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In memoriam Volker Wittke

(1. Juni 1957 – 30. August 2012)

Nachruf von Prof. Dr. Gary Herrigel
[KZfSS, 64, 2012: 839-842]

Ich habe Volker Wittke seit 1988 gekannt. Wir haben uns zum ersten Mal am SOFI getroffen, als ich für einen Forschungsaufenthalt am Institut war. Wirklich befreundet haben wir uns aber erst in den letzten 15 Jahren, als wir gemeinsame Forschungsprojekten gemacht haben.

Volker und ich haben uns für soziale und politische Veränderungen aufgrund von Wandlungsprozessen in der industriellen Welt interessiert und solche Veränderungsprozesse begleitet. Wir wollten beide verstehen, wie Arbeit, Produktion und Industrie demokratisiert werden können und welche Möglichkeiten es gibt, entstehende Verhältnisse und Governance-Architekturen in eine demokratische, mitbestimmende Richtung zu schieben. Unsere Fragestellung war sehr breit angelegt. Wir haben uns für sozialen und industriellen Wandel zunächst in Deutschland und in den USA interessiert. Als uns klar wurde, dass die Wandlungsprozesse, die wir beobachteten, tatsächlich global eingebettete Prozesse waren, haben wir viel in Mittelost-Europa und China geforscht. In dieser Zusammenarbeit, begleitet durch zahllose Gespräche über Produktion, Industrie, Gewerkschaften, Unternehmen, Demokratie, Mitbestimmung, Institutionen und Governance, ist mein Respekt und meine Bewunderung für das außerordentliche Fachwissen und die analytische Scharfsinnigkeit von Volker Wittke immer mehr gewachsen.

Volker Wittke war ein Industriesoziologe par excellence. Er hat sich immer sehr gefreut, Interviews im Feld mit Experten zu führen. Er hatte eine unheimliche Neugier. Er wollte nicht nur leidenschaftlich bis ins letzte Detail wissen, wie ein Betrieb funktioniert, er wollte auch wissen, wieso es so und nicht anders funktioniert. Am Ende unserer Interviewbesuche waren unsere Gesprächspartner häufig erschöpft. Aber sehr viele haben uns gesagt, dass ihnen das Gespräch mit uns unheimlich Spaß gemacht hat, weil sie selten die Gelegenheit haben, ihre eigene Tätigkeit von so vielen unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Das war vor allem ein Kompliment für Volker Wittke. Er war ein neugieriger, aktiver, ja richtig leidenschaftlicher Beobachter von sozialem Handeln und sozialen Verhältnissen. Ich habe selber unheimlich viel durch unsere gemeinsamen Interviews gelernt – und zwar einfach nur durch meine Bemühungen, mit Volker Schritt zu halten. Ich will nicht sagen, dass ich nutzlos in diesen Feldbesuchen und Interviews war, auch ich hatte eine Rolle in unser Team. Volker war der sachliche, sehr informierte deutsche Soziologe, der sich sehr für Details und empirische Vollkommenheit interessierte, und ich war der etwas zerstreute, auf allgemeine Richtungen und Tendenzen orientierte, aber auch manchmal sehr nutzvoll „blöde“ Amerikaner, der fragen stellen durfte, die ein so gut informierter und sachlicher deutscher Professor so nicht hätte stellen können.

Volker Wittke war wirklich ein Soziologe mit Leib und Seele. Er wollte einfach wissen, wie soziale Verhältnisse und Systeme funktionieren, wie Machtkämpfe entstehen – im Großen und im Kleinen. Offenbar ist er schon immer so gewesen. Er ist im niedersächsischen Rothenburg geboren und aufgewachsen. Seine Eltern waren weder Intellektuelle noch hoch gebildet, obwohl sein Vater eine erfolgreiche Karriere als Kreisbeamter im Rothenburger Raum gemacht hat. Als Junge musste er gegen elterliche Ambivalenzen kämpfen, damit er ein Abitur machen und dann an der Universität studieren konnte. Die Eltern verstanden nicht wirklich, was das eigentlich bringen würde. Volker Wittke konnte jedoch nicht anders. Seine Neugier, seine Liebe für das Lernen, seine Leidenschaft, die Welt zu beeinflussen zu wollen, gingen einfach über die Grenzen eines Realschulbesuchs und einer Berufsausbildung, d.h. in den Grenzen der Vorstellungen seiner Eltern hinaus.

