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In memoriam Anatol Rapoport
(22.5.1911 – 20.1.2007)

Nachruf von Prof. Andreas Diekmann, Zürich
[KZfSS, 59, 2007: 369-372]

Anatol Rapoport, Systemwissenschaftler, Spieltheoretiker, Mathematiker, Sozialpsychologe, Friedensforscher, einer der grossen Gelehrten des 20. Jahrhunderts, ist am vergangenen Wochenende im Alter von 95 Jahren in Toronto gestorben. Anatol Rapoport war auch mit der deutschsprachigen Soziologie verbunden. Er war häufig als Gastprofessor und Vortragender in Deutschland, Österreich und der Schweiz engagiert. 1989 hatte er die Eric-Vögelin-Professur am Soziologischen Institut in München inne. Auf die Sektion Modellbildung und Simulation hatte er mit seinen Arbeiten einen bedeuten Einfluss. „Mathematische Methoden in den Sozialwissenschaften“, erschienen 1980 zuerst in deutscher, dann in englischer Sprache, ist auch heute noch eine unerreichte und äußerst anregende Quelle mathematischer Formalisierung in den Sozialwissenschaften.. Bereits auf den Tagungen der Werner-Reimers-Stiftung zur „Mathematischen Soziologie“ (MASO-Tagungen), die später in die Gründung der Sektion mündeten, war Anatol Rapoport mit uns immer wieder beeindruckenden Referaten und Diskussionsbeiträgen präsent. Noch bis in die späten 90er Jahre wurden seine Gastvorlesungen an der Universität Bern über Konflikt, Kooperation, soziale Dilemmata und spieltheoretische Experimente von jungen Studentinnen und Studenten mit Vergnügen und Spannung verfolgt. Anatol Rapoport hat für einen Wissenschaftler eine erstaunliche Karriere absolviert. Geboren in Lozovaya in der Ukraine ist Rapoports Familie infolge der Hungersnöte nach der russischen Revolution 1921 nach Chicago ausgewandert. Nach dem Schulbesuch in Amerika studierte Rapoport Musik in Wien. Als junger Mann avancierte er zu einem renommierten Konzertpianisten, der weltweit mit Auftritten glänzte. Durch die Beschäftigung mit geometrischen Beziehungen entdeckte der Musiker bald seine Liebe zur Mathematik. Das mathematische Studium schloss er 1941 in Chicago mit dem Doktortitel ab. Politisch führte ihn vor dem Krieg sein Gerechtigkeitssinn für einige Zeit zur kommunistischen Partei der USA. Bemerkenswert ist eine Reise durch das nationalsozialistische Deutschland und Österreich. Er, der russisch-amerikanische Jude, reiste kurz vor Kriegsbeginn mit dem Fahrrad von der dänischen Grenze bis in das geliebte Wien, um über Nazi-Tyrannei und Judenverfolgung in Reportagen für die Heimat zu berichten. Während des Krieges diente er als Captain in der US-Armee. Rapoport kehrte nach dem II. Weltkrieg an die Universität Chicago zurück, wo er seine mathematischen Kenntnisse auf biologische Probleme anwandte. In dieser Zeit befasste er sich mit der mathematischen Analyse von Netzwerken. Seine grundlegenden Arbeiten spielen heute in der Epidemiologie, bei der Untersuchung der Ausbreitung von Infektionskrankheiten, eine wichtige Rolle.

Aus “Paradoxical Effects of Social Behavior” (1986)

Anatol Rapoport mit etwa 90 Jahren

In der gegenwärtigen Generation von Sozialwissenschaftlern, Ökonomen und Verhaltensbiologen ist sein Name vor allem mit Studien zur experimentellen Spieltheorie, insbesondere über das Gefangenendilemma, verbunden. Dieses Modell beschreibt bekanntlich den grundlegenden Konflikt zwischen individueller und kollektiver Rationalität, z.B. die Übernutzung von Ressourcen im Umweltbereich, wenn alle beteiligten Akteure eigennützige Strategien verfolgen. Bereits in den sechziger Jahren konnten Anatol Rapoport und Albert Chammah experimentell zeigen, dass in wiederholten Situationen vom Typ des Gefangenendilemmas Kooperation entstehen kann. Mit Computersimulationen hat später Robert Axelrod die Bedingungen für die Evolution von Kooperation analysiert, wobei sich die von Rapoport vorgeschlagene „Tit-for-Tat-Regel“ als Gewinnstrategie herausstellte. Diese Strategie ist gewissermassen schwach und stark zugleich. Ein Akteur, der sich an die Regel hält, übervorteilt niemals einen Gegner bei einem Zweikampf und ist dennoch am Ende Sieger des gesamten Turniers. Der Grund für das paradoxe Resultat ist, dass sich die ausbeuterischen Strategien gegenseitig berauben und am Ende schlechter dastehen. „In weakness is strength“ („Schwäche gibt Stärke“) ist das Prinzip der Strategie und auch, wie er mitunter betonte, ein Leitmotiv in seinen Studien über Rüstungswettlauf und Konfliktvermeidung. Die Grundlagen der modernen Spieltheorie als Lehre strategischen Handelns und der Systemtheorie als Lehre von den Eigenschaften komplexer Strukturen wurden in den vierziger bis siebziger Jahren gelegt. Spieltheorie und Systemtheorie waren dabei polare Sichtweisen. Rapoport hat sehr früh erkannt, dass beide Perspektiven für das Verständnis natürlicher und sozialer Prozesse wichtig sind. Diese Philosophie wurde in seinem Buch über „Allgemeine Systemtheorie“ entwickelt. Heute wird dieser Gedanke mit den technischen Möglichkeiten moderner Computersimulationen wieder aufgegriffen, nämlich in Gestalt der Simulation von Welten individueller Akteure, deren Aktivitäten komplexe Strukturen hervorbringen.

Andreas Diekmann, ETH-Zürich

Literatur

Ausgewählte Buchpublikationen von Anatol Rapoport

(Übersetzungen liegen in zahlreichen Sprachen vor, u.a. in chinesischer, deutscher, französischer, italienischer, japanischer, niederländischer, portugiesischer, russischer und spanischer Sprache.)

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