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Nachruf von Prof. Dr. Erwin K. Scheuch, Köln
[KZfSS, 55, 2003: 610-611]
Mit Lewis Alfred Coser verstarb am 8. Juli 2003 einer der einflussreichsten qualitativen Soziologen. Lewis Coser hat wichtige Beiträge zur Geschichte der amerikanischen Soziologie und zu Sachgebieten wie der Soziologie des Konflikts beigetragen. Fast vergessen ist sein interessanter Ansatz, Literatur und Soziologie miteinander zu kombinieren.
Coser wurde 1913 in Berlin geboren, wobei er damals den Namen Ludwig Cohen führte. Bereits sein Vater, der Börsenmakler war, entschied sich in dem zunehmend antisemitischen Klima der späten Weimarer Republik für die Anglisierung des Namens. Lewis Coser war 1933 ein gläubiger Marxist und entschied sich deshalb, nach Frankreich überzusiedeln und dort an der Sorbonne zu studieren. Ein Hauptstudienfach war für ihn die Belletristik.
Die Übersiedlung nach Paris schützte Coser nicht vor einem deutschen Internierungslager. Auf verschlungenen Wegen gelang es ihm dann 1941, Frankreich über Portugal nach den Vereinigten Staaten zu verlassen. In New York angekommen suchte er nach der Person, die sein Leben durch die Genehmigung zur Ausreise in die USA gerettet hatte und fand Rose Laub, die zwei Jahre zuvor Deutschland verlassen hatte. Ein Jahr später heirateten sie, und ihre Ehe war bis zum Tod von Rose Laub auch eine Arbeitsgemeinschaft.
Zunächst hatten Rose Laub und Lewis Coser in den USA eine beengte Existenz. Coser war nacheinander Garderobier, Packer in einem Einzelhandelsgeschäft und Übersetzer für militärische Schriftstücke. Irgendwie gelang es dann beiden, an der Columbia-University ein Doktorat zu erwerben. Das war dann die Entscheidung für eine akademische Karriere in den Vereinigten Staaten.
Coser veröffentliche nahezu 20 Bücher und zahlreiche Artikel. Zunächst beschränkte er sich keineswegs auf sozialwissenschaftliche Texte, sondern nahm engagiert Teil an politisch-ideologischen Auseinandersetzungen. Gemeinsam mit Irving Howe gründete er ein marxistisch-links-radikales Magazin, wobei seine Motivation weniger politisch als vielmehr ethisch war. Bis zu seinem Lebensende kann Coser charakterisiert werden als jemand, der nebeneinander im engsten Sinn akademisch arbeitete und politisch engagiert mit dem Motiv der Gerechtigkeit agitierte.
Vier Universitäten waren die Wirkungsstätten von Coser: die University of Chicago, die University of California, die (jüdische) Brandeis-Universität in Boston, an der Coser die soziologische Abteilung begründete, und zuletzt die Staatsuniversität von New York. Wenn überhaupt Coser Schüler eines anderen Soziologen war, dann noch am ehesten von Robert K. Merton und in negativer Absetzung von Talcott Parsons.
Bei Parsons ist der soziale Konflikt eine zentrale Kategorie, die aber im Wesentlichen in ihren negativen Wirkungen behandelt wird. Im Gegensatz hierzu versteht Coser sozialen Konflikt als normalen Teil von Gesellschaften - wie auch Ralf Dahrendorf. Allerdings ist bei Coser die Wirkungsweise des Konflikts insbesondere als integratives Element genauer spezifiziert. In seinem 1956 erschienenen Werk "The Functions of Social Conflict" benutzt Coser 16 Thesen des Aufsatzes von Georg Simmel über den Streit. Coser zeigt u.a., wie Konflikte die Identität sozialer Gruppen stärken, Gruppengrenzen markieren und soziale Beziehungen herstellen. Selbstverständlich können Konflikte dysfunktional wirken, aber nach Coser nicht wegen ihrer selbst, sondern auf Grund der Starrheit sozialer Systeme. Diese Arbeiten über den Konflikt sind in der gegenwärtigen Soziologie ungenügend präsent.
