Patrick Sahle, 29. September 2000
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
die historischen Dokumente in ihrer materiellen Realität sind für alle Forscher die gleichen das sollte man jedenfalls meinen. Tatsächlich ist aber das, womit in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen gearbeitet wird, nämlich die verschiedenen Formen erschlossener und aufbereiteter Quellen von Fachdisziplin zu Fachdisziplin und teilweise von Land zu Land verschieden. Eine deutschsprachige mittelalterliche Urkunde hat eine unbestreitbare reale und damit für sich objektive - Form. Trotzdem wird man hinter ihrer Edition im Corpus Altdeutscher Originalurkunden mit seiner philologischen Transkriptionsweise und jener in den Monumenta Germaniae Historica mit ihrer historischen Transkriptionsweise, auf den ersten Blick kaum das gleiche Originaldokument erkennen.
Ich leite daraus hinsichtlich des Themas unserer Sektion neue Medien und Geschichtsforschung bzw. hinsichtlich des Themas dieses Historikertages eine Welt, eine Geschichte? - zwei Fragestellungen ab, die meine Ausführungen leiten sollen.
Erstens: Welches sind die Formen, in denen historische Dokumente in der Welt digitaler Publikationen und weltumspannender Computernetze bereitgestellt werden und zweitens: werden die disziplinären und nationalen Grenzziehungen innerhalb der Methodik der Quellenaufbereitung in den neuen Medien ihre Fortsetzung finden oder führt die globale Verfügbarkeit der solchermaßen aufbereiteten Überlieferung auch zu einer Globalisierung der Erschließungsformen historischer Dokumente? Mit anderen Worten: Bewegt sich die Aufbereitung der Quellen in Richtung weiterer fachlicher Spezialisierung und der Verfestigung national divergenter Vorgehensweisen oder in Richtung einer transdisziplinären und transnationalen Annäherung? Oder lösen sich letztlich auch hier These und Antithese in einer Synthese auf, die beide Vorstellungen als Spielarten einer gänzlich anders fundierten Herangehensweise an unsere Überlieferung erscheinen lassen?
Beginnen wir mit einer Bestandsaufnahme. Was erwartet den Forscher, wenn er den Verheißungen der Technik folgend das gelobte Land des Internet und anderer digitaler Medien betritt, um dort mit digitalisierten Quellen Antworten auf seine Fragen zu finden? Es erwartet ihn Enttäuschung! Die dort vorhandene Quellenbasis ist insgesamt nur als äußerst dünn zu bezeichnen. Sehr schnell wird unser Forscher die Hoffnung fahren lassen, zu seinem Thema, zu seiner Fragestellung die entsprechenden digitalen Quellen zu finden. Allenfalls einzelne Quellen, Textsammlungen und Archivbestände sind in der einen oder anderen Form verfügbar und mit diesen läßt sich dann auch teilweise bereits recht gut arbeiten. In die Sphäre der praktischen Nutzung ragen derzeit vor allem umfangreiche Sammlungen von disparaten Materialien, rohen Daten, oder altbekannten Texten (diese allerdings in der Regel entkleidet von quellenkritischen und editorischen Zusatzinformationen) sowie Erschließungsformen von Archivbeständen, die in ihrer flachen Erschließungstiefe aber nicht an das heranreichen, was Historiker auch nur im entferntesten mit einer Quellenpublikation oder gar einer kritischen Edition verbinden. Elektronische Textkorpora und vertiefende Bestandserschließungen sind zwei Spezialfälle, die in ihrer Realisierung vergleichsweise weit entwickelt sind, nicht aber mit der Breite der sich entwickelnden Formen der Quellenerschließung und Quellenpublikation gleichgesetzt werden sollten!
Der gegenwärtige Zustand einer äußerst dünnen digitalen Quellenbasis kann weder verwundern, noch gibt er berechtigten Anlaß zu Pessimismus. Zum einen stellt uns auch die typographische Editionslandschaft nach immerhin 150 Jahren intensivster Bemühungen nur einen ausschnitthaften Torso der tatsächlichen Überlieferung zur Verfügung, zum anderen kann natürlich nicht erwartet werden, daß nach nur 5 Jahren der "allgemeinen" Verbreitung des Internet (die noch immer nicht abgeschlossen ist) und nach 20 Jahren tastender Versuche zum Einsatz des Computers in der Editionsarbeit elektronische Formen in der Breite der Ergebnisse mit den typographischen Publikationen konkurrieren könnten, zumal selbst heute noch sicher weit über 90% der Arbeit an den Quellen in traditionellen, einzig auf das gedruckte Buch ausgerichteten Formen verrichtet wird.
