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Nachruf von Prof. Dr. Renate Mayntz und Prof. Dr. Uwe Schimank
[KZfSS, 51, 1999: 186-192]
Niklas Luhmann: Die Person
Niklas Luhmann ist gegangen wie jener legendäre chinesische Maler, den die bewundernden Betrachter immer mehr sich in seinem eigenen Bild entfernen und am Ende ganz darin verschwinden sahen. Luhmann hat immer den Eindruck vermittelt, er trachte nach seinem Werk und nicht nach seinem Glück. Und dieses Werk ist ihm gelungen: Was er sich nach eigener Aussage vor mehr als 30 Jahren vorgenommen hatte, eine Theorie der Gesellschaft zu entwerfen, hat er mit seinem letzten großen Buch, der Gesellschaft der Gesellschaft, vollendet. Welcher Wissenschaftler konnte je am Ende seines Lebens Ähnliches von sich sagen?
Luhmanns wissenschaftliches Werk, in seiner Kombination von Umfang und Geschlossenheit kaum überbietbar, wird überdauern - ganz unabhängig davon, ob spätere Generationen ihn wirklich für "den bedeutendsten Soziologen dieses Jahrhunderts" (Jürgen Kaube in der FAZ vom 12.11.1998) halten werden. Nicht weil er es darauf absah, sondern durch die Überzeugungskraft seiner eigenen Insistenz und die intellektuelle Anziehungskraft seines Schritt für Schritt entwickelten Theoriegebäudes hat Luhmann eine eigene Denkrichtung, eine Schule begründet. Er hat zahlreiche Adepten, Nachfolger, Fortführer und Interpreten gefunden. Nach seinem Tod am 6. November 1998 bemühen sich viele von ihnen, sein Werk zu kommentieren und zu würdigen. Mein Gedenken gilt dagegen vor allem dem Menschen Niklas Luhmann, dem Kollegen aus der gleichen Soziologengeneration, der auch Habermas, Lepsius, Dahrendorf und ich selber angehören.
Anders als in seiner Beziehung zu Jürgen Habermas verband mich keine intellektuelle Auseinandersetzung mit Niklas Luhmann. Zwar habe ich schon 1965 sein erstes Buch, Funktion und Folgen formaler Organisation, und in der Folge auch Zweckbegriff und Systemrationalität besprochen, aber zu einer länger andauernden theoretischen Debatte, aus der beide Partner gelernt hätten, kam es zwischen uns nicht. Zu verschieden waren letztlich unsere grundsätzlichen Erkenntnisinteressen. Luhmann war zwar, was vor allem in seinen frühen Publikationen deutlich wird, ein hervorragender Beobachter alltäglicher Vorgänge, und er konnte, was er sah, unübertrefflich, knapp und schon früh mit einer sichtbaren Vorliebe für paradoxe Formulierungen benennen - man denke etwa an 'brauchbare Illegalität' und die 'Vordringlichkeit des Befristeten'. Aber sein Interesse galt vor allem der Identifikation genereller Prinzipien - von Kontingenz und Komplexitätsreduktion, Selbstreferenz, struktureller Koppelung und Autopoiese. An konkreten Gegenständen wollte er das Operieren dieser Prinzipien, die Anwendbarkeit seiner analytischen Kategorien aufzeigen, und nicht die empirische Varianz in ihrem Wirksamwerden.
Auf den ersten Blick gibt es eine gewisse Entsprechung zwischen Person und Werk von Niklas Luhmann. Er erschien vielen als asketisch, die lebendige Abstraktion, von der materiellen Basis abgehobener, verselbständigter Überbau. Die zentrale Rolle, die Luhmann der - nicht so sehr verständigungsorientierten als vielmehr medial aufgefassten - Kommunikation in seiner Theorie zuwies, passt zu diesem Eindruck. Aber solche Eindrücke sind oberflächlich. Luhmann war auch neugierig auf Erfahrungen, die nicht primär intellektueller Natur waren, und dazu gehörten nicht nur Kontakte mit Künstlern und Reisen in andere Länder; vielmehr war Luhmann auch bereit, Aufgaben zu übernehmen und Rollen zu spielen, die schlecht zu dem Bild passen, das man sich inzwischen allgemein von ihm macht. In diese Kategorie der unwahrscheinlichen Möglichkeiten fällt z.B., dass Niklas Luhmann eine Aufgabe als politischer Berater übernimmt oder eine empirische Untersuchung durchführt. Und doch ist beides geschehen. Die hohe Unwahrscheinlichkeit der Tatsache, dass Luhmann mit mir zusammen eine empirische Untersuchung durchführen und sich so auf eine in seiner wissenschaftlichen Laufbahn wohl einmalige Art der Kooperation einlassen sollte, mag es rechtfertigen, auf diese Episode etwas ausführlicher einzugehen.
