Inhalt der Ausgabe 2/2001:
Brasilien an der Schwelle zum dritten Jahrtausend: Religion - Medien - Film - Literatur  

Einleitung

Manfredo de Oliveira: Die Herausforderung der neuen religiösen Bewegungen an die christlichen Kirchen

Claudius Armbruster: Medien und Religionen in Brasilien am Anfang des dritten Jahrtausends. Formen der Theatralisierung, Inszenierung und Spektakularisierung des Religiösen

José Carlos Avellar: Escrevendo a fala

Claudius Armbruster: Der brasilianische Film an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Filmische und literarische Repräsentationen des brasilianischen Nordosten zwischen Tradition und Innovation

Jeroen Dewulf: Schreiben als reflexives Verb: Hugo Loetschers Wunderwelt als Beispiel einer „teilnehmenden Literatur“

Claudius Armbruster: Literatur und Bildende Kunst im interkulturellen und intermedialen Kontext Brasiliens — Die Brasilianisierung des deutschen Künstlers Karl Hansen im interkulturellen und intermedialen Feld Bahias


 

Einleitung
Claudius Armbruster

Der vorliegende Band der Zeitschrift ABP versucht einen Dialog mit den Texten und Positionen, die bei der Veranstaltungsreihe des Portugiesisch-Brasilianischen Instituts (PBI) und des Zentrums Portugiesischsprachige Welt (ZPW) „Brasilien an der Schwelle zum dritten Jahrtausend“ vorgestellt und entwickelt wurden. Er spiegelt die kulturwissenschaftliche Ausrichtung des PBI und die inter­disziplinären Aktivitäten des ZPW wieder. Literatur- und medienwissenschaftlische Beiträge aus Europa sollen dabei die Perspektiven brasilianischer Philosophen, Religions- und Filmwissenschaftler aus einem methodisch und geographisch anderen Blickwinkel aufnehmen und ergänzen.

Während der Veranstaltungsreihe „Brasilien an der Schwelle zum dritten Jahrtausend“ sprach Prof. Dr. Manfredo de Oliveira, Philosoph und Religionswissenschaftler an der Kölner Partneruniversität Universidade Federal do Ceará (UFC) in Fortaleza am 10. Februar 2000 im Domforum in Köln über „Die Herausforderungen der neuen religiösen Bewegungen an die christlichen Kirchen“. Der in dieser Zeitschrift abgedruckte Beitrag Manfredo de Oliveiras wurde für die ABP in seiner deutschen Fassung überarbeitet. De Oliveira, der zunächst ein Theologiestudium an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom absolvierte, analysiert darin die Neureligionen aus philosophischer und theologischer Sicht als Herausforderung für traditionelle Formen des Religiösen und vor allem für die Katholische Kirche. Er begreift die neueste religiöse Entwicklung in Brasilien auch als Bewegung in Richtung auf einen allgemeinen Humanismus und auf Magie, wobei er die Zweideutigkeiten und sozialen und kulturellen Ursachen und Folgen akribisch genau herleitet und erörtert.

Einiges von dem, was Manfredo de Oliveira in seinem Vortrag im Domforum in Köln aus brasilianischer Sicht zur Diskussion stellte, habe ich während eines längeren Forschungsaufenthaltes in Rio de Janeiro, Recife und Fortaleza weiter überdacht und versuche nun, dieselben und ähnliche Phänomene des religiösen Feldes in Brasilien weniger von der theologischen und philosophischen Warte, und mehr aus der Perspektive des Literatur-, Kultur- und Medien­wissenschaftlers zu beschreiben und zu ergründen. Mein Beitrag mit dem Titel „Medien und Religionen in Brasilien am Anfang des dritten Jahrtausends – Formen der Theatralisierung, Inszenierung und Spektakularisierung des Religiösen“ repräsentiert natürlich auch einen staunenden europäischen Blick, ein europäisches Interesse am schwindelerregend changierenden religiösen Feld in Brasilien, das durch den Vortrag des Kollegen Manfredo de Oliveira geweckt worden war. Aus der Sicht des Wissenschaftlers eines sowohl durch die katholische wie auch die evangelische Religion geprägten Landes und seiner Kultur überrascht vor allem, wie viel Heterogenes und „Sektiererisches“ in Brasilien unter der Bezeichnung „evangélicos“ fungiert. Die von de Oliveira für Brasilien konstatierte „Rückkehr der Religion“ unter anderen Vorzeichen kann so für Deutschland und Mitteleuropa nicht festgestellt werden. Einem Vordringen der Sekten vom Typus der Igreja Universal do Reino de Deus (IURD) scheinen hierzulande in den immer noch durch nivellierte Mittelschichten geprägten Gesellschaften Grenzen gesetzt, auch wenn in Europa derzeit esoterische Varianten von Spiritualität Konjunktur haben mögen.

