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Nachruf von Prof. Dr. Karl Ulrich Mayer, Berlin
[KZfSS, 54, 2002: 615-617]
Erika Brückner starb am 7. Juli dieses Jahres im Alter von 75 Jahren nach einer längeren Krebserkrankung in Berlin. Als Gründerin und Leiterin der Feldabteilung von ZUMA (1974-1984) und als für die Erhebungsmethodik der Lebensverlaufsstudien verantwortliche wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Entwicklung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung Berlin (1984-1992) hat sie die empirische Sozialforschung in Deutschland nachhaltig beeinflusst. Weit über ihr exemplarisches berufliches Engagement hinaus hat sie durch ihre Persönlichkeit Maßstäbe gesetzt und viele junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefördert.
Erika Brückner, geb. List, wurde am 9. September 1927 als jüngstes und von Geburt an gebrechliches Kind einer Leipziger Lehrerfamilie geboren. Der Vater wurde von den Nazis aus dem Dienst entfernt. Von 1946 bis 1950 studierte sie an der Universität Leipzig Philosophie, Psychologie, Pädagogik und war gleichzeitig mit einer Sondergenehmigung als Medizinstudentin immatrikuliert. 1949 erwarb sie ihr Psychologiediplom mit Auszeichnung. Von 1949 bis 1951 arbeitete sie als klinische Psychologin an der Landeskinderklinik Neufahrland.
1951 reist sie aus der DDR aus. Am Psychologischen Institut der Universität Münster (Prof. Metzger) baut sie bis 1953 eine Beratungsstelle mit Gruppentherapie auf und ist als Heilpädagogin mit klinisch beratenden und forensischen Aufgaben tätig. Ökonomische und familiäre Umstände zwingen sie zur Aufgabe der angestrebten Promotion und verhindern den Abschluss des medizinischen Zweitstudiums. Eine angebotene wiss. Assistentenstelle konnte sie nicht antreten. Bis 1958 arbeitet sie in verschiedenen Nebentätigkeiten als Dozentin, klinische Psychologin sowie in der Markt- und Meinungsforschung.
Erika Brückner gehört zur Gründergeneration der deutschen Markt- und Meinungsforschung. Von 1958 bis 1965 arbeitete sie am Institut für Marktpsychologie (Prof. Bernd Spiegel) in Mannheim und baute den Arbeitsbereich qualitative Feldforschung auf. Danach führte sie von 1965 bis 1974 als Geschäftsführende Gesellschafterin der „Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Wirtschaftsforschung“ in Heidelberg mit vorwiegend qualitativen Methoden Auftragsforschung für Verbände, Industrie und öffentliche Institutionen durch.
1974 holten Rudolf Wildenmann und Max Kaase Erika Brückner zum neugegründeten ZUMA nach Mannheim, um die Feldabteilung aufzubauen. In den folgenden zehn Jahren hat sie ZUMA ganz entscheidend mitgeprägt und gestaltet. Für die ZUMA-„Philosophie“, keinen eigenen Interviewerstab für Umfragen aufzubauen, sondern nach hauseigener Instrumentenentwicklung und –prüfung mit ausgewählten Meinungsforschungsinstituten zusammenzuarbeiten, brachte sie mit ihrer praktischen Erfahrung ideale Voraussetzungen mit. Der Einführung von Telefoninterviews in wissenschaftlichen Umfragen hat sie entscheidende Impulse verliehen („Telefoninterviews in Sozialforschung und Sozialpsychologie“, S. Hormuth und E. Brückner, KZfSS 1985). Sie hat für unzählige Projekte die Knochenarbeit geleistet bei der Entwicklung der Fragebögen, bei Pretests und Pilotstudien. Als Sozialforscherin war Erika Brückner akribisch und fantasiereich, einfühlsam und fachlich kompromisslos. Sie hat bei der großen Zahl der betreuten „principal investigators“ und mehr noch bei deren Mitarbeitern jene Wertschätzung gewonnen, die aus der Erkenntnis erwächst, dass die von ihr gesicherte, formale und häufig genug auch inhaltliche Qualität der Daten die unsichtbare Grundlage der Qualität der eigenen wissenschaftlichen Arbeit und der eigenen wissenschaftlichen Publikationen bildet.
1984 wechselte Erika Brückner als „senior researcher“ an den Forschungsbereich Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Entwicklung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Schon bei ZUMA hatte sie die ersten Befragungen (Geburtsjahrgänge 1929-31, 1949-51, 1959-61) der Sfb 3-Lebensverlaufsstudie in der Feldabteilung mitbetreut und vor allem zur Messung komplexer Ereignisverläufe viele Ideen und Vorschläge beigesteuert. Am Max-Planck-Institut war Erika Brückner dann verantwortlich für die Erhebung der Lebensverlaufsstudien zu den Geburtsjahrgängen 1919-21, bei denen sie die Innovationen ein- bis zweistündiger komplexer Telefoninterviews und computerunterstützter Verkodung entwickelte sowie schließlich die computerunterstützten Telefonumfragen bei den Lebensverlaufsstudien der Geburtsjahrgänge 1954-56 und 1959-61. Neun Bände („Lebensverläufe und Wohlfahrtsentwicklung“, Mayer und Brückner 1989; „Lebensverläufe und gesellschaftlicher Wandel“, Brückner 1995) und insbesondere die Aufsätze „Erhebung ereignisorientierter Lebensverläufe als retrospektive Längsschnittrekonstruktion“ (Brückner 1994) und „Collecting Life History Data. Experiences from the German Life History Study“ (Brückner und Mayer 1998) dokumentieren diese Arbeiten. Ihr Traum, neben den methodischen Arbeiten ihre eigenen Daten auch inhaltlich auszuwerten, ging nur zum Teil in Erfüllung (u.a. „Lebensgeschichte und Austritt aus der Erwerbstätigkeit – am Beispiel der Geburtsjahrgänge 1919-21“, Brückner und Mayer 1987; „The Production of Gender Disparities over the Life Course and their Effects in Old Age“, Allmendinger, Brückner und Brückner 1993; „Ehebande und Altersrente“, Allmendinger, Brückner und Brückner 1992).
Nach ihrer Pensionierung 1992 arbeitete sie noch in vielen Projekten mit – so z.B. bei der Armutsforschung im Land Brandenburg, Projekten zur sozialen Gerechtigkeit und zu Wirtschaftseliten in Ostdeutschland an der Humboldt-Universität Berlin. Noch mit 74 Jahren übernahm sie an der Technischen Universität Berlin die Methodenveranstaltung im Fach Public Health.
Über ihren wissenschaftlichen Werdegang vor ihrer Zeit in Berlin schrieb sie einmal: „Zum Verständnis meines Berufsverlaufes ... möchte ich anmerken, dass die wechselnden Tätigkeiten oft mehr von ökonomischen und familiären Anpassungen als von meinen eigentlichen Interessenlagen gesteuert und bestimmt wurden.“ Umso mehr haben wir den Beitrag von Erika Brückner zur Entwicklung der empirischen Sozialwissenschaften in Deutschland zu würdigen.
Karl Ulrich Mayer
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