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Nachruf von Prof. Dr. Dieter Neubert, Bayreuth
[KZfSS, 57, 2005: 588-589]
Georg Elwert ist nach langer schwerer Krankheit am 31. März 2005 im Alter von 57 Jahren verstorben. Die deutsche Soziologie hat damit einen besonders kreativen und innovativen Denker verloren, der mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten erheblichen Einfluss auf die soziologische Fachdiskussion hatte.
Er studierte Ethnologie und Soziologie in Mainz und Heidelberg und schloss mit seiner Dissertation über die Geschichte Dahomeys ab (Wirtschaft und Herrschaft von „Daxome“ (Dahomey) im 18. Jahrhundert, München 1973). Schon zu dieser Zeit verknüpfte er in der Tradition von Thurnwald und Mühlmann Soziologie mit Ethnologie. Er lehrte in Bielefeld (zunächst als Assistent später als Privatdozent und Heisenberg-Stipendiat), Paris (EHESS), New Haven (Yale) und nahm 1985 einen Ruf auf eine C 4-Professur für Ethnologie und Sozialanthropologie an der FU Berlin an. Der Brückenschlag zwischen Soziologie und Ethnologie ist prägend für sein Werk. Sowohl bei Wahl der Themen, der methodischen Herangehensweise und auch bei der Theoriebildung ist diese doppelte Anbindung spürbar und erweist sich als besonders produktiv.
Mit seinen Ideen und seinem Engagement hat er die Arbeit der Sektion „Entwicklungssoziologie und Sozialanthropologie“ in der Deutschen Gesellschaft seit den 1980er Jahren wesentlich geprägt; von ihm ging auch die Erweiterung der Sektionsbezeichnung um „Sozialanthropologie“ aus.
Georg Elwert war nach seinem Wechsel nach Bielefeld im Jahr 1975 wesentlich an der „Entwicklung des Bielefelder Verflechtungsansatzes“ beteiligt. Die Diskussion in der Entwicklungsforschung war zu dieser Zeit durch die Auseinandersetzung über die „großen“ Entwicklungstheorien (Modernisierungstheorien und Abhängigkeitstheorien) gekennzeichnet. Es dominierten theoretische Debatten mit Analysen auf der Makroebene bei denen empirische Befunde eher den Charakter von Illustrationen hatten. Dem stellte die Bielefelder Arbeitsgruppe einen konsequenten Perspektivwechsel entgegen. Diese Arbeiten standen zwar den Abhängigkeits- und Weltsystemtheorien nahe, entwickelten aber einen völlig neuen Ansatz. Entwicklungsfragen wurden auf der Basis empirischer Studien auf der Mikroebene untersucht. Entgegen simplifizierter Ausbeutungsthesen und vereinfachten schematischen historisch-materialistischen Ansätzen wurde die Bedeutung der Verflechtung von Subsistenzproduktion mit Marktwirtschaft aufgedeckt und Veränderungsprozesse auf der lokalen Ebene peripherer Regionen der Welt verfolgt. Georg Elwert gab der Bielefelder Debatte mit seiner Rezeption der französischen Anthropologie entscheidende Impulse. Die von ihm mit herausgegebenen Sammelbände (Subsistenzproduktion und Akkumulation; Afrika zwischen Subsistenzökonomie und Imperialismus) sind bis heute Standardliteratur in der Entwicklungssoziologie (vgl. Arbeitsgruppe Bielefelder Entwicklungssoziologen (Hg.): Subsistenzproduktion und Akkumulation, Saarbrücken 1981; Elwert und Fett: Afrika zwischen Subsistenzökonomie und Imperialismus, Frankfurt 1982). Die zu dieser Zeit verfasste Habilitationsschrift zeigt, basierend auf Feldforschungen in Benin, beispielhaft die methodische Vorgehensweise und die Leistungsfähigkeit dieses Ansatzes (Bauern und Staat in Westafrika. Die Verflechtung sozioökonomischer Sektoren am Beispiel Benin, Frankfurt a.M. 1983). Ethnologische Feldforschung wird mit quantitativen Methoden zur Erfassung der Haushaltsökonomie kombiniert. Damit überschreitet Georg Elwert gleich mehrere zu dieser Zeit strikte Grenzen. Er verknüpft soziologische und ethnologische Fragestellungen und Arbeitsweisen und kombiniert, als zwischen Vertretern qualitativer und quantitativer Methoden ein heftiger Richtungsstreit ausgefochten wurde, beide Methoden wie selbstverständlich und höchst produktiv miteinander.
Zudem entwickelte er, gestützt auf Überlegungen von Marshall Sahlins und Karl Polanyi, wegweisende Ideen zur Frage der Moralökonomie und Formen der sozialen Sicherung in Entwicklungsländern. Entgegen der gängigen Sichtweise der großen Entwicklungstheorien werden Bauern und städtische Bevölkerungen als strategisch handelnde Akteure verstanden, die gezielt in soziale Beziehungen investieren, um in prekären Lebensverhältnissen ihr Überleben zu sichern (vgl. dazu u.a. den 1980 in der KZfSS veröffentlichten Aufsatz „Die Elemente der traditionellen Solidarität. Eine Fallstudie in Westafrika“). Diese Ideen sind aktuell in der Entwicklungspolitik bei der Entwicklung lokal angepasster Krankenversicherungssysteme von großer Bedeutung. Zugleich machen Georg Elwert und seine Bielefelder Mitstreiter (vor allem Hans-Dieter Evers) einen wichtigen Schritt in Richtung auf einen handlungstheoretischen Analysezugang zur Entwicklungsproblematik, der heute als akteurszentrierte Perspektive bekannt ist.
