Über
Stadtbücher

als Geschichtsquelle


Von

Dr. jur. Paul Rehme

ordentlichem Professor an der Universität zu Halle


Halle a.d.S.

Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses
1913


Inhaltsübersicht.

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I. Begriff, Namen, Entwickelung der Stadtbücher 7
II. Arten der Stadtbücher 11
III. Bedeutung der Stadtbücher 16
IV. Die Stadtbücher mit Eintragungen über Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit 18
1. Bedeutung 19
2. Benutzung 23
3. Edition 29
V. Schluß 32

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Vorwort.

       Dieses anspruchslose Schriftchen bringt einen Vortrag, den ich am 5. August d. J. in Breslau auf der "Hauptversammlung des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine in Verbindung mit dem 13. deutschen Archivtag" (Teil IV etwas gekürzt) gehalten habe. Indem ich meine Ausführungen nunmehr weiteren Kreisen unterbreite, verfolge ich kein anderes Ziel als ich mit dem Vortrage verfolgt hatte; die Schlußworte geben darüber Auskunft.

     Von der Beifügung von Verweisungen nehme ich grundsätzlich Abstand. Meine Betrachtungen fußen auf der gesamten umfassenden Stadtbücherliteratur und den Stadtbüchereditionen. Hier eine Bibliographie des Stadtbücherwesens zu bieten, lag nicht in meiner Absicht, und gelegentliche exemplifizierende Zitate hätten keinen rechten Sinn. Zum erheblichen Teile stütze ich mich auf eigene einschlägige Arbeiten. Abgesehen von bisher nicht veröffentlichten archivalischen Studien und etlichen Rezensionen sind es folgende:

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Halle a. d. S., im September 1913.

Paul Rehme.


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I

     Unter Stadtbüchern im Sinne einer bestimmten Art von Quellen der deutschen Geschichte sind zu verstehen die bei den städtischen Behörden geführten Amtsbücher. Sie treten seit dem Anfange des 13. Jahrhunderts auf. Ihr Aufkommen steht im Zusammenhange mit dem Aufblühen des städtischen Lebens überhaupt.

     Es sind Bücher. Daher fallen unter den Begriff nicht amtliche Aufzeichnungen auf Wachstafeln oder losen Pergament- oder Papierblättern oder Rollen (es sei namentlich erinnert an die Kölner Schreinskarten und den rotulus von Andernach sowie die vor einigen Jahren edierten Metzer Bannrollen) - diese Formen der Beurkundung können nur als Vorläufer der Stadtbücher gelten.

     Die Stadtbücher sind Bücher, die geführt wurden, d. h. zu fortlaufenden Eintragungen benutzt wurden. Stadtbuch ist also nicht ein Buch, in dem das zurzeit geltende Recht der Stadt aufgezeichnet ward, ohne daß neue Rechtssätze darin Aufnahme fanden, nicht ein Buch, in dem die der Stadt zustehenden Grundzinse zusammengestellt wurden, ohne daß weitere Eintragungen (etwa über die Entrichtung der fälligen Beträge, über die Begründung neuer Zinse, die Ablösung alter) Aufnahme fanden.

     Die Stadtbücher sind Amtsbücher, hatten also offiziellen Charakter, dienten der Behörde bei der Führung ihrer Geschäfte. Nicht Stadtbuch ist mithin ein Buch, das etwa ein städtischer Beamter zu seinem persönlichen Gebrauch anlegte; nicht Stadtbuch ist darum weiter die etwa auf Ratsanordnung geführte Stadtchronik.

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     Die Stadtbücher sind bei den städtischen Behörden geführte Bücher - bei welcher Behörde, ist für den Begriff unwesentlich. Also gehören dahin sowohl die bei dem Rat als auch die bei den Schöffen (dem Gericht) geführten Bücher, und in Frage können auch noch andere städtischen Behörden kommen, jedenfalls in der neueren Zeit. Dagegen wäre nicht Stadtbuch ein Buch, das etwa der Stadtherr über die städtischen Verhältnisse führen ließ.

     Buchbehörde war sonach - abgesehen von den sicher seltenen Fällen, in denen eine untergeordnete städtische Behörde in Frage kommt - der Rat oder das Schöffengericht. Buchführer, den Weisungen jener unterworfen, waren die Stadtschreiber, deren es in den größeren Städten schon frühzeitig mehrere nebeneinander gab, außer den Ratmännern und den Schöffen die vornehmsten städtischen Beamten, vielfach auf den Universitäten vorgebildet, jedenfalls soweit sie sich im Dienste bedeutenderer Städte befanden; in der ältesten Zeit, in der das Stadtschreiberamt noch nicht bestand, mag dieser oder jener Ratmann oder Schöffe oder ein gelegentlich zugezogener Kleriker die Eintragungen vorgenommen haben.

     Die Bezeichnung der Bücher als Stadtbücher war schon während des Mittelalters in ganz Deutschland verbreitet, wenn auch der Ausdruck hie und da in einem engeren Sinne gebraucht wurde; so stand in München das "Stadtbuch" im Gegensatze zum "Gerichtsbuch". Aber neben jenen allgemeinen Namen begegnen ungemein zahlreiche andere. Sie beziehen sich häufig auf den Inhalt des Buches wie: Grundbuch, Bürgerbuch, Akzisebuch, Urfehdebuch, oder auf den Einband, wie: rotes Buch, Eisenbuch (mit Rücksicht auf die eisernen Beschläge der Deckel). Mitunter sind sie auf den ersten Blick nicht recht verständlich; so wurden in Lübeck der stat overste bok und der stat nedderste bok (liber civitatis superior und liber civitatis inferior, Ober-Stadtbuch und Nieder-Stadtbuch) unterschieden, und zwar, wie feststeht, deshalb, weil jenes in den oberen, dieses in. den unteren Räumen des Rathauses aufbewahrt und

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geführt wurde. Besonders auffallend ist in dieser Beziehung gerade das gastliche Breslau.- hier gibt oder gab es einen Armen Heinrich, einen Nackten Lorenz und gar eine Struppige oder Kratzbürstige Hilde (wenn ich damit den Namen Hirsuta Hilla richtig deute). Wollte ich mich auf die Erklärung dieser Namen einlassen, dann müßte ich mich wohl aus dem Reich der Wissenschaft ins Reich der Phantasie begeben, und Sie könnten mir solch Kompetenzüberschreitung verübeln. Darum nehme ich von Erklärungsversuchen Abstand.

     Was die Anlegung der Stadtbücher betrifft, so ist diese keineswegs durchweg infolge einer Verfügung der städtischen Obrigkeit geschehen. Vielmehr sind manchmal Stadtschreiber selbständig aus freien Stücken zur Anlegung geschritten. Und Träger der Entwickelung sind im allgemeinen die Stadtschreiber gewesen. Ihnen in erster Linie ist der allmähliche Ausbau des Stadtbuchwesens, namentlich die Verbesserung der Buchführung zu verdanken, nicht der städtischen Obrigkeit, die allerdings auch ihrerseits hie und da, dann und wann eingegriffen hat. Daraus ergibt sich die hohe Bedeutung, die das Stadtschreiberamt für die Geschichte des Stadtbuchwesens hat.

