Zoologisches Institut
der Universität zu Köln

Arbeitsgruppe
Dorfökologie


 
 
Leitung:
Dr. Klaus Cölln
Zoologisches Institut der Universität zu Köln
Albertus-Magnus-Platz, 50923 Köln
Tel. + (0)221 / 470 - 4132, Fax 0221 / 470 4987
e-mail: klaus.coelln@uni-koeln.de
Die kürzlich entdeckte Augenfliegenart
Eudorylas goennersdorfensis
     
 
Ansicht von Gönnersdorf   Im Eifelhaus der Familie Cölln,
auch Harmas II genannt,
entstanden zahlreiche Diplomarbeiten


      In den Dörfern der Eifel sind in den letzten Jahrzehnten besonders drastische, u.a. auf den Rückgang der Landwirtschaft zurückzuführende Strukturveränderungen zu verzeichnen, die diesen bei fortdauernder Entwicklung nach und nach den Charakter von Vorstädten (vgl. Stadtökologie) verleihen werden. Dieser Prozeß, durch Erneuerungsprogramme noch beschleunigt, wird besonders deutlich im Vergleich zu Dörfern in den neuen Bundesländern, die ihre Eigenart noch weitgehend bewahrt haben. Man erkennt dabei, in welchem Ausmaß in der Eifel Flächen überbaut, versiegelt oder "gärtnerisch" verstaltet wurden. Hecken und alte Bäume verschwanden und Bäche erhielten einen "regulierten" Lauf. Oft fielen auch Kiesgruben und Steinbrüche als "Wunden" in der Landschaft der Rekultivierung anheim. Schließlich entwerteten Neophyten bereits gestörte Biotope endgültig und der Ersatz traditioneller Baustoffe durch moderne entzog etlichen synanthropen Tierarten wesentliche Lebensgrundlagen. Heute sind die Fehler der jüngeren Vergangenheit Vielen bewußt und man sieht die Notwendigkeit, den Charakter der Dörfer auch im Sinne des Naturschutzes zu gestalten und zu erhalten.
      Der Begriff "Biotop" ist, obwohl von der Wissenschaft klar definiert, in der Alltagssprache zu einem Synonym für den Gartenteich geworden. Wir untersuchen die Tierwelt des Biotops Dorf 1)(siehe ganz unten), wohl wissend, daß dieser Titel auf Fachleute provozierend wirken kann. Selbstverständlich ist jedoch auch uns die Komplexität des dörflichen Lebensraumes bewußt, die sich nur durch Untergliederung in eine Reihe verschiedener Biotoptypen zutreffend beschreiben läßt. Wir wollen den Blick auf das Ganze lenken, den Bürgern ihre kleinen Mitbewohner und deren Lebensgrundlagen vor Augen führen. Wir waren selbst erstaunt über die Vielzahl der Arten, die wir im Rahmen des vor zehn Jahren begonnenen Projekts nachweisen konnten (Tab. 1).
      Die Erfassung dörflicher Tierwelt am Beispiel der Eifelgemeinde Gönnersdorf (Landkreis Daun) hat exemplarischen Charakter. Sie soll neben der reinen Bestandsaufnahme, die an sich schon ihren Wert hat, auch die Einflüsse landschaftsökologischer Parameter sowie des historischen und gegenwärtigen Wirkens des Menschen auf diese Artengemeinschaft herausarbeiten. Hinter allem steht jedoch das Ziel, Handlungsanweisungen für eine naturverträgliche Entwicklung des Dorfes zu formulieren, die nicht unbedingt zu Interessensgegensätzen führen müssen. Dabei arbeiten wir eng mit JOCHEN JACOBI, dem Zeichner unseres Institutes, zusammen (CÖLLN & JACOBI 1997, sowie weitere Publikationen der Arbeitsgruppe Dorfökologie). Dies soll hier beispielhaft an einem Fall dargestellt werden.
      Entgegen der Meinung vieler Naturschützer ist die Entwicklung der klassischen Kulturlandschaft nicht durch das Streben des Menschen nach Einklang mit der Natur bestimmt worden, sondern durch Eigeninteressen. Das kleinräumige Mosaik verschiedener Biotope beruhte vielmehr auf den meist begrenzten technischen Möglichkeiten, die damals zur Verfügung standen. An der Realisierung eines Baugebiets an der Birgeler Hardt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Gönnersdorf, die über mehrere Jahre in kleinen Schritten vollzogen wurde, konnte man die in der Kulturlandschaft wirksamen Prozesse modellhaft nachvollziehen. Die Birgeler Hardt ist z.T. durch feinsandige, unbewachsene Flächen gekennzeichnet, die einer Anzahl hinsichtlich ihres Nistsubstrates hochspezialisierter Wildbienen als Teillebensraum dienen.


Tab. 1:        Verzeichnis der bislang in Gönnersdorf im Landkreis Daun/Eifel bearbeiteten Tiergruppen
(Stand: Januar 2002)

Bearbeitung: 1: Barthold, 2: Behr, 3: Cölln, 4: Dempewolf, 5: Franzen, 6: Heller, 7: Hembach, 8: Hoffmann, 9: Hübner, 10: Hürth, 11: Jäger, 12: Jakubzik, 13: Kappes, 14: Klein, 15: Koch, 16: Krämer, 17: Metzen, 18: Neu, 19: Renker, 20: Pompé, 21: Precht, 22: Schmitz, 23: Sorg, 24: Topp, 25: Weber, 26: Weitzel

  *: Einzelnachweise im Rahmen spezieller Projekte
**: bislang nicht oder sehr unvollständig publiziert

