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In memoriam Werner S. Landecker
30.04.1911 - 19.05.2002

Nachruf von Prof. em. Dr. Günther Lüschen, Oldenburg
[KZfSS, 54, 2002: 617-617]

Im Juni 2002 starb 91-jährig in Ann Arbor, Michigan, Werner S. Landecker. Geboren in Berlin, wo er mit seiner Familie dem deutsch-jüdischen Kulturbund zugehörte, ging er am Grauen Kloster zur Schule. Bereits als Student an der Juristischen Fakultät in Berlin beschäftigte er sich interessiert mit der Soziologie. Mit seiner erst 1999 publizierten Dissertation promovierte er 1936 über Soziologie des Völkerrechts (Die Geltung des Völkerrechts als gesellschaftliches Phänomen. Eine rechts- und sozialwissenschaftliche Analyse aus dem Jahr 1936. Beiträge zur Geschichte der Soziologie Band 11. Münster/Hamburg/London: LIT Verlag 1999). Er verließ zum gleichen Zeitpunkt Deutschland, als er ein Stipendium der Universität Michigan erhielt. Es waren bittere Jahre, als er bald nach der nationalsozialistischen Machterreichung vom Pöbel mit Rufen wie „Juden raus" nicht einmal mehr in seiner Seminar-Bibliothek gelitten war. Gut, dass es Professoren wie Viktor Bruns und Ernst Emge gab, die seine Dissertation und Promotion betreuten sowie die Kontakte zu den USA ebneten. Die erst vor wenigen Jahren publizierte Dissertation war zu ihrer Zeit eine bedeutende Leistung, die weiterhin als beispielhaft für rechtssoziologische Fragen und auch grundlegende Einsichten für das Völkerrecht zu sehen ist. Sein Mentor Rudolf Smend bemühte sich noch vergeblich um die damalige Publikation.

Nach seinem Stipendium in den USA und einer danach folgenden zweiten soziologischen Dissertation war er zunächst an der Universität Indiana als Dozent tätig, bevor er dann an die Universität Michigan in Ann Arbor berufen wurde; er war schließlich Teil des bedeutenden Kollegiums der dortigen Soziologie, und er war als einer der sowohl theoretisch als auch empirisch arbeitenden Professoren bis zu seiner Emeritierung Ende der 1980er Jahre dort tätig. Dabei war er seit seiner Erblindung als 40-Jähriger durch seine Frau und gelegentliche Vorleser aber auch in den Diskussionen seines Departments immer wieder gefordert, die Aktualität seines Faches zu meistern. Alle, die ihn kannten, haben unter einer solchen Belastung, aber auch angesichts seiner Weisheit und seinem Intellekt, gerade sein Gespür für Theorie und Empirie verfolgt und dadurch vieles durch Werner Landecker gelernt, ob es sich um Gerald Lenski, John Freedman oder andere Kollegen und Studenten handelte.

International bekannt und auch in Deutschland viel zitiert wurde Landecker mit seinem Aufsatz „Types of Integration and their Measurement“ (American Journal of Sociology 56, 1951: 332-340) sowie mit dem zusammenfassenden Buch „Class Crystallization“ (New Jersey: Rutgers University Press 1981), auf denen die Konzepte der Statusinkonsistenz aufbauen, welche die Schichtungsforschung nachhaltig beeinflusst haben. Die Forschungsgebiete soziale Schichtung und Wissenssoziologie haben ihm viele Einsichten zu verdanken.

Um 1970 war er nach vielen Jahren ein Jahr als Gastprofessor in Bremen. Bei einem ISA-Symposium über soziale Schichtung in Duisburg war er in den 1980er Jahren mit einem Referat beteiligt. Als er am 15. Mai 1985 im „Soziologischen Oberseminar“ der Universität Köln einen Vortrag „Probleme der Wissenschaftssoziologie“ begann, überwältigte ihn die Stringenz seiner empirisch-theoretischen Vorlesung, aber auch die nolens volens ohne schriftliches Konzept vorzutragenden Ideen, und er musste den Vortrag abbrechen. Hinzu kamen wohl die Erinnerungen über die deutlich mehr als 40 Jahre, in denen er Deutschland fern gewesen war. Jene, die in diesem Moment anwesend waren, werden Tragik und Größe dieses Menschen verspürt haben.

Günther Lüschen

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