Den Auftrag zur Durchführung dieser Untersuchung erhielten wir von der beim Bundesinnenministerium angesiedelten Studienkommission für die Reform des öffentlichen Dienstrechts, die von 1970 bis 1973 existierte und der wir beide als wissenschaftliche Berater angehörten. Luhmann empfahl sich für diese Beraterrolle als Jurist mit acht Jahren Verwaltungserfahrung (1954-1962), der außerdem drei Jahre am Forschungsinstitut der Hochschule für Verwaltungswissenschaften tätig gewesen war (1962-1965) und 1966 eine Theorie der Verwaltungswissenschaft veröffentlicht hatte. Die Untersuchung sollte auf der Basis einer Primärdatenerhebung Aussagen über die Anreizwirkung der Merkmale des öffentlichen Dienstes zu machen erlauben. Das Ergebnis der 1971/72 durchgeführten Untersuchung wurde 1973 unter dem Titel Personal im öffentlichen Dienst - Eintritt und Karrieren veröffentlicht und ist vermutlich die am seltensten zitierte von allen Publikationen in Luhmanns langer Bibliographie. Obwohl Luhmann, genauso wie ich selber und unsere Mitarbeiter Rainer Koch und Elmar Lange, Teile des Textes verfasste, ist diese Herkunft, ist die besondere Sprache Luhmanns nirgends sichtbar - wie die Untersuchung denn auch weder erkennbar von einem systemtheoretischen Ansatz befruchtet noch für die Weiterentwicklung von Luhmanns Systemtheorie fruchtbar wurde.
Dabei war Luhmanns Mitwirkung an dieser Untersuchung, für die eine umfassende Erhebung unter Angehörigen des öffentlichen Dienstes sowie Tests in Schulabgängergruppen durchgeführt wurden, alles andere als bloß symbolisch. Luhmann nahm an der Entwicklung des standardisierten Fragebogens teil, führte selber die Verhandlungen über die Erhebung mit Emnid, überlegte die Auswahl von Items für die benutzten Persönlichkeitstests und hockte gemeinsam mit uns über Stapeln von ausgedruckten Tabellen. Wohl wunderte er sich lauthals darüber, "dass Mist misst", aber er übte keinerlei methodologische Fundamentalkritik und erledigte zuverlässig, wenngleich ohne Begeisterung die Aufgaben, die er übernommen hatte. Nur einmal leuchtete so etwas wie intellektuelle Genugtuung bei ihm auf, nämlich als er fand, dass das Konzept der Komplexitätsreduktion sich für die Interpretation eines bestimmten Zusammenhangs nutzen ließ.
Luhmanns Neugier auf neue Erfahrungen mag ihn auch veranlasst haben, 1972 die Einladung der van Leer Foundation zur Teilnahme an einer Studienreise deutscher Sozialwissenschaftler durch Israel anzunehmen. Eher still und bereit, sich einzuordnen, nahm er an dem recht anstrengenden Programm teil. Nie kam es vor, dass die Gruppe etwa auf Luhmann warten musste, nie spielte er sich bei den Diskussionen mit israelischen Gastgebern in den Vordergrund, nie gab es von ihm Wünsche auf Programmänderung. In seiner Theorie mag Kooperation keine besondere Rolle spielen, aber im täglichen Leben war Luhmann kooperativ.
Dies mag in einem gewissen Gegensatz zu seiner Kompromisslosigkeit in der verbalen Kommunikation über theoretische Gegenstände stehen. Ich weiß nicht, wie Luhmann als akademischer Lehrer war, aber ich habe bei anderen Gelegenheiten erlebt, dass er einem fremden Publikum seine für den Nicht-Luhmannianer nicht eben leicht eingängigen Gedankengänge ohne den Versuch einer Ein- und Hinführung präsentierte. Lebhaft erinnere ich mich in diesem Zusammenhang eines Vortrags, den Luhmann Anfang der 80er Jahre an der Stanford University hielt, und auf den die (durchaus "namhaften") amerikanischen Kollegen neben mir, derart unvermittelt mit Überlegungen zu basaler Geschlossenheit und Selbstreferenz konfrontiert, mit ungläubigem Staunen und umfassendem Unverständnis reagierten. Diese intellektuelle Intransigenz äußerte sich aber niemals als Arroganz, und sie war auch kein Zeichen für jene Art von Selbstbezogenheit, die das menschliche Gegenüber, seine Bedürfnisse und seine Gefühle einfach nicht sieht. Im Gegenteil. Allen von ihm betonten Grundsatzproblemen des Beobachtens zum Trotz: Luhmann war anderen Menschen gegenüber ein aufmerksamer und sensibler Beobachter, und er ließ sich von seinen Beobachtungen auch in seinem Handeln leiten. Am besten wird das seine viel zu früh verstorbene Frau, werden es seine Kinder wissen, aber auch ich habe es in der Zeit, in der wir uns häufiger sahen, vielfach erlebt - in vertraulichen Gesprächen über Familiäres während der Autofahrt nach Oerlinghausen bzw. von da nach Bielefeld, oder wenn Luhmann, dem ich nebenbei von Rückenschmerzen erzählt hatte, mir von da ab stillschweigend aber bestimmt die schwere Tasche aus der Hand nahm.