Tiergruppe Artenzahl Bearbeiter
Deutscher Name Wissenschaftlicher Name
Urtiere* Protozoa* 27 13
Rädertiere* Rotatoria* 30 13
Strudelwürmer* Turbellaria* 1 13
Weichtiere Mollusca 81 3, 13, 19
Spinnen Araneae 132 3, 11
Weberknechte Opiliones 18 3, 17
Zecken Metastigmata 1 3, 13
Asseln Isopoda 12 3, 17
Wasserflöhe* Cladocera* 13 13
Ruderfüßer* Copepoda* 7 13
Libellen** Odonata** 5 1, 3
Schaben Blattodea 2 1, 12
Heuschrecken "Saltatoria" 16 25
Wanzen Heteroptera 133 8, 16, 24
Zikaden* Homoptera* 4 16, 24
Käfer**(unvollständig)
      davon Laufkäfer
Coleoptera**(unvollständig)
      davon Carabidae
275
93
3, 5, 16, 17, 24
Gallwespen*
---
Erzwespen*
---
Schlupfwespen*
Hungerwespen
Schmalbauchwespen
Zikadenwespen
---
Goldwespen
Dolchwespenartige
Ameisen
Wegwespen
Faltenwespen
Grabwespen
Wildbienen
Cynipidae*
Torymidae*
Eurytomidae*
Pteromalidae*
Ichneumonidae*
Evaniidae
Gasteruptionidae
Dryinidae
Bethylidae
Chrysididae
"Scolioidea"
Formicidae
Pompilidae
Vespidae
Sphecidae
Apidae
2
2
1
1
1
1
3
11
2
8
5
29
20
27
61
146
3, 23
3, 23
3, 23
3, 23
3, 23
3, 12
3, 12
3, 23
3, 23
3, 23
3, 7
2, 3
3, 12, 23
3
3, 12, 23
3, 7
Netzflügler** Planipennia** 12 22
Köcherfliegen Trichoptera 57 3, 13, 17
Groß-Schmetterlinge** Macro-Lepidoptera** 480 16, 24, 25, 26
Trauermücken
Stechmücken*
Waffenfliegen
Bremsen
Hummelschweber
Schwebfliegen
Augenfliegen
Dickkopffliegen
Bohrfliegen
Sciaridae
Culicidae*
Stratiomyidae
Tabanidae
Bombyliidae
Syrphidae
Pipunculidae
Conopidae
Tephritidae
78
1
14
3
2
132
63
8
21
6
3, 9
3, 9
3, 20, 21
3, 4
3, 9
3, 15
Lurche** Amphibia** 2 1, 3, 17
Kriechtiere** Reptilia** 2 1, 3, 17
Vögel**(nur Brutvögel) Aves** 35 3, 10
Säugetiere Mammalia 20 1, 3, 14, 17
Summe der Arten 2.020  


    1            Die für Wildbienen wichtigen Sandflächen wurden durch regelmäßige, aber geringfügige Materialentnahme für den Eigenbedarf durch Landwirte offengehalten. Die Verwaltung sah in diesen, aus Sicht des Naturschutzes positiven Eingriffen einen Raubbau, den es zu unterbinden galt.
     
    2             Zur Verhinderung der unkontrollierten Sandabfuhr wurden deshalb mehrere Entnahmestellen mit ortsfremdem Erdaushub verkippt. Dies führte zwar einerseits zum Verlust von Nistsubstrat für die Wildbienen, behob aber anderseits einen bestehenden Mangel, indem durch aufkommende Ruderalvegetation auf den Fremdböden das Blühangebot verbessert wurde.
     
    3             Das durch das Verkippen reduzierte Nistplatzangebot wurde durch das Planieren der Straßentrasse, bei der große Freisandflächen entstanden, überkompensiert.
     
    4             Bei der vollständigen Realisierung des Bebauungsplanes in seiner derzeitigen Form wird der Lebensraum für Wildbienen an der Birgeler Hardt drastisch eingeschränkt. Ein Kompromiß wäre denkbar, indem lückige und naturfreundliche Bebauung angestrebt würde. Entsprechend gestaltete Gärten würden für ausreichendes Blühangebot und spielende Kinder für genügend Freisandflächen sorgen.

 
      Aus dem oben geschilderten Beispiel lassen sich verallgemeinernde Schlüsse ziehen:
· Moderate Eingriffe des Menschen können aus Sicht des Naturschutzes förderlich sein.
· Es muß nicht immer eine bestimmte Fläche in ihrer charakteristischen Ausprägung erhalten werden, sondern in manchen Fällen genügt die dynamische Aufrechterhaltung des Gesamtangebots in entsprechendem Verbund.
· Es sind Kompromisse denkbar, die verschiedenen Interessen gerecht werden, wobei Eingriffe, wie die spielenden Kinder, bewußt ins Kalkül gezogen werden.

An dieser Stelle wird vielleicht die Art der Zusammenarbeit mit JOCHEN JACOBI besonders deutlich, wobei nicht vergessen werden darf, daß diese Synthesen erst möglich wurden durch Mitarbeit zahlreicher Diplomanden, Staatsexamenskandidaten und befreundeter Wissenschaftler. In jedem Fall haben die ersten zehn Jahre Erfassung in Gönnersdorf eine bemerkenswert reichhaltige Fauna zu Tage gefördert.

Publikationen

Lehre

1) Bestellmöglichkeit der Broschüre Biotop Dorf beim NABU Rheinland-Pfalz :
    www.geocities.com/RainForest/4656/versand.html


Zurück zur Seite: Arbeitsgemeinschaft für Faunistik, Biodiversität und Siedlungsökologie
Letzte Änderung : 04. Jan. 2002
KJB