     Zweifellos waltet wie bei aller Entwickelung so auch bei der Entwickelung unseres Instituts das Gesetz der Differenzierung. Aus einem alten Buche gehen mehrere jüngere hervor; von allgemeinen oder gemischten Büchern mit mannigfachen Eintragungsgegenständen spalten sich besondere Bücher für einzelne Gegenstände ab (z. B. die Grundbücher für die Rechtsgeschäfte oder Liegenschaften). Allein man würde irren, wenn man meinte: die allgemeinen oder gemischten Bücher seien schlechthin die älteren, die besonderen schlechthin die jüngeren. Es ist erwiesen, daß vielfach zuerst ein Sonderbuch auftritt oder mehrere Sonderbücher nebeneinander auftreten, und daß es erst später zur Schaffung eines allgemeinen oder gemischten Buches kommt, aus dem sich dann im Laufe der Zeit weitere Sonderbücher entwickelten.

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     Eine in jeder Richtung typische Entwickelung läßt sich nicht ermitteln. Die Entwickelung geht vielmehr in den einzelnen Städten ihren eigenen Weg; nicht für zwei Städte kann man den völlig gleichen Gang der Entwickelung nachweisen. Es war überall anders. Hüten wir uns also, auf dem Gebiete des Stadtbuchwesens den Fehler zu begehen, der so oft die Erkenntnis der mittelalterlichen Verhältnisse trübt, den Fehler: zu generalisieren. In Anbetracht der Vielgestaltigkeit der mittelalterlichen Zustände auf allen Gebieten, nicht zum mindesten auf demjenigen des Rechtes, gebührt - jedenfalls hinsichtlich des Städtewesens in allen seinen Beziehungen - der Vortritt der Lokalgeschichtsforschung, die ja gerade die Geschichtsvereine in erfreulichem Maße pflegen. Ich weiß wohl, daß nicht selten über die sogenannten Lokalhistoriker gespottet wird. In Wahrheit treiben aber gerade sie exakte Forschung, mehr als manche Universalhistoriker, und exakt hat die Geschichtsforschung zu sein, will sie zu dem Ziele führen- per scientiam ad veritatem! Freilich wird der Lokalhistoriker den Blick immer aufs Ganze richten müssen; er darf sein engbegrenztes räumliches Gebiet nicht so behandeln, als stehe es für sich allein da. Und von der Zusammenfassung der von der lokalgeschichtlichen Forschung gewonnenen Ergebnisse kann man selbstverständlich nicht absehen.

     Ich mußte mich, was die Namen und die Entwickelung der Stadtbücher anlangt, mit diesen paar Andeutungen begnügen. Dagegen werden wir etwas länger verweilen dürfen bei den Stadtbücherarten, die auftreten, nachdem das Institut zur vollen Entfaltung gediehen war, und diese Betrachtung ist unerläßlich, da ich mich nachher mit einer bestimmten Art näher beschäftigen will, die eine Art aber nur im Zusammenhange mit den übrigen richtig gewürdigt werden kann.

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II

     Sehr zahlreich sind die Arten der Stadtbücher. Es kommt darauf an, sie zu gruppieren, einzelne Arten unter einheitlichen Gesichtspunkten zusammenzustellen. Gruppierungsversuche sind wiederholt unternommen worden.

     Schon Homeyer ist hier zu nennen, dem die erste zusammenfassende Übersicht über das Stadtbuchwesen zu verdanken ist (Die Stadtbücher des Mittelalters, Abhandlungen der Berliner Akademie der Wissenschaften, 1860), eine Übersicht, die, obgleich zum erheblichen Teil veraltet, bisher keinen vollen Ersatz gefunden hat. Homeyer unterscheidet in jener Untersuchung S. 13 ff. drei Gruppen von Stadtbüchern: 1) die schriftliche Zusammenstellung des der Stadt eigenen Rechtes; 2) Bücher mit Aufzeichnungen mannigfacher Art, die nur durch die gemeinsame Beziehung auf das städtische Wesen und Walten zusammengehalten werden; 3) Bücher mit Eintragungen über Privatsachen der einzelnen Bürger.

     Koppmann stellt in den Hansischen Geschichtsblättern Jahrgang 1873 S. 155ff. nicht weniger als siebzehn Gruppen auf.

     Kleeberg unterscheidet im Archiv für Urkundenforschung Bd. 2 (1909) S. 480ff. vier Rubriken: 1) Ratsbücher, zu denen gezählt werden Statutenbücher, Polizeibücher, Ratsbücher i. e. S., Namenlisten, Briefbücher; 2) Bücher der Finanzverwaltung, nämlich Stadt- oder Kämmereirechnungen, Steuerlisten und Abrechnungen über den Schoß, Verzeichnisse der städtischen Einkünfte aus Grundbesitz und Zinsgut; 3) Stadtbücher i. e. S., nämlich Ratsbücher und Schöffenbücher, jene mit Eintragungen über Rechtsgeschäfte der Bürger (namentlich über Liegenschaften), diese mit Eintragungen je nach der Zuständigkeit der Behörde verschiedenen Inhaltes; 4) unentwickelte Formen.

     Auch Konrad Beyerle hat sich mit der Frage befaßt in einem Aufsatz in den Deutschen Geschichtsblättern Bd. 11 (1910) S. 145 ff., der in vortrefflicher Weise über das Stadtbuchwesen allgemein orientiert; daß auf den 50 Seiten, von denen die

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Hälfte Referate über ältere, einzelne Städte betreffende Forschungen anderer enthält, in keiner Beziehung Erschöpfendes gebracht und manch wichtiger Punkt nicht einmal berührt werden konnte, liegt auf der Hand. Beyerle unterscheidet dort S. 192ff. fünf Gruppen von Stadtbüchern: 1) solche, welche die Verfassung der Stadt und ihr Recht, das Ämterwesen und die Bürgergemeinde betreffen, als da sind Statutenbücher, Kopial- oder Privilegienbücher, Ratslisten, Ämterbücher, Eidbücher, Bürgerbücher; 2) solche, welche die Verwaltung der Stadt betreffen; dahin werden gerechnet Ratsbücher, Missiv- und Deputationsprotokolle, Schadensbücher; 3) solche, welche die Rechtsprechung von Schöffen und Rat in Zivil- und Strafsachen betreffen; 4) solche, welche die freiwillige Gerichtsbarkeit insbesondere auf dem Gebiete des Liegenschaftsrechtes betreffen; 5) solche, welche das städtische Finanzwesen betreffen.

     Brunner endlich teilt in der neuesten, 5. Auflage seiner Grundzüge der deutschen Rechtsgeschichte (1912) S. 125 die Bücher in vier Hauptarten ein: 1) Statutenbücher; 2) Stadtbücher, die der Rechtsprechung des Gerichtes oder des Rates gewidmet sind; 3) Stadtbücher über Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit; 4) Stadtbücher über die Verwaltung im engeren Sinne.