Die vom Spiegel dieser Woche Johannes Fried zugeschriebenen Vergröberungen zu Inhalten und Nutzungsformen des WWW ("man finde dort wissenschaftliche Texte nur halbpräsent ohne den kritischen Apparat. Außerdem müsse man immer zuerst wissen, wonach man suche. Dagegen könne man sich von Büchern auch anregen lassen und Unvermutetes entdecken.") gehen jedenfalls am Kern der Sache vorbei: Hinsichtlich der historischen Quellen in der digitalen Welt befinden wir uns immer noch in einer fast ausschließlich experimentellen Phase. Diese ist geprägt ähnliches hören wir heute ja auch in den anderen Beiträgen der Sektion von der Ausbildung neuer Formen in Anlehnung an Altbekanntes und Übertragung desselben. Sie ist gekennzeichnet durch die Erweiterung traditioneller Formen mittels der Nutzung neuer Möglichkeiten und teilweise auch durch radikale konzeptionelle Neuansätze. Die letzteren gehen davon aus, daß die technischen Bedingungen des Buchdrucks die Grundideen von Quellenaufbereitung und Edition nicht eins zu eins umgesetzt, sondern im Gegenteil nur eine bestimmte Richtung derselben zugelassen und damit insgesamt verstümmelt und verzerrt haben. Die Aufbereitungsformen historischer Quellen sind in ihrem Spannungsverhältnis von Anlehnung an Bekanntes und Entwicklung von gänzlich Neuem mit dem Schlagwort vom "Inkunabelstatus digitaler Medien" für den Moment jedenfalls einigermaßen treffend beschrieben.
Vom für und wider digitaler oder typographischer Editionen will ich hier nicht reden, eine Aufzählung aller jeweiligen Vor- und Nachteile würde doch nur die Trivialität umschreiben, daß jede Form ihre spezifischen Nutzungsaspekte hat, wobei jene der digitalen Formen offensichtlich gerade in der wissenschaftlichen Forschung (aber auch in der Vermittlung ihrer Ergebnisse) in besonderer Weise zum tragen kommen und um die geht es uns ja hier und heute vor allem.
Ich will statt dessen versuchen zu beschreiben, welche Ansätze innerhalb der digitalen Formen zu beobachten sind und in welche Richtung die Entwicklungstendenzen weisen. Ich will versuchen, über eine grobe Typologie der vorhandenen Quellenpublikationen zu einer eher heuristischen Analyse der Situation und ihrer möglichen weiteren Ausformung zu kommen. Der Begriff "grob" ist dabei wörtlich zu nehmen. Ich werde relativ zusammenhanglos einige Tendenzen auflisten, weil es überhaupt nicht möglich ist, die unterschiedlichen Entwicklungsstränge unter nur einer Perspektive zu kategorisieren. Zu vielfältig sind die möglichen Betrachtungsebenen. Zur Typenbildung heranzuziehen wären u.a. der jeweilige Quellentypus bzw. die jeweiligen Besonderheiten der Quelle, das Publikum, an das sich eine Publikation richtet, der fachliche und methodische Hintergrund, das anvisierte Publikationsmedium, die verwendeten Technologien, der organisatorische Rahmen oder schließlich auch ein eher abstraktes Muster, das die Vorhaben nach ihrer Ausrichtung an Quellennähe oder Benutzernähe beschreibt.
Ich unterscheide vier Großgruppen, die sich angesichts der angesprochenen
Typisierungsprobleme selbstverständlich überlappen, und die ich charakterisieren will,
Erstens, als ein langsames Weitertasten vom
bestehenden
Zweitens, als geprägt durch die Nutzung spezieller
neuer technischer Möglichkeiten
Drittens, als Fortentwicklung bestimmter Konzepte,
die eine Aufweichung bzw. Erweiterung unseres Editionsbegriffes implizieren und
Viertens, als radikale Neuansätze, die von den
Grundfragen nach Sinn und Funktion von Editionen ausgehen.