Volker Wittke wurde an der Universität Göttingen ein sehr gut ausgebildeter Soziologe. Er hat Marx, Weber, Simmel und die Frankfurter Schule mit großer Sorgfalt gelesen. Er hat auch immer sehr historisch gedacht und sehr viel zur Geschichte gelesen. Meiner Meinung nach hätte er auch ein bisschen mehr die Franzosen und Amerikaner lesen sollen, vor allem die amerikanischen Pragmatisten. Aber letztlich war Volker Wittke nicht so sehr sozialtheoretisch orientiert. Ihm ging es nicht darum, Theoriebildung zu betreiben, ihm ging es vielmehr darum, Möglichkeiten für mehr Demokratie und Mitbestimmung zu identifizieren. Er ging als Wissenschaftler sehr induktiv und pragmatisch vor. Er lernte die Welt durch seine Interviews und seine Forschung kennen und wollte dadurch zugleich auch die reale Welt etwas beeinflussen. In dieser Hinsicht hat er sehr in der Tradition des SOFI-Instituts gearbeitet und deswegen konnte er auch das Institut mit so viel Überzeugung für viele Jahre leiten.

Ein letztes Wort über Volker Wittke als mein Kollege und als Soziologe, bevor ich auch etwas über ihn als Mensch sagen möchte. Eine große Stärke von Volker Wittke war, dass er ein begnadeter Redner war. Er konnte hervorragende Vorträge und Präsentationen halten und dies angemessen in ganz unterschiedlichen Kontexten. Häufig waren diese Kontexte eher akademisch, aber das war bei weitem nicht immer der Fall. Zum Beispiel hat Volker Wittke all die Jahre regelmäßig Vorträge für Gewerkschafter und Betriebsräte in verschiedenen Industriezweigen gehalten. Sein besonderes Talent war, eine gute Balance in der kritischen Reflektion zwischen betrieblicher und gewerkschaftlicher Arbeitspolitik zu finden und zugleich Solidarität zu zeigen. Er versuchte immer die industriepolitische Lage sehr sachlich, objektiv und realistisch darzustellen und daraus dann die Handlungsmöglichkeiten und Potenziale für mehr Demokratie und Mitbestimmung zu identifizieren. Die Hoffnung auf bessere Verhältnisse, die Unzufriedenheit mit Unrecht und Ungleichheit und seine leidenschaftlichen empirischen und analytischen Bemühungen, die soziale und politische Welt besser zu verstehen, haben seine Arbeit immer geprägt.

Volker Wittke war nicht nur als Soziologe zu bewundern, er war auch ein sehr bemerkenswerter Mensch. Er hat heldenhaft und fast in einer übermenschlichen Art und Weise gegen seine Krankheit, den Krebs, über 10 Jahre lang gekämpft. Seine Strategie war ganz einfach: Er ließ sich durch seine Krankheit von seinem Interesse am Weiterleben nicht ablenken. Volker fokussierte auf „Leben“ und er hat leidenschaftlich gelebt – für seine Arbeit, mit seiner Frau und seinen Freunden. Trotz sehr vieler und sehr schwerer Therapien und Operationen versuchte er immer, so schnell wie möglich wieder bei der Arbeit und seinen Freunden zu sein.

In nicht überraschender Weise war Volker Wittke auch bei seiner Krankheit sehr analytisch. Er hat mir einmal erzählt, dass er eine Kaizen-Analyse von seinem eigenen Genesungsprozess nach einer Operation gemacht hat. Ihn störte es, dass es nach einer Operation, bei der eine Metastase aus sein Bein entfernt wurde, fast 10 Tage gedauert hat, wieder ordentlich gehen zu können und am Arbeitsplatz zu sein. Seine Meinung nach wurde die Sequenz zwischen im Bett legen müssen, mit Krücken und dann ohne Krücken gehen zu können, unnötigerweise dadurch verlängert, weil ihm die Klinik die Krücken erst drei Tage nach der OP zur Verfügung gestellt hat. Er meinte, dass ein Tag im Bett reicht und dass, wenn man früher mit den Krücken anfängt, die Genesung dann auch schneller geht. Die nächsten Male, wenn Tumore entfernt wurden, bestellte er die Krücken extra früh und betonte, dass sie schon in Zimmer sein sollen, wenn er aus der OP kommt. Das Resultat war, dass er nun tatsächlich innerhalb von vier Tagen in der Lage war, wieder fast ohne Krücken gehen zu können. Innerhalb von sechs Tagen war er wieder bei der Arbeit.

