Was zählt?

Was zählt?

Dieser Artikel richtet sich an all diejenigen, die von dem, sagen wir, "Fünf-Semester-Syndrom" befallen sind: Zwei Jahre nun studiert man schon an der altehrwürdigen, traditionsreichen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln, sitzt wie immer in Reihe 17 in Hörsaal B, versucht verzweifelt, den Gliederungspunkt 4.5.3 in den Zusammenhang einzuordnen, kann das verzweifelte Ringen des Dozenten um die richtige Definition nicht mehr nachvollziehen, sieht wieder die gleichen Gesichter in seiner Umgebung, hofft auf die Magensäfte, die gerade Essen 2 verdauen müssen, schwingt sich dann auf's Fahrrad, um Universitätsstraße-Kerpenerstraße zum was-weiß-ich-wievielten Male zurückzulegen, um dann die Tasche auf das ungemachte Bett zu schmeißen, die Speichertaste des Telefons zu drücken und sich mit Hinz oder Kunz für's Ufa, den Stadtgarten oder sonst was zu verabreden....

So sehr das Syndrom in einem rumort - da ist aber auch noch diese Angst, die versucht, einen zu hindern innezuhalten, sich dieser Monotonie klar zu werden, den sicheren Pfad der Studienordnung zu verlassen und dem Damoklesschwert "9. Semester .... und tschüs" den Effenberg-Finger zu zeigen.

Wenn es aber gelingen sollte, diese Angst zu besiegen, und man dann aus seiner Höhle herauskriecht, so wird man bemerken, daß an jeder Ecke Verlockungen lauern, denen man nur nachzugehen braucht. Eine könnte sein: Ein Semester an einer europäischen Hochschule im Rahmen des CEMS-Programms zu studieren. Das hätte zur Konsequenz, für ein Semester die Universität und den Dom hinter sich zu lassen - aber nicht, um den eher "untypischen" Tagesablauf einer Reise oder eines Sprachkurses zu erleben, sondern um an dem Alltag anderer europäischer Studenten teilzunehmen, die ebenfalls Wirtschaftswissenschaften studieren, die ähnliche Ziele verfolgen, diese aber in einem anderen Studiensystem in einem anderen Land, in einer anderen Kultur verwirklichen; um also für einige Monate eine Alternative zu erleben, durch die das Nachdenken über den Studienalltag in Köln erst möglich wird.

Damit verbunden wäre das erstaunliche Erlebnis, daß man tatsächlich eine Case-Study mit einem Spanier und einer Französin lösen und sie auf italienisch am nächsten Tag vortragen kann; daß nach einiger Zeit auch zwanzig auf einen gerichtete Augenpaare im Kurs "International Marketing" kein Zittern der Stimme mehr hervorrufen können; daß weder Belgier von den Vorzügen des Kölsch noch Franzosen von denen der Abfalltrennung zu überzeugen sind; daß die Röcke in Mailand und die Tage in Stockholm kürzer sind, daß es möglich ist, hochprozentige Sangria-Parties, opulente Spaghetti-Essen und unverständliche Le Rock-Kurse zu überleben...

Und am Ende stünde dieses Gefühl der völligen Zufriedenheit, das Gefühl, etwas "geschafft" zu haben, dessen Ausgang einem zuerst noch so ungewiß erschien. Die Gewißheit, daß es sich gelohnt hat, sich nicht von dem Bewerbungsweg für das CEMS-Programm abschrecken zu lassen: Die beiden überarbeiteten Professoren gedrängt zu haben, um die Gutachten zu erhalten, sich zu seinen nicht immer erfolgreichen Klausuren bekannt zu haben, das Motivationsschreiben in einer stillen Stunde ausgefeilt und im Auswahlgespräch auf seine Persönlichkeit vertraut zu haben.

Und wenn man zurückkehrt und sich in Reihe 17 in Hörsaal B wiederfindet, dann kann man entspannt Papier und Bleistift auspacken in dem Bewußtsein, etwas besonderes erlebt zu haben, sich über seine Ziele klarer geworden zu sein und seinen Blick für das, was einem wichtig erscheint, geschärft zu haben. Und auf dem Weg nach Hause fährt man noch schnell beim Reisebüro vorbei, um ein Flug-/Bahnticket für's nächste Wochenende zu kaufen, denn in Paris, Stockholm, London, Kopenhagen oder Barcelona wartet Valérie, Niklas, John, Anne-Dorte oder Jaime...

Gerald Schnell

CEMS-Master Kandidat 1996


WiSo-Mitteilungen, (12. Februar 1996), E-Mail: WiSo-Mitteilungen@Uni-Koeln.DE

HINWEIS: Dies ist das Online-Archiv der WiSo-Mitteilungen, der Zeitung der Fachschaft WiSo der Uni Köln. Angaben und Daten in älteren Texten können fehlerhaft und veraltet sein - diese Seiten spiegeln lediglich das wieder, was in der gedruckten Ausgabe der WiSo-Mitteilungen erschienen ist. Sie werden nicht aktualisiert. Inhaltliche Nachfragen, bes. zu Berichten über Auslandsaufenthalte, können von der heutigen Redaktion nicht immer beantwortet werden.

Index

Zurück(Vorherige Seite)  (Index)  (Nächste Seite) Weiter


Das virtuelle WiSo-Büro ist ein Service des wint der Fachschaft WiSo an der Universität zu Köln.
E-Mail: WiSo-Buero@uni-koeln.de