Abstract zum Vortrag auf dem Historikertag Aachen 2000

Patrick Sahle: Historische Quellen in der digitalen Welt

Mittelfristig werden die Computernetze und andere elektronische Publikationsformen dazu führen, daß die Geschichtsforschung zum ersten mal über eine weltweit gemeinsame Quellenbasis verfügen kann. Eine aktuelle Bestandsaufnahme zeigt allerdings, daß die tatsächliche digitale Quellenbasis noch äußerst dünn ist und die unterschiedlichen Formen, in denen historische Dokumente aufbereitet werden, noch fast durchgängig experimentellen Charakter haben. Wir befinden uns mitten in der auf die neuen Medien ausgerichteten Typen- und Methodenentwicklung, die nicht zu Unrecht seit einigen Jahren als „Inkunabelstatus der neuen Medien" klassifiziert wird.

Um das vorhandene nutzen zu können bedarf es zunächst einer Typologie, die unterschiedliche Quellenpublikationen nach ihrer Funktion, ihrem Publikum und ihren methodischen und theoretischen Grundlagen differenziert. Im Bereich der Methodik der Quellenerschließung sind dann wiederum verschiedene Trends auszumachen, zu denen beispielsweise neben primär didaktischen Quellenaufbereitungen die Transformation gedruckter Editionen in elektronische Formen, die Adaption der historisch-kritischen Methode mit digitalen Mitteln, das angelsächsische Konzept des „documentary editing" oder jene Strategien zur inkrementellen Edition gehören, die zunächst auf Methoden der Bestandserschließung aufbauen. Daneben zeichnet sich als dem Medium adäquate Tendenz eine Methodik ab, die von der strikten Trennung von Inhalt und Form ausgeht und damit als einzige den grundlegenden Abschied von den Zwängen der typographischen Kultur, in welcher der Inhalt einer Quellenpublikation maßgeblich von der Publikationsform bestimmt war, vollzieht. Unter einer solchen Perspektive, die sich zunächst mit der Quellerschließung als fachlich spezialisierter Form des Wissensmanagements beschäftigt und an den Grundfragen nach Sinn und Funktion von Editionen neu ansetzt, entwickelt sich eine neue historische Editionswissenschaft, deren interdisziplinäre und internationale Konvergenz sich wesentlich auf allgemeine fachspezifische Standards zur Beschreibung von Informationsstrukturen stützt. Diese Standards beantworten nicht nur die Frage nach der langfristigen Sicherheit und Nutzbarkeit der geleisteten Erschließungsarbeit, sondern fördern auch die Ausbildung einer globalisierten Quellenbasis für die historische Forschung.