In komparatistischer Perspektive eröffnen beide Beiträge eine prononciert interkulturelle Sicht des religiösen Feldes in Brasilien: Manfredo de Oliveira (*1941) promovierte an der Universität München in Philosophie mit einer Arbeit zur Entwicklung des transzendentalen Denkens bei Kant, Husserl und Wagner, ich selbst unterrichtete von 1982 bis 1988 in an der Universidade Federal de Pernambuco (UFPE) in Recife, erlebte damals in einem von dem bedeutenden katholischen Bischof Dom Helder Câmara (7.2.1909 – 27.8.1999) geprägten Umfeld den noch verhaltenen Zuwachs der Assembléia de Deus, der Pfinstlerbewegung in Brasilien. De Oliveira verfaßte seinerseits in dieser Zeit, 1988, in dem Sammelband 25 Anos, Pastor Profeta. Da Arquidiocese de Fortaleza ao seu Pastor Dom Aloísio Lorscheider einen Artikel über den damaligen Erzbischof von Fortaleza, den deutschstämmigen Dom Aluísio Lorscheider.

Dem Anwachsen der Neureligionen, einer Tendenz, die sich zu Lasten der katholischen Religion in den letzten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts weiter ausprägte, setzte das katholische religiöse Feld in Brasilien die charismatisch beeinflußte Bewegung des singenden und tanzenden Priester entgegen, dessen massenmediale Vermittlung des Katholizismus nicht ohne Diskussionen, Zweifel und „Verhandlungen“ über die Grenzen der Liturgie und der Inszenierung blieb. Unter den neuen Entwicklungen der medialen Vermittlung des Religiösen und Sakralen fokussiert mein Beitrag das katholische Medienphänomen Marcelo Rossi in Konkurrenz und im Unterschied zur neopentekostalen Sekte Igreja Universal do Reino de Deus (IURD).

Manfredo de Oliveira analysiert als Philosoph, Theologe und Sozialwissenschaftler – fast könnte man sagen als religiöser Philosoph und engagierter, kritischer Sozialwissenschaftler – die Veränderungen der Religion in einer zunehmend unübersichtlichen und fragmentierten sozialen und politischen Realität, wobei er die Folgen der Spaltung der brasilianischen Gesellschaft, der kaum sozial geprägten Marktwirtschaft, der Verarmung, der Gewalt und der medieninduzierten Virtualität miteinbezieht. Folgte man dem dualistischen Paradigma Umberto Ecos, erschiene Manfredo de Oliveira, was die Einschätzung der Massenmedien und der Globalisierung betrifft, als Apokalyptiker, wohingegen meine auf die mediale Vermittlungen des Religiösen ausgerichteten Analysen Massenmedien nicht apriorisch dämonisieren, sondern sie vor einem historischen Hintergrund als auch funktional bei der Vermittlung von Religion zu erklären versuchen. Verurteilt werden weder bei Manfredo de Oliveira noch in meinem Beitrag die Massenmedien, vielmehr bestimmte ökonomische Herrschaftsstrategien im Verein mit der Inszenierung von Exorzismusspektakeln, die strukturell aus dem Fundus eines manichäistischen Mittelalters stammen.

Meine Analyse mag mitunter als eine, in den Kategorien Umberto Ecos formuliert, „integrierte“ Sicht erscheinen, sie unterschätzt aber keineswegs unkritisch die Konsequenzen ökonomischer, politischer und medialer Machtkonzentration, versucht aber in der konkreten Untersuchung historischer Prozesse und der semiotischen Analyse von Inszenierungsformen Unterschiede zwischen den katholischen Charismatikern und den neupentekostalen Sekten zu erkennen und zu explizieren.

Massenmediale Inszenierungen der Religion – dies zeigt eine historische Analyse – gab es schon in der Kolonialzeit im Katechesetheater, sie entstehen also nicht aus dem Nichts, sondern weisen auf eine historische Entwicklung, in der die US-Amerikanisierung der brasilianischen Wirtschaft und Gesellschaft nun auch das religiöse Feld nachhaltig veränderten. De Oliveira sieht als Ergebnis seiner religionswissenschaftlichen Reflexionen über die Rolle der Religion in der (Post)Moderne deutliche Berührungspunkte zwischen der charismatischen Bewegung innerhalb des brasilianischen Katholizismus mit den pentekostalen und neopentekostalen Bewegungen. Mein semiotisch auf symbolische Inszenierungs­formen ausgerichteter Beitrag stellt dagegen mehr die unübersehbaren Unterschiede heraus, die sich – hoffentlich – nicht auf die Oberfläche beschränken werden.

