Rezension: Regesten Kaiser Friedrichs III. (1440-1493) auf CD-ROM


(CD-ROM-Ausgabe der) Regesten Kaiser Friedrichs III. (1440-1493), herausgegeben von Heinrich Koller und Paul-Joachim Heinig, CD-ROM-Version erarbeitet von Dieter Rübsamen, Wien (u.a.), Böhlau, 1998, ISBN 3-205-98803-5, DM 69,80 (für Reihenabbonenten) bzw. DM 498,-. Die 12cm große und knapp 20g schwere Scheibe enthält alles, was die gedruckte Vorlage in zwölf Bänden bietet (die über 4.500 Regesten der ersten zehn Hefte, die alten Regesten Joseph Chmels und das neuere Chmel-Register - insgesamt über 13.000 Einträge und 16.000 Registerstichworte) und zwar so genau, daß z.B. auch die Zitierfähigkeit nach Seite oder Regestnummer immer gegeben ist; sie geht aber in inhaltlicher, struktureller und funktioneller Hinsicht noch über die Druckfassung hinaus: Die Register und Verzeichnisse sind neu überarbeitet, Fehler der gedruckten Version teilweise korrigiert und es wird ergänzend ein vollständiger Wortindex geboten. Durch die Überführung in maschinenlesbare Strukturen sind alternative Ordnungsmuster möglich: Eine (zusätzliche) vollständige chronologische Ordnung beseitigt endlich die Nachteile der geographisch orientierten faszikelweisen Publikation der Regesten. Neben dem inhaltlichen und strukturellen Mehrwert gibt es einen funktionellen: Die CD braucht weniger Platz, ist leichter, billiger, versammelt den Inhalt eines Dutzend, sonst getrennter Bücher und ist vor allem schneller, vielfältiger und effizienter benutzbar. Internen Verweisen ist per Mausklick zu folgen; es gibt eine gute und einfach zu bedienende Notizfunktion; der Ausdruck oder Export beliebiger Stellen ist problemlos möglich. Der entscheidende Vorteil aber ist der unmittelbare Zugriff auf das Material über verschiedene Suchmasken und Suchroutinen die auch komplexe Fragen und Recherchestrategien ermöglichen. Man kann die CD nach Datum oder Bandweise „aufschlagen", Register und Verzeichnisse durchsehen, freie Suchen im gesamten Datenbestand oder in bestimmten Informationsbereichen (z.B. Datierungszeile, Kanzleivermerke, Apparat usw.) durchführen und dabei Begriffe beliebig und sogar mit Abstandsvorgaben kombinieren - um nur einige der unzähligen Arbeitsmöglichkeiten zu nennen. So ergibt sich insgesamt ein ganz neuer Zugriff bei gleichzeitig effizienterer und vielfältigerer Nutzung des Materials. So holt die CD denn insgesamt auch mehr aus den umfangreichen geleisteten Vorarbeiten heraus und erschließt die Quellen besser, als es die gedruckten Fassungen vermögen. Aber es gibt auch kleinere Mängel: Bei der Konversion sind besondere Zeichen verloren gegangen (z.B. ); es haben sich manche (marginalen) Schreibungsfehler eingeschlichen (Einleitung Heft 7, vierter Satz); teilweise sind (noch dazu kryptische) Schaltflächen nicht belegt; die Benutzerführung ist insgesamt zwar befriedigend, aber eben nicht gut; das Layout - keine Frage der Ästhetik, sondern der guten Benutzbarkeit - ist archaisch; inzwischen weit verbreitete graphische Muster zur Informationsvermittlung werden kaum genutzt; der Leser wird unmittelbar mit Suchmasken konfrontiert ohne daß ein erster Überblick über das Material geboten wird (die Titel der Hefte sind überhaupt nicht mehr vorhanden!); es fehlen ergänzende Übersichten und hierarchische Inhaltsverzeichnisse (die leicht zu generieren gewesen wären); ständig klappen neue Fenster auf, die wieder geschlossen werden wollen; wo man sich gerade befindet wird zwar in der Regel angezeigt, in der (erfreulich kurzen) Einarbeitungsphase tritt aber trotzdem öfters das „lost-in-hyperspace-Syndrom„ auf; es gibt keinen festen Rahmen, statt dessen immer wieder die Rückkehr zu den Suchmasken des Anfangs – schließlich: Die Publikation ist hinsichtlich Technik, Layout und Benutzerführung ein eigener Kosmos. Damit verweist sie auf die allgemeine Misere, daß auf historischer Seite oft immer noch davon ausgegangen wird, es gäbe scheinbar feststehende - von der Technik unabhängige - fachliche Anforderungen, die den Informatikern nur zur technischen Umsetzung zu übergeben seien. Hier wäre vielmehr auch von Historikern eine durch den Medienwandel geforderte konzeptionelle Reflexion und ggf. Neufassung dessen, was z.B. ein Regest als Informationsstruktur sei, in Angriff zu nehmen. Von den Informatikern mit ihrer manchmal etwas engen, rein informationstechnischen Sicht (Hier: Reduktion auf starre Datenbankstrukturen und Suchalgorithmen) wäre ein stärkeres Eingehen auf spezifisch geisteswissenschaftliche Anforderungen wie auf zusätzliche zeitgemäße Muster einer möglichst intuitiven Benutzerführung zu fordern - wenn hier nicht ohnehin die Verlage für ein entsprechend professionelles Know-How zuständig sein sollten. Trotz allem: Die vorliegende CD ist ein hervorragendes Arbeitsmittel und zugleich ein wichtiger Diskussionsbeitrag zu zukünftigen Publikationsformen geschichtswissenschaftlicher Arbeit. Sie zeigt hier teilweise die Richtung an, indem sie auf einigen Feldern kaum etwas zu wünschen übrig läßt (Suchfunktionen!). Ein einfach zu übernehmendes Modell für weitere Regestenpublikationen sollte sie aber nicht sein! Für diese ist auf eine breite Diskussion zwischen den mit Regesten befaßten Wissenschaftlern zu hoffen, mit dem Fernziel einheitlicher Konzepte und Strukturen – nicht im Bereich der Programme oder des Layouts, aber im Bereich der Grunddaten (Hoffentlich ist das CDI-Format der CD-Daten in allgemeine zukunftssichere Formate konvertierbar!) und ihrer Strukturierung („Funktion von Regesten im digitalen Zeitalter„). Die vorliegende CD ist jeder Bibliothek zur Anschaffung, (bei einen für Reihenabbonementen extrem niedrigen Preis) und jedem Historiker zur Benutzung nur zu empfehlen. Es wird spannend sein, zu beobachten, wie ein solches Medium, das zu ganz neuen inhaltlichen Fragen anregt, Arbeitsweisen und Fragestellungen von Historikern verändern wird. Patrick Sahle