     Ich meinerseits will dazu folgendes bemerken. Zunächst ist zu bedenken: man kann bei der Gruppierung der Stadtbücher verschieden verfahren, je nachdem es sich um die Katalogisierung der Archivbestände oder um die Forschung handelt. Für die Katalogisierung können wiederum mannigfache Gesichtspunkte in Frage kommen: beispielsweise die festgelegte Einrichtung des Katalogs, in den neuerdings dem Archiv einverleibte Stadtbücher aufzunehmen sind, ohne daß die Schaffung einer neuen Rubrik tunlich oder empfehlenswert ist. Es kann hier nicht eine allgemeine Norm aufgestellt werden: das einzelne Archiv wird den gerade mit Rücksicht auf seinen Katalog passenden Weg zu wählen haben. Was für die Forschung gilt, kann für die Katalogisierung nicht ohne

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weiteres maßgebend sein. Auch der Forscher kann die Gruppierung von mehreren Standpunkten aus vornehmen. Er kann scheiden ältere -und jüngere Bücher, Rats- und Gerichtsbücher, allgemeine oder gemischte und besondere Bücher, welch letztere dann weiter zu gruppieren wären. Wie dem katalogisierenden Archivar, so kann man dem Forscher nicht einen bestimmten Weg vorschreiben. Welchen Weg der Forscher zu gehen hat, das richtet sich zunächst nach dem Gegenstande seiner Arbeit. Er wird z. B. einen anderen Weg gehen müssen, wenn er sich mit der Vorführung der geschichtlichen Entwickelung des Buchwesens einer einzelnen Stadt beschäftigt, einen anderen, wenn er das gesamte deutsche Stadtbuchwesen als fertiges Institut im Auge hat. In dem ersten Falle wird ein historischer Standpunkt einzunehmen sein, ohne daß jedoch für alle Städte nach derselben Schablone verfahren werden darf: was sich für die eine Stadt schickt, kann für die andere unpassend sein - so könnten die Sonderbücher unter Umständen zweckmäßig nach ihrem Verhältnis zu den allgemeinen zu scheiden sein in solche, die sich von den allgemeinen abgesparten haben, und solche, die selbständig er- wachsen sind. In dem zweiten Falle - wenn das gesamte deutsche Stadtbuchwesen als fertiges Institut in Frage steht - ist dagegen ein systematischer Standpunkt gegeben.

     Wir haben hier das gesamte deutsche Stadtbuchwesen nach seiner vollen Entfaltung im Auge. Also müssen wir uns auf einen systematischen Standpunkt stellen. Es kann sich für die Zeit der Reife des Instituts im Grunde nur um die Gruppierung von Sonderbüchern handeln; denn Bücher, die für verschiedene Gegenstände bestimmt sind, treten nun nur noch vereinzelt auf, und dann ist die Zahl der in dasselbe Buch gehörenden mehreren Gegenstände nur ganz gering. Die Gruppierung der Sonderbücher hat, wie Sie gesehen haben, Schwierigkeiten bereitet: die vorhin genannten Schriftsteller, die gleichfalls das fertige deutsche Institut im Auge haben, kommen zu verschiedenen Ergebnissen. Die Gruppierung kann

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in erster Linie lediglich nach den, Inhalte der Bücher erfolgen. Darin stimme ich mit jenen Schriftstellern überein. Aber es will mir scheinen: man hat Schwierigkeiten gesucht, wo keine vorhanden sind.

     Die Stadtbücher sind, wie ich vorhin den Begriff bestimmt habe, bei den städtischen Behörden geführte Amtsbücher; sie dienten der Behörde bei der Führung ihrer Geschäfte, bei der Ausübung ihrer Tätigkeit. Die mittelalterliche deutsche Stadt ist das Vorbild des modernen Staates; in den Städten wurde, um mit Otto von Gierke (Das deutsche Genossenschaftsrecht Bd. 11 1868, S. 300) zu reden, der Gedanke eines Staates zuerst in seiner eigentümlich deutschen Gestaltung erzeugt. Wie heute die Tätigkeit des Staates in einem Zweifachen besteht, so auch die Tätigkeit der mittelalterlichen Stadt; es ist die Rechtssetzung und die Verwaltung im weiteren Sinne, und, wenn man die Verwaltung im weiteren Sinne in ihre beiden Seiten auflöst, hat man ein Dreifaches: Rechtssetzung, Rechtspflege oder Justiz und Verwaltung im engeren Sinne. Bei Ausübung aller dieser Tätigkeiten wurden fortlaufende Aufzeichnungen erforderlich, und für die Aufzeichnungen wurden, gleichviel ob es sich um die Rechtssetzung oder um die Justiz oder um die Verwaltung handelte, Stadtbücher verwendet.

     So liegt es doch wohl nahe, bei dem Bestreben, die Stadtbücher zu gruppieren, an jene Dreiteilung der Tätigkeit der Stadt zu denken und zu versuchen, die zahlreichen Sonderbücher zusammenzufassen zu drei Hauptarten: Statutenbüchern ("Gesetzbüchern" dürfte man nicht sagen, da nach der mittelalterlichen Anschauung nur das von dem Kaiser und dem Papste gesetzte Recht als Gesetz galt, alles andere gesetzte Recht als Statut), weiter Justizbüchern, endlich Verwaltungsbüchern. Und dieser Versuch führt fast zum Ziel: alle Stadtbücher lassen sich in eine dieser drei Gruppen eingliedern - bis auf eine Art, die Privilegienbücher, denen Abschriften der der Stadt verliehenen königlichen oder stadtherrlichen Privilegien einverleibt wurden. Diese Privilegien betrafen die

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rechtliche Stellung der Stadt oder ihrer Bürger; sie enthalten also wie die Statuten Recht im objektiven Sinne. Darum kann man die Statutenbücher und die Privilegienbücher zu einer Gruppe vereinigen, die man als Rechtsbücher bezeichnen könnte, wenn nicht der Ausdruck Rechtsbuch eine feststehende anderweitige Bedeutung hätte: juristische Privatarbeit des Mittelalters. Eine korrekte einheitliche Bezeichnung der auf diese Weise gebildeten Stadtbüchergruppe läßt sich nicht finden. Wir nennen sie daher Statutenbücher und Privilegienbücher. Fügen wir die beiden Gruppen der Justizbücher und der Verwaltungsbücher hinzu, so ist der gesamte Bestand an Stadtbüchern restlos erschöpft.

     Die Statutenbücher müssen eine populäre Einrichtung gewesen sein; unzähligemal beriefen sich die Parteien auf dieselben; "wie es im Buche steht", sagten sie, wenn sie auf einen daselbst geschriebenen Rechtssatz zu ihren Gunsten Bezug nahmen. So dürfte jene Redensart im Zusammenhange mit dem Stadtbuchwesen stehen. Seit Erfindung der Buchdruckerkunst traten die Statutenbücher in den Hintergrund. Die umfassendste Gruppe - wenn auch nicht nach dem Umfange und der Zahl der Bücher, so doch nach deren Arten - ist diejenige der Verwaltungsbücher. Zu ihnen sind beispielsweise zu rechnen die Ratslisten, die Beamtenbücher (insbesondere die Eidbücher mit den Formeln der Beamteneide), die Bürgerbücher, in denen die Erwerbungen des Bürgerrechtes verzeichnet wurden die Innungsbücher und die verschiedenen Bücher über die Finanzverwaltung. Was die Justizbücher anlangt, so handelt es sich bei ihnen einmal um Buchungen über die Rechtsprechung sei es des Rates, sei es der Schöffen, sowohl in Zivilsachen als auch in Strafsachen, sodann um Buchungen über Akte der sogenannten freiwilligen Gerichtsbarkeit. Vielfach geht hier die Differenzierung sehr weit, indem besondere Bücher geführt wurden für die Ausübung der Strafgerichtsbarkeit (namentlich Achtbücher), andere für die Ausübung der streitigen Zivilgerichtsbarkeit, weitere für die Aus-

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übung der freiwilligen Gerichtsbarkeit (diese häufig wiederum geschieden in Grundbücher, Schuldbücher, Testamentsbücher u. a.). Übrigens ist Vorsicht geboten, wenn es darauf ankommt, ob ein Buch unter die Justiz- oder unter die Verwaltungsbücher zu stellen ist: der Name, den das Buch führt, darf allein nicht maßgebend sein. So kann ein Testamentsbuch fiskalischen Zwecken dienen, ebenso ein Grundrentenbuch; in einem solchen Falle wären sie als Verwaltungsbücher, nicht als Justizbücher anzusehen.

