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Das Fremde im Eigenen. Zum Tode von Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny
(17.03.1934 – 16.03.2004)

Nachruf von Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner, Konstanz
[KZfSS, 56, 2004: 396-399]

Sein Vater war - als "Fremdarbeiter", wie man dies in der Schweiz nennt - nach Deutschland, in das Ruhrgebiet, eingewandert. Als akademischer Fremdarbeiter, als "Fremder, der heute kommt und morgen bleibt" (Simmel), wird der Sohn später in die Schweiz ziehen und dort über die Migrationsbewegungen von Fremdarbeitern und ihren Familien arbeiten. Das Fremde, die Fremden, Fremdheitserfahrungen - Eingliederungsbemühungen und Abstoßungen; der Kampf der Stereotypen und Symbole, Hoffnungen, Illusionen und Enttäuschungen - werden zu einem der wichtigen Leitmotive im Denken dieses bedeutenden Soziologen, der, ganz im Sinne Max Webers, "Wirklichkeitswissenschaft" betrieb: die Theorie aus der Empirie heraus entwickelte und an dieser überprüfte. Ein nicht nachlassendes wissenschaftliches, politisches und menschliches Engagement verband er mit Nüchternheit und skepsisgetränktem Humor. Prophetische Allüren, Besserwisserei und der Drang zur großen, theatralischen Geste - Attitüden, denen wissenschaftliche Experten, und zu diesen zählte er in seiner Disziplin ohne Zweifel, leicht verfallen, weil der Zeitgeist dies kurzfristig honoriert - waren ihm nicht nur fremd, sondern auch zuwider. Auch hier hielt er es mit Max Weber, der all denen, die auf gesellschaftstheoretische Seher hofften, den Rat gab, dass, wer von der Soziologie Visionen erwarte, besser ins Kino gehen möge.

Dabei hätten die steile Karriere und der damit verbundene soziale Aufstieg ihn leicht zu jener Arroganz verleiten können, die den unangenehmen Typus des akademisch Neureichen kennzeichnet: eines Aufsteigers, der mit größter Anstrengung seine Herkunft vergessen machen will und den Stolz auf seine Herkunftsfamilie verloren hat. Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny hat - mit Recht - diesen Stolz behalten. Er wird am 17. März 1934 in Mühlheim an der Ruhr geboren: als Arbeiterkind, das eine vorgegebene Laufbahn einzuschlagen scheint. Nach der Volks- und Mittelschule absolviert er eine Handwerkerlehre, die er zunächst - wie üblich - mit der Gesellenprüfung, dann allerdings - schon weniger üblich - mit der Meisterprüfung abschließt. Als technischer Betriebsleiter begibt er sich auf den "Zweiten Bildungsweg", um die "Hochschulreife" zu erreichen und legt als bester Abiturient seines Jahrgangs 1961 das Abitur ab. Bestnoten begleiten den Stipendiaten der Studienstiftung des Deutschen Volkes während seines gesamten Studiums, vom "sehr guten" Diplom bis zur Promotion "summa cum laude". Der Studienstiftung wird er auch später treu bleiben - als Vertrauensdozent und Mitglied des Auswahlausschusses. Hier, wie als akademischer Lehrer und Forschungsleiter, gibt er das weiter, was er an sich selbst erfahren hat: Er fördert uneigennützig, lässt sich nicht in Schulmeinungen einzwängen und erhält dadurch sich und den Geförderten den weiten theoretischen und empirischen Horizont unseres Fachs. Auch sein Studium in Köln ist weit ausgelegt: Soziologie, Sozialpsychologie, Volks- und Betriebswirtschaftslehre, Jurisprudenz. Der Diplomvolkswirt, der auch an der Michigan State University Soziologie studiert hatte, promoviert 1969 im Fach Soziologie an der Universität Zürich, wo er 1973 auch habilitiert und zum Privatdozenten ernannt wird. Schon 1974 ist er Extraordinarius. Wiederum ein Jahr später wird er zum Ordinarius für Soziologie an der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich gewählt und zum Kodirektor des Soziologischen Institutes ernannt.

