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Nachruf von Prof. Dr. Christian Fleck, Graz
[KZfSS, 54, 2002: 815-816]
Es muss wohl irgendwann im Laufe des Studienjahres 1993/94 gewesen sein, als ich zu meiner Überraschung feststellen musste, dass David Riesman nicht bloß der Autor eines Buches war, dem ich während meines Studiums begegnet bin, sondern jemand war, der tatsächlich noch lebte - und sogar bei Vorträgen im Publikum saß. Das Department of Sociology der Harvard University verfolgte damals die Praxis, dass vor einem Vortrag eines Gastes eine "reception with tea and cookies" angesetzt war. Erwartungsvoll fand ich mich also eine halbe Stunde vor dem eigentlichen Vortrag im obersten Stockwerk der William James Hall am Harvard Campus ein und stand mit einem Dutzend anderer in einem Vorraum herum, nippte an einem Pappbecher und knabberte an den cookies, als ein älteres Paar aus dem Lift kam. Vorsichtig erkundigte ich mich bei einem der graduate students, die diese Kolloquien organisierten, wer denn das sei. "Ach, das ist Dave Riesman und seine Frau, aber die leidet seit einiger Zeit an Alzheimer." Beides überraschte mich: dass "der" Riesman noch lebte und dass man über Erkrankungen so unverblümt sprach.
Ich erzähle das, weil die Annahme, Riesman nicht mehr unter den Lebenden zu wähnen, für einen deutschsprachigen Soziologen wohl nicht ganz ungewöhnlich war. Das einzige Buch, das von ihm hierzulande wahrgenommen wurde, gehörte so sehr zum soziologischen Kanon, dass es nur von jemandem stammen konnte, der selbst schon Teil der Geschichte des Faches war.
Riesman begegnete ich dann noch bei weiteren Kolloquien, als Partygast bei den Cosers, als jemanden, über den nahezu jeder in Harvard etwas zu erzählen wusste, als passionierten Briefschreiber in den Nachlässen von Carl J. Friedrich, Everett C. Hughes u.a., als Voreigentümer eines von mir in einem Antiquariat erworbenen Buches und schließlich auch noch als sein Gast bei einem lunch in einem noblen Seniorenheim ein wenig außerhalb von Cambridge, wohin er wegen er Erkrankung seiner Frau Evelyn unter Aufgabe eines Großteils seines Hausrats - und eben auch eines Teils seiner Bibliothek - gezogen war. Dabei erlaubte er mir, seinen in den Harvard Archives deponierten Nachlass einzusehen. Als ich ihm später einige Aufsätze sandte, die daraus entstanden waren, schrieb er mir zu meiner allergrößten Überraschung keines dieser kurzen Dankschreiben, sondern ausführliche Kommentare. Briefe schreiben, das wusste ich mittlerweile, war eine große Passion Riesmans.
David Riesman wurde als ältester Sohn eines Medizinprofessors in Philadelphia geboren. Die Vorfahren beider Eltern waren nichtreligiöse Juden, die vor Generationen aus Deutschland in die USA ausgewandert waren. Riesmans Mutter verehrte die Künste und war davon überzeugt, dass Intellektualität ohne künstlerische Kreativität steril sei. Bei ihrem Sohn diagnostizierte sie einen Mangel an Kreativität, und David akzeptierte diese Definition ganz ebenso wie er sich als Dreißigjähriger von ihr auf die Couch von Erich Fromm schicken ließ. Trotz oder wegen der starken mütterlichen Überzeugungen absolvierte Riesman eine nahezu bilderbuchartige Karriere: Harvard College, mit major in Biochemie, danach ein graduate Studium der Rechte an der selben Universität unter Felix Frankfurter und Carl J. Friedrich, der zu einer Art Ersatzvater wurde. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Anwalt und danach als Assistent des Obersten Richters der USA Louis Brandeis - nach ihm ist die gleichnamige Universität in einem westlichen Vorort von Boston benannt - übernahm Riesman 1937 eine Professur an der Law School der University of Buffalo in upstate New York. In diese Zeit fällt sein erster Kontakt mit Deutschen. Gemeinsam mit Friedrich gründet Riesman ein Committee, das exilierten deutschen Juristen den beruflichen Einstieg in den USA erleichtern sollte. Ein ähnliches Unterfangen für vertriebene Journalisten kam dann wegen des Kriegseintritts der USA nicht mehr zustande. Während des Krieges arbeitete Riesman zuerst als stellvertretender Staatsanwalt in Manhattan und daneben studierte er an der Columbia University und setzte seine Analyse bei Fromm fort.