     Die von mir vorgeschlagene Gruppierung der Stadtbücher steht nahe der von Brunner gewählten. Brunner will, wie Sie gehört haben, scheiden: Statutenbücher, Bücher über die Rechtsprechung, Bücher über Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit, Bücher über die Verwaltung. Anders als bei meiner Gruppierung haben hier die Privilegienbücher keinen Platz erhalten, und werden die Justizbücher in zwei Gruppen zerlegt, was um deswillen nicht zweckmäßig sein dürfte, weil eine einheitliche Kategorie der Verwaltungsbücher gebildet wird, obgleich die Zweige der Verwaltung sicherlich nicht minder zahlreich waren als diejenigen der Justiz. Zudem finden sich Justizbücher, in denen sowohl Gerichtsentscheidungen als auch Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit ungetrennt nebeneinander vertreten sind. Ich glaube: meine Gruppierung ist vollständig, einfach und wird dem Buchwesen aller Städte gerecht, wie verschieden es auch gestaltet war.

III

     Aus diesen Ausführungen haben Sie ersehen können, daß die Stadtbücher das gesamte städtische Leben umspannen, und, wenn ich bemerke, daß zahllose Bände erhalten sind, von manchen Sonderbüchern einzelner Städte allein hunderte, dann vermögen Sie zu ermessen, welch hohe Bedeutung die Stadt-

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bücher als Geschichtsquelle besitzen. Für die großen Zusammenhänge der Weltgeschichte oder der politischen Geschichte unseres Vaterlandes bieten sie zwar nur sehr wenig desto mehr für die Geschichte der einzelnen Städte und, wenn man die für die einzelnen Städte gewonnenen Ergebnisse zusammenfaßt, für die Geschichte des deutschen Städtewesens überhaupt. Und die Geschichte des deutschen Städtewesens macht ja einen sehr beträchtlichen Teil der deutschen Geschichte aus, waren doch die mittelalterlichen Städte Kulturzentren ersten Ranges und, wie v. Inama-Sternegg (Deutsche Wirtschaftsgeschichte Bd. 3, zweiter Teil, 1901, S. 233) sich ausdrückt, die weitaus am vollständigsten entwickelten Wirtschaftskörper des Mittelalters, waren sie doch, um noch einmal mit Otto von Gierke (a. 0.) zu reden, die Geburtsstätten jener neuen Ideen, die uns heute bewegen, und als in späterer Zeit ihr Glanz verblaßte, bis er im 19. Jahrhundert neu erstrahlte, da verschwanden nicht zugleich die in ihnen gereiften Ideen, sondern wurden die Keime der gesamten sich über das städtische Wesen hinaus verbreitenden und vertiefenden modernen Kultur: die Städte waren das Mittelglied zwischen der alten und der neuen Zeit.

     Die Bedeutung der Stadtbücher als Geschichtsquelle beschränkt sich nicht auf die eine oder die andere Seite der Entwickelung. Reichen Gewinn zieht aus ihnen die Familiengeschichte, nicht nur, was bekannt und auch von Heydenreich in seiner Familiengeschichtlichen Quellenkunde (1909) S. 322ff. gewürdigt wird, die Geschichte der bürgerlichen Familien, sondern auch die Genealogie der Großen des Volkes, worauf Forst-Battaglia in seinem soeben erschienenen Grundriß der Genealogie S. 41 (in Meisters Geschichtswissenschaft) hinweist. Dann, die Topographie, wie zahlreiche kleinere Untersuchungen dartun und namentlich die prächtigen großen Werke von Konrad Beyerle und Anton Maurer über Konstanz (Konstanzer Häuserbuch, Bd. 2, erste Hälfte, 1908) und von Keussen über Köln (Topographie der Stadt Köln im Mittelalter 1910). Ferner die Volkskunde (man denke an das Haus, die Geräte, die Tracht,

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die Sprache - insbesondere die Dialektforschung und die Namenkunde: so ist die Untersuchung Reicherts über die deutschen Familiennamen des 13. und 14. Jahrhunderts (1908) vornehmlich auf Breslauer Stadtbüchern aufgebaut). Weiter die Wirtschaftsgeschichte (ich verweise auf Arbeiten über den städtischen Haushalt, insbesondere den Schoß, d. i. die direkten Vermögenssteuern, die Bewegung des Grundbesitzes, den Handel und das Handwerk). Endlich die Rechtsgeschichte, deren verschiedenen Zweigen die Stadtbücher in gleichem Maße zugutekommen. Zunächst der Verfassungsgeschichte, auf deren Gebiete sich Historiker und Juristen die Hand reichen, oder, vielleicht passender gesagt, Angehörige der philosophischen und der juristischen Fakultät, die sich mit der deutschen Vergangenheit beschäftigen - leider macht sich hier mitunter ein Streit der Fakultäten, unangenehm und den Fortschritt der Wissenschaft hemmend, bemerkbar; leider: wir streben ja nach demselben Ziele, sind also Weggenossen, und sollten darum gute Kameradschaft halten, und gerade der Umstand, daß manchmal der Historiker und der Jurist die Entwickelung der Verfassung unter verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten gezwungen sind, kann der Erkenntnis der einzelnen Erscheinung des Verfassungslebens als eines mehrere Seiten aufweisenden Ganzen nur förderlich sein. Nicht minder sind die Stadtbücher höchst dienlich der Erforschung der Geschichte des Privat- des Straf- und des Prozeßrechtes.

IV

     Von Wert für die historische Forschung sind alle Arten der Stadtbücher, und man wird deshalb, gleichviel mit welcher Frage man sich beschäftigt, guttun, stets die sämtlichen Arten zu Rate zu ziehen. So kommen beispielsweise die Finanzbücher keineswegs nur für die Wirtschaftsgeschichte in Betracht, wie kürzlich Hohlfeld in seiner Schrift über die Bedeutung der

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Stadtrechnungen als historische Quellen (1912) gezeigt hat. Allerdings ist nicht zu verkennen, daß der Wert der einzelnen Bücherarten verschieden ist je nach dem Gegenstande der Forschung: wer sich mit dem Schoß befaßt, wird aus den Steuerbüchern die reichste Ausbeute ziehen, wer mit dem Handwerk, aus den Innungsbüchern.

     Aber es gibt eine Bücherart, die schlechthin als die wertvollste einzuschätzen ist: das sind die Bücher mit Eintragungen über Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit, manchmal als Stadtbücher im engeren Sinne bezeichnet. Diese gewähren nach den verschiedensten Richtungen hin den weitaus reichsten Gewinn, und gerade ihnen hat sich denn auch von jeher vorzugsweise das Interesse der wissenschaftlichen Welt zugewendet, und so wird es wohl in Zukunft bleiben. Darum ziemt es sich, auf dieselben näher einzugehen. Weit überwiegend sind in ihnen eingetragen rechtliche Vorgänge, die Liegenschaften betreffen: der Erwerb des Eigentums, sei es unter Lebenden, sei von Todes wegen, die Belastung mit Renten, Dienstbarkeiten, Pfandrechten, Verträge zwischen Nachbarn, z. B. über die Grenzmauer, und anderes, und sehr häufig gab es dafür eigene Bücher, die Grundbücher. Aber auch Schuldverträge der mannigfachsten Arten nehmen in jenen Büchern einen weiten Raum ein, desgleichen familienrechtliche Akte (wie Eheverträge, Abschichtungen. von Kindern, Vormundsbestellungen) und erbrechtliche Geschäfte (Vergabungen, Testamente, Erbteilungen).

