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Nachruf von Prof. Dr. Hans Mathias Kepplinger
[KZfSS, 62, 2010: 583-587]
Elisabeth Noelle hat in mehreren Welten gelebt. Sie wurde am 19. Dezember 1916 in Berlin in eine großbürgerliche Familie geboren. Ihre Herkunft bedeutete ihr zeitlebens viel, trotzdem ging sie schon vor dem Abitur ihren eigenen Weg. Sie wollte Journalistin werden und wurde eine begeisterte Sozialwissenschaftlerin. Ihre große Liebe galt aber der Malerei. Sie wurde nach der Gründung des Instituts für Demoskopie Allensbach zu einer erfolgreichen Unternehmerin, betrachtete ihren unternehmerischen Erfolg aber nur als Voraussetzung für die Verwirklichung ihrer wissenschaftlichen Interessen. Sie hat mehrere Bundeskanzler und zahlreiche Ministerpräsidenten beraten, einen Wechsel in die Politik aber entschieden abgelehnt. Elisabeth Noelle hatte eine ungewöhnlich komplexe Persönlichkeit. Sie war eine kühl kalkulierende Frau und nicht religiös, aber tief gläubig, überzeugt von der Vorsehung und von der Wiedergeburt. Sie war fasziniert von bedeutenden Persönlichkeiten, aber sie hat eitle Menschen verachtet. Sie verfügte über eine einschüchternde Autorität, sprach aber spät und zurückhaltend. Sie hat mittelmäßige Studenten und Mitarbeiter gnadenlos abserviert, aber Fähigen in Notfällen diskret und effektiv geholfen. Wer sie öffentlich angegriffen hatte, den hielt sie dauerhaft für einen Gegner, unter vier Augen konnte man aber mit ihr über alles reden, nur über eines nicht - Nebensächlichkeiten des Alltags.
Nach dem Abitur 1935 in Göttingen machte sie eine Reise durch den damals noch unwegsamen Balkan und begann im Wintersemester in Berlin mit dem Doppelstudium der Geschichte und Zeitungswissenschaft. Sie setzte ihr Studium zunächst in Königsberg und später München fort, wo sie Mitglied der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Studentinnen wurde. Im September 1937 ging sie mit einem Stipendium des DAAD an die Journalistenschule der University of Missouri in Columbia. Nach dem Ende des Studienaufenthaltes 1938 besuchte sie die weltweiten Kunden einer Papierfabrik und finanzierte damit ihre Reise über San Diego nach Japan, Korea, China, Manila, Sumatra, Ceylon und Ägypten zurück nach Deutschland. In den USA hatte sie bei Recherchen für die mit Emil Dovifat ursprünglich vereinbarte Dissertation über frauenspezifisches Zeitungsmarketing die repräsentativen Bevölkerungsumfragen George Gallups kennengelernt. Sie wurden zur Grundlage ihrer Dissertation über "Amerikanische Massenbefragungen für Politik und Presse" (1940) und ihrer späteren beruflichen Laufbahn.
Nach Abschluss ihres Studiums begann sie im Alter von 24 Jahren ein Volontariat bei der Deutschen Allgemeinen Zeitung, die mehrere Berichte über ihre Weltreise gedruckt hatte, und wurde noch im gleichen Jahr Redakteurin bei der neu gegründeten Wochenzeitung "Das Reich", wo sie ihren ersten Ehemann, den Journalisten Erich Peter Neumann, kennenlernte. Das Angebot von Joseph Goebbels im April 1942, seine Adjutantin zu werden, wurde durch eine längere Erkrankung hinfällig. Am 15. November des gleichen Jahres erschien im "Reich" ihr zweiseitiger Artikel über Franklin D. Roosevelt, den sie nach einigen abschätzigen Bemerkungen als charmanten Großbürger schilderte, der sich in die Politik verirrt hatte. Er führte zu ihrer fristlosen Kündigung. Im Frühjahr 1943 wurde sie im Alter von 26 Jahren Redakteurin bei der "Frankfurter Zeitung". Ihr erster Beitrag war ein nach Meinung des Propagandaministeriums "positiver Artikel über Frau Roosevelt". Das Ministerium sprach eine Rüge aus und warnte davor, dem "Artikel etwa nachzueifern und solche Gedankengänge vielleicht auch zu verbrechen" (Noelle-Neumann 2006, 109; Wilke 2007: 227). Nach dem Verbot der "Frankfurter Zeitung" arbeitete Noelle bis zum Kriegsende für zwei Zeitschriften, das "Illustrierte Blatt" und die in schwedischer Sprache gedruckte "Tele".