Ich beginne mit der ersten Gruppe, mit jenen Strategien, die man als langsames Weitertasten von dem sicheren Grund der Tradition beschreiben könnte. Dies ist ein Phänomen, das wir auch in anderen Bereichen der Konfrontation von Geschichtsforschung und neuen Medien, allgemeiner: neuen Technologien, beobachten können:
Hierunter fällt dann zunächst der älteste Ansatz, nämlich der Computereinsatz zur Erstellung gedruckter Editionen. Die Verwendung von speziellen Programmen wie dem Classical Text Editor (CTE) oder dem Critical Edition Typesetter (CET), aber auch das altbekannte TUSTEP weisen grundsätzlich dann in eine Sackgasse, wenn das gedruckte Buch immer noch und ausschließlich das Leitmedium ist, und weitere offene Nutzungsformen der eingebrachten Arbeitsleistungen und des eingebrachten Wissens somit verhindert werden. Nicht umsonst hat Tobias Ott (der ja selbst sozusagen aus dem Hause TUSTEP kommt) die Parole ausgegeben "denke zuerst elektronisch" und eben nicht typographisch - um allzu frühe Verengungen zu vermeiden. Bei den genannten Programmen sind in letzer Zeit Ansätze zu beobachten, die Inhalte auch in andere Publikationsformate oder Standards überführbar zu machen und gerade TUSTEP eignet sich ja auch für eine Informationsstrukturierung, die relativ unabhängig von typographischen Vorentscheidungen ist es bleibt hier aber trotzdem immer zu fragen, in welcher Phase der Arbeit ein bestimmtes Leitmedium beginnt, die inneren Strukturen und die Inhalte einer Edition zu determinieren.
In die erste Gruppe gehören weiterhin Bestrebungen zur Nutzung spezifischer Vorteile digitaler Medien neben dem typographischen Hauptziel: dadurch entstehen sogenannte Hybrid-Editionen, die Lesetexte in gedruckter Form und recherchierbare Materialsammlungen oder multimediale Hypertexte als Grundlage weiterer Forschung in digitaler Form bereitstellen.
Es gehören hierhin auch die Reproduktionsversuche gewohnter Erscheinungsformen mit neuen technischen Mitteln. Umsetzungen des alten Konzepts vom einen Editionstext, der von Anmerkungs- und Variantenapparaten begleitet wird mit neuen technischen Mitteln z.B. auf CD-ROM oder im Internet. Gerade hierbei ist gut zu beobachten, wie die traditionellen Formen durch leicht handhabbare technische Möglichkeiten inhaltlich und funktional erweitert werden. Erwähnt sei hier nur die Tendenz zur Stärkung der visuellen Aspekte, die Erweiterung der kontextualisierenden Informationen, die Realisierung früher nur angedeuteter hypertextueller Verflechtungen in dynamischen Verweisen, die automatischen Suchfunktionen, die kollaborative Erstellung von Editionen usw. usf.
Zu den Entwicklungen, die von den bestehenden Traditionen ihren Ausgang nehmen gehören schließlich noch jene, die mit der Digitalisierung bereits gedruckter Editionen beginnen. Es stellt sich dabei zunächst die Frage nach dem spezifischen Mehrwert. Dieser beschränkt sich dann nicht auf bessere Suchbarkeit und Verfügbarkeit, wenn die transformierten Ergebnisse wertvoller Arbeitsleistungen aus den letzten 150 Jahren als Kern eines sehr viel weiter ausgreifenden Erschließungskonzeptes aufgefaßt werden. Diesem Ansatz ginge es dann darum, das vorhandene Wissen zu sichern, in langfristig stabilen und nach allen Seiten offenen standardisierten Formaten aufzubereiten, damit in gänzlich neuen Erscheinungsformen nutzbar zu machen, und für die Anlagerung von weiteren repräsentierenden Daten (z.B. in Form von Abbildungen) und erschließenden Informationen vorzubereiten. Hierzu wären z.B. jene Projekte zu nennen, die einen anderen Umgang mit Urkundenbüchern und dem dort behandelten Material zum Gegenstand haben.
Die zweite Gruppe von Tendenzen betrifft Quellenpublikationen, für die gewissermaßen der starke Bezug zu speziellen technische Funktionen oder spezielle Medien konstitutiv sind. Hier wäre auf jene Bild-, Material-, Daten- oder Textsammlungen zu verweisen, die ihre Zusammenstellung im Grunde nur den starken Retrievalfunktionen digitaler Medien verdanken oder auf Multimedia-CD-ROMs, die traditionelle Editionskonzepte mit spezieller Software in lebendige Multimediabücher umsetzen. Beide haben unbestreitbare Stärken in der Nähe zum Benutzer, es ist aber zu fragen, ob es sich hier nicht nur um spezialistische und kurzlebige Formen handelt, die dann weder langfristig noch in veränderten Kontexten nutzbar sind.
