Einen Vortrag und viele Gespräche später wurde die Kooperation zwischen dem Schokoladenmuseum und dem Institut für Altertumskunde konkret. Die Projektmitarbeiter*innen des Instituts, Professorin Dr. Anja Bettenworth, Professor Dr. Peter Schenk und Sven Johannes, boten an, zunächst den Grundstock lateinischer Texte, die dem Museum bereits vorlagen, zu übersetzen. Die Wissenschaftler*innen übersetzten bald aber nicht mehr nur, sondern suchten und fanden noch weitere, bis dahin unerschlossene Quellen zur Wahrnehmung von Schokolade vom 16. bis zum 18. Jahrhundert. Was schrieben die Wissenschaftler und Autoren in Europa in den nächsten zweihundert Jahren in lateinischer Sprache nieder?
Der mittellateinische Philologe Sven Johannes ist das Suchen nach Texten zwar gewohnt, aber diese Recherche in internationalen Bibliotheken und Datenbanken war auch für ihn nicht ganz einfach: »Viele frühneuzeitliche Drucke, also aus dem 16. und 17. Jahrhundert, wurden mittlerweile digitalisiert und über das Internet frei zugänglich gemacht. Dennoch bleibt es knifflig, sie zu finden – schließlich ist ›Schokolade‹ kein antiker Begriff. Man muss durchaus eigenständig überlegen, wie die Schokolade und die sie behandelnden Werke auf lateinisch heißen könnten, um einen möglichst vollständigen bibliographischen Überblick zu gewinnen.« Es gibt zwar das lateinische Wort cocolates, aber auch viele Umschreibungen, wie ›ein süßes Getränk‹, oder ›mexikanischer Nektar‹, wobei der Nektar auf die antike Vorstellung der Speise der Götter anspielt.
»Das ist auch deswegen interessant, weil der wissenschaftliche, aus dem Griechischen abgeleitete Name des Kakaobaums Theobroma, also Speise der Götter, lautet«, ergänzt Anja Bettenworth. Selten hatten sie das Glück, ausführliche bibliographische Angaben zu finden. Meistens arbeiteten sie mit kurzen Hinweisen auf andere Autoren oder Schriften innerhalb der Quellen. »Während wir aus heutiger Perspektive oft vor Herausforderungen stehen, solche Hinweise aufzulösen, konnten die Autoren davon ausgehen, dass die gebildete Leserschaft ihrer Zeit genau wusste, worauf verwiesen wird«, sagt Sven Johannes.
Attentate auf Schokoladenbars
Einen besonderen Schatz fand das Team mit einem Epos über Hernán Cortés aus dem Jahr 1729. Der Autor Gianbattista Marieni beschreibt darin rückblickend einige Episoden aus der Eroberung des Aztekenreiches. Die Wissenschaftler*innen forschen alle drei zur Textgattung des Epos, also ein Gedicht in Hexametern, in unterschiedlichen Epochen. Das neugefundene Werk ist für die Forschenden in mehrfacher Hinsicht interessant. So war dessen Existenz zwar bekannt, das Werk aber nicht erschlossen – also weder übersetzt noch kommentiert. »Da sind wir jetzt dran. Das ist auch für uns eine Neuentdeckung, die fasziniert und uns in der Forschung voranbringt«, sagt Anja Bettenworth.