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In memoriam Daniel Bell
(10. Mai 1919 - 25. Januar 2011)

Nachruf von Ao. Prof. Dr. Christian Fleck
[KZfSS, 63, 2011: 343-346]

Daniel Bolotsky wurde als Sohn osteuropäischer, jüdischer Einwanderer in der Lower East Side Manhattans geboren. Sein Vater starb als er acht Monate alt war und da seine Mutter in der Textilindustrie arbeitete, wuchs er teils in einem Tageswaisenhaus und teils bei Verwandten auf. Einer seiner Onkel, der Daniels Vormund wurde, brachte es zum Dentisten und als Daniel 13 Jahre alt war entschied die Familie, den, zaristischer Beamtenwillkür in Bialystok geschuldeten Familiennamen zu ändern. Jiddisch war die erste Sprache Daniel Bells und blieb die Sprache, in der er mit seinen Jugendfreunden unterhielt (Als er sich einmal mit seinem Freund Melvin Laski in einem Münchener Biergarten saß, schnappte er das Gespräch zweier Damen vom Nebentisch auf: "die müssen wohl aus Wien sein"). Diese, in den Augen mancher heutiger Migrationsexperten, "Integrationsunwilligkeit", die Erfahrungen von Armut, Kleinkriminalität und Jugendbanden paarten sich mit politischem Aktivismus. Bell trat der Young People's Socialist League bei, einer sozialdemokratischen Organisation, die sich wegen des hohen Anteils osteuropäischer Migranten unter ihren Mitgliedern "menschewistisch" nannte. Anlässlich seiner Bar Mitzwa verkündete Bell stolz, er habe dort die (marxistische) Wahrheit gefunden und glaube nicht länger an Gott, was sein Religionslehrer, Bells Erinnerung nach, mit der trockenen Bemerkung "Glaubst Du, Gott kümmert das?" quittierte. In der New York Public Library und in der von der Sozialistischen Partei betriebenen Rand School of Social Science eignete sich Bell sozialwissenschaftliches Wissen an; seine Belesenheit bleib sein stolzes Distinktionsmerkmal. Wie viele andere Immigrantenjugendliche begann Bell sein Studium am City College von New York, wo er sich der anti-stalinistischen Gruppe, die sich im legendären Alkoven No. 1 traf, anschloss. Die dort geschlossenen Freundschaften überdauerten die Jahre und was dort diskutiert wurde beschäftigt Bell auch späterhin. Im Dokumentarfilm "Arguing the World" (1998 von Joseph Dorman gedreht, als Buch 2000 erschienen) erzählen Bell, Nathan Glazer, Irving Howe und Irving Kristol über ihre Anfänge als New York Intellectuals. Bells Horizont reichte schon in den 1930er Jahren über die Bezugsgruppe hinaus: So half Bell den Mitgliedern des Instituts für Sozialforschung bei der Herausgabe der Zeitschrift für Sozialforschung in englischer Sprache und fungierte späterhin als Verbindungsmann zum Jewish Labor Committee, das das Institut mit einer Untersuchung über das Ausmaß des Antisemitismus unter amerikanischen Arbeitern beauftragte. Bell begann ein Graduate-Studium an der Columbia Universität, verließ allerdings bald die akademische Welt zugunsten einer zwei Jahrzehnte dauernden Karriere im Journalismus, die ihn vom sozialdemokratischen New Leader nach Ende des Zweiten Weltkriegs in die Redaktion von Fortune wechseln ließ, wo er als "labor editor" wirkte. Bells In diesen Jahren perfektionierten journalistischen Fähigkeiten kamen seinen späteren akademischen Arbeiten durchaus zugute. Wie bei wenigen anderen Soziologen des 20. Jahrhunderts zeichnen sich seine Veröffentlichungen durch einen prägnanten, jargonfreien Stil aus. Dabei gelang es ihm immer, zugleich nahe an den Tagesaktualitäten zu bleiben und dennoch, das breite Bild nicht aus den Augen zu verlieren. Im Unterschied zu C. W. Mills, mit dem er mehr als einmal die Klingen kreuzte und zu dessen prononciertesten Kritikern er zählte, entbehren Bells Texte jeder Sentimentalität und sind frei von moralisierender Predigt.