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     Schier unerschöpflich ist diese Quelle für den Geschichtsforscher jeder Richtung, und auch um deswillen ist ihr Wert unvergleichlich hoch, weil aus ihr die Erkenntnis, wie das städtische Leben in seinen gesamten Äußerungen wirklich gestaltet war, mit absoluter Sicherheit geschöpft werden kann, und zwar, da sie Jahrhunderte hindurch in ungeschwächter Kraft fließt, die Erkenntnis der fortschreitenden geschichtlichen Entwickelung, nicht nur des zu einer bestimmten Zeit bestehen-

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den Zustandes. Ich stehe nicht an, die Stadtbücher mit Eintragungen über Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit ohne Einschränkung für die ideale Quelle der städtischen Geschichte in allen Zweigen derselben zu erklären: der Familiengeschichte, der Topographie, der Volkskunde, der Wirtschaftsgeschichte, der Rechtsgeschichte. Gestatten Sie dem Juristen einige Worte über den Wert der Bücher für die Rechtsgeschichte insbesondere (einschließlich der Verfassungsgeschichte).

     Man würde fehlgehen, wollte man den Statuten - und Privilegienbüchern den ersten Rang unter den Erkenntnisquellen des Rechtes zuweisen. Ein Doppeltes ist zu beachten. Erstens: die Statuten und Privilegien bringen durchaus nicht das gesamte Recht zum Ausdruck; selbst die umfassendsten Statuten sind weit entfernt davon, Kodifikationen zu sein; die große Masse des Rechtsstoffes war im Mittelalter und bis tief in die Neuzeit hinein Gewohnheitsrecht, entstand nicht durch Setzung, sondern durch Übung. Zweitens: ungemein häufig ward gesetztes Recht durch Gewohnheitsrecht geändert, und es verging dann oft eine geraume Zeit, bis der neue Rechtszustand in die feste Form des Statuts gegossen wurde, und nicht selten unterblieb dies ganz; so vermag der Rechtshistoriker, der sich lediglich auf die Statuten und Privilegien stützt, nur zu einem höchst lückenhaften Bilde zu gelangen, und nicht selten ist das Bild, das er entwirft, geradezu verzeichnet, falsch, weil die in jenen Quellen nicht zutage tretende geschichtliche Entwickelung nicht gebührlich gewürdigt ist: es wird etwas für eine bestimmte Periode als geltendes Recht gelehrt, weil es zu Beginn der Periode durch Statut festgesetzt und innerhalb derselben durch Statut nicht beseitigt wurde, obgleich im Verlaufe der Periode auf dem Wege der Gewohnheit ein anderer Rechtszustand geschaffen ward. Auf das Gewohnheitsrecht hat also der Rechtsforscher sein Augenmerk zu richten, gleichviel ob ihm Statuten und Privilegien zu Gebote stehen oder nicht. Die wichtigsten Erkenntnismittel des Gewohnheitsrechtes sind Gerichtsentscheidungen und Urkunden im eigentlichen, juristischen

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Sinne, d. h. rechtsbedeutsame Aufzeichnungen über konkrete rechtliche Vorgänge. In großer Zahl stehen Gerichtsentscheidungen zur Verfügung, gedruckt oder handschriftlich (ich erinnere nur an die Schöffensprüche aus dem Magdeburger Stadtrechtskreise; zumal diejenigen des Magdeburger Oberhofes). Allein sie reichen bei weitem nicht aus, abgesehen davon, daß sie im allgemeinen nur für das Privat-, Straf- und Prozeßrecht in Frage kommen. Man ist daher auf die Urkunden angewiesen, und solche liegen in ungeheueren Massen in den Stadtbüchern mit Eintragungen über Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit vor. Mit schönstem Erfolge kann man sie namentlich zur Ermittelung der Geschichte des Verfassungs- und des Privatrechtes verwerten, wohl auch des Prozeßrechtes, während sie allerdings hinsichtlich des Strafrechtes fast ganz versagen.

     Es ist noch gar nicht so lange her, daß man die Bücher zur Erforschung jener Disziplinen in größerem Maßstabe heranzieht. Zwar hatte schon Carl Wilhelm Pauli seine Abhandlungen aus dem Lübischen Rechte und seine Lübeckischen Zustände im Mittelalter, erschienen in der Zeit von 1837 bis 1878, Schriften, die noch heute von hohem wissenschaftlichen Werte sind, zum großen Teil aufgebaut auf dem Lübecker Ober-Stadtbuch und dem Lübecker Nieder-Stadtbuch (Grundbuch und Schuldbuch), die beide zu der hier behandelten Stadtbücherart gehören. Aber eine so umfassende Berücksichtigung der Bücher bildete damals eine seltene Ausnahme: zumal die Rechtshistoriker verschmähten es im allgemeinen, auf die Urkunden zurückzugreifen. Bezeichnend für den Standpunkt der Rechtshistoriker ist der Satz, den kein geringerer als Stobbe im Jahre 1872 schrieb, in seiner für die damalige Zeit vortrefflichen Abhandlung über die Auflassung des älteren deutschen Rechtes (in Jherings Jahrbüchern Bd. 12 S. 173): "Es hat seine großen Schwierigkeiten, bei den nur unbestimmt sprechenden Artikeln der Stadtrechte (gemeint sind die Statuten) es heutzutage mit Sicherheit festzustellen, ob in einer bestimmten Stadt das ältere freie oder das neuere, mehr formale Prinzip (nämlich

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das Erfordernis der gerichtlichen Auflassung zum Erwerbe des Eigentums an Liegenschaften) die Herrschaft hatte". Ich füge hinzu: nicht nur schwierig ist es, mit Hilfe der Statuten zum Ziele zu gelangen - es ist geradezu unmöglich; und das gilt nicht nur für die von Stobbe behandelte Frage, sondern auch für zahllose andere. In den letzten Jahrzehnten tritt mehr und mehr ein anderer Standpunkt hervor: mehr und mehr werden die Stadtbücher entsprechend gewürdigt, und gerade diesem Umstande sind zum beträchtlichen Teile die Fortschritte zuzuschreiben, welche die Wissenschaft in der jüngsten Zeit in der Erkenntnis unserer älteren Rechtszustände gemacht hat. Allein es geschieht doch auch heute noch nicht immer genug. Dahin müssen wir kommen, daß wir jede Arbeit über ältere deutsche städtische Verhältnisse ablehnen, die nicht in vollem Umfange das in den Stadtbüchern vorliegende Urkundenmaterial (jedenfalls, soweit es veröffentlicht ist) heranzieht, daß wir es als einen methodischen Fehler betrachten, sich auf die Durchforschung der übrigen Quellenarten zu beschränken.

