Historische Hilfswissenschaften - Historische Grundwissenschaften


Quellenkritik und Editionstechnik
(Insbesondere: Technik Digitaler Editionen)
Zum Einstieg:
Alsdann:
Neben den klassischen Problemen der Textkritik und der Editionstechnik verdienen heute zwei andere Bereiche verstärkte Aufmerksamkeit bei der Frage nach der adäquten Aufbereitungsstrategie historischer Quellen, weil sie Grundprobleme der Editionstechnik betreffen, die mit modernen Techniken anders behandelt werden können:
1. Jede Edition bedeutet Informationsverlust, weil sie nur ein sekundärer Repräsentant materieller Originale sein kann. Insbesondere die visuelle Dimension der Quellen geht bei traditionellen Editionen verloren. Außerdem bieten Editionen immer nur ein bestimmtes, willkürliches Repräsentationssystem, daß je nachdem, wieweit es Zeichensystem und Sprache der Quelle normalisiert, in die Quelle eingreift. Es bestehen außerdem unterschiedliche Editionsebenen, die je nach historischer oder philologischer Fragestellung unterschiedlich nutzbar sind. Hypertext und Hypermedia bieten die Möglichkeit komplexerer Editionen, die jeweils mehrere Ebenen der Wiedergabe und der Textkritik zur Verfügung stellen könnten.
2. Jede Edition bedeutet Informationsgewinn, weil sie die vereinzelten Inhalte der Textzeugen in das Umfeld "benachbarter" Quellen und anderer historischer/philologischer Informationen einbettet. Die Anmerkungsapparate der traditionellen "kritischen Editionen" bildeten von jeher ein Hypertextsystem, das bislang in die lineare Buchform gepreßt wurde, nun aber in der "Welt der Computer" angemessener dargestellt werden könnte (Man spricht in diesem Zusammenhang von "Delinearisierung").
Zum Thema "Digitale Editionen" gibt es auch ein umfangreiches Thesenpapier von mir.




Einige erste Ansätze zur Entwicklung digitaler Editionen lassen sich auch im Internet finden:

Kleinere Beispiele:


Digitale Editionen. Experimentelle Projekte, Vorstudien und Demonstrationen zu Gestaltung, Steuerung und Struktur.



Einen Weg zur Vernetzung der unterschiedlichen Informationsebenen (Bild, Transkription, Anmerkungen, Glossar) , der sich vom Layout her aber noch sehr an der gewohnten Buchseitenstruktur orientiert, demonstriert Bernhard Assmann (Köln) mit seinem Editionsprojekt zu Gerichtsakten aus dem 17. Jahrhundert. Hier wird die "Frametechnik" (bei der der Bildschirm in verschiedene Fenster geteilt wird) genutzt, um die grundsätzliche hypertextualität der traditionellen Edition umzusetzen. Zur Zeit beschäftigt er sich mit dem Problem, wie aus einer (in SGML strukturierten) Transkription automatisch verschiedene Darstellungsformen (oder sogar dynamische Register) generiert werden können. Die Adresse der jeweils neuesten Version ist beim Autor zu erfahren.




Am Stadtarchiv Passau sollen mittelalterliche Urkunden (zunächst 50) im Internet zur Verfügung gestellt werden. Neben den Bildern der Urkunden soll es Transkriptionen und Erläuterungen geben. Außerdem sollen die Texte gesprochen werden!



Die Editionsebenen Bild, Transkription und Übersetzung werden beim "Aberdeen Bestiary Project" geboten. Dieses Projekt besticht vor allem durch seine gefällige Ästhetik, die ganz ohne Frames oder Java-Script auskommt, und dem Benutzer so einen sehr einfachen Weg durch die angebotenen Inhalte ermöglicht.


Eine "Edition and Source Study" zu einer Brüsseler Handschrift des 11. Jahrhunderts gibt es von David W. Porter (Baton Rouge). Von der Frametechnik her ähnlich wie das oben erwähnte Projekt von Bernhard Assmann und ebenfalls dem Gedanken der mehrstufigen Transkription/Edition folgend, macht diese Seite besonders sehenswert, daß es sich nicht um ein unfertiges Experiment handelt, sondern um die Internet-gerechte Umsetzung einer abgeschlossenen inhaltlichen Studie (die sich allerdings nur auf eine Manuskriptseite bezieht).


In Rochester stellt Melissa J. Bernstein als digitale Edition "The Electronic Sermo Lupi ad Anglos" zur Verfügung. In drei Frames werden die Texte von vier Handschriften, Anmerkungen, eine neuenglische Übersetzung, bibliographische Angaben, Hinweise zur Grammatik, ein Glossar und eine Beispielseite einer Handschrift geboten. Außerdem besteht die Möglichkeit über eine eigens dazu eingerichtete Steuerung, verschiedene Inhalte in zwei Fenstern parallel zu betrachetn und zu vergleichen. Das Projekt wirkt vor allem von der inhaltlichen Seite her sehr ausgereift.


Drei Studenten betreiben in Köln ein Projekt, das eine komputistische Sammelhandschrift aus der Zeit um 800 zum Gegenstand hat. Zur Besichtigung ist allerdings eine Auflösung von 1024 Pixel in der Breite zu empfehlen. Das Projekt zielt mittlerweile (wegen des fehlenden institutionellen backgrounds) weniger auf die endgültige Realisation einer Edition im Netz oder auf CD-ROM, als auf die Erprobung unterschiedlicher Verknüpfungs- und Steuerungsverfahren. Neben der oben anklickbaren html-Version gibt es inzwischen auch eine mit Java-Steuerung, die zwar deutlich eleganter, aber auch nicht frei von Macken ist.


Sehr groß angelegt, und vom methodischen und theoretischen Ansatz her weit ausgreifend ist das Projekt der "Integrierten Computergestützten Edition" (ICE) am Forschungsinstitut für Historische Grundwissenschaften der Universität Graz. Hier werden die unterschiedlichen Editions- bzw. Informationsebenen ebenfalls durch verschiedene Fenster präsentiert. Die Internetversion bildet allerdings nur ein Interface für den "normalen" Benutzer, für den der Zugriff auf die zugrundeliegende Datenbankstruktur zu aufwendig ist. Das ganze ist sowohl auf der Ebene der internen Strukturierung und Präsentation als auch in inhaltlicher Hinsicht sehr ausgereift und markiert derzeit die Spitze der Entwicklung digitaler Editionen. Als off-line-Version wird eine CD-ROM eines Teiles der Quellen (ältestes Bürgeraufnahmebuch der Stadt Regensburg) über das Stadtarchiv Regensburg vertrieben.


Weitere Projekte aus diesem Themenkreis:



Unterm Strich noch angemerkt:
1. Es besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Einsatz von Computern/Internet als Publikationsmedium einerseits oder als Hilfsmittel zur Erstellung von Editionen andererseits.
2. Digitale Editionen im weiteren Sinne; Links aus dem thematischen Umfeld.


3. Institutionelles: "Editionswissenschaft" kann man auch studieren:

4. Zum Abschluß erlaube ich mir zum Thema digitaler (Hypertext-/Hypermedia-)Editionen noch einige willkürlich ausgewählte Literaturhinweise.
16.9.97. - Patrick Sahle - Sahle@uni-koeln.de