Ehe Bell 1948 bei Fortune zu arbeiten begann, lehrte er drei Jahre lang in Chicago und während seiner Zeit bei Fortune wirkte er als Lektor an der Columbia Universität. 1958/9 verließ er Fortune und verbrachte ein Jahr am Center for Advanced Studies in the Behavioral Sciences in Palo Alto, wo er nicht nur die "The Leisure of the Theory Class" genoss, sondern einige seiner, in den Jahren davor erschienenen Essays überarbeitete und zu seinem ersten Buch zusammenstellte, das als "End of Ideology" 1960 herauskam. Das Buch wurde ein Bestseller, doch in der Rezeption wurde vor allem sein Titel zitiert, während die fünfzehn darin enthaltenen Essays, die in Commentary, Partisan Review, New Republic, Encounter und anderen Meinungsblättern, die von den New Yorker Intellektuellen redigiert und gefüllt wurden, erschienen, zu Unrecht weniger Beachtung fanden. Der Untertitel "On the Exhaustion of Political Ideas in the Fifties" ist präziser als der ein Schlagwort der Zeit aufgreifende Haupttitel und die Überschriften der drei Teile machen endgültig klar, worum es Bell mit dieser Sammlung ging: "America: The Ambiguities of Theory" enthält eine Auseinandersetzung mit der damals weit verbreiteten These der Massengesellschaft, untersucht den Wandel der amerikanischen Sozialstruktur mit einem Beitrag über das Ende des Familienkapitalismus, einen weiteren, der Mills' Power Elite prüft, sowie einem Abschnitt, der unterschiedliche Zukunftsszenarien des amerikanischen Kapitalismus behandelt und weiteren Beiträgen über Nationalcharakter und die radikale Rechte Amerikas. Zusammen sollen sie zeigen, dass umfassende und aus einem Guss entworfene Analysen der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft unmöglich sind - und insofern die singulären "ideologischen" Analyseperspektiven des 19. Jahrhunderts überholt oder eben erschöpft waren. Im zweiten Teil findet man unter "America: The Complexity of Life" jene Essays, die jenseits der End of Ideology Diskussion rezipiert wurden. Darunter "Crime as an American Way of Life", das Merton in seiner Anomietheorie prominent benutzte, und "Work and Its Discontents", das in der Arbeitssoziologie Beachtung fand. Im dritten Teil "The Exhaustion of Utopia" setzt sich Bell mit dem sozialistischen Denken, linken Intellektuellen, Marx und Analysen über die Zukunft der Sowjetunion auseinander. In "End of Ideology" argumentiert Bell, dass die von Marx inaugurierte Doktrin eine Mannheimsche Utopie gewesen sei, die Bell als ein historisch lokalisiertes Glaubenssystem betrachtete, das Ideen mit Leidenschaften verknüpfte und Anhänger motivierte, sie aber zugleich behinderte, weil sie auf alles eine vorfabrizierte Antwort parat hatten.

Das Buch katapultierte seinen Autor in den Brennpunkt von Debatten weit jenseits der stillen akademischen Welt - in die zurück kehren zu wollen sein Verfasser dem Fortune Verleger Henry Luce "vier gute Gründe nannte: Juni, Juli, August und September". Es brachte Bell 1960 auch den Ph.D. und ab 1962 eine Professur an der Columbia, von wo er 1969 nach Harvard wechselte. Dort wurde ihm 1980 die prestigereiche Stiftungsprofessor Henry Ford II Professor of Social Sciences verliehen.

Der Eintritt in die akademische Welt änderte Bells Stil nicht - weiterhin schrieb er, was er seine "natürliche Länge" nannte: während er in jungen Jahren Essays von 3.000 bis 5.000 Wörtern präferierte, wechselte er in den späteren Jahren zu 30.000 bis 40.000 Wörter, etwas, was während eines Sommers bewältigbar sei. Schreiben (und lehren) waren jedoch nicht die einzige Aktivitäten Bells in den 60er und 70er Jahren. 1965 gründete er gemeinsam mit Irving Kristol die Zeitschrift The Public Interest und war acht Jahre lang einer der beiden Herausgeber, ehe er wegen politischer Meinungsverschiedenheiten Kristol die Zeitschrift allein fortführen ließ (die Freundschaft mit dem zum Neokonservativen Mutierenden blieb davon unbehelligt). Mit dieser Zeitschrift wollten die Gründer Fragen der amerikanischen Politik ernsthaft, aber nicht technisch diskutieren. Faktisch wurde The Public Interest der Nukleus der Neo-Cons der USA, einer Richtung der Bell mehrfach, gerade auch in der deutschen Rezeption zugeschlagen wurde, obwohl er selbst sich stets dagegen aussprach. Er sei in Fragen der Wirtschaft ein Sozialist, in der Politik ein Liberaler und (nur) in der Kunst ein Konservativer. Mit diesem Rollenset hatte Bell selbst offenkundig weniger Probleme als seine Kritiker. In der Johnson und der Carter Regierung wirkte Bell in Regierungskommissionen mit, die sich mit dem befassten, was Bell in seinem nächsten einflussreichen Buch thematisierte: die post-industrielle Gesellschaft, aber auch in einer Kommission, die die Soziale Indikatoren Bewegung zum Fokus hatte. Im Rahmen der American Academy of Arts and Sciences leitete er ab 1965 eine Studiengruppe, die sich angeregt durch die damals florierende Futurologie mit der Welt des Jahres 2000 auseinandersetzen wollte.

