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Nachruf von Prof. Dr. Hermann Schwengel, Freiburg i.Br.
[KZfSS, 54, 2002: 614-615]
In seiner wegweisenden Arbeit "Prozesse der Machtbildung" (Tübingen 1968) zitiert Heinrich Popitz zu Beginn den schottischen Philosophen Davide Hume (1711-1776): "Die, die die menschlichen Angelegenheiten mit philosophischem Blick betrachten, erstaunt nichts mehr, als die Leichtigkeit, mit der Viele von Wenigen beherrscht werden können."
Popitz' soziologischer Blick steht diesem Staunen und der damit verbundenen Neugier in nichts nach. Daraus wohl ist seine legendäre Fähigkeit gewachsen, erkenntnisleitende Beispiele für Entstehung, Entwicklung und Form von Macht und Herrschaft zu bilden. Solidarität als gegenseitige Stützung, Kooperationsbereitschaft in der Verteidigung eigenen Besitzes und die Legitimation eines bestimmten Verhaltens werden an der Nutzung des Luxusgutes Liegestühle auf einem Passagierschiff - für je drei Passagiere ein Liegestuhl - demonstriert: Die spontane Nutzung der Liegestühle ohne größere Absprache, die aus dem Sachverhalt resultiert, dass niemand den ganzen Tag über im Liegestuhl liegen bleiben will, wird durch einen Schub neuer Passagiere unterbrochen, die plötzlich Liegestühle fest besetzen. Vielerlei Strategien sind notwendig, bis die Solidarität der In-Besitz-Nehmenden durch neue Besitzstände und deren überlegene Organisationsfähigkeit abgelöst wird und eine neue Berechtigungsordnung entsteht.
Die produktive Überlegenheit von Solidaritätskernen zeigt Popitz an einem Gefangenenlager vor, einem eingezäunten großen leeren Feld, in dem die Lebensmittel als rohe Naturalien verteilt werden: Dieter Claessens, dem ich schon bisher in seiner Vorstellung der Popitzschen Beispielkunst gefolgt bin (vgl. Claessens' Beitrag zu Macht und Herrschaft, in: Korte und Schäfers (Hg.), Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie, Opladen 1992), fasst das Beispiel zusammen: Der eine war Koch, der zweite Klempner, der dritte konnte Englisch, der vierte war nur ungewöhnlich groß und stark. Indem alle vier ihre spezifischen Fähigkeiten zusammenführten, einen Herd bauten, auf dem man Wasser heiß machen und eine Suppe kochen konnte - offenes Feuer war verboten - schufen sie sich eine Monopolstellung als Anbieter einer Dienstleistung, für die wiederum interessante Gegenleistungen eingefordert werden konnten. Diese reichen von konkreten Botengängen bis zur abstrakteren gewinnbringenden Loyalität. Popitz' erkenntnisleitende Beispiele lassen sich nicht wirklich nacherzählen und verknappen, weil sie bereits eine außerordentlich verdichtete Form aufweisen, die erst ihre strukturierende Leistung ermöglicht.
Das Motiv der Macht, von seiner Konzeptualisierung zu seinen Durchsetzungs- und Stabilisierungsformen, die gestuft zur Institutionalisierung von Macht führen - so die Gliederung der "Phänomene der Macht" (Tübingen 1991) - hat Heinrich Popitz ein Leben lang beschäftigt. Dabei geht es um die sich wiederholenden, typischen und typisierenden Prozesse der Machtbildung, die zu den elementaren Formen der Vergesellschaftung gehören. Macht ist mit Normbildung verknüpft, mit der normativen Konstruktion von Gesellschaft, wie ein anderer richtungweisender Titel bereits anzeigt ("Die normative Konstruktion von Gesellschaft", Tübingen 1980). Die Folge von Macht-Norm-Institution erlaubt es in der Perspektive Popitz' allerdings nicht, sich mit einem abstrakten Institutionalismus zur Ruhe zu setzen. Vielmehr ist mit dem Aufbrechen neuer Bildungsprozesse zu rechnen, deren Durchsetzungs- und Stabilisierungsformen wiederum konkret sind. So wie Popitz den revoltierenden Studenten etwas zur Sache zu sagen hatte, gerade weil er die Unabhängigkeit seines Urteils nicht antasten ließ, hätte er den Globalisierungskritikern heute etwas zu sagen.
Ein zweites und drittes Motiv waren von ähnlichem Gewicht, obwohl sie hier nicht so ausführlich dargestellt werden können. Da ist zunächst die Verknüpfung von Arbeit, Industrie und Technik, die Popitz nach der Promotion als Mitarbeiter von Helmut Schelsky in Münster zu Untersuchungen zu "Technik und Industriearbeit" und über "Das Gesellschaftsbild des Arbeiters" führt. Auch wenn er nicht wie Hans Paul Bahrdt Industrie- und Stadtsoziologie weiterführte, blieben Aufstieg und Krise industrieller Arbeit Leitmotive seines Denkens, wie jeder erfahren konnte, der sich mit Heinrich Popitz über die Kampfbahn Rote Erde in Dortmund unterhalten durfte.