Zwei Bücher begründen Cosers hohe Reputation als führender Ideengeschichtler: sein Buch 1965 "Men of Ideas - A Sociologist's View" und "Masters of Sociological Thought. Ideas in Historical and Social Context". Coser wertet hier u.a. die Lebensläufe der "amerikanischen Klassiker" vor dem Ersten Weltkrieg aus. In einer Untersuchung von 258 Soziologen, die Luther Bernhard 1927 befragte, wurde ermittelt, dass 61 dieser Soziologen evangelische Theologie studiert hatten und 18 weitere in evangelischen Akademien geschult worden waren. Vor dem Ersten Weltkrieg kann die Soziologie in den Vereinigten Staaten als eine säkularisierte Form engagierten Protestantentums verstanden werden, das nun innerweltlich gesellschaftliche Probleme durch Analysen bewältigen wollte. Diesen Akzent hat die amerikanische Soziologie - Coser zufolge - erst mit der massiven Einwanderung von aus Europa vertriebenen Intellektuellen ergänzt.
Ein wesentlicher Beitrag zur Wissenschaftssoziologie war die Veröffentlichung "Refugee Scholars in Amerika" 1984. Hier schilderte er nicht nur den Lebensweg von Sozialwissenschaftlern nach der unfreiwilligen Übersiedlung in die Vereinigten Staaten, sondern generell die Lebensverläufe solcher Intellektuellen wie Hannah Arendt, Erwin Panofsky, Leo Strauss oder Paul Tillich. Coser betonte hier, dass die Soziologen Teil eines intellektuellen Klimas sind, das sich nicht mit Wissenschaft im engen Sinn deuten lässt.
Wenig bekannt wurde ein Buch von Coser, in dem er diese Verwandtschaft zwischen Soziologie im engeren Sinn und "Kultur" thematisiert. 1963 veröffentlicht Coser den Sammelband "Sociology Through Literature". Hier wendet er sein immenses Wissen über Literatur insbesondere des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an mit der Zielsetzung, Soziologen mit literarisch anspruchsvollen Beschreibungen der Realität vertraut zu machen. Zu Recht weist Coser darauf hin, dass ein Großteil aller Beschreibungen durch Soziologen intellektuell weniger eindrucksvoll ist als literarische Quellen zum gleichen Gegenstand. Indem er besonders interessante Quellen vorstellt, will Coser erreichen, dass die Beziehungen zwischen Soziologie und den Kulturwissenschaften ernst genommen werden sollen. Dabei ist übrigens für den Rezensenten hier eine Auslassung sehr verwunderlich: die Einführung in "Le Rouge et Noir" bei Stendhal mit einer meisterhaften Beschreibung des Dorfmilieus.
Selbstverständlich war Coser auch systematischer Soziologe. Das wird besonders deutlich in seiner Wiedergabe des Paradigmas für eine funktionale Analyse in der Soziologie auf der Grundlage der Schriften von Robert K. Merton. Dies ist in der zweiten Auflage des Readers "Sociological Theory" 1964 wiedergegeben, in dem auch sehr zentrale Texte des Struktur-Funktionalismus von Alfred Radcliffe-Brown und Bronislaw Malinowski angeführt werden; denn theoretisch war der qualitativ arbeitende Coser ein strikter Struktur-Funktionalist.
Sozialwissenschaftler mit einer solchen Breite der Bildung sind heute kaum zu finden. Sie sind mit ihrer Breite und ihrem Ansatz Kinder einer Zeit gewesen, in der die Soziologie sich noch nicht verselbständigt hatte gegenüber den Sozialwissenschaften und generell einer kulturellen Reflexion.
Erwin K. Scheuch
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