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Nachruf von Prof. Dr. Karl-Siegbert Regberg, Dresden
[KZfSS, 55, 2003: 819-821]
Dass die soziologische Annäherung an die Gesellschaft eine - allerdings mit Involvement zu verknüpfende - Distanz verlange, die sich aus Statusinkonsistenzen, Emigrationserlebnissen, den frühen Erschütterungen der Flakhelfer-Generation speisen mochte, war eine Leiterfahrung der "Kölner Schule". Ich weiß schon, dass "Schulen" sich auflösen, sobald man von ihnen spricht und bin mir der Unterschiedlichkeit der Personen und Generationen auch bewusst. Aber es gab doch Verbindendes, den Gründungselan und die demokratische Aufbruchstimmung nach der Diktatur, aber gerade darum auch jenes Fremdheitsgefühl gegenüber der als restaurativ erlebten Konstitutionsphase des westdeutschen Nachkriegsstaates, eingeschlossen jene "Geistigkeit", die nur allzu oft der Verdeckung der damals noch jüngsten Vergangenheit Vorschub leistete. Dieser skeptische Abstand war auch bei Erwin Kurt Scheuch zu beobachten, der vor allem der hohen Ehre in jungen Jahren wegen, aber ein wenig vielleicht auch deshalb gerne nach Harvard ging, obwohl Köln (auch in einem exakt-theoretischen Sinne) sein "lebensweltlicher" Hintergrund blieb.
Mit der ihm eigenen Klarheit hat er die biographische Verankerung seiner Forschungsinteressen beschrieben, die ihn nicht nur zum Methodiker und zum Vertreter vieler spezieller Themenfelder der Soziologie machte, sondern zuförderst auch zu einem führenden Erforscher der sozialen Schichtungsverhältnisse. In seiner Entwicklung zum Soziologen reflektiert sich durchaus die prekäre Lage seines Elternhauses nach dessen sozialem Abstieg aus saturiertem Bürgertum in die Armut, weil sein Vater in den Krisen der 1920er Jahre ein - wie man heute administrativ sagen würde - "Langzeitarbeitsloser" wurde. Von hier aus entwickelte sich Scheuchs eigener Aufstiegswille, seine Entschlossenheit und eine existentielle Fundierung von Leistungsprinzipien. Auch war "Wirklichkeit" für seine Generation wirklich kein Problem. So wurde die Soziologie zu einem intellektuellen Medium des Neubeginns, gerade dort, wo man der Gesellschaft die Bedeutung der Gegenwartsempirie erst beibringen musste; Helmut Schelsky nannte das den "Realitätsdrall" der Nachkriegssoziologie. Akademisch sozialisiert in den fünfziger Jahren, hat Erwin Scheuch, wie die anderen seiner Generation, auf Soziologie als empirische Wirklichkeitswissenschaft gesetzt. Das bedeutete vor allem, dass die avancierten methodischen und materialen Kenntnisse der US-amerikanischen Soziologie erst einmal wahrgenommen und in die deutsche Sozialwissenschaft transferiert werden mussten. Scheuch war hier einer der Pioniere. Und der organisatorische Rahmen war - bis in die Einzelheiten der Benutzbarkeit von Computern der amerikanischen Militärregierung - institutionell eingebettet, nämlich in die von René König hergestellte "Westbindung" an die International Sociological Association (ISA), die von rechts höhnisch als ‚UNESCO-Soziologie' abgestempelt wurde. Dies bedenkend, erscheint es übrigens nicht ohne Ironie, dass Erwin Scheuch von 1993-1997 Präsident des Institut International de Sociologie (IIS) war - allerdings nachdem der Rauch aller ideologischen "Bürgerkriege" in der Soziologie sich längst verzogen hatte.
