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In memoriam Helga Krüger
(1. April 1940 - 22. Februar 2008)

Nachruf von Prof. Dr. Ansgar Weymann
[KZfSS, 60, 2008: 444-447]

Helga Krüger war eine pragmatische Soziologin, die sich in der Tradition der klassischen Chicagoer Soziologie in den 1920er Jahren an der neu gegründeten University of Chicago verstand: Hochschullehrerin an einer jungen Reformuniversität, orientiert am Muster des forschenden Lernens in kleinen Gruppen mit flacher Hierarchie, um es modisch auszudrücken, engagiert in fortlaufender Reformpolitik und verbunden mit den diese tragenden städtischen und intellektuellen sozialen Bewegungen. Pragmatistische Soziologin im strengeren Sinne der Fortführung des philosophischen und soziologischen theoretischen Pragmatismus war sie jedoch nicht.

Geboren wurde Helga Krüger am 1. April 1940 in Essen. Aufgewachsen ist sie in Dortmund. Sie studierte Romanistik, Philosophie, Sportwissenschaft und Soziologie an den Universitäten Marburg, Kiel und Bogotá mit dem Abschluss Lehramt an Gymnasien, Sekundarstufe II, mit den Fächern Romanistik, Sport und als drittem Lehrfach Soziologie (Staatsexamen in Soziologie 1969). Die Promotion zum Dr. phil. folgte im Februar 1970 in Romanistik, Soziologie und Erziehungswissenschaft mit einer literatursoziologischen Dissertation zum Thema “Die Märchen von Charles Perrault und ihre Leser“. Eine solche breite Fächerkombination war unter Soziologen an der Philosophischen Fakultät bis in die zweite Hälfte der 1960er Jahre hinein verbreitet. Nicht nur das Lehramtsstudium eröffnete vielfältige Kombinationsmöglichkeiten, auch das Magisterstudium Soziologie ließ in der Wahl der Fächerkombinationen nahezu freie Hand. Eine in Theorie- und Methodenkanon professionelle Soziologie mit Spezialisierung auf bestimmte Berufsfelder, den die Diplomstudiengänge dann einführten, war hier nicht die Leitidee. Vielmehr stand ein aufklärerisches Verständnis der Selbstbildung in Einsamkeit und Freiheit Pate. Diese Freiheit führte zu chaotischeren Studienverläufen, zu häufigeren Wechseln und Abbrüchen, sie gab aber auch kreativen Köpfen mit Selbststeuerungsfähigkeit Erkundungsfreiheiten, die das Diplomstudium dann stark einschränkte, und die das verfachhochschulte und bürokratisierte Bachelorstudium heute nicht mehr kennt. Wilhelm von Humboldts normatives Diktum aus jugendlichen Jahren (1792/93), dass öffentliche Erziehung außerhalb der Schranken liegen solle, in welchen der Staat seine Wirksamkeit halten müsse, prägt nicht das Grundmuster von „educational governance“ deutscher und europäischer Universitäten ? mit der Ausnahme führender Graduate Schools.

Das interdisziplinäre Verständnis von Sozialwissenschaften blieb für Helga Krüger auch im Beruf als Hochschullehrerin leitend, zumal es mit der Ausgangsorganisation des Faches in den Gründungsjahren der Universität Bremen gut korrespondierte. Nach Tätigkeiten als wissenschaftliche Assistentin an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld (1970 – 1971), mit der sie im Bereich Soziologie der Entwicklungsländer an das Auslandsstudium in Bogotá anknüpfen konnte, und als wissenschaftliche Rätin am Institut für Soziologie der Universität Hamburg (1971 – 1974) wurde sie 1974 Professorin (C4) für Soziologie, familiale und berufliche Sozialisation an der Universität Bremen. Die Universität Bremen bot damals ein Umfeld, das zu Helga Krügers Verständnis soziologischer Arbeit in Forschung und Lehre passte: Eine Organisation nach interdisziplinären Studienbereichen, ein Studium in Kleingruppen, Praxisbezug der Ausbildung, gesellschaftskritischer Duktus und Habitus. Die Neugründung war fachlich und politisch hoch umstritten, konfliktreich nach außen und innen. Eine linke Kaderschmiede, wie es damals in Medien und Politik hieß, war sie jedoch nicht. Zwar traf die Bezeichnung „links“ überwiegend zu, Kader und Schmiede waren jedoch die falschen Begriffe für das kreative Chaos der Gründungsphase.

