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Nachruf von Prof. Dr. Klaus Allerbeck
[KZfSS, 62, 2010: 587-590]
Das wohl meistverbreiteste Buch Ludwig von Friedeburgs dürfte der von ihm herausgegebene Band der Neuen Wissenschaftlichen Bibliothek sein. Sein Thema in diesem höchst ambitionierten Projekt vergleichsweise junger deutscher Ordinarien in den 1960er Jahren war „Jugend in der modernen Gesellschaft“. Es war einer der ersten Bände. Das ambitionierte Programm, das auf den letzten Seiten jedes der gelben NWB-Buchs stand, liest sich wie ein Who´s Who der führenden Fachgelehrten, doch vielfach ist es bei Ankündigungen geblieben. Er hat den klassischen, 1928 in den Kölner Vierteljahresheften erschienen Aufsatz Karl Mannheims zum Problem der Generationen an den Anfang gestellt. So ist es naheliegend, zunächst den Generationsunterschied zwischen ihm (Jahrgang 1925) und dem Autor (Jahrgang 1944) dieses Nekrologs zu markieren.
Als ich 1964 an der Freien Universität Berlin mit dem Studium der Soziologie begann, hatte die Ordinarienuniversität noch Bestand (im Rückblick, von heute aus gesehen, funktionierte sie gar nicht so schlecht). Die große Vorlesung war der Kernbestandteil der Einführung in das Fach, ergänzt von kleineren seminaristischen Übungen und Seminaren. Friedeburg nahm diese Aufgabe, die Ausbildung von Diplom-Soziologen sehr ernst. Einer der wichtigsten Bestandteile waren die Methoden empirischer Sozialforschung, die sicher beherrscht werden mussten. Es ging auch darum, den relativ neuen Abschluss in der Berufswelt durchzusetzen.
Friedeburg wusste diesen Stoff anschaulich und einprägsam zu präsentieren. Manche seiner Beispiele sind unvergesslich. Dass die Prozentuierung von Tabellen nicht gleichgültig ist, zeigte er an einer Tabelle aus einer Befragung von Soldaten. Sie bewies, dass die Bundeswehr keine CDU-Armee sei, mit einer Kreuztabelle der Parteipräferenz mit der Frage, ob sich seit dem Eintritt in die Bundeswehr die Präferenz geändert habe. Das Gegenteil war aber richtig; die Tabelle war falsch prozentuiert. Spalten- oder Zeilenprozente: eine überhaupt nicht langweilige, belanglose Frage also, die auch heute noch vielen Schwierigkeiten bereitet, ob nun Studenten oder Journalisten. An der Tafel, mit blauer und roter Kreide, zeigte er die Bedeutung dieser vermeintlich einfachen Entscheidung dessen, der Daten präsentieren muss.
Friedeburg wusste die Aufmerksamkeit seiner Hörer zu gewinnen und zu halten. „Meine Fragebogen sind verbrannt!“ rief er theatralisch überziehend, als er in einem Seminar in die Rolle des Interviewers bei einer Paneluntersuchung wechselte. Die zu lernende Lektion war: der zu Befragende muss einsehen und verstehen, warum er bei einer zweiten Welle Fragen noch einmal beantworten soll, die er doch schon in der ersten Welle beantwortet hatte.
Sozialforschung hatte er gelernt nach dem Psychologiestudium, zunächst in Allensbach beim Institut für Demoskopie. Wenn man die Teilnehmerliste der Weinheim-Tagung 1951 als Kriterium nimmt, gehört er zur ersten Generation der Umfrageforscher im Nachkriegs-Deutschland. War Leopold von Wiese, jedenfalls soweit der Tagungsband es zeigt, anscheinend aufgeschlossen für dieses neue Verfahren, äußerte er hingegen in seiner Zeitschrift, in einer Rezension von von Friedeburgs „Umfragen in der Intimsphäre“ doch sein Befremden darüber, wie man bloss „Hinz und Kunz“ zu solchen Themen fragen kann. Hier zeigt sich, was für einen Bruch mit der Vergangenheit der Soziologie die empirische Sozialforschung darstellte.
Adorno holte ihn an das Institut für Sozialforschung, an das (und die Johann Wolfgang Goethe-Universität) er 1966 auch zurückkehrte. Ein Fackelzug seiner Studenten in Berlin (diese Zeremonie gab es noch) reichte nicht, um ihn an der Freien Universität zu halten. In Berlin hatte er von einer Amerika-Reise berichtet, wobei er in Berkeley, als ausländischer Beobachter, mit dem Free Speech Movement (FSM) die Anfänge der Studentenbewegung kennengelernt hatte. In seine folgenden Frankfurter Jahre fielen der vom SDS weitgehend dominierte Soziologentag und auch eine durch Polizeieinsatz beendete Besetzung des Instituts für Sozialforschung.
Dass er zum „Mainstream“ (ein Wort, das damals nicht verwandt wurde) der modernen Soziologie in Deutschland gehörte und diesen mitdefinierte, ist wichtig festzuhalten, wenn auch erläuterungsbedürftig. Im Nachkriegsdeutschland wurde das Fach, wo es an Universitäten vertreten war, durch dem einen Soziologie-Ordinarius in seiner jeweiligen Art, von jedem auf seine Weise, definiert, in der Öffentlichkeit aber zunächst vor allem durch Helmut Schelsky (Jahrgang 1912), der eigentlich zu jedem Thema etwas in Büchern und Aufsätzen zu sagen hatte. Dass er das Vorwort der deutschen Ausgabe von David Riesmans sehr amerikanischem Bestseller „Die einsame Masse“ zu schreiben besonders geeignet sei, begründete er selbst in seinem Vorwort damit, dass er noch nie in Amerika gewesen war, beispielsweise. Schelsky war der hauptsächliche Antipode der zahlreichen Soziologen der Geburtsjahrgänge 1928 und 1929, soweit sie nicht von ihm habilitiert wurden.