Nach der Periode enger Kooperation im Rahmen der Studienkommission für die Reform des öffentlichen Dienstrechts sahen wir uns seltener. Nun schien Luhmann den Kontakt mit meinem Mann, dem Maler Hann Trier anregender zu finden, ging mit ihm in Köln durch Galerien, schickte ihm Texte von sich und schrieb gar einen für einen Ausstellungskatalog. Zwar nahm Luhmann an dem 1985 von mir im Rahmen des neuen Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung eingerichteten Gesprächskreis zu einer Theorie sozialer Differenzierung teil, aber die Diskussionen dort hinterließen keine Spur in seinem zu jener Zeit in allen Grundentscheidungen bereits festliegenden Theoriesystem. Nachdem Luhmann durch die Auseinandersetzung mit Talcott Parsons, bei dem er 1961/62 in Harvard studierte (zu welchem Zweck er sich eigens von seiner Verwaltungstätigkeit beurlauben ließ), zur Ausarbeitung einer eigenen Systemtheorie motiviert worden war, scheint er Anregungen ganz allgemein eher von Literaten, Philosophen oder gar Naturwissenschaftlern als von Fachkollegen, und zumal von empirisch arbeitenden Sozialwissenschaftlern erhalten zu haben. Zumindest in jüngster Vergangenheit entspricht dem das Interesse, das seinem Werk auch in anderen als sozialwissenschaftlichen Fachgebieten entgegengebracht wird - und das wieder entspricht dem auf Identifikation von Grundprinzipien zielenden, wenn man will essenzialistischen Charakter von Luhmanns Erkenntnisinteresse. Es mag daher durchaus nicht abwegig scheinen, wenn in der FAZ vom 18.11.1998 gefragt wird, ob Luhmann überhaupt Soziologe oder nicht vielmehr Dichter war. Jedoch - um Dichter zu sein, war Luhmann viel zu sehr um Erkenntnis bemüht, und sei es die Einsicht in die prinzipielle Nichtbeobachtbarkeit von Welt. Und wenn man ihn gleichwohl nicht als Soziologen bezeichnen will, dann weil er sehr viel mehr war als nur das - ein geisteswissenschaftlich, historisch und philosophisch gebildeter Gelehrter.
In den letzten Jahren wirkte Luhmann zunehmend als rein geistige Präsenz – und zeigte dennoch, ehe er erkrankte, andeutungsweise ein paar epikuräische Züge. Seine häufiger werdenden Aufenthalte in Italien und zumal Süditalien mögen dies eher manifestieren als dass sie es bewirkt hätten. Hier allerdings bewege ich mich, noch mehr als bei den auf frühere Perioden bezogenen Erinnerungen, im Bereich höchst subjektiver Interpretation, ja unverantwortlicher Spekulation. Allerdings ohne schlechtes Gewissen: Luhmann selbst hätte sicher auch eine große Diskrepanz zwischen meiner Fremd- und seiner Selbstwahrnehmung hingenommen, würde er doch Nietzsche zugestimmt haben, dass unser Bewusstsein von Wirklichkeit nun einmal „kaum ein anderes ist, als es die auf Leinwand gemalten Krieger von der auf ihr dargestellten Schlacht haben“. Aber wie bruchstückhaft und vielleicht sogar verzerrt die Erinnerung der ihm freundschaftlich verbundenen Kollegen an Niklas Luhmann auch immer sein mag: Wir vermissen den Menschen, auch wenn sein Werk uns bleibt.
Renate Mayntz
Niklas Luhmann: Das Werk
Mit Niklas Luhmann verstarb am 6. November 1998 einer der bedeutendsten Theoretiker, den die Soziologie bisher hervorgebracht hat. Dass er im Laufe eines fast vierzigjährigen Schaffens mindestens ebenso viel vehemente Ablehnung wie enthusiastische Zustimmung erfuhr, beweist: Man kam und kommt nicht umhin, sich mit ihm auseinander zu setzen. Er irritierte den soziologischen common sense immer wieder nachhaltig – und ob jemand sich dann im Einzelfall von Luhmanns „inkongruenten Perspektiven“ überzeugen ließ oder nicht, war für den Lerneffekt beinahe gleichgültig. Gerade wo man Luhmann nicht folgte, unterlag man einer um so größeren Begründungspflicht für die eigene Position.