Im Mai 1947 führte sie im Auftrag der französischen Militärregierung in deren Besatzungsgebiet ihre erste Umfrage durch, eine Studie zur politischen Einstellung der Jugend. Ein Jahr später gründete sie im Alter von 31 Jahren mit Erich Peter Neumann, den sie 1946 geheiratet hatte, das "Institut für Demoskopie Allensbach". Zu den ersten Mitarbeitern gehörte Friedrich Tennstädt, der wesentlichen Anteil besitzt an der Entwicklung der "Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse" (AWA), der "Skala der Persönlichkeitsstärke" und den ab 1957 durchgeführten Wahlprognosen, mit denen Noelle-Neumann und ihr Institut bundesweit bekannt wurden. Nachdem das Institut 1949 der SPD erfolglos demoskopische Berichte zu aktuellen Themen angeboten hatte, schloss es ein Jahr darauf einen immer wieder erneuerten Vertrag zur Erforschung des Meinungsklimas mit der Bundesregierung. Die Berichte stammten bis zu seinem Tod 1973 meist von Erich Peter Neumann, der auch das "Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1947-1955" konzipiert hatte, das ab 1956 in unregelmäßigen Abständen erscheint, seit 1976 unter dem Titel "Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie". Ab 1988 leitete Noelle-Neumann das Institut für Demoskopie Allensbach gemeinsam mit Renate Köcher, 1996 übertrug sie im Interesse einer gesicherten Nachfolgeregelung 99 Prozent ihrer Anteile am Institut der neu gegründeten "Stiftung Demoskopie Allensbach".
Im Alter von 47 Jahren hatte Noelle-Neumann einen Ruf auf ein neu eingerichtetes Extraordinariat an der Universität Mainz erhalten und ihre Lehrtätigkeit begonnen, 1965 wurde sie zur Professorin ernannt, 1966 das Institut für Publizistik gegründet worden, das sie bis zu ihrer Emeritierung 1983 leitete. Das Extraordinariat wurde 1968 in ein Ordinariat umgewandelt. Als Noelle-Neumann ihre Lehrtätigkeit aufnahm, existierte die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, wie man sie heute kennt, in Deutschland nicht. Es gab keine Umfragen zur Berufsauffassung von Journalisten, keine Inhaltsanalysen der aktuellen Berichterstattung, keine Experimente zum Verständnis von Medieninhalten und keine Kombinationen von Inhaltsanalysen und Umfragen für Wirkungsstudien. Dass dies alles heute wie selbstverständlich zum Lehrangebot aller Fachinstitute gehört, ist vor allem ihr Verdienst. Sie hat das Selbstverständnis und die internationale Geltung der Publizistikwissenschaft in einem Maße geprägt, das allenfalls mit dem Einfluss von Max Weber auf die Soziologie vergleichbar ist.
Noelle-Neumanns Probevortrag vom Februar 1963 "Über den Fortschritt der Publizistikwissenschaft durch Anwendung empirischer Forschungsmethoden" hatte programmatischen Charakter. Sie führte verpflichtende Methodenpraktika für "Umfrageforschung", "Inhaltsanalyse", "Experimente" und "Statistik" ein, wobei letzteres vor allem den Verfahren zur Analyse der Pressestrukturen galt. Die meisten Veranstaltungen wurden, weil es an der Universität zunächst keine qualifizierten Mitarbeiter gab, von Lehrbeauftragten aus dem Institut für Demoskopie Allensbach abgehalten. Die Studierenden machten kleine Untersuchungen - angefangen von der Entwicklung der Forschungsfragen und Erhebungsinstrumente über die Stichprobenbildung, Feldarbeit bis zur Datenanalyse. Der Schwerpunkt lag auf der Entwicklung eigener Fragestellungen und Anwendung eigener Konzepte. Deshalb wurden, obwohl dies angesichts der Datenbestände des "Instituts für Demoskopie Allensbach" nahe gelegen hätte, keine Sekundäranalysen durchgeführt. Aus den Methodenpraktika sind zahlreiche Magisterarbeiten hervorgegangen, die zur Grundlage von Veröffentlichungen der Assistenten und Absolventen wurden und deren Wege in die Wissenschaft ebneten.