Diese Situation, und nicht allein der Respekt vor sozialen Tatsachen, erklärt, warum als integraler Bestandteil der Ausbildung von Soziologen die Forschungskompetenz angesehen wurde. Dazu gehörte auch die Forderung nach Chancengleichheit im Bildungswesen, von der, wie einige Untersuchungen dokumentierten, im Nachkriegsdeutschland nicht die Rede sein konnte. Friedeburg bekam vom Hessischen Ministerpräsidenten Oswald die Gelegenheit, als Kultusminister die Vorstellungen, die unter den Soziologen seiner Generation (und öffentlich agierenden Bildungspolitikern) Konsens waren, in einem Bundesland flächendeckend umzusetzen. Dieser Konsens ergibt sich, sozusagen im Umkehrschluss, aus Schelskys Kampfschrift gegen die von ihm behauptete „Priesterherrschaft der Intellektuellen“.
Die fünf Jahre seines Lebens als Minister haben die öffentliche Wahrnehmung seines Lebenswerks geprägt. Um Wikipedia (Stand 21. Juni 2010) zu zitieren: „Die von ihm angestrebten Bildungsreformen waren außerordentlich umstritten. Von Friedeburgs Schulpolitik polarisierte derartig, dass der spätere Ministerpräsident Roland Koch (CDU) meinte: ‘Ludwig von Friedeburg hat der CDU in Hessen wahrscheinlich mehr neue Mitglieder zugeführt als jeder andere.’“
Gedankt hat sie es ihm nicht. Dass im praktischen politischen Diskurs oft Tatsachen kaum eine Rolle spielen, wird an solchen Verkürzungen deutlich. Die SPD hatte ihn zum Sündenbock bestimmt und machte den Kasseler Polizeipräsidenten zu seinem Nachfolger. Friedeburg selbst hat sich, jedenfalls meines Wissens, nicht öffentlich darüber beklagt.
Er mag den Konsens der Bildungspolitiker überschätzt haben, und die Wahrnehmungs- und Unterscheidungsfähigkeit seiner Gegner. Es sei doch Dahrendorfs Konflikttheorie, die in die Rahmenrichtlien eingegangen sei, argumentierte er erfolglos. Zu vermuten ist, dass die Einführung der Mengenlehre die Autorität von Eltern, die ihren Kindern beim Rechnen lernen nicht helfen konnten viel intensiver und nachhaltiger bedroht hat als die Neuordnung der Gymnasialfächer in Hessen. Dass es bei Bildungsreformen, die mehr Chancengleichheit zum Ziel haben, auch Verlierer gibt, die sich wehren, wurde von Bildungspolitikern nicht erwartet – sowenig wie die Tatsache, dass die Bildungsxpansion zu einer Art Kettenbrief-Schema führt, zuerst in den Finanzministerien entdeckt würde.
An der Richtigkeit seiner Überzeugungen, die einmal Konsens einer Soziologen-Generation waren, liess er keine Zweifel, als z.B. das Bundesforschungsministerium 1981 die Ursachen des Protests gegen "moderne Technik", vulgo AKWs, von Experten erklärt haben wollte und den Schulen Schuld an der behaupteten Distanz der Jugend zur Technik zugewiesen wurde: "Wir haben mit unendlicher Mühe erreicht, dass darüber in den Schulen gesprochen wird. Wir haben die Lehrerbildung darauf abgestellt. Wenn man nun feststellt, dass Jugendliche stärker bereit sind sich zu engagieren, etwas zu unterschreiben, in Parteien einzutreten, dann kann ich nur sagen: 20 Jahre lang haben wir in der politischen Bildung genau das gewollt und waren ganz verzweifelt, dass wir nie zu einem Erfolg kamen."
Als Direktor des Instituts für Sozialforschung kehrte er, nach dem langen Ausflug in die hessische Politik, in die Wissenschaft zurück. Wenn er einen wesentlichen Beitrag zum Fortbestand dieses Instituts, dessen materielle Basis immer schon, erst recht nach 1933, prekär war, geleistet hätte, hätte er bestimmt nicht davon geredet. Er lebte dort preussische Tugenden vor, zu denen Grundsätze wie "Mehr sein als scheinen" gehören.
Die Umfrageforschung hat er weiterhin versucht beiläufig wahrzunehmen. Wenn man seinen großen Aufsatz über ihr politisches Potenzial liest, der 1961 in dieser Zeitschrift erschien, war die moderne Umfrageforschung für ihn etwas Fertiges, im Grunde Abgeschlossenes. Wissenschaftliche Revolutionen bleiben nicht nur Zeitgenossen, sondern auch ihren Teilnehmern oft verborgen, und so ist noch immer kaum bemerkt, dass die Ablösung der Lochkartentechnologie durch Computer eine wirkliche wissenschaftliche Revolution war, ohne dass ihr wissenschaftliches Potenzial bisher ausgeschöpft ist.
„We feel that public opinion research has so much to contribute to really democratic functioning of social institutions.“ sagte Leo Crespi in seinem Vortrag „America´s Interest in German Survey Research in Weinheim 1951 bei der kleinen Konferenz, auf der Friedeburg einen Vortrag über eines der nach wie vor wichtigsten Methodenprobleme der Umfrageforschung hielt, nämlich die Ausfallproblematik.
Mit seinem Tod hat die Soziologie den wohl letzten Vertreter der Generation verloren, für die Demokratie und Sozialforschung in Deutschland untrennbar miteinander verbunden waren.
Klaus Allerbeck
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