Theorie der Distinktion und zu seinem Konzept verschiedener Kapitalsorten der Anschluss an Max Webers Auffassung von den Ständen besonders ungewaltsam herstellen? Der Eindruck drängt sich auf, wenn man das Original der „Distinction“ mit der deutschen Fassung vergleicht. Und lässt sich nicht leicht eine Brücke schlagen zwischen Bourdieus Feldtheorie, Webers Analyse der Ausdifferenzierung von Wertsphären und horribile dictu zu Luhmanns Theorie der Ausdifferenzierung von Subsystemen? Die Reihe könnte fortgesetzt werden. Anschlussfähigkeit heißt natürlich nicht Identität. Bourdieu selbst hat in der Regel so stark auf Differenz gepocht, dass Anschließbarkeit dabei eher perhorresziert wurde. Das entspricht auch seiner Logik der Distinktion. Seine Wirkung verdankt er aber doch der Herstellbarkeit von Verknüpfungen, sozusagen „malgré lui“.
Bourdieu war, zumal seit den 1990er Jahren, auch einer der engagiertesten Intellektuellen Frankreichs und hat in dieser Rolle eine öffentliche Aufmerksamkeit erzielt, wie sie seit Sartre sonst niemand mehr erreicht hat. Nicht einmal Foucault. Dass im Nouvel Observateur (und in etlichen anderen großen französischen Zeitschriften und Tageszeitungen war es ähnlich) anlässlich seines Todes ein ganzseitiges Titelbild Bourdieus erschien (Pierre Bourdieu: Celui qui disait non. L’homme, le penseur, le polémiste), hängt mit diesem Engagement zusammen. Literarisch schlägt sich dieser Versuch, die Soziologie als politischen Kampfsport zu etablieren („La sociologie est un sport de combat“ - so heißt ein unter seiner regen Anteilnahme über ihn und sein politisches Projekt im Jahr 2000 gedrehter, aktuell noch immer in Paris in den Kinos laufender Film von Pierre Carles), in dem von ihm inspirierten Sammelband über das „Elend der Welt“ (1993) nieder. Praktisch wird das Engagement 1995 bei seiner Unterstützung des Novemberstreiks der Eisenbahner. Die Bilder, auf denen er mit dem Megaphon bewaffnet zu den „Cheminots“ an der Gare de Lyon spricht, gingen um die Welt. 1998 ist er an der Seite der Arbeitslosen, welche die École normale supérieure auf der Rue d’Ulm besetzt halten. Viele haben in diesem Zusammenhang von Bourdieus Kreuzzug gesprochen, den er für „eine Linke der Linken“ („Pour une gauche de gauche“), wie es in Le Monde vom 8. April 1998 hieß, predigt. Und noch im Juni 2000 tritt er neben José Bové auf, um die Attac-Bewegung zu unterstützen und gegen den von ihm als Neue Sekte bekämpften Neo-Liberalismus und die Globalisierung Front zu machen, die er nicht für eine unvermeidliche Entwicklung hielt, sondern als ein von kritisierbaren Interessen gewolltes Projekt unter Beschuss nahm. Seine ganze Empörung galt den „angeblich“ linken Politikern Jospin, Blair und Schröder, die er als Verräter der Linken ansah. Mit polemischer Verachtung hat er deren „Hofschreiber“ gegeißelt, so etwa, wenn er über F. Ewald und dessen Bewunderung der Risikogesellschaft schreibt, dass es sich hier um nichts anderes handele als „une version intellectuellement dégradée et vulgarisée de la pensée, déjà bien vulgaire, des maîtres à penser de Blair et de Schröder, Anthony Giddens et Ulrich Beck“ (P. Bourdieu: Interventions, 1961-2001. Science sociale et action politique. Textes choisis et présentés par F. Poupeau et T. Discepolo. Paris 2002, S. 471.).
Wer so viel Wind sät, wird immer auch Sturm ernten. Bourdieu, der oft so scheu, geradezu verlegen bei öffentlichen Auftritten im Collège de France oder selbst in seinen Seminaren in der Maison des sciences de l’homme wirkte – er war ein begeisterter und begeisternder Lehrer – scheint sich in seiner letzten Rolle als Volkstribun dem Erbe zugewandt zu haben, das zu verleugnen die Voraussetzung war, um mit den „Héritiers“ zu konkurrieren. Man kann ein Anhänger der Soziologie des „Maître“ (so die offizielle Anrede eines Professors am Collège de France) sein, ohne seine politischen Optionen zu teilen oder seine polemischen Ausfälle zu goutieren. Man kann auch – wie er selbst – das eine als die logische (oder besser: notwendige praktische) Konsequenz des anderen ansehen. Aber zumindest die Gebildeten selbst unter seinen Verächtern werden nicht bestreiten wollen, dass unsere Disziplin mit ihm eine der bei aller Widersprüchlichkeit eindrucksvollsten, farbigsten und intellektuell beeindruckendsten Persönlichkeiten verloren hat. Wir sind sehr viel ärmer geworden ohne ihn.
Alois Hahn
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