Bestimmend war und blieb für ihn eine klare demokratische Orientierung auf der Grundlage einer schon im Elternhaus ganz selbstverständlichen, also nicht erst nachträglich aufgepfropften Ablehnung des Nationalsozialismus, die ihn zu einem Verteidiger der "Bürgergesellschaft" werden ließ: bis zuletzt; man denke nur an die mit seiner Frau Ute Scheuch gemeinsam unternommene, unerschrockene wissenschaftlich-publizistische Verfolgung der deutschen Variante des italienischen Parteienfinanzierungsskandals durch die "mani pulite". Scheuch strahlte stets eine streitbare Authentizität aus, welche auf einer liberalen Freiheitsauffassung beruhte. Das machte ihn - auch seines Temperaments wegen - außerhalb und innerhalb der Fachgremien und -gesellschaften zu einer "anstößigen" Person, zu einem also, der Anstöße vermittelte und bis zuletzt einen ermutigenden Pragmatismus zeigte, und zum anderen jene, die sich seiner zu sicher glaubten, immer wieder vor den Kopf stoßen konnte (da muss man nicht nur an die CDU denken). Er selbst hat Max Webers ‚Doppelleben' zwischen Werturteilsfreiheit und politischer Leidenschaft dafür als Vorbild benannt.
Und so sehe ich ihn noch gegen die Notstandsgesetze protestierend. Oder Heinz Sahner erinnerte mich an Scheuchs Rede auf dem Kölner Neumarkt beim Abschluss der von ihm initiierten Demonstration nach der Erschießung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967. Ich muss gestehen, dass dieser Protest und seine Aktivitäten im Kölner "Republikanischen Club" mir persönlich sympathischer waren als die ebenso entschiedene Mitbegründung und öffentliche Vertretung des "Bundes Freiheit der Wissenschaft". Aber auf mein subjektives Urteil kommt es nicht an, vielmehr alleine darauf, dass Erwin K. Scheuch nicht nur etymologisch wusste, dass der Begriff des Professors mit dem des Bekenners zusammenhänge. Er wollte die Studenten nicht zu "Sündenböcken" gemacht sehen, sie jedoch auch nicht als "Wiedertäufer" ertragen müssen (eine Sache, die ja ohnehin eher nach Münster gehört als nach Köln).
Aus der Perspektive der Fachgesellschaft ist keineswegs nur seine Gremienarbeit (wie man gruppenuniversitär so sagt) im Gedächtnis geblieben, vielmehr, dass er - wie M. Rainer Lepsius es schön formulierte - eine bleibende "asketische Leistung" für die professionelle Soziologie vollbracht hat. Dafür war Köln - denkt man an die Gründungsidee von 1919 - allerdings auch ein guter Ort: ASI, ZA, IZ, ZUMA und GESIS sind dafür die Kürzel. So wurde die Dienstleistungsgesellschaft nicht nur zum Gegenstand der Analyse, sondern soziologische Datenarchive auch zu einem Dienst an der Gesellschaft entwickelt. Viele Soziologentage, Fachkonferenzen und Aktivitäten der Deutschen Gesellschaft für Soziologie sahen ihn nicht nur als Spezialisten für die empirischen Methoden, der er zweifelsfrei war. Wenn die DGS sich etwa heute verstärkt darum bemüht, Lehrbücher und die Kanonisierung der zentralen Wissenselemente des Faches zu fördern, so darf daran erinnert werden, dass die großen Kölner Handbücher, das Fischer-Lexikon, die Methodenanleitungen über "Interview" oder "Beobachtung", die Teubner-Studienskripte u.v.a. frühe Vorbilder dafür waren - nicht umsonst ist der von Heiner Meulemann angeregte Lehrbuchpreis der DGS mit einem Kölner Namen verbunden, welcher gerade im Hinblick auf verlässliche Information in der Lehre und beeindruckende Fachüberblicke immer schon auch an Erwin K. Scheuch denken ließ.