Dass ein Gespräch mit Popitz vom ehemals industriellen Charakter des Fußballs zur Kreativität des Spielens gleiten konnte, leitet zum dritten Motiv seines Denkens über. Von "Der Aufbruch zur artifiziellen Gesellschaft" (Tübingen 1995) bis zu "Wege der Kreativität" (Tübingen 2000) ist eine Anthropologie der Technik, Phantasie und Sinnstiftung zu spüren, die erneut einen Nerv der Zeit zu treffen wusste. Popitz Abschlussvortrag auf dem Soziologen-Tag 1998 in Freiburg "Die Kreativität religiöser Ideen. Zur Anthropologie der Sinnstiftung" gehört in diesen Zusammenhang. Die Transzendierungsphantasie geht durch den Körper, damit schließt sich der Kreis zur Macht, die sich auch nicht am menschlichen Körper vorbei durchsetzt und stabilisiert.
Noch und gerade heute halten wir den Atem an, wenn Popitz Gewalt unter dem Titel der Antinomie der Machtvollkommenheit beschreibt: "Das Äußerste, was Menschen sich antun können, ist zugleich etwas, was jedermann jedem zufügen kann. Das ‚Vermögen zum Größten' trifft schließlich wieder auf ein Gleichsein: das Gleichsein des menschlichen Körpers und seine kreatürliche Ausgeliefertheit an andere Menschen. Wie der Attentäter das Symbol des radikal aktiven, so ist der Märtyrer, der den Gehorsam unbedingt verweigert, das Symbol des radikal passiven Widerstandes. ‚Selbst in den drückendsten und grausamsten Unterwerfungsverhältnissen besteht noch immer ein erhebliches Maß an persönlicher Freiheit. Wir werden uns ihrer nur nicht bewusst, weil die Bewährung in solchen Fällen Opfer kostet, die auf uns zu nehmen ganz außer Frage zu stehen pflegt' (Georg Simmel). Das Opfer, das auf uns zu nehmen ganz außer Frage zu stehen scheint, ist im äußersten Fall der eigene Tod. Eine letzte Bewährung persönlicher Freiheit ist der Entschluss, sich selbst das Leben zu nehmen. Wer sich selbst tötet, entzieht sich aller Unterwerfung. Auch der Märtyrer opfert sein Leben, aber er geht diesen letzten Schritt nicht selbst. Er entzieht sich der Macht nicht, sondern bleibt bis zum letzten mit ihr konfrontiert. Damit entsteht etwas Eigentümliches. Aus der äußersten Hilflosigkeit bildet sich, indem sie ertragen wird, eine Macht eigener Art, die Gegenmacht des Sich-Töten-Lassens" (Phänomene der Macht, S. 58-59).
Heinrich Popitz, geboren als Sohn des späteren preußischen Finanzministers Johannes Popitz, der als Mitglied des Widerstandes von den nationalsozialistischen Machthabern im Februar 1945 ermordet wurde, ist in einem Berliner Bürgerhaus aufgewachsen. In Heidelberg, Göttingen und Oxford studierte er Philosophie, Geschichte und Ökonomie. Zwar war ein geisteswissenschaftlicher Weg zur Soziologie vorgezeichnet, aber Popitz hat die Herausforderung der Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft von Anfang an aufgenommen, die er den Göttinger akademischen Lehrern Nikolai Hartmann, Helmuth Plessner, Herbert Schöffler und dem Basler Doktorvater Karl Jaspers verdankte. Die prägenden philosophischen Orientierungen verbanden sich aufs engste mit dem Ethos des empirischen Sozialforschers. 1957 habilitierte sich Popitz bei Arnold Bergstraesser, 1964 nahm er den neu geschaffenen Lehrstuhl für Soziologie in Freiburg ein, nachdem er zuvor bereits die Soziologie in Basel konstituiert hatte. Ohne Zweifel hat er der Freiburger Soziologie, später dann zusammen mit Günther Dux, ihr Gesicht gegeben. Nur einmal verließ er Freiburg, um 1970/71 den Theodor-Heuss-Lehrstuhl an der New School for Social Research in New York einzunehmen. Seine Schriften, neue Klassiker der Soziologie, in mehrere Sprachen übersetzt, reichen weit in die Nachbarwissenschaften hinein. Auch in der Lehre zeigte er sich als Meister der Form, die auch seinen noblen Umgang mit den Konflikten, Ambivalenzen und Nichtigkeiten des akademischen Lebens ausmachte. Mit Heinrich Popitz geht und vergeht auch etwas von der bürgerlichen Substanz dieser Republik, das nur sehr schwer zu ersetzen sein wird.
Hermann Schwengel
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