1973 erschien "The Coming of Post-Industrial Society: A Venture in Social Forecasting", das wohl systematischste Werk unter den zahlreichen Veröffentlichungen Bells und drei Jahre danach "The Cultural Contradictions of Capitalism". Beide wurde ins Deutsch übersetzt ("Die nachindustrielle Gesellschaft", 1975 und "Die Zukunft der westlichen Welt. Kultur und Technologie im Widerstreit", 1976) und etablierten Bell im deutschen Sprachraum als einen Autor, dessen Ansichten man zumindest mit zwei oder drei Sätzen wiederzugeben in der Lage sein sollte. Obwohl eine derartige Rezeptionshaltung jedem Autor Unrecht tut, ist sie Bell gegenüber besonders ignorant, da er in beiden Büchern nicht nur durch eine enorme Breite der herangezogenen und diskutierten Literatur besticht, sondern auch eine durchaus differenzierte Argumentation bietet. Doch in der deutschsprachigen Soziologie findet man Bell weder in den allgemeinen Lehrbüchern noch in den Überblicken zur Geschichte der Soziologie und folglich wenig überraschend auch nicht in den verschiedenen Versuchen der Kanonisierung des soziologischen Wissens, seien es Klassiker, Haupt- oder Schlüsselwerke, etc.

Nun war es keineswegs so, dass Bell von seinem amerikanischen Soziologiekolleginnen und -kollegen viel besser behandelt worden wäre, was wohl auch damit zu tun gehabt haben wird, dass Bell die Stammesmitglieder der ASA weder als seine Bezugsgruppe noch als sein Publikums sah. In der breiteren Öffentlichkeit erzielte Bell im englischen Sprachraum allerdings eine Wirkung, von der viele professionelle Soziologinnen und Soziologen nicht einmal zu träumen wagen hätte können. Als Times Literary Supplement 1995 eine Liste der 100 einflussreichsten Bücher der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts veröffentlichte, landeten zwei Bücher von Bell darauf: "End of Ideology" und "Cultural Contradictions of Capitalism" (andere Soziologen sind Aron, Peter Berger, Goffman, Riesman).

Die "zünftige" Geringachtung, die schon an Missachtung grenzt, scheint mir auf zwei Gründe zurückführbar. Beide sind für die Soziologinnen und Soziologen nicht gerade ruhmmehrend. Als Bell einmal gefragt wurde, was sein Spezialgebiet sei, antwortete er "ich spezialisiere mich auf Generalisierungen". In einer zunehmend spezialisierten und fragmentierten Disziplin werden breit angelegte Diagnosen der Gegenwart offenbar nur dann wahrgenommen, wenn sie durch Proliferation von einfach merkbaren Schlagworten und vermeintlichen Begriffs- und Theorieinnovationen rasch angeeignet (oder verworfen) werden können. Bells Bücher entziehen sich - trotz eingängiger Titel - dieser Schnellsiederrezeption, weil sie komplexe Phänomene, wie die strukturellen Veränderungen der Produktionsweise oder das Auseinanderdriften von (wirtschafts-)kulturellen Orientierungen, öffentlicher Moral und Kunstauffassungen, nicht durch Etiketten begreifbar machen wollen, sondern durch detaillierte Wirkungs- und Wechselwirkungsanalysen.

Zum anderen scheute Bell sich nicht, den wechselnden Strömungen der Selbstverortung der Intellektuellen und Bewohner der akademischen Welt zu widersprechen. Eine seiner Konstanten über ein langes Leben hinweg war die kompromisslose Ablehnung des Kommunismus und der Mitläufer, die diese Bewegung zeitweilig fand. Von den frühen Tagen im City College weg vertrat er einen prononciert anti-kommunistischen Standpunkt, war in den 50er Jahren im Congress for Cultural Freedom tätig, arbeitete 1956/7 für den Congress in Paris und scheute in den heißen 60er Jahren Debatten mit den Studenten nicht. Seine fundierte Kenntnis der Werke von Marx, den er im deutschen Original las, und anderen Marxisten machten es ihm leicht, die Illusionen der rebellierenden Jugendlichen und deren ältere Mentoren mit dem, was ihre Heroen schrieben, zu konfrontieren. Bells Beitrag über Sozialismus in der 1968 erschienenen "International Encyclopedia of the Social Sciences" ist diesbezüglich ein immer noch lesenswerter Text. Seine klare politische Haltung machte ihn, bei vom Neomarxismus beeindruckten Zeitgenossen nicht gerade beliebt, was zur geringen Rezeption seiner Werke in der Soziologie wohl auch beigetragen haben wird.

1997 gründete er das "Committee on Intellectual Correspondence" und edierte gemeinsam mit Wolf Lepenies mehrere Jahre hinweg die Zeitschrift Correspondence, die bis 2003 erschien. Daneben schrieb er zu den Neuauflagen seiner drei Hauptwerke lange Nachworte, in welchen er sowohl auf die Kritiken einging, die die Bücher erfuhren, aber auch die jeweilige weitere Entwicklung porträtierte. Er wäre lohnenswert, diese Reflexionen gesammelt als Buch herauszubringen.

Bell war wohl der letzte jener Intellektuellen-Gelehrten, die Wissenschaft, Politik und Journalismus in gelungener Form vereinten. Wie seine Freunde und Mitstreiter Raymond Aron und Ralf Dahrendorf fanden diese "middle of the road"-Kritiker der gegenwärtigen Gesellschaft in der Soziologie weniger Resonanz als ihnen zusteht und der Soziologie gut tun würde.

Christian Fleck

 

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