| Home | Aktuell | Archiv | Suche | Konventionen | Materialien | Links | Gremien

Zurück zur Hauptseite Nekrologe




In memoriam Franz Traxler
(1951-2010)

Nachruf von Prof. Dr. Paul Windolf
[KZfSS, 62, 2010: 361-362]

Ich habe Franz Traxler im akademischen Jahr 1986/87 am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz kennengelernt. Wir waren damals Jean Monnet Fellows und haben die anregende Atmosphäre und die einzigartige Umgebung des Instituts schätzen gelernt. Im gleichen Jahr war eine Gruppe von Forschern am Hochschulinstitut, die sich mit Korporatismus- und Verbändeforschung beschäftigten und mit denen Franz Traxler zusammenarbeitete. Philipp Schmitter und Bernd Marin gehörten dazu; interdisziplinäre Verbindungen gab es zur Rechtswissenschaft, z.B. zu Brian Bercusson und Gunther Teubner. Das Jahr in Florenz war für Franz Traxler außerordentlich fruchtbar: Es inspirierte ihn zu zahlreichen Publikationen zur Verbändeforschung und hat die Weichen für seine weiteren Forschungsarbeiten gestellt.

Ich habe Franz Traxler zum letzten Mal im Dezember 2009 gesehen. Er hatte mich zu einem Vortrag nach Wien eingeladen. Nach dem Vortrag führte er mich auf einem Spaziergang durch den sog. "Karl-Marx-Hof" - ein riesiger Wohnblock in Wien-Heiligenstadt, der wie eine Festung angelegt ist und auch als "Ringstraße des Proletariats" bezeichnet wird. Franz Traxler machte mich auf Fenster aufmerksam, die wie Schießschachte aussehen. In dieser Funktion wurden sie in den blutigen Februarkämpfen 1934 von den Anhängern der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im Kampf gegen den Austrofaschismus auch genutzt. Franz Traxler sprach nur selten über sich; aber es war offensichtlich, dass diese Tradition Wiens für ihn wichtig war.

Franz Traxler wurde 1951 in Wien geboren. Mit 34 Jahren habilitierte er sich an der Wirtschaftsuniversität Wien. Seit 1992 hatte er einen Lehrstuhl für Wirtschaftssoziologie an der Universität Wien. Seine Forschungsinteressen deckten ein weites Spektrum der Wirtschaftssoziologie ab: Sie reichten von der Korporatismus- und Verbändeforschung über die Arbeitsmarktforschung bis hin zu Fragen der Lohnfindung und der staatlichen Wirtschaftslenkung (Keynesianismus). Seine Publikationen finden sich in fast allen renommierten Zeitschriften im deutschen und angelsächsischen Sprachbereich.

Franz Traxler hat die Wirtschaftssoziologie ein entscheidendes Stück vorangebracht. Er gehörte zu den renommiertesten österreichischen Soziologen. Seine zahlreichen vergleichenden Untersuchungen zu den Arbeitsbeziehungen, insbesondere zur Struktur der Interessenverbände und zum Korporatismus, haben ihn zu einem international weithin sichtbaren Sozialwissenschaftler gemacht. Zahlreiche Rufe, darunter auch an die Universität Warwick, bezeugen diese Reputation.

Österreich gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Kernländern des Korpora-tismus. Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass die österreichische Wirtschaft - im Vergleich zu anderen Ländern - mit diesem Regime relativ erfolgreich war. Franz Traxler hatte den Gegenstand seiner Forschung in Sichtweite und konnte aus nächster Nähe die Stärken, aber auch die Schwächen eines neokorporatistischen Regimes beobachten. Er hat auch die Auflösungserscheinungen beschrieben und analysiert, denen dieses Regime unter dem Druck der Globalisierung und einer rechtspopulistischen Politik ausgesetzt war. Franz Traxler hat keine neoliberale "Wende" vollzogen, sondern in seinen Forschungen und Schriften unbeirrt die Vorteile eines Regimes aufgezeigt, das Kapital und Arbeit zu einem konsensualen Interessenausgleich befähigt.

Franz Traxler war nicht nur Wissenschaftler, sondern er war auch als Berater für zahlreiche Institute und Verbände tätig. Dazu gehörten die OECD in Paris, die ILO in Genf, die Hans-Böckler Stiftung in Düsseldorf und die European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions in Dublin. Franz Traxler hatte einen politischen "Standpunkt"; aber er hat Wissenschaft nicht mit Politik - und Politik nicht mit Wissenschaft verwechselt. Wenn man ihm auf den Beiratssitzungen dieser Institute zuhörte, war man von seiner Kompetenz und der analytischen Schärfe seines Urteils beeindruckt. Aber er bewahrte sich Unabhängigkeit und Distanz. Als das österreichische Gewerkschaftsmagazin "Kompetenz" ihn im November 2008 zur Finanzmarkt-Krise interviewte, plädierte Franz Traxler für eine transnationale Regulierung der Finanzmärkte und fügte hinzu: Der Österreichische Gewerkschaftsbund wäre gut beraten, "den populistischen Anti-EU-Ressentiments, wie sie in Österreich in einigen Medien und in nahezu allen Parteien grassieren, in der gebotenen Deutlichkeit entgegenzutreten."

Franz Traxler scheute sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen und "deutlich" auszusprechen. Er tat es auch dann, wenn er glaubte, dass einige Kollegen allzu leichtfertig mit empirischen Daten umgingen und dabei die Standards der Wissenschaft verletzten. In dieser Hinsicht war Franz Traxler ein "Purist".

Franz Traxler ist am 22. Jan. 2010 in Wien unerwartet gestorben. Mit ihm hat nicht nur die österreichische Soziologie einen ihrer prominentesten Vertreter verloren. Die deutschsprachige Soziologie insgesamt und der von ihm initiierte europäische Forschungsverbund haben einen Sozialwissenschaftler verloren, den zu ersetzen nicht einfach sein wird.

Paul Windolf

 

| Home | Aktuell | Archiv | Suche | Konventionen | Materialien | Links | Gremien