In der dritten Gruppe von Entwicklungen scheint es zur Aufweichung des traditionellen Verständnisses des Begriffs "Edition" durch die Verwischung der Grenzen zwischen verschiedenen Formen der Quellenerschließung zu kommen. Überspitzt würde man hier einen Berührungspunkt beschreiben, der darin besteht, daß Bestandserschließung in fortschreitender Tiefe irgendwann in flache Edition übergehen würde. In den Bibliotheken und Archiven ist eine Tendenz zur immer tieferen Erschließung und zur Ausweitung des Katalog- oder Findmittelprinzips um weitere Repräsentationsformen (zunächst Abbildungen, dann aber auch Transkriptionen) und um weitere Erschließungshilfen zu beobachten. Das digitale Prinzip des inkrementellen fordert hier eine weiter gefaßte Sichtweise, was denn eigentlich unter Edition in einem dann sehr weiten Verständnis - zu begreifen sei.
Dem zur Seite steht das sogenannte "dokumentarische Editionsprinzip", das als digitale Weiterentwicklung einer älteren amerikanischen Tradition in bemerkenswerter Weise in der Lage ist, die Anforderungen komplexer Quellenbestände mit den Grundbedingungen digitaler Erschließungsmittel zu verbinden. Aber auch hier wäre die Frage aufzuwerfen, welches der Platz des Begriffes Quellenedition in einem umfassenderen Erschließungskonzept sei.
In einer vierten Gruppe ordne ich solche Tendenzen ein, die weit hinter die bestehenden typographischen Traditionen zurückgehen und bei der Grundfrage nach Sinn und Funktion neu ansetzen. Eine strikte Trennung von Wissensinhalten und Publikationsformen werden vorausgesetzt. Den Ausgangspunkt bilden dann Überlegungen zu den informationellen Einheiten und den Grundstrukturen innerhalb historischer Dokumente und wie diese möglichst allgemeingültig abzubilden und mit editorischem Fachwissen zu verknüpfen seien. Schwerpunkt dieser Arbeiten ist dabei oft die Entwicklung von allgemeinen Standards zur Wiedergabe informationeller Befunde und zur Einbindung erschließender Informationen. Auf der Grundlage solcher Standards entstehen Aufbereitungsformen, die dann auch für spezialistischere Ansätze, Fragestellungen und Erscheinungsformen nutzbar sind. Bei den solchermaßen skizzierten Entwicklungen ist die Frage nach einer konkreten Publikationsform, ja sogar die nach der technischer Organisation der Daten, z.B. in Datenbankstrukturen oder mittels Auszeichnungssprachen irrelevant. Die Diskussion um Standards vor allem im Bereich der Markup-Sprachen und der abstrakten Beschreibung der Strukturen verschiedener Arten von Dokumenten mittels sogenannter DTDs Dokument-Typ-Definitionen - läuft auf internationaler Ebene. Diese Bemühungen haben z.B. durch die TEI (Text Encoding Initiative) bereits gute praktisch nutzbare Ansätze in den philologischen Fächern, die mit uns die Nähe zum Text teilen, und in den bewahrenden Institutionen wie Bibliotheken und Archiven hervorgebracht. Leider ist dies von den historischen Fächern nicht in gleichem Maße zu sagen, in denen nur erste zaghafte Ansätze zu beobachten sind.
Ich fasse die beobachtbaren Entwicklungstendenzen zusammen: Stehen wir möglicherweise vor einer weiteren Ausdifferenzierung der Erscheinungsformen aufbereiteter historischer Dokumente nach fachlichen und nationalen Spezialkonzepten, erweitert sogar noch um solche für ganz bestimmte Nutzungssituationen? Spezialkonzepte, die angesichts des rapiden Hard- und Softwarewandels noch dazu die Gefahr kurzer Lebensdauer mit sich bringen?