Schwerpunkte der folgenden, über Jahrzehnte kontinuierlichen und intensiven Forschungsarbeit und Publikationstätigkeit waren Sozialstruktur, Bildung, Arbeit und Beruf, familiäre und berufliche Sozialisation, insbesondere aber Geschlechterpolitik und sozialer Wandel im Geschlechterverhältnis. Das Forschungsinteresse war von der Gleichstellung der Geschlechter in Bildung, Beruf, Arbeit und Kindererziehung geleitet, an der Analyse des Spannungsverhältnisses zwischen sozialstrukturellen und institutionellen Opportunitätsstrukturen einerseits und subjektiv sinnhaftem Entscheiden und Handeln der Akteure andererseits ausgerichtet. Feministisch war dieser Blick, zusätzlich stimuliert durch Geburt und Erziehung eines Zwillingspaares von Töchtern bei fortlaufender Berufstätigkeit, wissenschaftlich geleitet, nicht parteipolitisch dominiert. Es entstanden unter anderen die Bände „Alltag und Biographie von Mädchen“ (1984), Privatsache Kind – Privatsache Beruf (1987), „Erwerbsverläufe von Ehepartnern und die Modernisierung weiblicher Lebensführung“ (1993, mit Claudia Born), „Der unentdeckte Wandel“ (1996) im weiblichen Lebenslauf. Der letzte Titel signalisiert den über die Zeit leitend gewordenen methodischen Zugriff auf den Gegenstand mit den Möglichkeiten quantitativer und qualitativer Lebenslaufforschung zur Analyse, und zur Hermeneutik muss hier ausdrücklich betont werden, des Zusammenhangs von sozialem Wandel und Lebenslauf. Für den lebenslauftheoretischen Zugriff auf das Objekt des Forschungsinteresses stehen auch die jüngeren Bände „Individualisierung und Verflechtung. Geschlecht und Generation im Lebenslaufregime“ (2001) mit Claudia Born und „Restructuring Work and the Life Course“ (2001) mit Victor Marshall, Anil Verma und Walter Heinz. Hier geht es um den Vergleich von Institutionspfaden Europas und Nordamerikas, die das Zusammenspiel von Sozialstruktur und individuellem Lebenslauf durch Opportunitätsstrukturen und Normen von Übergängen, Sequenzen und Trajekten unterschiedlich moderieren.

Institutionell hatte ihre Forschung eine Heimat zunächst in dem von Helga Krüger mit gegründeten und zeitweise geleiteten Universitätsforschungsschwerpunkt „Arbeit und Bildung“. Der immer mehr leitend werdende lebenslaufanalytische Zugriff auf sozialen Wandel, insbesondere im weiblichen Lebenslauf, erhielt dann eine gute institutionelle Basis durch das DFG Graduiertenkolleg „Lebenslauf und Sozialpolitik“ (1988 – 2001), dessen Sprecherin Helga Krüger zeitweise war, und vor allem in dem von ihr mit gegründeten und mit geleiteten Sonderforschungsbereich 186 „Statuspassagen und Risikolagen im Lebensverlauf“ (1988 – 2001). Kennzeichnend für das methodische Design der Arbeiten im Sonderforschungsbereich 186 waren die Kombination von repräsentativen Stichproben quantitativer Längsschnittdaten und von Sekundäranalysen repräsentativer Paneldaten mit theoretisch begründeten Stichproben qualitativer Daten. So wurden in den Studien der Arbeitsgruppe Helga Krügers neben Life Event History Analyse, vor allem an der Biographie orientierte themenzentrierte Interviews und Sequenzmusteranalyse kombiniert eingesetzt. Helga Krüger war ebenfalls mitbeteiligt an der Einrichtung der von der Volkswagenstiftung finanzierten Graduate School of Social Sciences (GSSS), die heute als Ergebnis der Exzellenzinitiative (gemeinsam mit der Jacobs University Bremen, JUB) zur Bremen International Graduate School of Social Sciences (BiGSSS) ausgebaut ist. Seit 2001 war Helga Krüger Kollegin im Institut für Empirische und Angewandte Soziologie (EMPAS).