Der von Noelle-Neumann gegründete "Verein der Freunde und Förderer des Instituts für Publizistik der Universität Mainz", für den sie herausragende Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Medien gewinnen und beachtliche Spenden einwerben konnte, kaufte wissenschaftliche Standardwerke, förderte über 70 meist empirische Examensarbeiten und unterstützte Reisen der Assistenten, die aufgrund ihrer Einreichungen zu internationalen Konferenzen zu Vorträgen eingeladen worden waren. Zu den prägenden Aktivitäten Noelle-Neumanns gehören auch zwei ungewöhnlich erfolgreiche Publikationen. Zum einen handelt es sich um "Umfragen in der Massengesellschaft", ihre 1963 mit einer Startauflage von 20 000 Exemplaren erschienene Einführung in die Methoden der Demoskopie. Sie wurde mehrfach neu aufgelegt und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Eine wesentlich überarbeitete Fassung erschien 1996 unter dem Titel "Alle, nicht jeder" (mit Thomas Petersen), die seit 2005 ebenfalls schon in vierter Auflage vorliegt. Zum anderen handelte es sich um die Herausgabe des "Fischer Lexikons Publizistik" (1971), das das mit Abstand erfolgreichste Lehrbuch und Nachschlagewerk der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft geworden ist und inzwischen in der fünften überarbeiteten Auflage vorliegt (mit Winfried Schulz und Jürgen Wilke). Noelle-Neumann hat sich 1983 für viele überraschend emeritieren lassen, nach einer Pause aber bis 1995 wieder Vorlesungen gehalten und auch später noch Seminare geleitet, Magister- und Doktorarbeiten betreut und eine Habilitation auf den Weg gebracht. Neben ihrer Tätigkeit am Institut für Publizistik der Universität Mainz lehrte sie 1978 bis 1991 sechsmal als Gastprofessorin für Politikwissenschaft an der University of Chicago und 1993/94 als Eric-Voegelin-Gastprofessorin an der LMU München.
In den 1950er und 1960er Jahren war Noelle-Neumann zu einem Medienstar geworden. "Der Spiegel" hatte zwei Titelgeschichten über sie veröffentlicht (1953 und 1957) und ihre Fernsehauftritte an den Wahlabenden, bei denen sie die Ergebnisse anhand ihrer Umfragen mit verblüffender Genauigkeit vorhersagte, waren nationale Medienereignisse. Dies änderte sich in den 1970er Jahren. Einen Wendepunkt bildete 1969 ihr Vortrag bei den "Mainzer Tagen der Fernsehkritik", in dem sie unter dem Titel "Der getarnte Elefant. Über die Wirkung des Fernsehens" darlegte, weshalb die aus den 1940er und 1950er Jahren stammende These von den minimalen Medienwirkungen auf das Fernsehen nicht übertragbar ist (Noelle-Neumann 1977: 115-126). Die damals noch moderate Kritik entwickelte sich zu einem Sturm der Entrüstung als sie bei der Bundestagswahl 1976 dokumentierte, dass immer mehr der häufigen Zuschauer von politischen Fernsehsendungen die SPD als Sieger und die CDU/CSU als Verlierer sahen, obwohl die tatsächlichen Wahlabsichten ein Kopf-an-Kopf-Rennen auswiesen, während Personen, die solche Sendungen selten oder nie sahen, bei ihren Siegeserwartungen blieben (Noelle-Neumann 1980: 77-115).
Begleitet wurde dieser Wandel durch zwei ähnliche Entwicklungen. Noelle-Neumann, die sich von Beginn an intensiv um ihre Studierenden bemüht hatte und sehr beliebt war, wurde Ende der 1960er Jahre von einer kleinen aber effektiven Protestgruppe immer heftiger angegriffen, weil sie sich im Gegensatz zum Wissenschaftsverständnis der Frankfurter Schule entschieden für die Anwendung quantitativer Verfahren einsetzte, als Anwältin des politisch-wirtschaftlichen Systems und als Repräsentantin des Establishments galt. Im Wintersemester 1970/71 besetze ein Teil der Opponenten das Institut. In den folgenden Jahren wurde Noelle-Neumann durch zahllose Pamphlete persönlich verletzend angegriffen und ihre Vorlesungen durch Schreien und Hohngelächter so massiv gestört, dass sie sich kaum noch Gehör verschaffen konnte. Etwa zeitgleich wurde sie von einigen Publizisten und Wissenschaftlern wegen ihrer Tätigkeiten im Dritten Reich, die bis dahin keine Rolle gespielt hatten, angegriffen. Grundlage waren einzelne abschätzige Aussagen über Juden aus ihrer Dissertation und aus Presseartikeln, die durch den Holocaust eine neue Qualität gewonnen hatten. Ihren Ausgangspunkt hatten die Angriffe in Deutschland, ihren Höhepunkt fanden sie aber in den USA. Allerdings blieben davon ihre langjährigen Freundschaften zu zahlreichen amerikanischen Wissenschaftlern, darunter Percy H. Tannenbaum, Seymour Martin Lipset und Mihaly Csikszentmihalyi, unbeeinflusst.