Angesichts einiger Grundbedingungen digitalen Arbeitens und Publizierens könnte auch das Gegenteil der Fall sein. Das disparate Bild, das ich eben gezeichnet habe, ließe sich klarer zeichnen, wenn man einen grundsätzlichen Perspektivenwechsel vornimmt, der von der Identifikation der Edition mit ihrer Erscheinungsform absieht und den Blick statt dessen auf die Inhalte lenkt. Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, die gedruckte Edition sei die logische und adäquate Aufbereitungsform eines historischen Dokumentes. Tatsächlich ist sie in einem komplexen und vielschichtigen Repräsentations- und Erschließungsprozeß nur eine unter vielen möglichen Formen der Veröffentlichung.
Die Möglichkeit der Differenzierung von Inhalt und Form ist eines der Kennzeichen der digitalen Welt. Elektronisch gespeicherte Informationen sind jenseits aktueller Publikationsweisen leicht anders zu verwenden. Sie können also (besonders wenn allgemeine Standards verwendet werden) nicht nur multipel sondern interoperationabel nutzbar sein, sowie permanent erweitert und verändert werden. Sie können darüber hinaus eine innere Komplexität aufweisen, die sowohl der vielschichtigen Struktur der Repräsentation und Erschließung historischer Dokumente gerecht wird, als auch verschiedene weitere Nutzungsformen ermöglicht.
Unter diesen Grundbedingungen von Offenheit, diachron und synchron verteilten Erschließungsleistungen, Wiederverwendbarkeit, Interoperationabilität und der strikten Trennung von Form und Inhalt ist eine allgemeine Perspektive als Maximalmodell von Erschließung zu entwickeln. In dieser erscheint die Aufbereitung von Quellen als Spezialform des Wissensmanagements. Alle Inhalte hätten dann einen bestimmten Platz in diesem umfassenden Modell, alle Publikationsarten wären als arbiträre Erscheinungsformen anzusehen.
Die Grundstruktur eines solchen allgemeinen Modells wäre durch die Differenzierung in verschiedene, die Quellen repräsentierende und erschließende Informationen geprägt. Vor der kritischen Edition käme dann zwar nicht die unkritische Edition, wohl aber der Versuch, allgemeinere Erschließungsgrundlagen für speziellere Ausformungen editorischer Perspektiven und unterschiedlicher Publikationsformen zu legen. Ein konkretes Beispiel: Vor der historischen oder philologischen Transkriptionsform käme die allgemeingültige Beschreibung des "objektiven" paläographischen Befundes als Grundlage für beide Transkriptionsformen.
Zu den Implikationen, die ein solches Vorgehen mit sich brächte gehörte dann u.a. die langfristige Sicherung und Nutzbarkeit des erarbeiteten Wissens und eine weitere Spezialisierung und Verteilung von Arbeitsbereichen. Damit wäre eine Rückführung des Editors zu seinen eigentlichen Aufgaben, nämlich die Erschließung von Quellen durch die Einbringung speziellen Fachwissens verbunden und die absurde Tendenz aufgehoben, daß der Editor immer mehr zu seinem eigenen Verleger wird, der sich bis hin zum Seitenlayout um alle fachfremden - Details kümmern muß.
Eine neue historische Editionswissenschaft müßte angesichts der gesteigerten Komplexität ihrer Aufgaben von den Methoden der Herstellung typographischer Texte aus den Vorlagen zur reflektierten fachwissenschaftlichen Theorie weiterschreiten. Ihr würde es darum gehen, die bestehenden quellenkritischen, textkritischen, kodikologischen oder paläographischen Fertigkeiten zu integrieren und ihnen den richtigen Platz innerhalb eines größer gewordene Ganzen zuzuweisen. Diese größere Ganze ist dabei auch transnational zu verstehen. Der weltweite Zugriff auf die erschlossenen Dokumente, die gemeinsame Diskussion um Methoden und Inhalte in globalen Diskussionsforen und die kollaborative Entwicklung von Beschreibungsstandards zu den historischen Dokumenten, die im besten Falle die jeweiligen nationalen Traditionen wiederum integriert, stehen zweifellos noch am Anfang. Eine gegenteilige Tendenz nationaler Sonderentwicklungen ist aber bislang nicht zu beobachten. So ist für den Augenblick davon auszugehen, daß eine entstehende globalisierte Quellenbasis zumindest an den besonderen Traditionen jener Länder nicht vorbeigehen wird, die sich aktiv an dem skizzierten Entwicklungsprozeß beteiligen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.