Aber auch im engeren Sinne hat Erwin Scheuch Verdienste um die DGS: Ein ebenfalls politisch aufgeladener Methodenstreit - nämlich mit Elisabeth Noelle-Neumann über die Prognosen zur Bundestagswahl 1961, bei der das ausgefeilteste Instrumentarium von den "Kölnern", die treffendere Vorhersage von Allensbach beigesteuert worden war und die dem folgende Auseinandersetzung um die richtige Stichprobe - führte dazu, dass die Deutsche Gesellschaft für Soziologie Erwin K. Scheuch bat, eine Methodensektion zu gründen, um derart fundamentale methodologische Fragen zu erörtern. Bis heute ist diese Sektion eine der wichtigsten in der DGS.
Übrigens noch eine Anmerkung zum Theoriegehalt des methodischen Blicks: Während manche - Erwin Scheuch eher unheimliche oder irrelevante - Großtheoretiker das "Ende des Subjekts" verkündeten, wurde dessen grundlegende Relativität doch ganz prosaisch von den Wahlforschern vor Augen geführt: Während der Kommentierung des eben genannten Wahlergebnisses im ARD-Fernsehen durch Scheuch und Rudolf Wildenmann äußerte der Moderator besorgt, durch derlei soziologische Interpretationen "würde nicht nur das Wahlgeheimnis verletzt, sondern auch die Wahlentscheidung des einzelnen als Gruppenkonformität banalisiert". Da zeigte sich der Konflikt von Persönlichkeitshypertrophie und soziologischer Aufklärung, in dem Scheuch stets Partei war.
Zurück zur DGS: 1970 wurde Erwin K. Scheuch dann auch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie - wie man sich denken kann in turbulenten Zeiten. Der Schock nach dem 16. Deutschen Soziologentag 1968 in Frankfurt saß bei den etablierten Vertretern des Faches tief. Auf Theodor W. Adorno folgte als Vorsitzender der DGS ein Repräsentant des liberalen Aufbruchs, Ralf Dahrendorf. Da dieser zur selben Zeit seine wache intellektuelle Beobachtungsschärfe auch in den Dienst der sozial-liberalen Koalition zu stellen begann, geriet die DGS-Geschäftsführung über seine hohen Ämter, besonders als europäischer Kommissar in Brüssel, derart in den Hintergrund, dass man einen Nothelfer brauchte: Das war Erwin K. Scheuch, der gemeinsam mit M. Rainer Lepsius die DGS konsolidierte und eine neue Satzung in Kraft setzten half, die Abschied nahm von der (seit der Gründung im Jahre 1909 allerdings vielfach modifizierten) Honoratiorengesellschaft und die gleichwohl alle latenten Gefahren einer "basisdemokratischen" Mobilisierung bannen sollte.
Sie alle wissen, dass Erwin Scheuch noch viele andere Ämter ausgefüllt hat und seine Wirksamkeit längst transnational war, ehe die entsprechenden Begriffe in Mode kamen. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie jedoch hat Erwin K. Scheuch vor allem für die Energien, Ideen und Streitbereitschaften zu danken, die er in unser Fach und dessen professionelle Profilierung im Rahmen der DGS und zum Wohle der Institutionalisierung der Soziologie in Deutschland - bei einem Diplomvolkswirt, der er ja auch war, darf man wohl getrost sagen - investiert hat. René König wollte nach den Erfahrungen der "politischen Verführbarkeit bürgerlichen Geistes" (wie Helmuth Plessner, der von Köln aus ins niederländische Exil gehen musste, das genannt hat) jene Soziologie schaffen, die "nichts als Soziologie" sein sollte, obwohl doch gerade Königs Wissenshorizont und Habitus solcher scheinbaren Selbstbeschränkung in fast allem zu widersprechen schien. Aber es ist dieser Geist einer nicht bornierten, stattdessen auf die genaueste methodische Beobachtung gestützten Analyse der "sozialen Tatsachen", die vor allem von Erwin K. Scheuch und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern realisiert wurde: Insofern ist er eine Schlüsselfigur der deutschen Soziologie geworden, an die wir dankbar denken wollen.
Karl-Siegbert Regberg
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