Die Soziologie, zumindest in Deutschland, ist seit Mitte der sechziger Jahre nicht mehr an Luhmann vorbeigekommen. Dass es mittlerweile nahezu keinen Gesellschaftsbereich gibt, zu dem er nicht zumindest einige scharfsinnige Aufsätze vorlegte, war allerdings zunächst keineswegs absehbar gewesen – obwohl Luhmann, im Rückblick betrachtet, bei seiner schrittweisen theoretischen Aufarbeitung der sozialen Wirklichkeit äußerst zielstrebig vorgegangen ist.
Der gelernte Verwaltungsjurist, der Anfang der sechziger Jahre während eines Fortbildungsaufenthaltes in Harvard auf Talcott Parsons traf und zur Soziologie fand, widmete sich zunächst, sehr naheliegend, der Organisations- und Verwaltungssoziologie. In jener Frühphase entstand mit „Funktionen und Folgen formaler Organisation“ (1964) sein in bestimmten Hinsichten bestes Buch. Man hat Luhmann später oft – und teilweise ganz zu Recht – vorgehalten, dass er über die vielfältigen Gegenstände seiner Forschungen empirisch schlicht nicht genügend informiert sei und sie deshalb zwangsläufig häufig oberflächlich, einseitig oder fehlerhaft darstelle. Dies kann niemand behaupten, der die subtile Sachkenntnis jenes Buches auf sich wirken lässt. Es geht eine an Parsons geschulte klare systemtheoretische analytische Konstruktion mit dem feinste Interaktionsnuancen sezierenden Tatsachenblick eines Erving Goffman eine kongeniale Verbindung ein. Ob es beispielsweise um Kollegialität oder um „Rangfragen“, um „organisatorische Fiktionen“ oder um „Zweck-Motiv-Trennung“ geht: Luhmann demonstriert sociology at its best. Hier werden empirische Phänomene in ihrer zunächst verwirrenden Vielgestaltigkeit theoretisch geordnet und auf den Begriff gebracht; aber der theoretische Formwille glättet die Empirie nicht zu einem vielleicht auf den ersten Blick eleganten, aber schnell anödenden blassen Abziehbild. Diese Leistung, Theorie und Empirie in ein lebendiges Wechselgespräch miteinander zu bringen, in dem keine der beiden Seiten die andere mundtot macht, vollbringen nur wenige Soziologen – und es gibt große Meister des Fachs wie Parsons, die das niemals geschafft haben. „Funktionen und Folgen formaler Organisation“ hat den Duktus berühmter anthropologischer Studien. Aber hier ist nicht ein Forscher von außen in eine fremde Kultur vorgedrungen; sondern einer von innen hat, was vielleicht noch schwieriger ist, seine eigene Kultur, soziologisch inspiriert, zur Kenntlichkeit verfremdet.
Dieses Gedankenspiel kam nur deshalb in Gang, weil der Betreffende sich parallel zur sachlichen Durchdringung seines Gegenstandes eine Methode schuf, die diesen auf ganz ungewohnte Weisen auseinander nahm und wieder zusammensetzte: den Äquivalenzfunktionalismus. Ähnlich konsequent wie linke kritische Geister ein paar Jahre später, kultivierte Luhmann die hohe Kunst des Hinterfragens - aber ohne immer schon vorab die Antwort zu wissen. Nicht Motive, bewusste oder unbewusste, auch nicht eingebildete oder wahre Interessen, ebenso wenig das Wesen oder Unwesen einer Sache und schon gar nicht zwangsläufig innewohnende Tendenzen erklären ihm, warum etwas so geschieht, wie es geschieht. So ist die Frage ohnehin nicht gut gestellt. Denn alles hätte nach Luhmanns tiefster Überzeugung immer auch ganz anders kommen können; und vielleicht passiert das ja auch noch, womöglich bereits im nächsten Augenblick. Die Welt ist komplex, und das Komplexe ist kontingent: weder notwendig noch unmöglich. Um diese ewig schillernde Welt des Sozialen analytisch in den Griff zu bekommen, muss man, so Luhmann, Strukturen und Prozesse auf ihre Funktionen befragen – insbesondere die latenten, die auch schon Robert K. Merton besonders am Herzen gelegen hatten. Dabei stellt sich dann hinsichtlich jeder dieser Funktionen heraus, dass die betreffende Struktur oder der jeweilige Prozess auch durch eine begrenzte Menge von Alternativen substituierbar gewesen wäre. Nichts muss zwangsläufig existieren, um einen unersetzlichen Beitrag zum Weltgeschehen zu leisten. Freilich löst der Äquivalenzfunktionalismus Sozialität keineswegs in Beliebigkeit auf. Zum einen ist das Feld denkbarer Alternativen, wie gesagt, begrenzt. Zum anderen, und wichtiger noch, stellt sich bei genauerem Hinschauen oftmals heraus, dass unter den gegebenen Umständen, beispielsweise den Kräfteverhältnissen widerstreitender Interessen oder den Kompatibilitätszwängen, die andere Strukturen und Prozesse ausüben, die realisierte Alternative als einzig realistische erscheint.