     Vielleicht habe ich den Einwand zu gewärtigen: ich überspanne die Bedeutung der Stadtbücher mit Eintragungen über Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit; wenn sie auch sicherlich für die Familiengeschichte, die Topographie, die Volkskunde, die Wirtschaftsgeschichte, die Geschichte des Privatrechtes und wohl auch des Prozesses (namentlich der Zwangsvollstreckung) als Quelle hoch zu werten seien, so sei doch nicht einzusehen, inwiefern aus den Buchungen über den Rechtsverkehr der Bürger die Verfassungsgeschichte einen besonders reichen Gewinn ziehen könne. Diesen Einwand gilt es zu entkräften. In den Eintragungen werden unzähligemal der Rat und das Schöffengericht erwähnt, indem es z. B. heißt: das beurkundete Rechtsgeschäft sei vor dem Rat, vor dem Schöffengericht abgeschlossen worden; es werden wohl auch die Ratmannen und die Schöffen mit Namen angeführt, und es treten in den Eintragungen ferner einzelne oder mehrere der Mitglieder des Rates oder des Schöffenkollegiums oder andere städtische oder

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stadtherrliche Beamte in amtlicher Eigenschaft auf. In solchen Buchungen hat man zuvörderst ein authentisches Zeugnis dafür, daß es zu der betreffenden Zeit den Rat, das Schöffenkollegium, die anderweitigen Beamten gab - bekanntlich ist die Entstehung des Rates für viele Städte in Dunkel gehüllt, und weiter kann man die Zusammensetzung der Behörden erkennen, ferner die Funktionen der Behörden und der einzelnen Beamten, ihre Zuständigkeit feststellen. Insbesondere kann das vielfach noch unaufgeklärte Verhältnis des Rates zu dem stadtherrlichen Beamten (dem Vogt) und zu den Schöffen, können die Beziehungen des Rates zur Rechtspflege aus den Stadtbüchern die rechte Beleuchtung erfahren, und man kommt dabei zu höchst interessanten, manchmal überraschenden Ergebnissen, wie neuere Forschungen z. B. für Bremen und Breslau gezeigt haben.

     Nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß die Bücher auch praktischen Wert für unsere moderne Rechtsprechung haben. So konnte eine Frage, die vor einer Reihe von Jahren Gerichte beschäftigte, die Frage, was unter den Lübecker Grundhauern zu verstehen ist, lediglich aus den alten Lübecker Stadtbüchern beantwortet werden.

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     Wie hat man bei der wissenschaftlichen Verwertung dieser idealen Geschichtsquelle zu verfahren, will man sie voll nutzbar machen? Ich kann Ihnen hier nicht erschöpfend die Methode der Stadtbuchforschung vorführen, muß mich vielmehr auf die Hervorhebung einiger Punkte beschränken, die mir besonders wichtig zu sein scheinen.

     Die Durchforschung der Bücher mit Eintragungen über Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit ist keine leichte Arbeit. Nicht nur Fleiß erfordert sie, sondern sie stellt auch hohe Ansprüche an die Geduld. Denn zunächst gilt es, eine große Zahl von Urkunden zu bewältigen: die einzelne Urkunde ist vielfach wertlos, wenn man nicht gerade nach einem be-

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stimmten Ausdruck, einem bestimmten Namen, einer bestimmten Örtlichkeit sucht - nur die Masse vermag, jedenfalls dem Wirtschafts- und dem Rechtshistoriker, dienlich zu sein. Nur aus der Masse kann man namentlich in Klarheit erkennen, was Rechtens war. Im Einzelfalle kann ja die bewußte oder unbewußte Nichteinhaltung eines Rechtssatzes vorliegen. So beweist die Tatsache, daß eine vor dem Rate vorgenommene Auflassung eingetragen ist, keineswegs ohne weiteres, daß der Rat nach dem zurzeit geltenden Rechte hinsichtlich der Auflassung zuständig war; sieht man genauer zu, so findet man nicht selten, daß es sich nur um den Versuch des Rates handelt, seine Kompetenz auf Kosten des Gerichtes zu erweitern, die Auflassung vor sein Forum zu ziehen, einen Versuch, dem bald wohl auch ein Statut entgegentrat, das die Auflassung vor dem Rate für unstatthaft erklärte - andererseits gelang es in manchen Städten dem Rate, sein Ziel zu erreichen, und die Neuerung erhielt dann mitunter auch statutarische Sanktion.

     Zu der Umfänglichkeit des Materials kommt, das Studium erschwerend, die Sprödigkeit und Eintönigkeit desselben. Ungemein häufig kann es geschehen, daß man tagelang Eintragungen über den gleichen Gegenstand in genau sich gleichbleibender Form lesen muß, ohne irgendwie Bedeutsames zu finden, indem z. B. ohne Unterbrechung Auflassungseintragung auf Auflassungseintragung folgt, von denen sich die eine von der anderen ausschließlich durch die Namen der Parteien und die Angabe über die Lage des Grundstückes unterscheidet. Und doch darf man sich dann nicht zu flüchtigem Überfliegen der Eintragungen verleiten lassen. Denn die geringste Abweichung von der typischen Formel, die nur dem aufmerksamen Beobachter nicht entgeht, kann von erheblichem Gewichte sein, etwa indem sie den Beginn einer Änderung des Rechtszustandes anzeigt. Man hat also, wie ermüdend es auf die Dauer auch wirken mag, stets den ganzen Wortlaut der Urkunde sorgsam zu lesen, und man hat auch auf die (weil häufig wiederkehrend) von den Buchführern gekürzt geschriebenen Teile der Eintragung sein

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Augenmerk zu richten: mitunter ist das "etc.", um von anderen Kürzungen zu schweigen, von hoher Bedeutung.

     Daß man vor allem die Art des beurkundeten Rechtsgeschäftes zu bestimmen, sozusagen die richtige Diagnose des konkreten Falles zu stellen hat, ist eigentlich selbstverständlich. Nicht immer ist dieses ganz einfach. So kann es auf den ersten Blick zweifelhaft sein, ob ein Geschäft des Sachenrechtes oder des Obligationenrechtes, ob eine Vergabung von Todes wegen oder ein Testament beurkundet ist. Daher bedarf es einer ordentlichen juristischen Schulung. Darum sollte, wer über diese nicht verfügt, von der Untersuchung entsprechender Fragen Abstand nehmen, um der Gefahr des Dilettantismus zu entgehen, und beispielsweise sich nicht des leider so beliebten Verlegenheitsmittels bedienen, von der "Übertragung" einer Liegenschaft zu reden Wo es darauf ankommt festzustellen, ob Verpachtung, Vermietung, Verleihung, Verpfändung, Übereignung vorliegt, und ob die Übereignung auf Grund eines Kaufes oder einer Vergabung unter Lebenden oder von Todes wegen oder eines sonstigen Verhältnisses erfolgt.

     Von Wichtigkeit ist, ob die Eintragung in der ursprünglichen Fassung vorliegt oder später geändert oder ganz oder teilweise gelöscht worden ist. Die ursprüngliche Fassung läßt sich gewöhnlich leicht feststellen, da in jenen Fällen die erste Niederschrift meist durch Streichung getilgt ist. Mitunter sind freilich die Striche so zahlreich und so dicke daß man einige Mühe haben kann. Wenn die Tilgung durch Abwaschen geschehen ist, haben wir gewisse Mittel, den Text wiederherzustellen. Ist sie aber durch Radieren erfolgt und dabei, was gar nicht so selten wahrzunehmen ist, ein Loch in dem Blatt entstanden, dann hilft nicht einmal das Sautersche Verfahren, und ist man höchstens auf Vermutungen angewiesen.