Noelle-Neumanns Antrittsvorlesung im Dezember 1965 über "Öffentliche Meinung und Soziale Kontrolle" enthielt ihr thematisches und theoretisches Programm. Mit ihrem Vortrag "Return to the Concept of Powerful Mass Media" anlässlich des 20. Internationalen Psychologenkongresses 1972 in Tokio trug sie maßgeblich zu einem Paradigmenwechsel der Medienwirkungsforschung bei, der bis heute nachwirkt. Seine deutsche Fassung enthält in den drei Schlüsselwörtern des Titels "Kumulation, Konsonanz und Öffentlichkeitseffekt" wesentlichen Elemente dieses Neuansatzes: den Einfluss gehäufter Berichte im Zeitverlauf, ähnlicher Darstellungen in mehreren Medien sowie des medial geprägten Meinungsklimas auf die individuelle Meinungsbildung (Noelle-Neumann 1973, wieder abgedruckt in dieselbe 1997: 127-168). Zwei Jahre nach dem erwähnten Vortrag veröffentlichte sie im Alter von 57 Jahren unter dem Titel "The Spiral of Silence. A Theory of Public Opinion" eine erste systematische Darstellung ihrer Überlegungen, 1980 erschien die "Theorie der Schweigespirale" als Buch. Es wurde in alle Weltsprachen übersetzt und 1997 von der "American Association For Public Opinion Research" als einziges Werk eines Nichtamerikaners in die Liste der 50 besten Beiträge zur Erforschung der öffentlichen Meinung aufgenommen. Die Schweigespirale, die zum Gegenstand von zahlreichen Symposien und mehreren Dissertationen wurde (zuletzt Roessing 2009), gehört damit zu den wenigen sozialwissenschaftlichen Theorien aus Deutschland, die nach dem Krieg internationale Bedeutung gewonnen haben. Elisabeth Noelle-Neumann hatte 1979 in zweiter Ehe den Kernphysiker und Gründer des ersten deutschen Forschungsreaktors, Heinz Maier-Leibnitz, geheiratet, den dadurch möglichen Vierfachnamen getragen und nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 2000 wieder ihren Mädchennamen angenommen. Elisabeth Noelle ist am 25. März 2010 im Alter von 93 Jahren in ihrem Haus in Allensbach am Bodensee gestorben.
Hans Mathias Kepplinger
Literatur
Noelle-Neumann, Elisabeth. 1963. Umfragen in der Massengesellschaft. Einführung in die Methoden der Demoskopie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Noelle-Neumann, Elisabeth. 1974. The Spiral of Silence. A Theory of Public Opinion. In Journal of Communication 24: 43-51.
Noelle-Neumann, Elisabeth. 1977. Öffentlichkeit als Bedrohung. Beiträge zur empirischen Kommunikationsforschung. Freiburg i. Br.: Alber
Noelle-Neumann, Elisabeth. 1980. Wahlentscheidung in der Fernsehdemokratie. Freiburg i. Br./ Würzburg: Ploetz.
Noelle-Neumann, Elisabeth. 1980. Die Schweigespirale. München: Langen Müller.
Noelle-Neumann, Elisabeth. 2002. Die soziale Natur des Menschen. Beiträge zur empirischen Kommunikationsforschung. Freiburg i. Br.: Alber.
Noelle-Neumann, Elisabeth. 2006. Die Erinnerungen. München: Herbig.
Roessing, Thomas. 2009. Öffentliche Meinung - die Erforschung der Schweigespirale. Baden-Baden: Nomos.
Wilke, Jürgen. 2007. Presseanweisungen im zwanzigsten Jahrhundert. Erster Weltkrieg - Drittes Reich - DDR. Köln: Böhlau.
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