Ist der Äquivalenzfunktionalismus also letztlich eine erzkonservative Apologie des Bestehenden, dessen anfängliches Alles-in-Frage-stellen nur einen rhetorischen Trick darstellt, um die Überzeugungskraft der eigenen Argumentation zu stärken? Aber auch als Herausarbeitung von zunächst nur denkbaren anderen Möglichkeiten schaffen die äquivalenzfunktionalistischen Analysen sozialer Strukturen und Prozesse Einsichten, die als „soziologische Aufklärung“ zukünftiges Handeln, das die Strukturen und Prozesse trägt oder eben auch nicht, nicht unberührt lassen. Luhmann war alles anderes als ein absichtsvoller Gesellschaftsveränderer – aber dass er dies mit seiner Theoriearbeit, ob er wollte oder nicht, ohnehin immer betrieb, ohne es allerdings steuern zu können, war ihm stets gewärtig. Das unterschied ihn gerade Ende der sechziger Jahre von jenen, die alles verändern wollten und dabei gar nicht bemerkten, wie vieles sie tatsächlich veränderten. Kein Wunder, dass ihnen so manches gründlich missglückte – wogegen Luhmann den „Status Quo als Argument“ anführte.
Das galt keineswegs bloß und nicht einmal in erster Linie den rebellierenden Studenten, sondern ebenso jenen, die den Staat auf eine „aktive Politik“ – so die griffige Formel von Renate Mayntz und Fritz Scharpf – verpflichten wollten. Schon aus Luhmanns damaligen Überlegungen zur politischen Planung ist jene Skepsis herauszulesen, die er später mit differenzierungstheoretischen Überlegungen präzisiert und radikalisiert hat. Die Politik ist nicht der Lenker der Gesellschaft, sondern kommt sich allenfalls zu ihrem eigenen und bisweilen auch zu unser aller Unglück so vor. Für Luhmann ist die Politik nur ein gesellschaftliches Teilsystem neben anderen, gesamtgesellschaftlich nicht bedeutsamer und nicht gestaltungsmächtiger als beispielsweise die Massenmedien oder das Gesundheitswesen.
Ebenso wie der Politik misstraute er der Moral, und am meisten dann natürlich einer politisierten Moral, wie sie sein großer damaliger Gegenspieler Jürgen Habermas propagierte. Moral hieß für Luhmann immer nur, dass sich Menschen hemmungslos über das Verhalten anderer ereifern: eine einzige, nicht enden wollende Drangsaliererei von den barbarischen frühmodernen Religionskriegen bis zu den Auswüchsen der „political correctness“ an den heutigen Universitäten. Luhmanns Anti-Moralismus blieb fast durchgängig herablassend-spöttisch, weil er sich letztlich der Bedeutungslosigkeit moralischer Urteile und Stimmungslagen in der heutigen Gesellschaft ziemlich gewiss war. Eine durchsetzungsfähigere, die Individualität des Einzelnen und die Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Teilsysteme ernsthaft gefährdende Moral, wie sie in anderen Weltregionen neuerdings etwa als islamischer Fundamentalismus auftritt, hätte in diesem Anti-Moralismus freilich – so paradox es klingt – die moralische Emphase entfacht. Sich keinerlei moralische Zumutung gefallen lassen zu müssen: Das war Luhmanns moralisches Credo.