     Voll gewürdigt kann die Eintragung nur werden, wenn man berücksichtigt, ob sie die Abschrift oder der Entwurf eines Rats- oder eines Schöffenbriefes oder die Abschrift eines Privatbriefes ist, oder ob sie in keinem Zusammenhange mit der

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Verbriefung des Vorganges steht. (Als Briefe bezeichnete man, was ich für die anwesenden Nichthistoriker bemerken möchte, die auf losen Blättern geschriebenen besiegelten Urkunden während die durch Siegel nicht beglaubigten Aufzeichnungen auf losen Blättern auch wenn sie rechtliche Vorgänge betrafen, Zettel genannt wurden.) Manche Stadtbücher enthalten nur Abschriften oder Entwürfe von Briefen, manche nur von der Verbriefung unabhängige Buchungen, manche Eintragungen beider Arten, so daß man unter diesem Gesichtspunkte die Stadtbücher über Akte der freiwilligen Gerichtsbarkeit in drei Gruppen gliedern kann.

     Auch darauf wird unter Umständen zu achten sein, ob die Eintragungen sogleich in der Rats- oder Gerichtsverhandlung über den beurkundeten Vorgang geschrieben worden, also Originalprotokolle sind oder ob sie erst später auf Grund von Aufzeichnungen, gemacht während der Verhandlung, vorgenommen worden, also Reinschriften sind. In dem letzten Fall ist es nicht uninteressant, das Verhältnis zwischen dem Wortlaute der Eintragung und demjenigen der protokollierten Aufzeichnung festzustellen.

     Zu bedenken ist, daß der eingetragene Vorgang noch in einem anderen Stadtbuche verzeichnet sein kann. Es kommt in solchen Fällen vor, daß sich die beiden Eintragungen auf verschiedene Seiten des Vorganges beziehen, so daß zum vollen Verständnis desselben die Kenntnis beider Eintragungen erforderlich ist.

     Sehr häufig beziehen sich mehrere Eintragungen desselben Buches auf das nämliche Rechtsverhältnis; oft liegen sie Jahre oder gar Jahrzehnte auseinander. Die jüngere Eintragung ist dann manchmal geeignet, Zweifel, welche die ältere läßt, zu beseitigen, aber auch umgekehrt.

     Der Möglichkeit, ja der Wahrscheinlichkeit, zu äußerst wertvollen Ergebnissen zu gelangen, würde man sich berauben, wollte man sich auf das Studium der eigentlichen Eintragungen beschränken. Wie der Interpret eines Gesetzesparagraphen

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diesen stets als Teil des Gesetzes und des Abschnittes des Gesetzes, in dem er Platz gefunden, zu betrachten hat, so darf der Stadtbuchforscher die einzelne Eintragung nicht losgelöst von dem Buch und, wenn Buchteile vorhanden sind, losgelöst von dem Buchteil in dem sie steht, verwerten wollen. So ist es von höchster Bedeutung, ob es sich um ein Ratsbuch oder um ein Schöffenbuch handelt; aber auch andere Unterschiede kommen in Betracht. Häufig finden sich in den Büchern selbst entsprechende Hinweise: so Eingangsvermerke am Anfange, Schlußvermerke am Ende des Buches, Überschriften am Kopfe der Blätter oder über Gruppen von Eintragungen.

     Aber auch andere Aufzeichnungen und Bemerkungen jeder Art, die das Buch außer den eigentlichen Eintragungen enthält, sind auf ihnen Wert zu prüfen: sowohl Zusätze zu den einzelnen Eintragungen (neben oder über oder unter diesen), die sich nicht einfach als Verbesserungen von Schreibfehlern im Texte darstellen, als auch Notizen auf den Einbänden, zumal auf deren Innenseiten, und nicht minder eingeheftete, eingeklebte, eingelegte Blätter und Blättchen. Von ganz hervorragendem Werte sind die so oft gar nicht oder doch nicht gebührlich berücksichtigten Zusätze zu den Eintragungen: Sätze, einzelne Worte, Striche, Kreuze und andere Zeichen, die ausnahmslos ihren Sinn haben, ja selbst Figuren, die durchaus nicht immer den Charakter von Spielereien der Schreiber oder von Federproben haben. Den Sinn zu ermitteln, ist allerdings häufig nicht leicht. Das Beste, was man tun kann, ist: die Gesamtheit der Fälle, in denen sich ein Zusatz einer bestimmten Art findet ins Auge zu fassen und den Gegenstand sowie die etwaige Eigentümlichkeit des Inhaltes der Eintragungen, denen sie beigefügt sind, festzustellen. Bei allen Zusätzen die sich nicht als bedeutungslos erweisen, hat man unter Prüfung von Tinte und Hand zu ermitteln, ob sie gleichzeitig mit der Eintragung gemacht worden sind oder erst später, und im letzten Fall ist möglichst genau die Zeit zu bestimmen. Nicht nur die bei der Buchführung befolgten Grundsätze,

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sondern auch die fortschreitende Rechtsentwickelung vermag man auf diesem Wege zu erkennen.

     Wenn ich betone, daß man, um die einzelne Eintragung voll würdigen zu können, den Blick aufs Ganze richten muß, ist klar, daß ich auch der Tatsache, von welcher Hand die Eintragung herrührt, Bedeutung beimesse. Oft hat ein Schreiber das ganze Buch oder einen großen Teil desselben ohne Unterbrechung geschrieben; in den größeren Städten lag jedoch häufig die Führung der Bücher mehreren Schreibern nebeneinander ob. Die Buchführer aber waren fast ganz selbständig, nicht an Ordnungen oder Instruktionen gebunden, und so stand der Entwickelung ihrer Individualität nichts entgegen. In der Tat ist oft die Wahrnehmung zu machen, daß die einzelnen Buchführer bei der Gestaltung der Eintragungen ihre eigenen Grundsätze befolgt haben der eine faßt die Eintragungen ausführlicher als der andere, der eine drückt sich klarer aus als der andere, der eine legt auf diesen Punkt des zu beurkundenden Vorganges besonderes Gewicht, der andere auf jenen. Dies zu beachten, ist nicht nur von Wichtigkeit, wenn mehrere Schreiber nebeneinander tätig waren, sondern auch, wenn die Buchführung in den Händen eines Schreibers lag: mit dem Scheiden dieses aus dem Amt und dem Eintritt eines neuen Schreibers ist häufig eine mehr oder minder weitgehende Änderung der Art und Weise der Buchführung verbunden. Daß es für das Verständnis des Buches als Ganzen und damit die rechte Würdigung der einzelnen Eintragungen wesentlich ist, die Grundsätze zu kennen, die bei der Führung des Buches maßgebend waren, ist ohne weiteres klar. Also ziemt sich für den Stadtbuchforscher besondere Aufmerksamkeit beim Wechsel der Hand.

     Bei diesen Betrachtungen hatte ich denjenigen im Sinne welcher die Handschriften studieren will. Man ist jedoch nicht immer auf diese angewiesen. Denn viele Bücher sind durch den Druck veröffentlicht worden. Wie zahlreiche Städte dabei auch vertreten sind, so sind die Zeiträume, welche die Editionen umfassen, doch immer mehr oder minder eng begrenzt; im all-

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gemeinen haben nur das älteste Buch oder ein paar älteste Bücher Veröffentlichung gefunden. Wer also die geschichtliche Entwickelung schlechthin verfolgen will, wird der archivalischen Forschung nicht entraten können. Immerhin ist zu erwarten, daß die Verwertung der Quellen durch weitere Editionen erleichtert werden wird.

3

     Im Hinblick darauf möchte ich die Frage aufwerfen: wie soll man Stadtbücher edieren?

