Im frühen Entstehungsstadium ballen sich im Wolkennebel Megakräfte zusammen. In manchen Bereichen ist die Dichte erhöht. Damit steigt die Anziehungskraft, es wird weiteres Gas aus der Umgebung angesogen. Um einen Kern aus besonders dichtem Gas und Staubteilchen formen sich ringähnliche »Akkretionsscheiben« aus dem Gemisch: schwerere Staubteilchen setzen sich zur Mitte hin ab und bilden größere Klümpchen. Der stellare Staub ist auch ein Katalysator für die Bildung von Molekülen im All. An den eiskalten Staubteilchen lagern sich Wasserstoffatome an, verbinden sich zu molekularem Wasserstoff und werden dabei abgestoßen. Die Körnchen schirmen die neuen Moleküle gut vor schädlicher UV-Strahlung ab. Zudem können komplexe organische Moleküle an der Stauboberfläche entstehen. Die anfangs fragilen Gebilde rotieren um das dichtere Zentrum. Sie können weiteres Gas und Staub aus der Umgebung an sich binden, größer werden und sich stabilisieren.
»Diese sich drehenden Scheiben füttern den jungen Protostern im Zentrum, sodass er heranwachsen kann«, sagt die Astrophysikerin über die »fliegenden Teppiche«. Akkretionsscheiben sind in geburtenstarken Regionen des Kosmos wie zum Beispiel dem Orionnebel zu entdecken. Die Zeitskalen vom ersten Keim bis zum Planeten oder Stern können Millionen Jahre umfassen. Das veranschaulichen am Institut entwickelte 3D-Simulationen im Super-Zeitraffer. In einem Modell kann man zum Beispiel in rund dreißig Sekunden am Computer den Entstehungsprozess eines Zwillingssterns wie einen Farbfilm ablaufen lassen, der in der Realität wohl um die 100.000 Jahre dauern würde.
Schöpfung spielen
Walch-Gassner entwickelt auch eigene Modellsimulationen, um die verschiedenen Phasen der Sternentstehung zu verstehen. Die dafür verwendeten Codes seien schneller als andere, viele werden eigens am Institut programmiert, dabei werden Daten für Modell-Galaxien in dreidimensionale Darstellungen über- setzt. Sie bestehen aus vielen Millionen Datenzellen.
Die Werte werden mathematisch numerisch zusammengefügt, in einem Gitter mit verschieden feiner Auflösung wer den Daten zu vielen Faktoren hinterlegt. Walch-Gassner und ihr Team können dann nach Wahl verschiedene physikalische Größen simulieren. Von Temperatur und Dichte bis Druck, Kühlung und Wärmeaustausch: Es lassen sich Informationen gezielt abfragen oder Faktoren verändern. »Wir spielen damit auch ein bisschen Schöpfung«, so Walch-Gassner, »wir schalten zum Beispiel die Anziehungskraft aus oder den Sternenwind an und gucken, was passiert«. Damit kann das Forschungsteam sehen, wie sich veränderte Bedingungen auf die Sternentwicklung auswirken würden. »Das kann man beliebig kompliziert machen, und das machen wir auch.« Die Forscherin interessiert dabei, was relativ gesehen wichtiger ist, die Dynamik in ganzen Galaxien oder das Entstehen der einzelnen Sterne und ihre gegenseitige Beeinflussung: das stellare Feedback.
Gerade ist Walch-Gassner dabei, sich im Rahmen des SFB 1601 die Entstehung von Sternen mit mehr Masse anzuschauen. Die Schwergewichte bilden sich recht selten, meistens in Mehrfachsystemen mit Partnersternen. Ihre Lebensdauer ist eher kurz, der Energieausstoß groß, im Inneren herrschen extrem hohe Temperaturen. Die Frage sei beispielsweise, wie das Gas angesammelt wird und ob die masse- reiche Sternentstehung durch bestimmte Faktoren »getriggert« wird. Um die Entstehung von Sternen im Detail zu verstehen, braucht es Walch- Gassner zufolge neue Konzepte und die besten Codes – eine Aufgabe, die die Astrophysikerin auch in Zukunft noch mit Begeisterung angehen wird.
SiLCC
Im Rahmen des Projekts »Simulating the Life Cycle of Molecular Clouds« (SiLCC) erforschen Wissenschaftler*innen in 3DSimulationen den Lebenszyklus molekularer Wolken. Mit generierten Computerbildern etwa von Zwerggalaxien oder einem Teil der Milchstraße erforschen sie modellhaft physikalische Prozesse der Sternentwicklung im Zeitraffer. Neben den Teams um Walch- Gassner und andere theoretische Physiker*innen in Köln sind Forschende des Max-Planck- Instituts für Astrophysik in Garching, des Astronomischen Instituts der Tschechischen Akademie der Wissenschaften sowie der Universitäten Heidelberg und Cardiff beteiligt.
SONDERFORSCHUNGSBEREICH 1601
Der SFB erforscht die Sternentstehung mithilfe von Laborastrophysik, eigens entwickelten Instrumenten, Beobachtungen mit Teleskopen, theoretischer Modellierung und Simulationen. Er verbindet hochaufgelöste Studien massereicher einzelner Sterne mit Studien über das gesamte System einer Galaxie. Der SFB mit Professorin Dr. Stefanie Walch-Gassner als Sprecherin ist Teil des Kölner Kernprofilbereichs »Quantenmaterie und -materialien«. Verbundpartner sind die Universität Bonn, das Forschungszentrum Jülich und das Max-Planck-Institut für Radioastronomie