Die Auseinandersetzung mit Habermas machte Luhmann zum Sozial- und Gesellschaftstheoretiker – und gleich zum führenden dazu, der fortan die deutsche soziologische Szene beherrschte. Anfang der siebziger Jahre lagen eigentlich erst wenige, aber allesamt wohl durchdachte und theorieprogrammatisch weit reichende Aufsätze Luhmanns zur allgemeinen Soziologie und zur Gesellschaftstheorie vor – die wichtigsten davon in der Aufsatzsammlung „Soziologische Aufklärung“ (1970 ) zusammengetragen. Klar war bereits zu jenem Zeitpunkt, dass Luhmann sich dasselbe Ziel gesteckt hatte wie Parsons: die Ausarbeitung einer fachuniversellen Theorieperspektive, die vieles Bisherige zusammenführen und mit Hilfe außerdisziplinärer Anregungen auf ein höheres Niveau heben sollte. Als entscheidende Inspirationsquellen dienten Luhmann vor allem die phänomenologische Philosophie und die „general systems theory“, die er in seinem Konzept sozialer Systeme als sinnverarbeitender Handlungszusammenhänge höchst originell integrierte. Damit ist die zweite Gemeinsamkeit mit Parsons genannt: die systemtheoretische Herangehensweise an soziale Wirklichkeit im Gegensatz zu überlieferten handlungstheoretischen Perspektiven. Während Parsons sich diesen Zugang noch mühsam erarbeitet hatte, fiel er Luhmann – in dieser Hinsicht auf dessen Schultern stehend – gleichsam in den Schoß. Von Anfang an markierte Luhmann allerdings dann auch entschiedene Differenzen gegenüber Parsons. Dass soziale Systeme nicht nur Konstrukte eines „analytischen Realismus“ sind, sondern es sie wirklich gibt; dass ein lockerer induktiver Funktionalismus weiterführt als das AGIL-Schema; dass der Strukturfunktionalismus durch eine „funktional-strukturelle“ Betrachtungsweise ersetzt werden muss: Dies sind einige schon früh gesetzte Kontrapunkte, die Luhmanns Theorieprogramm von Anfang an als eigenständige Alternative gegenüber dem von Parsons positionierten.
Nachdem Luhmann somit Anfang der siebziger Jahre endgültig aus seiner ursprünglichen Domäne der Organisationsforschung, Verwaltungswissenschaft, politischen Theorie und Rechtssoziologie herausgetreten war, stürzte er sich in den folgenden fünfundzwanzig Jahren auf nahezu alle gesellschaftlichen Teilbereiche und baute – man könnte beinahe sagen: nebenbei – seine allgemeine Theorie sozialer Systeme weiter aus und dabei auch radikal um. Eine auch nur einigermaßen um Vollständigkeit bemühte Chronologie dieser Schaffensphase würde den hier gesetzten Rahmen hoffnungslos sprengen. Als Gesellschaftstheoretiker behandelte Luhmann in zahllosen Aufsätzen und einer Reihe von umfangreichen Büchern fast alle Teilsysteme der modernen Gesellschaft. Bücher erschienen zu Religion, Recht, Erziehung, Intimbeziehungen, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Massenmedien. Darüber hinaus widmete sich Luhmann in stark historisch angelegten Studien der „gepflegten Semantik“ der modernen Gesellschaft, also teils teilsystemspezifischen, teils auch teilsystemübergreifenden kulturellen Leitideen. Das 1997 erschienene Buch „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ war dann das Opus magnum des Gesellschaftstheoretikers Luhmann. Hier bündelte er seine Perspektive in vier vielfältig ineinander verflochtene Theoriestränge: der Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien, der Evolutionstheorie, der Theorie gesellschaftlicher Differenzierung und der Theorie gesellschaftlicher Selbstbeschreibungen. Dieses Buch zu schreiben hatte sich Luhmann 1968, als er an der neu gegründeten Bielefelder Fakultät für Soziologie Professor wurde, als Lebensziel formuliert. Zuverlässig, wie er war, lieferte er es schließlich ab.
Seit Anfang der achtziger Jahre schob sich sowohl in Luhmanns gesellschaftstheoretischen Arbeiten als auch in seiner allgemeiner Sozialtheorie eine Gruppe von Begriffen immer stärker in den Vordergrund, die einen grundlegenden Umbau seiner Theorieperspektive ausdrückten: „Selbstreferentialität“, „operationale Geschlossenheit“, „binäre Codes“, „strukturelle Kopplung“ und andere mehr. Als Oberbegriff all dessen fungierte „Autopoiesis“. Der zunächst untergründig eingeführte, aber dann in dem Buch „Soziale Systeme“ (1984) entschieden vollzogene theoretische Bruch ist so tiefgehend, dass man mit Recht vom „alten“ und „neuen“ Luhmann sprechen kann. Er ist zwar Systemtheoretiker geblieben; doch soziale Systeme sind für Luhmann nun nicht mehr vorrangig durch ihre Differenz zur Umwelt charakterisiert, sondern durch ihre fortwährende Selbstherstellung als operational geschlossene Sinnzusammenhänge. Umweltoffenheit bleibt ein Merkmal aller sozialen Systeme, wird aber vom ehemals Wichtigsten zum nur noch Zweitwichtigsten zurückgestuft. Damit geht einher, dass der Handlungsbegriff seine Zentralstellung einbüßt und an den Kommunikationsbegriff abgibt. Soziale Systeme gelten Luhmann nunmehr als Kommunikationszusammenhänge. Dass bestimmte Kommunikationen sich bei bestimmten Anlässen als Handlungen „ausflaggen“ – so Luhmanns Umschreibung – müssen, ist dabei zwar nach wie vor ein sehr wichtiger, aber dennoch nachgeordneter Aspekt sozialer Wirklichkeit.