Beide Beiträge koinzidieren darin, daß sie das Wiederauftauchen und das Wiedererstarken der Religion in den postmodernen Gesellschaften, vor allem in Brasilien an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, erkennen. Beide konstatieren, daß das Bild von Brasilien als einem Land mit fast nur Katholiken überholt ist und daß die Wissenschaft das spezifisch brasilianische religiöse Feld jenseits europäischer Kategorien (Katholizismus-Protestantismus) zu vermessen hat und der Dynamik massenmedial induzierter religiöser Phänomene Rechnung tragen muß.

Im zweiten Teil dieses Bandes über das Thema „Der brasilianische Film an der Schwelle zum dritten Jahrtausend“ wird deutlich, wie paradigmatisch in der Produktion und in der Diskussion brasilianischer Filme bis heute das Cinema Novo von Glauber Rocha und Nelson Pereira dos Santos blieb. Carlos Avellar, 1986-1987 kultureller Leiter von Embrafilme und von 1995-2001 Leiter von Riofilme, ist einer der wichtigsten Filmkritiker Brasiliens und bestimmt heute wesentlich die Geschicke der ambitionierten Zeitschrift Cinemais. Im Rahmen der Vortragsreihe „Brasilien an der Schwelle zum dritten Jahrtausend“ präsentierte er in seinem Vortrag „Der zeitgenössische brasilianische Film“ am 8. Februar 2000 in der Medienhochschule in Köln Ausschnitte aus dem Film Hans Staden (1999) von Luiz Alberto Pereira und kommentierte damit nicht zuletzt die filmische Auseinandersetzung Brasiliens mit einem der frühesten Brasilienbilder deutscher Sprache, nämlich Hans von Stadens Die wahrhaftige Historie der wilden, nackten, grimmigen Menschenfresserleute (1548-55). Mir blieb, nachdem ich diesen Film bei den V. Deutsch-Portugiesischen Arbeitsgesprächen in Braga 2002 in toto sehen konnte, vor allem die eigenwillige Synchronisation des brasilianischen Schauspielers in der Rolle Hans von Stadens in Erinnerung: Er spricht keineswegs wie ein Deutscher, auch bedient er sich keiner älteren Entwicklungsstufe der deutschen Sprache, vielmehr spricht er so Deutsch, wie sich Brasilianer heute vorstellen, daß ein Deutscher im sechzehnten Jahrhundert in Brasilien mit sich selbst, oder zu den Seinen nach Hause, gesprochen haben könnte und müßte. In jeder Hinsicht handelt es sich bei der intermedialen und interkulturellen Auseinandersetzung mit Hans von Staden und seinen abenteuerlichen Berichten und Phantasien auch um ein luso-brasilianisch-deutsches Phänomen.

Unter dem neuen Titel „Escrevendo a fala“ stellt Avellar die Tradition des Cinema Novo als ein Kino der gesprochenen Sprache den Filmen der Jahrtausendwende als einem „Kino der Schrift“ gegenüber. Die Bifurkation der kinematographischen Entwicklung in ein Kino der „gesprochenen“ und eines der „geschriebenen“ Sprache diagnostiziert Avellar sowohl in den technologischen und visuellen Dimensionen des Filmemachens in Brasilien als auch in der Entwicklung von narrativen und thematischen Filmelementen. Die Bedeutung des Cinema Novo an der Schwelle zu und im dritten Jahrtausend als paradigmatische und vormals avantgardistische Filmsprache kommt auch in meinem Beitrag „Der brasilianische Film an der Schwelle zum dritten Jahrtausend – Filmische und literarische Repräsentationen des brasilianischen Nordosten zwischen Tradition und Innovation“ zur Sprache, wobei die Frage nach der Beziehung von Film und Literatur, das intermediale Beziehungsverhältnis von audiovisueller und schriftlicher Dimension des Erzählens im Vordergrund steht.

Beide Artikel behandeln aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Methoden „kanonische“ Filme wie Deus e o Diabo na Terra do Sol (über diesen Film schrieb Avellar 1995 eine Studie Deus e o Diabo na Terra do Sol: a linha reta, o melaço de cana e o retrato do artista quando jovem) und Terra em Transe von Glauber Rocha und natürlich Nelson Pereira dos Santos’ kongeniale Verfilmung von Graciliano Ramos’ Roman Vidas Secas, aber auch den weltweit vielgezeigten und vieldiskutierten Film von Walter Salles Central do Brasil, neben neueren filmischen Versuchen wie Baile Perfumado. Mein Beitrag konzentriert sich auf die filmische und literarische Repräsentation des brasilianischen Nordostens, eine Perspektive, die sich auch in Avellars Artikel implizit gewichtet findet.