Zuvörderst stehen zwei Wege offen: entweder man veröffentlicht das ganze Buch, oder man beschränkt sich auf die Veröffentlichung gewisser Eintragungen. Bei Beschreitung beider Wege hat man die Wahl zwischen der Veröffentlichung in einem selbständigen Werk und der Einreihung in ein die Stadt betreffendes allgemeines Urkundenwerk - daß hier nur die zeitliche Folge maßgebend sein kann, ist klar. Das Verfahren der zweiten Art ist in dem Falle, daß das ganze Buch zur Veröffentlichung gelangt, vielfach angefochten worden, ist aber m. E. nicht abzulehnen, sofern die Stadt über reiches anderweitiges Urkundenmaterial verfügt; denn die Buchungen sind doch immer nur eine Art von Urkunden, und wer sich insbesondere mit den Stadtbucheintragungen beschäftigt, ist ja leicht in der Lage, die Nummern des Urkundenwerkes, welche jene bringen, zusammenzustellen. Kommt die Veröffentlichung des ganzen Buches der Geschichtsforschung jeder Richtung zugute, so vermag die Veröffentlichung gewisser Eintragungen nur der einen oder der anderen Richtung zu dienen je nach dem Gesichtspunkt, unter dem die Auswahl der Urkunden getroffen wird. Ohne weiteres leuchtet ein, daß die Auswahl in zulänglicher Weise nur treffen kann, wer die in Frage stehende historische Disziplin beherrscht: nur ein solcher ist imstande, das Wichtige von dem Unwichtigen zu scheiden und, worauf es besonders ankommt, in den von ihm ausgewählten Urkunden ein auf den bestimmten Zweig der Geschichte beschränktes deutliches Bild des Buches zu geben.

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     Gleichviel welchen weg man geht, ist die Beschreibung der Handschrift unerläßlich. Ediert man ein ganzes Buch, so wird sie ausführlicher zu halten sein als bei Veröffentlichung gewisser Eintragungen und sich möglichst auf alle die Momente zu erstrecken haben, die vorhin als für die Stadtbuchforschung besonders bedeutungsvoll bezeichnet worden sind; namentlich sind also alle Zusätze zu den Eintragungen (auch bloße Striche u. dgl.) sorgsam zu vermerken. Noch ein anderes ist stets zu beachten: die Urkunden sind unter allen Umständen vollständig, wie sie in der Handschrift stehen, ohne Kürzungen, wiederzugeben, wenn sie auch anderen als den Forschern auf dem Gebiete der Familiengeschichte und der Topographie dienen sollen, und das sollen sie doch wohl meist. Wie oft ist von Seiten der Rechtshistoriker ungekürzter Abdruck der Urkunden gefordert worden! Und immer und immer wieder unterläßt man es, diese Forderung zu erfüllen, auch in Fällen, in denen die Edition in erster Linie für die Rechtshistoriker bestimmt ist. Ist denn jene Forderung unbillig? Was wird wohl ein gewissenhafter Jurist zu tun haben, wenn ihm ein Passus eines modernen Testaments zur Begutachtung vorgelegt wird? Er wird verlangen müssen, daß ihm Einblick in das ganze Testament gewährt wird; denn jener Passus kann im Zusammenhange mit anderweitigen Bestimmungen des Testaments stehen, und dann kann er nur im Zusammenhange mit diesen richtig gewürdigt werden. Der Jurist, der sich über ein rechtliches Verhältnis äußerte obgleich er sich damit begnügt hat, einen Teil der maßgebenden Urkunde zu lesen ist vergleichbar einem Mediziner der Kranke brieflich behandelt. Ein Pfuscher ist jener wie dieser! Das gilt auch von dem Rechtshistoriker, der sich mit alten Urkunden von nur wissenschaftlichem Werte beschäftigt, für den nicht nur der Gegenstand der Beurkundung, sondern auch der gebrauchte Ausdruck von Wichtigkeit ist. Darum wird er nicht anders können, als eine jede nicht vollständig edierte Urkunde ignorieren. Ich bin hier zu keinem Kompromiß bereit.

     Einzelheiten darüber, wie Stadtbücher zu edieren sind,

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brauche ich nicht zu erörtern. Ich kann in dieser Beziehung auf eine der jüngsten Editionen verweisen, die schlechthin als mustergültig zu bezeichnen ist: Lipperts Ausgabe der Lübbener Stadtbücher aus der Zeit von 1382 bis 1526 (Urkundenbuch zur Geschichte des Markgrafentums Niederlausitz Bd. 2, 1911). Wie der Textabdruck zu gestalten, was in der Einleitung zu sagen ist, wie die Register zu arbeiten sind, wenn man allen Anforderungen gerecht werden will, ist aus diesem Werk ersichtlich. Nur sind leider auch hier die Eintragungen aus den letzten Jahrzehnten jener Periode vielfach gekürzt worden, was um so mehr zu bedauern ist, als es sich um eine für den Rechtshistoriker im Hinblick auf das Eindringen des römischen Rechtes besonders interessante Zeit handelt. Zweckmäßig ist in der Einleitung von einer eingehenderen Betrachtung des Inhaltes der Bücher Abstand genommen. Hierzu gehört Fachschulung auf den verschiedensten Gebieten der Geschichte, über die wohl nur sehr wenige verfügen, und so kommt es, daß Einleitungen, die den Inhalt erörtern, für den einen oder den anderen Zweig der Geschichte unbrauchbar sind; namentlich der Rechtshistoriker kann sie nicht selten nur mit Befremden lesen. Weise Beschränkung auf sein Können ist eben auch hier angebracht. Sehr beachtenswert ist, was Lippert über die Behandlung der deutschen Texte des späteren Mittelalters sagt, die seit Weizsäckers Veröffentlichung der Deutschen Reichstagsakten unter König Wenzel (1867) üblich geworden ist: ich meine die Verbesserung der Orthographie, insbesondere durch Ausmerzung der seit dem 15. Jahrhundert hervortretenden Konsonantenverdoppelungen und -häufungen. Es läßt sich nicht leugnen, daß die von Lippert durchgeführte vollständige Wahrung der Orthographie der Handschrift ihr Gutes hat, indem sie der Dialektforschung zustatten kommt.

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V

     Ich bin am Schluß. Als die ehrenvolle Aufforderung an mich erging, vor Ihnen "über Stadtbücher" zu sprechen, wie das mir gestellte Thema lautete, da sagte ich ohne Zögern und mit Freuden zu. Denn es handelt sich um ein Gebiet, auf dem ich mich nun schon zwei Jahrzehnte mit Lust und Liebe betätige, ein Gebiet, zu dem ich immer wieder zurückkehre. Nicht konnte ich es unternehmen, Ihnen das gesamte Stadtbuchwesen vorzuführen; selbst nicht zu einer flüchtigen Skizze des Ganzen hätte die mir hier zur Verfügung stehende kurze Stunde ausgereicht. Ich mußte mich dabei bescheiden, das bedeutsame Institut von einigen Seiten zu beleuchten. Mein Ziel war, der zwar mühevollen, aber so fruchtbringenden Stadtbücherforschung neue Freunde zu werben und ihnen aus meiner Erfahrung etliches mitzuteilen. Sollte mir dies gelungen sein, und sollte auch den alten Freunden das eine oder das andere aus meinem Vortrage förderlich sein können, dann wäre ich reich belohnt.


Buchdruckerei des Waisenhauses in Halle a. d. S.