Diese theoretische Wende Luhmanns hat zahlreiche Missverständnisse und einen entsprechenden Erläuterungsbedarf geweckt. Diejenigen wiederum, die Luhmann richtig verstanden haben, streiten seither heftig, und ohne dass bereits ein Ende abzusehen wäre, darüber, ob „Autopoiesis“ der Soziologie jene theoretischen Erträge einbringt, die Luhmann dafür beansprucht hat. Manche Kritiker gehen so weit, die „Autopoiesis“-Perspektive als größten soziologischen Irrweg – größer noch als den von Parsons eingeschlagenen! – zu brandmarken. Größe immerhin streitet Luhmann niemand ab. Auch Vergleiche zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel wurden immer wieder gezogen, was die einschlägigen Verdachtsmomente personifiziert auf den Begriff brachte. Abstruse Spekulationen ohne empirische Bodenhaftung, ja ein bewusstes Ignorieren nicht zur Theorie passender oder ihr gar widersprechender empirischer Evidenzen – kurz: Luhmann wurde und wird vorgehalten, die Soziologie und insbesondere die soziologische Gesellschaftstheorie in pure Sozialphilosophie zurückgeführt zu haben. Der erkenntnistheoretische Konstruktivismus, also die im Spätwerk nicht unbeträchtlichen Raum einnehmenden Überlegungen über Beobachten mit Hilfe von Unterscheidungen und die Abhängigkeit aller Erkenntnisse vom kontingenten Beobachterstandpunkt und den ebenso kontingenten gewählten Unterscheidungen, leistete einer solchen schnell als Pauschalablehnung daher kommenden Kritik nur noch Vorschub. Gerade in diesen Fragen liebte Luhmann freilich, wie alle Konstruktivisten, die Provokation; und bei genauerer Prüfung stellen sich die Differenzen etwa zum kritischen Rationalismus womöglich als gar nicht mehr so gravierend heraus.
Luhmann hätte vielleicht besser daran getan, seine Gegner nicht auf derartige Nebenkriegsschauplätze zu lenken, sondern sie dazu zu zwingen, sich mit dem Kern seiner Sozial- und Gesellschaftstheorie auseinanderzusetzen. Sie hätten dann womöglich mehrere interessante Beobachtungen gemacht. Zunächst einmal: Der „alte“ Luhmann war gar nicht so originell, wie es in den sechziger und vor allem siebziger Jahren hingestellt wurde. Ohne dies explizit zu machen, bot seine Sozialtheorie mit der Leitvorstellung einer „Reduktion von Komplexität“ letztlich nicht mehr als eine systemtheoretische Variante von Arnold Gehlens Institutionalismus. Der anthropologische Kern war überdeutlich: ein orientierungsloser Handelnder, der Erwartungssicherheit benötigt. Mit seiner Mixtur von Phänomenologie und Systemtheorie arbeitete Luhmann das in vielen Hinsichten sehr viel spezifischer aus als jeder andere, insbesondere Gehlen selbst, und konnte so auch Abstand zu dessen reaktionären Ressentiments halten. Doch wirklich neu in einem grundlegenden Sinne war das alles nicht.
Erst der „neue“ Luhmann der Autopoiesis-Perspektive legte eine Sozialtheorie vor, die so niemand auch nur im entferntesten vorgedacht hatte. Dass Sozialität aus Kommunikationen und nur aus diesen besteht, also aus strikt zeitpunktgebundenen Ereignissen, so dass sich alles darum dreht, wie aus einer Kommunikation die nächste hervorgeht: Diese Sicht auf soziale Wirklichkeit in ihren Implikationen entfaltet zu haben, ist Luhmanns größtes theoretisches Verdienst. Es ist eine Vorstellung von Sozialität, die zunächst einmal ohne Handelnde auskommt, also strikt a-humanistisch und a-subjektivistisch angelegt ist. Luhmann vermeidet so moralische Engstirnigkeiten, die einer wissenschaftlichen Theorie nur schaden können, ebenso wie das gängige handlungstheoretische Fundament von Zwecken, Motiven, Interessen und dergleichen. Handlungen, Handelnde und Personen werden erst als Phänomene einer Selbstbeobachtung der Kommunikation mittels derartiger Kategorien in die Theorie eingeführt, also nicht etwa geleugnet oder vergessen oder analytisch ausgeblendet, sondern als Fiktionen verstanden, derer sich die Autopoiesis der Kommunikation in bestimmten Hinsichten bedient und bedienen muss. Dies ist wahrlich eine "inkongruente Perspektive“ nicht nur für das Alltagswissen, sondern auch für den akteurtheoretischen soziologischen Mainstream vom strukturfunktionalistischen und interaktionistischen Rollenmodell bis zur Rational-Choice-Perspektive.