Das Dissertationsthema - "Migration. Ein Beitrag zu einer soziologischen Erklärung" gibt einen Teil der Marschroute vor, auf der er sich in Zukunft bewegen wird. Daten zur Migration gibt es schon damals zuhauf: Kriege, Flüchtlingsströme, Armut und politische Verfolgung setzen zunehmend das in Gang, was Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny später die "neue Völkerwanderung" nennen wird und was nicht nur die USA, sondern auch Europa zum Ziel der Flucht und der Hoffnungen von Migranten werden lässt. Was allerdings fehlt, ist eine soziologische Theorie, die aus den vielen Beschreibungen und den großen Datensätzen schlüssige Erklärungen ableitet und es dadurch ermöglicht, sowohl theoretisch als auch praktisch, d.h. auch politisch, mit den Migrationsproblemen umzugehen. Das von Hoffmann-Nowotny schon Ende der 1970er Jahre vorgelegte, bis heute gültige strukturtheoretische Modell zur Migrationsanalyse, macht ihn nicht nur national, sondern auch international bekannt. Die Präsidentschaften im Research Committee on Migration der International Sociological Association (1978-1986) und in der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie (1983-1988) sind die konsequente Folge aus der internationalen und nationalen Aufmerksamkeit, die er auf sich zieht.

Wäre diese Theorie ein rein immanenter, wissenschaftlicher Entwurf, so hätte sie bereits diese Aufmerksamkeit verdient. In dem Erklärungsmodell geht es jedoch um mehr: um Wirklichkeitswissenschaft eben, um Einsichten in das, was Migration für das alltägliche Leben der Migranten, aber auch für die Einwanderungsländer bedeutet, so auch für die Schweiz, die Hoffmann-Nowotny als "non-immigration immigration country" bezeichnet und damit ein Paradox charakterisiert, das die Schweizer Politik für sich und ihr Land geschaffen hat, um mit administrativer Klarheit und vergleichsweise hoher Restriktivität die Migrationsprobleme eines kleinen Landes zu lösen. Dass er die Schweizer Politik mit beeinflusst hat, lässt sich durchaus erkennen. Nicht nur die großen empirischen Erhebungen zur Schweizer Situation und zu Fremdheits- bzw. Exklusionsstereotypen zeigen Wirkungen, sondern vor allem die "Kosten-Nutzen-Rechnung", die sich aus Hoffmann-Nowotnys Theorie ableiten lässt: Wer sich als Migrant lediglich kulturell "assimiliert", ohne sich strukturell in das Sprach-, Ausbildungs- und Berufssystem des Aufnahmelandes einzugliedern, mag für einige Zeit (und Generationen) die eigene Kultur und Familientradition "retten". Er bezahlt dies jedoch mit sozialer Unterprivilegiertheit und Randständigkeit bis hin zur Dauerarbeitslosigkeit - auch der Nachkommen. Wer sich dagegen gezielt in die Strukturen und Vorgaben des Aufnahmelandes integriert, schafft für sich und seine Nachkommen ein beachtliches Potential an Ein- und Aufstieg. Allerdings gefährdet er das kulturelle Herkunftsmilieu und damit auch den Zusammenhalt der Familie - wie sich durch Scheidungsraten, Eltern-Kind-Konflikte und den Kampf der eingewanderten Frauen um die neu gewonnenen Rechte und Freiheiten zeigen lässt. Es liegt auf der Hand, dass ein solches Erklärungsmodell allen Beteiligten Einblicke in die eigene Situation und in Handlungsoptionen eröffnet. An einer solchen Konzeption analytischer, die Alltagspraxis erhellender und möglicherweise formender Erkenntnisse zeigt sich die Qualität einer Soziologie, der sich der verpflichtet weiß, der sie zum Gegenstand hat und der sie dient: der Gesellschaft.

In den über 200 Publikationen Hoffmann-Nowotnys hat die Migrationsproblematik einen hohen Stellenwert. Sie wird jedoch ergänzt um (mindestens) zwei weitere wesentliche Themenbereiche: 1. Familie, Partnerschaft und - damit zusammenhängend - Bevölkerungswachstum (bzw. -rückgang) und 2. die Frage nach den Folgen des in westlichen Gesellschaften beobachtbaren Individualisierungsprozesses. Blickte man nur auf die Einzelveröffentlichungen oder Ämter Hoffmann-Nowotnys - so auf seine Vorstands-, Kuratorien- und Sachverständigentätigkeit im Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Wiesbaden), in der Sachverständigenkommission der Deutschen Bundesregierung "über die Lage der Familie" und im Beirat des Schweizerischen Forums für Migrationsforschung, um nur einige zu nennen - so könnte man den Eindruck gewinnen, man stünde einem zwar soliden, aber eher landläufig-konventionellen Vertreter dreier "Bindestrichsoziologien" (Migrations-, Familien- und Bevölkerungssoziologie) gegenüber. Genau dies ist nicht der Fall. Denn das große Thema Hoffmann-Nowotnys jenseits der Spezialsoziologien ist das Schicksal des einzelnen Menschen innerhalb eines unaufhaltsamen und sich ständig beschleunigenden Modernisierungsprozesses.

