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In memoriam Thomas Schweizer
(24. November 1949 - 1. März 1999)

Nachruf von Prof. Dr. Karl-Heinz Reuband
[KZfSS, 51, 1999: 428-430]

Am 1.3.1999 verstarb im Alter von 49 Jahren Tho­mas Schweizer, der wichtigste Repräsentant der ana­lytisch ausgerichteten Ethnologie in Deutschland und der bedeutendste Vermittler zwischen der Eth­nologie und der Soziologie im deutschsprachigen Raum. Wie kein anderer in der Gegenwart hat er die Ethnologe, die traditionell eher beschreibend und an Einzelfällen orientiert ist, an die internationale sozi­alwissenschaftliche Diskussion und Methodologie herangeführt. Und wie kein anderer in seiner Diszi­plin hat er versucht, zugleich auch die ethnologische Perspektive in die sozialwissenschaftlichen Diszipli­nen zu vermitteln.

Dass die Ethnologie und die Soziologie eng zu­sammengehören und sich in ihren Perspektiven und Methoden ergänzen, hat in der Soziologie vor allem René König betont, zuletzt in dem von ihm mit heraus­gegebenen Sammelband über Ethnologie und So­ziologie (erschienen als Sonderheft 26 der Kölner Zeit­schrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 1984). Dass diese Forderung nach mehr Integration und Koope­ration in Deutschland so sehr verhallte, hat mit ei­genständigen Traditionen zu tun, mit Abschottungs­tendenzen auf Seiten beider Disziplinen und einer gewissen Unkenntnis theoretischer Perspektiven und Methoden des jeweils anderen Fachs. Thomas Schweizer war wohl der erste, der - in beiden Diszi­plinen sozialisiert - sich wiederholt um einen wech­selseitigen Austausch bemühte und auch in der Pra­xis als wichtiger Vermittler wirkte.

Geboren wurde Thomas Schweizer am 24.11.1949 in Köln. 1968-75 studierte er Ethnologie, Soziologie und Psychologie in Köln. Nach seiner Promotion im Jahr 1975 war er zunächst wissen­schaftlicher Assistent beim Institut für Völkerkunde der Universität zu Köln, 1984 habilitierte er sich, war 1984-86 Heisenberg Stipendiat, 1985 Lehrstuhlver­treter in München, dann 1986 C-2 Professor in Bay­reuth und 1986-90 C-3 Professor in Tübingen, bis er 1990 auf eine C-4 Professor nach Köln berufen wurde. Für seine Verdienste bei der Neubelebung der analytischen Ethnologie und der Etablierung ei­nes international ausgerichteten Forschungsverbun­des an seinem Kölner Institut erhielt er 1995 - als erster und bislang einziger Ethnologe - den wichtig­sten deutschen Forschungspreis: den von der DFG vergebenen Leibniz Preis. Er setzte ihn zur Förde­rung des ethnologischen Nachwuchses und dem Ausbau seines Forschungsprogramms insbesondere über soziale Netzwerke ein.

Schweizer verstarb mitten in der Phase großer Produktivität, der Entwicklung und Planung neuer Forschungsprojekte. Ein Buch über „Networks, Ethnography and Social Theory“, das einen Über­blick über die Netzwerkanalyse und die eigenen Weiterentwicklungen geben sollte, war in Arbeit. Es sollte von einem ethnologischen Gesichtspunkt her geschrieben, aber mit Ansätzen aus der Soziologie, Ökonomie und Kognitionswissenschaft verbunden werden. Absicht war, die deskriptive Tradition der Ethnologie - u.a. anhand von Fallbeispielen - mit ethnologisch-sozialwissenschaftlichen Theorieansät­zen über soziales Handeln und Sozialstruktur zu in­tegrieren. „Dichte Beschreibungen“ der jeweiligen Kultur sollten mit übergreifenden hypothesen­testenden Ansätzen kombiniert werden, und dem Konzept des sozialen Netzwerks sollte dabei eine Schlüsselrolle zukommen.

Geprägt wurde Schweizer in seiner Studienzeit in Köln in der Soziologie maßgeblich durch René König, Erwin K. Scheuch und Rolf Ziegler. Seine Dissertation in Ethnologie befasste sich mit Proble­men des interkulturellen Vergleichs. Dabei bezog er sich auf den Gegenstand der Ethnologie - Entwick­lungsländer - führte aber neu die methodologische und konzeptuelle Perspektive der interkulturell ver­gleichenden soziologischen Forschung ein. Im Ge­gensatz zu den vorherrschenden Traditionen der deutschen Ethnologie, die sich auf einzelne Ethnien beziehen, war sein Interesse, die Variationen in den Erscheinungsformen in Abhängigkeit von unter­schiedlichen sozialen und ökonomischen Rahmen­bedingungen zu analysieren und zu erklären. Seine Dissertation gilt auch international als Standardwerk - so wurde der methodologische Teil in den USA im Rahmen der renommierten Publikationsreihe des Human Relations Area Files veröffentlicht.

