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B 2. Magnetoelektrische Multiferroika und lineare Magnetoelektrika

Abb.8: Temperatur-Magnetfeld-Phasendiagramm der elektrischen und magnetischen
Ordnung im multiferroischen Pyroxen NaFeSi2O6. In den
gelb und grün hervorgehobenen Feldern ist der Kristall simultan ferroelektrisch
und magnetisch geordnet.
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(Forschungsthematik im Rahmen des SFB 608 Komplexe Übergangsmetallverbindungen mit Spin- und Ladungsfreiheitsgraden und Unordnung)
Multiferroische Materialien, in denen das simultane Auftreten mehrerer
primärer ferroischer Ordnungszustände beobachtet wird ((ferro)magnetisch,
ferroelektrisch und ferroelastisch) - hier insbesondere die durch
magnetische Ordnung hervorgerufene Ferroelektrizität - erweisen sich
als spannende Objekte der Grundlagenforschung mit vielversprechenden
Anwendungsaspekten. Zum heutigen Zeitpunkt sind mehrere verschiedene
Typen magnetoelektrischer Multiferroika bekannt und erst kürzlich
wurde ein Wechselwirkungsmechanismus zwischen magnetischer Ordnung
und ferroelektrischer Ordnung entdeckt, der auf der Präsenz spezieller
(i.d.R. spiralartiger) magnetischer Ordnungszustände beruht. Die dabei
erzeugbare elektrische Polarisation ist zwar gewöhnlich eher klein,
aber leicht und schnell durch vergleichsweise kleine Magnetfelder
schaltbar, worin sich eine anwendungsbezogene Attraktivität begründet.
Ein umfassendes Verständnis des multiferroischen Verhaltens steht, trotz
einiger bereits im Detail aufgeklärter Mechanismen, derzeit noch aus.
Gerade hier erscheint das Studium geeigneter, kristallchemisch variabler,
multiferroischer Systeme als ein wertvoller experimenteller Beitrag.
Derartige Substanzfamilien erlauben, unter weitgehender Beibehaltung der
strukturellen Architektur, einen gezielten Ersatz der chemischen
Strukturbausteine und der damit einhergehenden Abwandlung der magnetischen
und dielektrischen Eigenschaften, und eröffnen damit einen Zugang zum
systematischen Studium der relevanten Einflußgrößen auf das multiferroische
Verhalten.
Hier wurde von uns kürzlich eine neue Familie von Multiferroika, die
Pyroxene, entdeckt, die diesen Anforderungen nahekommt. In einer ersten
Untersuchungsserie konnte gezeigt werden, daß sowohl
NaFeSi2O6 als auch
LiFeSi2O6 und
LiCrSi2O6 Multiferroika oder lineare Magnetoelektrika
sind und NaFeSi2O6 wahrscheinlich den oben skizzierten
Spinzykloiden-Multiferroika angehört. Diese ersten Untersuchungen signalisieren
jedoch auch klare Unterschiede in der jeweiligen Manifestierung der
magnetoelektrischen Wechselwirkung, die in der Fortführung des Projektes
detailliert studiert werden wird. Diese Untersuchungen setzen die
Verfügbarkeit großer Einkristalle definierter Qualität voraus.
Ein grundsätzlich gangbarer Weg zur Züchtung der typischerweise inkongruent
schmelzenden Pyroxene aus Schmelzlösungen wurde exploriert und erste große
Einkristalle der o.g. Verbindungen gezüchtet. Hier müssen in der Fortsetzung
der Arbeiten zur Verbesserung von Kristallqualität und -größe die
Züchtungsparameter detailliert untersucht und optimiert werden.
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Eine weitere, für den Bereich "Neue magnetoelektrische Multiferroika"
vielversprechende Kristallfamilie sind Phosphate vom Typ LiMPO4
(mit M = Mn, Fe, Co, Ni), die mit einer Struktur vom Olivin-Typ (Punktgruppe mmm)
kristallisieren und bei tiefen Temperaturen langreichweitige magnetische
Ordnung zeigen. Ihre Aktualität ist durch den jüngst gelungenen Nachweis von
ferrotoroidalen Domänen in LiCoPO4 in der Arbeitsgruppe von
Prof. M. Fiebig (Universität Bonn) offensichtlich. Neben geeigneten
Kristallen zum Studium dieser neuen, vierten Art primärer Ferroizität
stellen die "Olivin-Phosphate" aber auch hinsichtlich ihrer ungewöhnlichen
magnetoelektrischen Kopplung einen vermutlich neuen Typ eines Multiferroikums
dar. Im Rahmen der fortlaufenden Arbeiten im SFB 608 soll in Kooperation mit der
Arbeitsgruppe Fiebig die Familie der Olivin-Phosphate Forschungsgegenstand werden.
Die Züchtung großer Einkristalle stellt dabei eine Herausforderung dar. Erste
eigene Versuche belegen die Synthetisierbarkeit der Phasen aus Schmelzsystemen,
die extrem hohen Schmelzviskositäten verbieten jedoch die Anwendung direkter
Schmelzzüchtungsverfahren, wie z.B. das Czochralski-Verfahren oder
Zone-melting-Verfahren. Der entscheidende Schritt hin zu einer Züchtung
größerer Einkristalle, die deutliche Herabsetzung der Schmelzviskosität
durch Entwicklung eines geeigneten, möglichst wenig volatilen
Schmelzlösungspartners, ist inzwischen gelungen, so daß in zukünftigen
Arbeiten in diesem Projekt gezielt die Züchtungsparameter erarbeitet und
optimiert werden können. Hier ist insbesondere auch die gezielte Einstellung
der Oxidationsstufe der Übergangsmetalle ein wesentlicher, zu beachtender
Parameter, dem von apparativer Seite durch entsprechenden Anlagenbau
Rechnung getragen werden muß.
Die dritte, im Bereich magnetoelektrischer Multiferroika bearbeitete
Substanzfamilie sind Wolframate mit Wolframitstruktur und davon
abgeleiteter Strukturtypen. Hier wurde die Multiferroizität
von MnWO4 experimentell in unserer Gruppe (zeitgleich mit zwei
weiteren Arbeitsgruppen) nachgewiesen. Ein weiterführender kristallchemischer
Ansatz zielt auf eine "Verdünnung" der eindimensional magnetischen Ketten
der Wolframitstruktur in entsprechend abgewandelten Strukturen, mit der
Hoffnung auf die damit einhergehende Einführung neuer magnetischer
Phänomene und/oder Abwandlung der magnetoelektrischen Kopplung. Erste
Untersuchungen an einem neu entwickelten und gezüchteten Wolframatkristall
signalisieren die Richtigkeit dieses Ansatzes, der in weiteren Arbeiten
in diesem Projekt weiterverfolgt werden soll.
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Projekte:
B 1. Einflüsse von Wachstumsparametern und Materialvariationen auf die
kristallphysikalischen Eigenschaften azentrischer Kristalle am Beispiel
tetragonaler Wolframbronzen: K3Li2Nb5O15
(KLN) und CaxBa1-xNb2O6 (CBN)
B 2. Magnetoelektrische Multiferroika und lineare Magnetoelektrika
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