The Lonely Crowd (zuerst 1950) legt Zeugnis ab von dem Einfluss Fromms, aber auch der Kulturanthropologin Margaret Mead und all der anderen, die sich als ihrem "war effort" der Erforschung von Nationalcharakteren widmeten. Als Lonely Crowd erschien, war Riesman bereits zum Soziologen mutiert und lehrte ab 1949 am College der University of Chicago, wo er bis 1958 blieb. Das Buch wurde zu Riesmans eigener Überraschung ein, ja der erste soziologische Bestseller. Der Wandel von der inner-directedness zur other-directedness, von der, wie es in der deutschen Übersetzung ein wenig missverständlich heißt, Innengeleitetheit zur Außengeleitetheit ließ beim Käufer- und wohl auch lesenden Publikum mehr als nur eine Saite zum Schwingen bringen (die Eindeutschung der beiden Leitbegriffe prägte Peter R. Hofstätter in seiner "Gruppendynamik" bereits vor dem Erscheinen der deutschen Übersetzung; für die im Übrigen - ein weiteres Mirakel transatlantischer Verschiebung der weltanschaulichen Affinitäten - Helmut Schelsky ein Vorwort beitrug).
Riesmans deutsche Rezeption war mit diesem ersten Buch auch schon wieder zu Ende: Von den weltanschaulichen Affinitäten her hätte das Buch besser in die "Frankfurter Beiträge zur Soziologie" gepasst, aber Übersetzer und Vorwortschreiber kann sich ein Autor nicht wirklich aussuchen, und Riesman, der kein Deutsch sprach, war es wohl auch gleichgültig, welche Seite des deutschen soziologischen Bürgerkriegs sich seiner bemächtigte. Überhaupt war Riesman in seiner Art ein typischer Amerikaner, dem es reichlich gleichgültig war, was in Europa gedacht wurde. Sein Land interessierte ihn, und um es analysieren zu können, bedurfte er keiner europäischen Hilfe.
In den USA waren weder seine weltanschaulichen Affinitäten noch sein Status jemals strittig: Paul Lazarsfeld lud ihn Mitte der 1950er Jahre ein, zu der von ihm geleitete Studie über die Auswirkungen der McCarthy-Hysterie auf amerikanische Sozialwissenschaftler einen ergänzenden kritischen Feldbericht über die Interviewer zu schreiben, dessen Manuskript nach Überwindung einiger Verständnisschwierigkeiten dann auch 1958 als Anhang zu " The Academic Mind" erschien. Zu dieser Zeit war Riesman in den USA sowohl die Autorität auf dem Feld, das erst später als qualitative Sozialforschung kodifiziert werden sollte, als auch derjenige Soziologe, dessen Schriften von einem breiteren Publikum dankbar gelesen wurden. In Vorworten zu späteren Auflagen der "Lonely Crowd" sparte Riesman nicht mit Selbstkritik, weil er davon überzeugt war, dass "knowledge proceeds by successive approximations and even by speculations which turn out to be wrong".
1958 kehrte es als Professor nach Harvard zurück, wo er bis lange über seine Emeritierung hinaus aktiven Anteil am Universitätsleben nahm. In den 1960er Jahren veröffentlichte er mehrere Studien über den Wandel der akademischen Bildung in den USA und sparte dabei nicht mit Kritik an den rebellierenden Studenten. Dass er ihnen intellektuelle Munition für ihren Aufstand geliefert hatte, gestand er unumwunden ein und bedauerte es. Other-directed war Riesman nie.
Riesmans Veröffentlichungsliste ist lang, sie enthält sowohl akademische Werke als auch solche, die sich an ein breiteres Publikum wandten: "Faces in the Crowd" (1952, wiederum mit Nathan Glazer und Reuel Denney, den beiden Ko-Autoren der Lonely Crowd); "Thorstein Veblen: A Critical Interpretation" (1953); "Constraint and Variety in American Education" (1956); "Conversations in Japan: Modernization, Politics, and Culture" (1967); "The Academic Revolution" (1968, mit Christopher Jencks). Riesmans wichtigste Essays sind in "Abundance For What?" (1993) versammelt.
Er verkörperte, was die Amerikaner einen public intellectual nennen, er focht für die Bürgerrechtsbewegung und kämpfte gegen die Atomwaffen, aber er biederte sich nie an und redete dem Volk nicht nach dessen Maul, sondern versuchte durch empirisch fundierte Analysen aufklärerisch zu wirken. Der Harvard Soziologe Orlando Patterson, einer derjenigen, die von Riesman gefördert wurden, veröffentlichte wenige Tage nach dem Ableben Riesmans in der Sonntagsausgabe der New York Times, also an jenem Ort, wo man die größte Zahl Bildungswilliger erreichen kann, eine Würdigung seines Mentors, worin er Riesman den letzten Soziologen nannte. Wir können nur hoffen, dass auch Patterson den "nerve of failure" besitzt, den er an Riesman lobte.
Christian Fleck
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