Schon zu dieser Zeit sind es vor allem Zeitschriften- und Buchbeiträge, in denen die wesentlichen Erkenntnisse entwickelt und prägnant und oft provokativ formuliert werden. So erscheint zur gleichen Zeit auch ein Artikel zu „Problemen der Ausländerintegration“ (KZfSS 24, 1982) der in der Kritik an simplifizierten Assimilationsansätzen wichtige konzeptuelle Vorraussetzungen einer multikulturellen Gesellschaft entwickelt (z.B. Verhinderung gewaltoffener Räume) und zugleich die Risiken dieses Konzepts aufzeigt. Dies ist ein erster Schritt zu einem weiteren wichtigen Arbeitsfeld Georg Elwerts, der Forschungen zu Ethnizität. Die Arbeiten zu Wir-Gruppen, Nationalismus, Moralökonomie und Käuflichkeit sind wegweisend in der zu dieser Zeit aufkommenden Ethnizätsdebatte, wobei er diese Analysen auch dem späteren Beitrag über die „Deutsche Nation“ zu Grunde legt. Gerade daran zeigt sich, wie konsequent er Theorien und Konzepte seiner Soziologie sowohl für Europa, wie für Afrika und andere Regionen der Dritten Welt gleichermaßen anwendet, so z.B. auch bei seinen Arbeiten zur Verschriftlichung. Dies folgt einem zugleich soziologischen wie sozialanthropologischen Programm des Vergleichs, das unterstellt, dass wir über kulturelle, politische und ökonomische Grenzen hinweg Grundformen des sozialen Zusammenlebens identifizieren und analysieren können. Mit diesem Ansatz - und daran liegt ein besonderer Beitrag von Georg Elwert zum Fach -, wird die Soziologie nicht nur auf moderne Industriegesellschaften bezogen, sondern erfolgreich als allgemeine Gesellschaftswissenschaft betrieben.
Für die Entwicklungssoziologie und für die Entwicklungspolitik waren die kritischen Arbeiten zur Entwicklungszusammenarbeit von besonderer Bedeutung, die vor allem auf die widersprüchlichen Wirkungen von entwicklungspolitischen Projekten auf der lokalen Ebene und auf die Tendenz Hilfe zu entpolitisieren, aufzeigen. Damit verbunden ist die Kritik am gängigen Verweis auf bloße kulturelle Unterschiede, die in der Regel tieferliegende sozioökonomische und politische Ungleichheiten verschleiern. Bis heute stellen diese Arbeiten den Stand der kritischen Forschung zur Entwicklungszusammenarbeit dar. Eng damit verbunden sind spätere Arbeiten zu Korruption und zur Struktur postkolonialer Staaten, wobei insbesondere das markante Konzept des „Kommandostaates“ hervorzuheben ist.
Aus der Beschäftigung mit Ethnizität und ethnischen Konflikten entwickelte sich die Analyse von gewalttätigen Konflikten zu einem breiten neuen Arbeitsfeld mit engen Bezügen zur Konflikttheorie. Georg Elwerts „akteurszentrierter“ Analyseansatz erweist sich bei der Analyse der neuen asymmetrischen dezentralen Konflikte als besonders leistungsfähig. Sein Begriff der „Gewaltmärkte“ wird schnell aufgegriffen und eröffnet einen neuen Blick auf die Ökonomie von Konflikten. Zudem propagiert Georg Elwert früh einen neuen auf die Dynamik von Konflikten ausgerichteten Analysezugang anstelle früherer auf die Ursachen von Konflikten ausgerichteten Ansatz. Dieser auf die Rationalität von Konflikten abhebende Zugang erweist sich auch bei der Analyse von Terrorismus als ergiebig. Ein weiterreichendes Forschungsprogramm zur Analyse von Konflikten wird in dem Handbuchartikel „Conflict: anthropological aspects“ eröffnet (International Encyclopedia of the Social and Behavioral Sciences 2001). Dessen weitere Ausarbeitung musste auf Grund des frühen Todes unbeendet bleiben. Das Potenzial dieser Überlegungen zeigt sich in dem auf diesen Artikel bezogenen und von Julia Eckert herausgegebenen Sammelband (Anthropologie der Konflikte. Georg Elwerts konflikttheoretische Thesen in der Diskussion, Bielefeld 2004).
Georg Elwert war nicht nur ein brillanter und innovativer Wissenschaftler, dessen prägnante Formulierungen die soziologische Diskussion wesentlich beeinflussten und neue interdisziplinäre Brückenschläge ermöglichten, sondern auch ein außergewöhnlich motivierender Lehrender und unermüdlicher Vertreter eine kritischen gesellschaftlich engagierten Soziologie. Er hinterlässt eine nicht zu schließende Lücke in der deutschen Soziologie.
Dieter Neubert
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