Gehen die Bemühungen um Europas Sicherheit seit Beginn des Ukraine-Krieges nicht in die richtige Richtung?
Es hieß immer, Europa bräuchte einen Pearl Harbour-Moment, um endlich aufzuwachen. Der 24. Februar 2022 war dieser Pearl Harbour-Moment, aber es geschieht immer noch viel zu wenig – auch in Deutschland, bei aller Rede von der »Zeitenwende«. Um militärische Kapazitäten zu schaffen, die andere Länder abschrecken könnten, braucht die EU fünf bis zehn Jahre. Noch ist sie aus eigenem Unvermögen darauf angewiesen, diese Abschreckungsleistung durch die Amerikaner abzusichern.
Frankreich, die einzige Atommacht in der EU, hat schon vor Jahren angeboten, bei dem Aufbau eines europäischen Schutzschildes mitzuwirken. Könnte das die Lösung sein?
Eine atomare Abschreckungskraft sehe ich langfristig für Europa gar nicht. Wer sollte dann die Kontrolle haben: die Kommissionspräsidentin? Oder würde der Kontrollkoffer von Land zu Land wandern? Nuklearwaffen sind politische Waffen und die Unfähigkeit, einen konstanten politischen Willen auszubilden, versperrt der EU den Weg, glaubwürdige Abschreckung leisten zu können. Trotzdem ist gut, dass die Diskussion geführt wird, weil damit auch die Fallgruben untauglicher Alternativen offenbar werden.
Was ist mit der NATO? Ist sie im Fall der Fälle willens und in der Lage, Europa zu verteidigen?
Die NATO ist heute stärker, als sie in den vergangenen Jahrzehnten war. Sie hat mehr Mitglieder, die Verteidigungshaushalte vieler Staaten wachsen. Aber sie krankt an demselben Problem: die Vereinigten Staaten sind die einzige handlungsfähige Militärmacht in der NATO. Daher ist wichtig, wer dort an der Macht ist. Der amerikanische Präsident garantiert mit seinem Wort für die Abschreckung. Dass die USA die Fähigkeit haben, weiß jeder. Sie müssen aber immer wieder deutlich machen, dass sie auch die Intention haben. Wir sehen in letzter Zeit wiederholt, dass das keine Selbstverständlichkeit mehr ist.
Zuletzt hat uns das Donald Trump sehr drastisch vor Augen geführt mit seinen Äußerungen, zahlungssäumige NATO-Partner nicht mehr verteidigen zu wollen, sollte er erneut Präsident werden.
Europa hat Angst vor Russland, aber dessen Angriff auf die Ukraine hat auch deutliche Schwächen offengelegt. Schätzen wir Russland als zu stark oder zu schwach ein?
Russland wird überschätzt, wenn wir nur auf die militärischen Potentiale und die Bewaffnung schauen. Es hat sich erwiesen, dass sie in Gefechten nicht gut sind. Sie haben die Offensive in der Ukraine schlecht angelegt und die Truppen sind schlecht ausgerüstet. Das heißt jedoch nicht, dass sie unfähig sind, aus diesen Fehlern zu lernen. Ein erneuter Angriff auf Kiew mit dem Ziel, die Regierung zu entmachten, würde womöglich ganz anders durchgeführt werden.
Worin sie stark sind: Die Russen setzen als einziger Staat der Welt die Drohung mit Nuklearwaffen politisch offensiv ein. Außerdem beherrscht Russland Desinformation und dominiert Diskursräume sehr effektiv. Es hat Stellvertreter in allen europäischen Staaten. In Deutschland bekommen diese Parteien fast 30 Prozent der Stimmen. Wenn solche Kräfte es schaffen, die Regierung zu übernehmen, muss man gar nicht mit militärischer Macht einmarschieren. Wenn zwei bis drei Schlüsselstaaten in Europa gewonnen sind, dann fallen die anderen auch. Insofern trifft die Vorstellung nicht zu, Russland müsse Europa mit Panzern überrollen, um »am Rhein zu stehen«. Es gibt mittlerweile andere Instrumente, deren Funktion weite Teile der deutschen Öffentlichkeit noch gar nicht verstehen.
Was ist das beste und was ist das schlechteste Szenario für eine neue Sicherheitsordnung?
Es kommt darauf an, für wen. Sagen wir mal, für ein demokratisches Deutschland in einem demokratischen Europa. Das beste Szenario wäre: stabile transatlantische Beziehungen und die Fähigkeit, Russland von weiteren militärischen Angriffen abzuschrecken. Wenn das verbunden wird mit einer erfolgreichen Allianzbildung im Pazifik, die China davon abhält, Taiwan anzugreifen, hätten wir wieder eine stabile Situation. Nicht ungefährlich, weil sie immer wieder infrage gestellt wird, aber es gäbe doch eine gewisse Erwartungssicherheit.
Gefährlich wäre, wenn die Vereinigten Staaten zu dem Schluss kommen, dass sie Europa nicht mehr brauchen. Das wäre die Situation, auf die Putin hofft: Die Europäer wären wehrlos und zersplittert und es ginge ein Wettlauf los, wer sich am schnellsten wieder mit Moskau gut stellt. Doch auch diese Situation würde nicht so ausgehen, wie sie sich Putin erhofft. China würde schnell klarmachen, wer auch in Europa das Ruder in der Hand hält. Es liegt auch an uns Europäern, dass dieses Szenario nicht eintritt.