In seiner Habilitationsschrift behandelt er wirt­schaftsethnologische Fragen am Beispiel des Reisanbaus auf Java. Die Arbeit gründet sich auf eine intensive Feldstudie, die er gemeinsam mit seiner Frau Margarete Schweizer und lokalen Feldfor­schungs­assistenten unter Einsatz eines breiten Me­thoden­instrumentariums durchführte - Befragungen von Schlüsselpersonen gehören ebenso dazu wie die Auswertung von Sekundärquellen sowie eine reprä­sentativ angelegte Befragung der Dorfbevölkerung auf der Basis von Leitfadeninterviews. Anders als oftmals in der Ethnologie üblich, beschränkt sich Schweizer nicht auf die möglichst detailgenaue Be­schreibung, ihm geht es vielmehr um das Verstehen der Kultur und eine Erklärung der Handlungsmuster. Dabei geraten die Perspektiven der individuellen Akteure mit ihrer Handlungslogik ebenso in das Blickfeld wie die Einbettung in Netzwerkstrukturen, welche den Handlungsmöglichkeiten der Individuen Grenzen setzen. Eine Vielzahl von Netzwerkdaten waren im Rahmen des Projekts gesammelt worden, nur ein Teil davon ging seinerzeit auch in die Publi­kation ein. Weitere Auswertungen waren für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen (so in seinem zuletzt geplanten Buchprojekt).

Die Netzwerkperspektive prägt maßgeblich die auf die Habilitation folgenden Arbeiten. Dabei geht es Schweizer darum, die Netzwerkanalyse nicht um ihrer selbst Willen, als bloßes Mittel der Deskription zu verwenden, sondern als Instrumentarium zur Analyse sozialer und kultureller Phänomene. Dies war auch der Grund, warum er sich besonders um die Einbeziehung kognitiver Ansätze in die Netz­werkanalyse bemühte: die Perspektive der Akteure, ihre Kalküle und Wertorientierungen und Realitäts­vorstellungen. Ansätze aus der „Schema“ Theorie waren für ihn hier ebenso von Bedeutung wie aus der „rational choice“ Tradition. Mit der Einbezie­hung kognitiver Ansätze wurden Wege beschritten, die geeignet sind, die Beschränktheiten gegenwärti­ger Netzwerkanalysen zu überwinden. Mehrere grundlegende Werke zur Netzwerkanalyse wurden von ihm verfasst oder herausgegeben: „Netzwerka­nalyse: Ethnologische Perspektiven“ (Hg., 1988), „Muster sozialer Ordnung. Netzwerkanalyse als Fundament der Sozialethnologie“ (1996) und zuletzt kurz vor seinem Tod „Kinship, Networks and Ex­change“ (mit D.R. White, Hg., 1998).

Daneben befasste sich Schweizer seit langem mit Fragen sozialwissenschaftlicher Methodologie und Wissenschaftstheorie. Die analytische Wissen­schaftstheorie, die in der traditionellen Ethnologie mit ihrer stärker fallbezogenen Tradition wenig Be­achtung gefunden hatte, wurde ausführlich und auf die ethnologische Praxis bezogen dargestellt in dem - mit anderen Autoren verfassten - Band „Wissen­schaftstheorie für die ethnologische Praxis“ (1981). In einer späteren Arbeit wendet er sich dieser The­matik erneut zu und weitet sie aus, indem er grund­sätzliche Fragen von Erklärungen, Verstehen und die Natur ethnologischer Erkenntnis aufgreift: in seinem Beitrag für das von Russell Bernard herausgegebenen „Handbook of Methods in Cultural Anthropology“ (1998) - einem internationalen Standardwerk in der Ethnologie. Grundlegende Fragen der Erkenntnis fremder Kulturen werden auch in seinem jüngst er­schienenen Beitrag für die Kölner Zeitschrift für So­ziologe und Sozialpsychologie (1999) behandelt, Fra­gen der Möglichkeiten und Grenzen des interkultu­rellen Vergleichs in einem Artikel in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie aus dem Jahr 1989.

Mit Soziologen kooperierte Schweizer seit lan­gem, u.a. im Rahmen einer Gruppe von Netz­werkforschern (zu der Hans Joachim Hummell, Pe­ter Kappelhoff, Lothar Krem­pel und Wolfgang Sodeur zählten). Und als Experte auf diesem Gebiet wurde er schon früh auch bekannt. So war er Gastreferent beim Frühjahrsseminar des Zentralar­chivs für empirische Sozialforschung zu sozialen Netzwerken in den 80er-Jahren. Schweizers besonde­res Verdienst war es damals (und blieb es bis heute), dass er zu den wenigen zählte, die formale und in­haltliche Aspekte der Netzwerkforschung miteinan­der verbanden. Er war sowohl mit den neusten Computerprogrammen vertraut, wusste zugleich aber auch um die Grenzen bloßer formaler Analyse.

Die enge Beziehung zur Soziologie hielt bis zum Tode. Noch kurz davor konzipierte er in Köln zu­sammen mit Soziologen der Universität ein For­schungsprogramm, in dem - am Beispiel Kölns - ethnologische Ansätze und Verfahren auf moderne urbane Lebensformen angewendet werden sollten. Und seine letzte zu Lebzeiten abgeschlossene Publikation findet sich in einer so­ziologischen Zeitschrift (Kölner Zeitschrift für So­ziologie und Sozialpsychologie, Heft 1, 1999): Sie gründet sich auf einen Vortrag, zu dem er auf dem Freiburger Soziologentag im Rahmen der Veran­staltung über die „Einheit der Sozialwissenschaften“ eingeladen worden war.

Karl-Heinz Reuband

 

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