Als angesehene Forscherin war Helga Krüger unter anderem Gutachterin des DFG Schwerpunktprogramms „Professionalisierung, Organisation, Geschlecht“, Mitglied der DAAD Auswahlkommission für Doktorandenstipendien, Beiratsmitglied des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und des Instituts zur Erforschung sozialer Chancen (ISO), Beiratsmitglied von Zeitschriften und Buchreihen. Hervorzuheben ist der stellvertretende Vorsitz der Expertenkommission der Bundesregierung zur Erstellung des 7. Familienberichts (2003 – 2005), publiziert unter dem Titel „Familien zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven einer lebenslaufbezogenen Familienpolitik (2006, mit Bertram, Allmendinger, Fthenakis, Meier-Graewe, Spiess, Szydlik) sowie die damit verbundenen Expertisen „Wem gehört die Familie der Zukunft?“ (2006, Hg. Bertram, Krüger, Spiess). Unter den vielfältigen Auslandskontakten spielten das Life Course Center der University of Minnesota in Minneapolis, wohin sie eine langjährige Freundschaft mit Jeylan Mortimer und Phyllis Moen (zuvor Direktorin des Bronfenbrenner Life Course Center, Cornell) verband, die University of Toronto und die University of Education, London, eine besondere Rolle.

Helga Krügers Leidenschaft galt lebenslang der Ausbildung und Lehre. Ein hartnäckig verfolgtes Ziel war die Entwicklung und Etablierung von Studiengängen, die dazu beitragen, die strukturellen Benachteiligung der Bildungswege in weiblich stereotypisierten Berufen aufzuheben und Absolventinnen klassischer weiblicher Sackgassenberufe (wie Erzieherinnen und in der Pflege Tätige) Aufstiegschancen zu eröffnen. So setzte sie die Studiengänge für das Lehramt an Berufsbildenden Schulen Sekundarstufe II, (LSllbF) für die Tätigkeitsbereiche Sozialpädagogik/Sozialarbeit und Pflegewissenschaft durch, in denen sie selbst hauptberuflich tätig war. Vor allem die Gründung des Studiengangs Pflegewissenschaft für Lehrer an berufsbildenden Schulen der Sekundarstufe II war eine Herzensangelegenheit und ein Erfolg. Absolventen des Studiengangs Pflegewissenschaft, Pflegekräfte, die diesen wissenschaftlichen Weiterbildungsweg nutzen, finden eine gute Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt vor, auch wenn die Einrichtung einer verpflichtenden Berufsschulbildung für Pflegekräfte im Bundesland Bremen ausblieb.

Helga Krüger war ideenreich, zielstrebig, hartnäckig, kämpferisch, konfliktfreudig, schonte in Auseinandersetzungen weder sich noch Gegner. Aber es war leicht, die Wogen wieder zu glätten. Grundtenor des Umgangs war eine fachliche und persönliche Offenheit, verbunden mit gutgelaunter Herzlichkeit. Aus der Lehre bleibt das Lachen von Studierenden und Lehrender aus Helga Krügers Kursen in der Pflegewissenschaft in Erinnerung, das durch die Gänge des Sonderforschungsbereichs schallte. Helga Krügers Leben spiegelt ein Stück der deutschen Nachkriegsgeschichte wider und hat auf diese jenen Einfluss genommen, der Wissenschaftlern angemessen ist. Hierzu gehört der Beitrag zur Konsolidierung des Faches in professioneller Forschung und Lehre an deutschen Universitäten, der Ausbau der Forschungsinfrastruktur durch Graduiertenkollegs, Sonderforschungsbereiche, Graduate Schools sowie das intensive Mitwirken an öffentlicher Politikberatung. Des Weiteren sind ihre Beiratstätigkeiten in Forschungseinrichtungen bis zum Familienbericht der Bundesregierung sowie eine ununterbrochene und intensiv Drittmittel geförderte Forschungstätigkeit anzuführen. Nicht zuletzt muss auch ihre engagierte Ausbildung von Studierenden aller Stufen und die Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses besonders erwähnt werden. Politisch, auch das keine Seltenheit in den vergangenen Jahrzehnten, führte der Weg vom SDS als Studentin in Einrichtungen der Exzellenforschung und in das Institut für Empirische und Angewandte Soziologie, EMPAS, das einstmals gegründet worden war als Institut kritisch-rationalistischer Gegenreformation gegen die linke reformatorische Übermacht an der Universität Bremen. Ein wissenschaftlicher Lebenslauf von Rang in der deutschen Nachkriegsgeschichte ist zu Ende.

Ansgar Weymann

 

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