Volker Wittke hat in vielen Hinsichten seine besondere soziologische Beobachtungsfähigkeit und seinen analytische Scharfsinn angewendet, um den Kampf gegen seinen Krebs zu optimieren. So erkannte er, dass die Dezentralisierung von Spezialisten und Spezialfeldern von Kliniken häufig für die Entscheidung über weitere therapeutische Behandlungsmöglichkeiten nachteilig sind. Deshalb hat er relativ früh in seiner Krankheit angefangen, eine Powerpoint-Präsentation zu machen, die die Geschichte seiner Behandlung ausführlich dokumentiert. Immer wenn er zu einem neuen Spezialisten ging, packte er als Erstes seinen Laptop aus und trug dem Arzt die Geschichte seiner Krankheit vor. Er ist dafür von vielen Ärzten sehr gelobt worden und häufig hat er mit ihnen lange Gespräche geführt, nicht nur über seine Krankheit, sondern auch darüber, wie Erkenntnisfragmentierung in hochkomplexen Systemen überwunden werden könnte. Er war also kein herkömmlicher Patient. Wie bei seiner industriesoziologischen Forschung hat er das deutsche Gesundheitssystem analysiert und dabei immer nach Möglichkeiten für Verbesserungen geschaut. Das war einfach ein Reflex von Volker Wittke – eine innerliche Leidenschaft und der Glaube daran, dass Hemmnisse mit Verstand und analytischem Engagement verringert werden können.

Volker Wittke wollte trotz seiner lang währenden und harten Krankheit mit Leidenschaft leben. Er war zutiefst davon überzeugt, dass Begeisterung für Leben, Arbeit und seine Freunde die beste Abwehr gegen Krebs sind. Das war keine verzweifelte Ablenkungsstrategie, sondern das war einfach Volker. Und bis zum letzten halben Jahr vor seinen Tod, als seine Krankheit richtig aggressiv wurde, konnte ihm auch keiner sagen, dass seine Einstellung falsch war.

Volker Wittke lebte mit Leidenschaft und er wollte in der Welt mit seiner Arbeit und Tätigkeit etwas bewegen. Aber er war dabei kein Egoist, sondern ein Fürsorger – im Großen wie im Kleinen. Als Gastgeber, zum Beispiel, hat er sich immer sehr sympathisch an die Bedürfnisse und eigenartigen Eigenschaften seiner Gäste angepasst. In der Arbeit und im Beruf nahm er immer sehr viel Verantwortlichkeit auf sich. Das war so auf unseren gemeinsamen Forschungsreisen, die er immer bis ins kleinste Detail sorgfältig für uns plante. Und das war auch oft als SOFI-Direktor so, wo er sich immer sehr viel in die verschiedenen Forschungsprojekte hineindachte und auf unterschiedliche Weise mit dazu beigetragen hat, dass die Projektteams Erfolg hatten. Das galt auch für seine Studierenden; er war immer sehr gut vorbereitet und bereit, mit ihnen sehr ausführlich über ihre Arbeiten zu diskutieren. Für mich war diese fürsorgliche Eigenschaft von Volker Wittke auf unser Reisen nicht immer nur eine Freude, manchmal wollte ich mehr Spontanität. Wie er war, konnte er auch das verstehen und hat sich selbst gebremst. Er ließ mich dann etwas was organisieren; und das war nicht immer eine Freude für ihn.

Das menschliche Leben ist immer durch ein Geben und Nehmen geprägt. Volker Wittke's Reflex war immer, sehr viel zu geben. Doch er bekam auch etwas dafür zurück. Er war sehr beliebt und respektiert in der Scientific Community, am Arbeitsplatz, bei seinen Studierenden, und er lebte in einer sehr liebesvollen Gemeinschaft von Freunden, sowohl in Goettingen als auch in Hamburg. Ich war als immer wieder erscheinender Gast ständig verblüfft, wie mein intensiv auf Arbeit fokussierter Freund zu einem lustigen und lieben Typ unter seine Freunden am Wochenende wurde. Selbstverständlich galt die stärkste Liebe seiner Frau (Heike Freriks). Volker Wittke hat an vielen Arbeitstagen völlig vergessen, vernünftig zu essen, aber meines Wissens war nie ein Tag so voll, dass er vergaß, seine Frau anzurufen. Die Liebe ist ein entscheidendes Element des menschlichen Lebens. Es ist die Fähigkeit, tiefe emotionale Verbindung sowohl zu geben als auch zu akzeptieren. Volker Wittke hat eine solche Fähigkeit immer gehabt, aber ihre Bedeutung wurde ihm während seiner Krankheit immer deutlicher und bewusster. Und aus ihr kamen seine unwahrscheinliche und beispielgebende Kraft und sein Mut im Kampf gegen seine Krankheit, für seine Frau und Freunde sowie für seine Arbeit, das SOFI und die Wissenschaft.

Gary Herrigel

 

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