Lange bevor die gegenwärtige Debatte zur "reflexiven Moderne" (Beck) und zu den Folgen einer - wie suggeriert wird - bis zur Auflösung der Gesellschaft fortschreitenden Individualisierung einsetzte, stellte er die Frage (!), ob wir uns tatsächlich "auf dem Wege zur autistischen Gesellschaft" befänden. Das tragende Hintergrundmotiv des Hoffmann-Nowotnyschen Denkens - die Stellung des Individuums in Familie, Gemeinschaften und Gesellschaft - verweist somit auf die zentralen Fragen einer philosophisch geleiteten und zugleich an den gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktionen orientierten Soziologie: auf die Fragen nach Chancen der Freiheit, freiwilliger und aufgezwungener Bindung, Möglichkeiten der (Selbst-)Aufklärung und einer den Individuen aufgegebenen, im Individuum verankerten und dennoch gesellschaftlichen Ethik. Hier geht es um eine Ethik, die eine Gesellschaft auf dem Wege zur individualistischen "Selbstauflösung" (1995) stoppen will. Und hier wird auch erkennbar, wie Hoffmann-Nowotnys Nachdenken über "Theologie, Religionen und soziokulturellen Wandel" (1997) die theoretische Konzeption des Lebenswerkes mitprägt. Es ist ein Denken, das sowohl Ideologien jedweder Art analytisch seziert und unwirksam zu machen sucht, als auch die eigenen Erkenntnisse einer permanenten Prüfung unterzieht - so beispielhaft, wenn er mit Oliver Hämmig und Jörg Stolz die eigenen Surveys in einer Längsschnittstudie noch einmal überprüft (2001) und uns gerade dadurch zu neuen Einsichten verhilft.

Hatte er schon früh die ebenso ideologieaufgeladene wie illusionäre Programmatik einer "multikulturellen Gesellschaft" der Festivals, Jahrmärkte und Folklore als alltags- und praxisfern analysiert, so geht er in seiner letzten großen, noch nicht veröffentlichten Arbeit daran, eine "kritische Bestandsaufnahme" der Möglichkeiten des - notwendigen - Zusammenlebens der unterschiedlichen Kulturen zu leisten. Zum Thema werden dabei nicht lediglich "die" Fremden. Schon früher hat er, der deutsche akademische Fremdarbeiter in der Schweiz, darauf aufmerksam gemacht, dass sich hinter "den Fremden" ein tieferes Problem verbirgt: "das" Fremde! An dem Titel des Buches "Das Fremde in der Schweiz" (2001) soll man sich ausdrücklich stoßen. Denn Fremdheit kennzeichnet schon immer, in modernen Gesellschaften jedoch ebenso unübersehbar wie unvermeidbar, als unhintergehbare Erfahrung das Leben jedes einzelnen Menschen. Jeder/jede ist tendenziell nicht nur fremd für andere, sondern trägt dieses Wissen um die eigene Fremdheit auch in sich selbst: Das Fremde ist universal, weil es in jedem von uns verankert ist, von uns ausstrahlt und von jedem Einzelnen von uns verlangt, dass wir es im Zusammenleben mit anderen - zumindest partiell - überwinden. Aber "was einer dem anderen sein kann", schreibt Schopenhauer, "hat seine engen Grenzen: am Ende bleibt doch jeder allein und da kommt es darauf an, wer jetzt allein sei".

Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny hat in einem langen, bewundernswerten Kampf gegen seine Krankheit beides erlebt: das Alleinsein mit dem eigenen Schicksal und die Gemeinschaft mit denen, die ihn unbeirrt begleiteten. Der beeindruckende Mensch, Familienvater, Freund und Soziologe, der mit unaufdringlicher Höflichkeit, menschlichem Anstand, Humor, Disziplin und Zähigkeit Leben und Beruf gestaltete, ist einen Tag vor seinem 70. Geburtstag verstorben. Die Musik, die er so liebte, weil sie "den Geist frei macht, dem Gedanken Flügel gibt und ohne die das Leben ein Irrtum wäre" (Nietzsche), hat ihm lebenslang freundschaftliches Geleit gegeben. Sie wird ihn auch zuletzt nicht verlassen haben.

Hans-Georg Soeffner

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