Erst auf dieser Grundlage lässt sich gesellschaftstheoretisch jene Vorstellung über die Differenzierungsform der modernen Gesellschaft ausarbeiten, die Max Weber mit seinem „Polytheismus“ der „Wertsphären“ geahnt hatte. Luhmann vermag die Moderne differenzierungs- und evolutionstheoretisch als Emergenz einer polykontexturalen Gesellschaft zu begreifen. Selbstreferentiell geschlossene teilsystemische Kommunikationszusammenhänge evoluieren nebeneinander, zwar vielfach voneinander abhängig und durch strukturelle Kopplungen miteinander verknüpft, aber im Innersten eigen-sinnig und einander ewig fremd bleibend: In dieser Vorstellung, die erst mit Hilfe der Autopoiesis-Perspektive schlüssig formulierbar ist, lassen sich – so Luhmann – alle wesentlichen Charakteristika der Moderne, wie sie sich Zeitgenossen und soziologischen Beobachtern seit mehreren Jahrhunderten immer unübersehbarer aufgedrängt haben, theoretisch aufheben.
Akteurtheoretiker mögen Recht haben, wenn sie darauf beharren, all das auch mit Konzepten wie „Figurationsdynamiken“, „Logik der Aggregation“ und „unintendierten Effekten“ analytisch in den Griff bekommen zu können. Es mag sogar stimmen, dass nur so die Vorgänge der Genese, Reproduktion und Veränderung sozialer Strukturen ursächlich erklärt werden können. Man kann die sozialen Systeme, insbesondere die gesellschaftlichen Teilsysteme vielleicht tatsächlich als Fiktionen der Akteure rekonstruieren, also bei der Theoriekonstruktion genau den umgekehrten Weg wie Luhmann gehen. Aber bringt nicht Luhmanns systemtheoretische Lesart das Wesen der Moderne – um diese abgenutzte Formulierung schließlich doch aufzugreifen – besser zum Ausdruck als alle akteurtheoretischen Konzepte und Bemühungen? Es scheint doch kein Zufall zu sein, dass es keine gehaltvollen, das gesellschaftliche Ganze in den Blick nehmenden und dabei mehr als ein bestimmtes Phänomen – wie wichtig auch immer es sein mag – herausgreifenden soziologischen Theorien jenseits von zunächst Parsons und dann Luhmanns systemtheoretischen Anstrengungen gibt. James Colemans „asymmetrische Gesellschaft“ beispielsweise ist eine zweifellos bedeutende These, die aber Partialanalyse bleibt. Habermas‘ Vorstellung eines Gegeneinanders von „Systemen“ und „Lebenswelt“ schuldet Luhmanns Sicht der Dinge eingestandermaßen ebensoviel, wie dies uneingestandenermaßen Ulrich Becks Konzept der „Risikogesellschaft“ tut. Und die Wiederbelebung und Weiterführung der Klassiker, die sich zunächst auf Karl Marx, dann auf Weber und inzwischen auch auf Georg Simmel konzentriert hat, ist hinsichtlich des Verständnisses der modernen Gesellschaft bis jetzt noch nicht entscheidend über diese hinausgelangt – außer in den Punkten, wo die Klassiker in Richtung dessen zu präzisieren versucht worden sind, was eben Luhmann als Begleiterscheinungen und Folgewirkungen der Polykontexturalität der modernen Gesellschaft dargelegt hat.
Natürlich ist auch Luhmanns Werk noch lange nicht das letzte Wort eines soziologischen Verständnisses der Moderne. Dazu wird wohl nie ein letztes Wort gesprochen werden können. Wir sind aufgefordert, über Luhmann hinauszugehen – seine Einsichten weiter auszuarbeiten, empirisch zu prüfen, zu modifizieren und gegebenenfalls auch zu verwerfen. Dies ist in jeder Wissenschaft der Gang der Dinge, dem auch die Größten unterliegen.
Uwe Schimank
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