Im dritten Teil dieses Bandes der Zeitschrift ABP steht die Literatur im Zentrum und in Verbindung mit anderen Künsten und der Wissenschaft: Europäische Brasilienbilder und die Frage der Interkulturalität prägen den Artikel von Jeroen Dewulf über „Schreiben als reflexives Verb – Hugo Loetschers Wunderwelt als Beispiel einer ‚teilnehmenden’ Literatur“ ebenso wie meine Erörterungen zum Thema „Literatur und Bildende Kunst im interkulturellen und intermedialen Kontext Brasiliens – Die Brasilianisierung des deutschen Künstlers Karl Hansen in Bahia“. Ein junger Belgier, der an der Universität von Porto deutsche Sprache, Literatur und Kultur lehrt, befasßt sich intensiv mit dem schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher, jenem deutschsprachigen Autor, der sich wohl am intensivsten und längsten mit Brasilien und Portugal auseinandersetzt und dessen Buch Wunderwelt (1979) den Nordosten Brasiliens in die deutschsprachige Literatur eindrucksvoll eingeführt hat. Dewulf verbindet in seinem Artikel eigene interkulturelle Lehrerfahrungen mit theoretischen Reflexionen zum Verhältnis von Literatur und Ethnologie, zur Debatte über „teilnehmende Beobachtung“, „writing culture“ und „orientalism“. In einem Seminar an der Casa de Cultura Alemã, dem deutschen Kulturinstitut der Universidade Federal do Ceará (UFC), der Partneruniversität Kölns in Fortaleza, hat Dewulf zusammen mit nordostbrasilianischen Studierenden literarische Texte von Hugo Loetscher und Hubert Fichte auf ihre Stimmigkeit aus der Sicht der „Eigenen“, d.h. der Brasilianer, abgeklopft. So haben wir es bei „Schreiben als reflexives Verb – Hugo Loetschers Wunderwelt als Beispiel einer ‚teilnehmenden’ Literatur“ mit einer vielfachen interkulturellen Perspektive zu tun: Ein belgischer Germanist aus Portugal schreibt über einen Autor aus der Schweiz, der über den Nordosten Brasiliens schreibt, wobei aus Seminarerfahrungen auch die Perspektive von Studierenden aus dem Nordosten Brasiliens in die kritische Würdigung Hugo Loetschers im Kontrast zu Hubert Fichte miteinfließen.

Der Beitrag über den deutschen Künstler Karl Hansen-Bahia (1915-1978) reflektiert teilweise die Ausstellung des Zentrums Portugiesischsprachige Welt (ZPW) und des Portugiesisch-Brasilianischen Instituts (PBI) in der Galerie der Universität zu Köln mit dem Titel „Via Crucis – Kreuzwege in Brasilien“ (16. - 26. Januar 2001), bei dem der brasilianische Kreuzweg Hansen-Bahias im Vergleich zu einem nordostbrasilianischen Kreuzweg des Volkskünstlers Abraão Batista aus Ceará zu sehen war. In „Literatur und Bildende Kunst im interkulturellen und intermedialen Kontext Brasiliens – Die Brasilianisierung des deutschen Künstlers Karl Hansen in Bahia“ geht es um einen brasilianisch-deutsch-europäischen Dialog im Feld der Bildenden Kunst, um deutsche Brasilienbilder und literarische Prägungen eines Europäers, der diese Bilder schuf – und der zum Brasilianer und Bahianer werden wollte und sollte. Die Holzschnitte von Karl Hansen, der sich Hansen-Bahia nannte, werden in Beziehung gesetzt zu Texten der lusobrasilianischen Literaturtradition aus Bahia, hier vor allem zu Antônio Vieira und Gregório de Matos, zu Antônio de Castro Alves und natürlich zu Jorge Amado. Bemerkenswert ist in der interkulturellen Entwicklung Hansen-Bahias die Bedeutung des Themas Via Crucis, das er sowohl vor dem Hintergrund der Greuel der europäischen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs als auch in Bezug auf die brasilianische Geschichte von Sklaverei und Diktatur innerhalb eines vor allem literarisch konstituierten kulturellen Feldes in Bahia entwickelt, wobei er gleichwohl eine eigenständige Bildsprache sich bewahrt. Interessanterweise ähneln sich die interkulturellen Entwicklungsstadien Hansen-Bahias, des Photographen und Ethnologen Pierre Vergers und Hubert Fichtes, dessen Brasilienbild Dewulf sehr kritisch analysiert, in einem wichtigen Punkt: Alle gelangen über eine afrikanische Brücke nach Afrobrasilien, nach Salvador da Bahia.

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